Die Kraft Gottes

Liebe Gemeinde,</p>

iel haben wir diese Adventszeit bereits gehört von der Vorgeschichte, die Jesu Kommen in die Welt anzeigt. Zu dieser Vorgeschichte gehören beides: die Freude auf das Kommen des Heilands genauso wie das Bedenken der letzten Tage: des Gerichts, das uns alle erwartet. Johannes den Täufer mit seiner asketischen Art zu leben und zu predigen haben wir bedacht: "Tut Buße" ruft er uns zu, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Ich weiß, wie schwer es ist, in diesen adventlichen Tage an Buße und Umkehr zu denken, plagt so manch einen doch der Stress der Weihnachteinkäufe und den Stress, den dieses sogenannte "Fest der Liebe" viele Menschen auf die eine andere Art und Weise einholt. Alleinlebenden etwa wird auf einem großen Internet-provider eine Partnerschaftsbörse angepriesen, damit auch sie etwas von dem "Fest der Liebe" abbekommen. Verkäufer aller Art preisen Dinge an, die uns ein gemütliches und warmes Familiennest versprechen, wenn wir sie nur erwerben. Die grünen Zweige und die bereits schon in den Straßen aufgestellten Weihnachtsbäume sollen Gemütlichkeit und weihnachtliche Atmosphäre ausstrahlen und die Menschen haben vergessen, dass der grüne Baum einst ein Abbild des Paradiesbaumes war und die roten Äpfel daran ein Zeichen, dass die Sünde durch diesen Baum und das Essen der verbotenen Frucht in unser Leben kam. Ein mahnendes Zeichen – der Ruf zur Umkehr, wird zur Folklore, zur Schaufensterdekoration und zum Zeichen dafür, dass man sich gut eingerichtet hat in dieser Welt.</p>

Die Christen aber sollen genau dies nicht tun: sich einrichten in dieser Welt und so tun, als gäbe es nichts darüber hinaus. Ein wanderndes Gottesvolk sind wir und unsere Freude besteht darin, dass der Herr nahe ist – so wie es unser Wochenspruch verkündigt.</p>

Keine Sorge, ich will nicht predigen, dass wir alles ablehnen müssen, was um uns herum geschieht und woran wir auch unseren guten Anteil haben. Sich freuen zu können, bewusst leben zu dürfen – die uns von Gott geschenkten Augenblicke genießen zu wollen: das alles zeichnet einen Christen aus, der in dieser Welt lebt. Ja, einen Christen, der in dieser Welt lebt, aber von mehr weiß, ja: der von einer größeren Gewissheit getragen wird. Und diese größere Gewissheit, liebe Gemeinde, besteht nicht darin, dass alles gut werden wird, nicht darin, dass wir nur schön stille halten und alles an uns vorbei ziehen lassen. Diese Gewissheit besteht darin, dass unser Herr Christus Jesus wiederkommen wird, die Welt zu richten und in diesem Richten sein neues Reich vollenden wird: das Reich Gottes unter uns Menschen. Und das, liebe Gemeinde, ist kein geringer Anspruch und keine kleinherzige Veränderung. Das ist allein: ein völliges Umwälzen, ein vom Kopf-auf-die-Füße stellen, es bleibt schließlich eine Neuschöpfung dieser Welt. Dieses Ziel ist es, was uns umtreiben sollte – dieses Ziel ist es, was Johannes der Täufer mit seiner Bußpredigt verkündigen wollte – dieses Ziel ist es, auf das wir hinleben.</p>

Unsere Adventszeit bereitet uns darauf vor: auf das Kommen unseres Gottes in unsere Welt, auf den Anfang dieser neuen Geschichte, auf den Beginn des Heils.</p>

Deswegen, liebe Gemeinde, macht unser Glaube uns unruhig, weil er uns die trügerischen Zeichen der Ruhe in dieser Welt zerreißt und uns den Blick freigibt auf das wahre Leben, auf den wahren Heiland. Der Glaube macht uns unruhig, weil er uns erkennen lässt, dass die Strukturen dieser Welt keinen Halt für uns bieten, der verlässlich wäre – keinen Weg schaffen, der gangbar wäre und keine Hoffnung bieten, die erstrebenswert wäre, wenn wir sie vergleichen mit dem wahren Licht, das uns in Christus geboren wurde. Unser Predigtwort von heute zeigt dies überdeutlich: Gott zersprengt mit seiner Kraft – nichts anderes heißt Gabriel übersetzt: die "Kraft Gottes" – er zersprengt mit seiner Kraft die festen Vorstellungen, an die sich die Menschen seit jeher zu halten versuchen. Es steht die Geburt eines Kindes an, dessen Vater nicht der Mann ist, mit dem Maria verheiratet ist. Verlobt sind die beiden, mehr nicht. Wahrscheinlich waren sie nach damaliger Sitte noch gar nicht zusammen gezogen, sondern jeder lebte in seinem Elternhaus. Und bald wird es sichtbar werden: Maria ist schwanger. Was wäre zu tun, wenn man vermeiden will, das geschieht, was nicht geschehen darf? Maria könnte gesteinigt werden wegen Ehebruch, den sie wohl nach Meinung vieler begangen haben dürfte. Josef könnte ihr den Scheidebrief, den Mose vorgeschrieben hat, überreichen und sie aus der Stadt jagen. Das sind die menschlichen Vorstellungen von Ordnung und Sicherheit, die diese Welt zu brauchen scheint. Gott aber fährt mit seiner Kraft in diese Strukturen ein und zerschmettert sie ohne Rücksicht auf unser Denken und Wollen. Gabriel ist nicht der Engel, der mir auf Werbung eines bekannten Elektrogeschäfts dick und niedlich entgegenlächelt und dem Menschen, der wie im Gebet seine Hände zu ihm aufreckt den lang ersehnten DVD-Player in die Hand drückt. Nein, die Kraft Gottes wirft die Muster, die wir so sehr zum Leben nötig zu scheinen haben, über den Haufen und spricht zu Maria: "Fürchte dich nicht – du hast Gnade bei Gott gefunden." Dass diese Gnade Gottes Maria selbst erst einmal in große Gefahr bringt, tut nichts zur Sache. Das ist bis heute so geblieben – wem Gott begegnet, wer das Heilige seines Glaubens erfassen kann, der wird zuerst erschrecken, denn kein Stein bleibt auf dem anderen. Gott erreicht mit Maria aber noch mehr. Nicht nur, dass er diese Jungfrau ein Kind austragen lässt und damit gegen alles Moralempfinden damaliger Zeit verstößt.</p>

Er tut noch mehr: er verlässt die von der Gesellschaft vorgegebene Rangordnung: kein Mann wird je von sich behaupten können, er sei der Vater dieses Kindes. Kein Mann, in deren Händen doch die alleinige religiöse Autorität lag, wird je sagen können: siehe, das ist mein Sohn. Allein einer Frau steht dieses Recht zu, ihre Blutsverwandtschaft geltend zu machen. Dabei ist es unerheblich, liebe Gemeinde, hier die Frage nach der echten, biologischen Jungfräulichkeit Marias zu erörtern. Erinnern wir uns an die Predigt von Johannes dem Täufer, denn schon er greift das gleiche Motiv auf: "Verlasst euch nicht" – ruft er den Israeliten zu – "verlasst euch nicht auf euren Vater Abraham und sprecht: wir sind doch Abrahams Kinder!" Verlasst euch nicht, liebe Gemeinde, auf die Strukturen, in denen ihr glaubt, gut und sicher zu leben. "Denn" – so führt der Täufer aus – "Gott könnte aus diesen Steinen dem Abraham Kinder erwecken!" Das ist das Skandalöse: Gott verlässt diese ausgetretenen Pfade und sein Kind – Gottes Sohn – kommt ohne männlichen, religiös notwendigen, menschlichen Vater aus. Dies ist ein Zeichen, liebe Gemeinde, wie wir es oft in der Heiligen Schrift finden: Gottes Wege sind wunderbar, denn sie laufen anders als die uns bekannten: zählt bei uns das Große und Starke dieser Welt, so wählt Gott doch immer das Kleine und Schwache. Zählt bei uns das weltliche Ansehen der Person, so zählt bei Gott doch nur alleine, wie er diesen Menschen sieht. Auch die Krippe ist nur ein weitere Zeuge für dieses Wunder: Gottes Sohn wird in erbärmlichen Verhältnissen geboren, nicht im Königspalast, nicht auf reichen Kissen und mit hochärztlicher Hilfe. Im kalten Stall mit Stroh als der weichesten Unterlage, die zu finden war. Und eines noch setzten wir im Glauben oben auf, ohne oft mehr die Bedeutung zu kennen: Ochs und Esel stehen dort an der Krippe. Nicht, weil das irgendein Evangelist so beschreiben würde: in den Weihnachtsgeschichten finden wir es nicht. Sondern nur allein aus dem Grund, weil eine Prophetenstelle im Alten Testament es schon wusste: selbst der dumpfe Ochse und selbst der als nicht-schlau geltende Esel: beide erkennen in Jesus ihren Herr, den von Gott gesandten Christus, was nichts anderes heißt, als den Messias, auf den die Welt gewartet hat. Aber wir Menschen haben nun mal von dem Baum im Paradies gegessen, an den uns die Bäume an Weihnachten gemahnen und unsere Sünde besteht in der Trennung von Gott, die uns vorgaukelt, wir hätten in dieser Welt einen bequemen Ort und Sicherheiten auf die Anwartschaft des Heiles. "Tut Buße und kehrt um" klingt uns der Täuferruf im Ohr und Elisabeth, die die schwangere Maria schließlich in unserem Predigtwort besucht, spricht es im Positiven aus: "Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich!"</p>

Wer das erfassen kann, liebe Gemeinde, wer das für sich zulassen kann und sprechen kann wie Maria, die uns darin ein Vorbild im Glauben sein möchte: "Siehe, ich bin des Herrn Magd oder Diener: mir geschehe, wie du gesagt hast." Wer sich so beugen kann und zulassen kann, dass die Kraft Gottes auch ihm zugesagt wird, der wird dieser Welt mit anderen Augen gegenüberstehen. Der wird im Schwachen und im Kranken, im Leiden und im Tode, im Armen und im Kleinen Gott begegnen und dort erspüren, wie sich das Reich, das uns allen zugesagt ist, langsam seinen Weg bahnt. Und er wird sich selber prüfen in seinem Reichtum, seinem Glück, seinem Ansehen und bekennen, dass er schuldig geworden ist vor unserem Gott. Und in diesem Bekennen wird er erfahren, was es heißt "Gnade bei Gott gefunden" zu haben, gleich wie es die Maria erfahren hat. So wird sich Freude ausbreiten in ihm, eine Freude, die nicht von dieser Welt ist, weil sie sich nicht messen lässt an all dem, was uns so wichtig erscheint. Und diese Freude wird ihm eine Freiheit schenken, die er bisher nicht gekannt hat – eine Freiheit, die ihn erhebt über die Täler dieser Welt, wenngleich er sich darin wandernd wiederfinden mag. Eine Freiheit, die ihm erlaubt, sich dem Nächsten zuzuwenden und auch in diesem ein Kind Gottes zu erkennen. Nichts anderes singt Maria in ihrem Lobpreis, der unserem Predigtwort von heute direkt angeschlossen ist: "Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen."</p>

Alle Menschen, liebe Gemeinde, die in Niedrigkeit leben, sei es materiell oder geistig, körperlich oder seelisch: die sollen hören die frohe Botschaft von der Geburt des Sohnes Gottes. Und wir, die wir diese Botschaft kennen, nutzen die Zeit des Advents, um uns darauf vorzubereiten, jenen Menschen die Botschaft zu bringen in Wort und Tat. Und: um uns selbst immer wieder neu ausrichten zu lassen auf diese Kraft Gottes, die uns aufrüttelt, uns herausreißt und uns stets hinweisen will: "bei Gott ist kein Ding unmöglich!".</p>

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