Ein Gruß mit Folgen

„Welch ein Gruß ist das?“ – so, liebe Gemeinde, dachte Maria bei sich. „Welch ein Gruß ist das?“ – Einige von uns hätten es gewusst – jetzt, gute 2.000 Jahre später. „Man nennt ihn den englischen Gruß!“ könnten wir ihr sagen. Denn das wissen wir jetzt – dank Günther Jauchs Engagement für werdende Millionäre.

Ob diese Antwort das Mädchen Maria zufrieden gestellt hätte – das ist eine andere Frage. Denn vermutlich beschäftigte sie sich doch mehr mit der inhaltlichen Bedeutung dessen, was der Engel zu ihr sagt: „Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir!“ Maria weiß noch nicht – kann noch nicht wissen, was auf sie zukommen wird. Zum Zeitpunkt dieser Begrüßung hat sie noch keine Ahnung, wie dieses Treffen mit dem göttlichen Boten ihr Leben verändern wird.

„Mariaä Heimsuchung“ heißt dieses Ereignis im Festkalender unserer katholischen Mitchristen. Wenn ich das Wort „Heimsuchung“ höre, dann denke ich nicht an etwas Positives. Ich kenne die Ausdrücke „von einem Sturm heimgesucht“ oder „heimgesucht von einer Krankheit“. Und hier nun „Mariaä Heimsuchung“. Bis zu diesem Gruß war das Leben dieses Mädchens noch in Ordnung, denke ich mir. Die Heiratspläne mit Josef, die standen fest. Gut, er war schon älter als sie. Er hatte auch schon eigene Kinder – war also ein Mann mit Erfahrung. Aber – ich bitte Sie – das müssen doch keine Hinderungsgründe sein! Wie gesagt, Marias Leben war noch in Ordnung. Und es verlief in geordneten Bahnen. Und jetzt ein Kind! Eine Schwangerschaft „aus heiterem Himmel“! Und dann noch nicht einmal ein „normales“ Kind – sondern der Sohn Gottes!

Maria jubelt nicht. Noch nicht. Und nicht in unserem Predigttext. Das wird später kommen. Und nicht nur Jubel – sondern auch Kränkungen.

Denken wir an diese Episode, wo Maria draußen vor einem Haus steht. Und von drinnen hört sie, wie ihr göttlicher Sohn die anderen fragt: „Wer ist denn meine Mutter?“ Das dürfte ich mir bei meiner Mutter nicht erlauben! Nicht nur Jubel – sondern auch Kränkungen. Und Schmerzen. Die Schmerzen einer Mutter, die mit ansehen muss, wie ihr Sohn den schmachvollen Tod eines Verbrechers stirbt.

Ja, da kommt noch einiges auf Maria zu. Da kommen noch Ereignisse, von denen sie nichts weiß, als der Engel sie besucht und ihr den englischen Gruß entbietet. Wir wissen, was geschehen wird. In den Evangelien ist es uns überliefert.

Was aber weiß Maria, was wir nicht wissen? Da ist z.B. ihre Geburts- und Kindheitsgeschichte. In der Bibel wird darüber nicht berichtet. Und dennoch – ich werde Ihnen und euch gleich darüber etwas erzählen können. Mein Wissen stammt aus dem sogenannten „Protevangelium des Jakobus“. Verfasser soll – so wird es dargestellt – der Herrenbruder Jakobus gewesen sein. Also der Stiefsohn von Maria aus der ersten Ehe von Josef. Dieses „Protevangelium“ ist seiner Gattung nach am ehesten als „Legendenkranz“ zu bezeichnen. Damit ist sein Stellenwert gänzlich anders als derjenige der vier Evangelien Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Aber berichtenswert ist es in jedem Fall.

Urteilen Sie selber, macht euch ein eigenes Bild:

Die Eltern von Maria sind Anna und Joachim. Beide waren gottesfürchtige Menschen, denen allerdings eine Sache großen Kummer bereitete: Sie hatten keine Kinder. Sie fasten, sie beklagen sich bei Gott, sie bitten ihn um die Erfüllung ihres sehnlichsten Wunsches. Und dann bekommt Anna eines Tages Besuch: „Und siehe, ein Engel des Herrn trat zu ihr und sprach: ‚Anna, Anna, der Herr hat deine Bitte erhört. Du wirst empfangen und gebären, und deine Nachkommenschaft wird in der ganzen Welt genannt werden.‘ Da sprach Anna: ‚So wahr der Herr, mein Gott, lebt, wenn ich gebären werde, sei es ein Knabe oder ein Mädchen, so will ich es dem Herrn, meinem Gott, als Opfergabe darbringen, und es soll ihm Dienste verrichten alle Tage seines Lebens.’“ (ProtEv Jak 4,1) „Es erfüllten sich aber ihre Monate, wie der Engel gesagt hatte: im neunten Monat gebar Anna. … Und sie sprach: ‚Erhoben ist meine Seele an diesem Tag.‘ … Und sie verlieh ihm den Namen Maria.“ (ProtEv Jak 5,2)

Maria wächst und gedeiht. Und an ihrem ersten Geburtstag wird ein großes Fest veranstaltet. Aber kein Kindergeburtstag, sondern ein großes Festmahl. Und dazu lud Joachim „… die Hohenpriester, die Priester und Schriftgelehrten die Ältesten und das ganze Volk Israel ein. Und Joachim brachte das Kind vor die Priester, und sie segneten es mit den Worten: ‚Gott unserer Väter, segne dieses Kind und verleihe ihm einen unter allen Geschlechtern ewig gerühmten Namen!‘ Und das ganze Volk sprach: ‚So sei es, Amen!‘ Und sie brachten es vor die Hohenpriester, und sie segneten es mit den Worten: ‚Gott der Himmelshöhen, blicke auf dieses Kind herab und segne es mit dem höchsten, unüberbietbaren Segen!’“ (ProtEv Jak 6,2)

Schließlich kam für Anna und Joachim der Zeitpunkt, ihre Tochter für immer in die Obhut der Priester zu übergeben – so, wie Anna es bei dem Besuch des Engels gelobt hatte. Sie brachte die dreijährige Maria zum Tempel. „Und der Priester empfing es, küsste es und segnete es mit den Worten: ‚Der Herr hat deinen Namen groß gemacht unter allen Geschlechtern; an dir wird der Herr am Ende der Tage seine Erlösung für die Söhne Israels offenbaren!‘ Und er setzte es auf die dritte Stufe des Altars, und Gott, der Herr, legte Anmut auf das Kind, und es tanzte vor Freude mit seinen Füßchen, und das ganze Haus Israels gewann es lieb.“ (ProtEv Jak 7,2f)

Die Zeit, so nehme ich es an, verging für Maria wie im Fluge. Sie wurde – so berichtet es Jakobus – „im Tempel wie eine Taube gehegt und empfing Nahrung aus der Hand eines Engels.“ (ProtEv Jak 8,1)

Als sie zwölf Jahre alt geworden ist – und damit das heiratsfähige Alter der damaligen Zeit erreicht hat, da greift erneut ein göttlicher Bote in ihr Leben ein: Er offenbart dem Hohepriester Zacharias, dass er die Witwer des Volkes Israel zusammenrufen soll. Ein jeder von ihnen solle einen Stab tragen – und der, dem Gott ein Wunderzeichen geben würde, der solle Maria zur Frau bekommen. (ProtEv Jak 8,3)

Unter diesen Witwern – Sie werden es geahnt haben – ist auch Josef, der Zimmermann aus Nazareth. Während mit den Stäben der anderen Männer nichts passiert, ist es bei Josef folgendermaßen: Aus seinem Stab steigt eine Taube auf und lässt sich auf seinem Kopf nieder. Also soll Josef Maria bekommen. Er weigert sich zunächst, weil er so viel älter ist – willigt schließlich aber doch ein. Josef nimmt Maria in sein Haus – um sie aber kurz darauf schon wieder zu verlassen, da er noch Arbeitsaufträge außerhalb hat. (ProtEv Jak 9,1 ff)

Und dann setzt die folgende Begebenheit ein, die wir heute schon einmal – in der Fassung des Evangelisten Lukas gehört haben: „Und siehe, ein Engel des Herrn stand plötzlich vor ihr und sprach: ‚Fürchte dich nicht, Maria, denn du hast Gnade gefunden vor dem Allmächtigen und wirst aus seinem Wort empfangen.‘ Als sie das hörte, zweifelte sie bei sich selbst und sprach: ‚Ich sollte empfangen vom Herrn, dem lebendigen Gott, und gebären, wie jedes Weib gebiert?‘ Und der Engel des Herrn trat hinzu und sprach zu ihr: ‚Nicht so, Maria; denn Kraft des Herrn wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das aus dir geboren wird, Sohn des Höchsten ge-nannt werden. Und du sollst seinen Namen Jesus heißen; denn er wird sein Volk von seinen Sünden retten!‘ Und Maria sprach: ‚Siehe, ich bin die Magd des Herrn vor ihm: mir geschehe nach deinem Wort!’“ (ProtEv Jak 11,2f)

Liebe Gemeinde! Mit dem englisch-lukanischen Gruß des Engels an Maria haben wir begonnen. Haben dann nach vorn geblickt auf das, was diesem Mädchen noch alles bevorsteht. Und wir haben – dank des Protevangeliums von Jakobus – zurücksehen können auf das, was diesem Gruß vorangegangen ist. Maria hat ihren Platz in einem gewaltigen, göttlichen Plan. Sie ist auserwählt. Nicht willkürlich, sondern mit langer Hand vorbereitet. Und – und das ist mir besonders wichtig – sie hat sich darauf eingelassen. Sie wird überrascht, ihre Pläne werden über den Haufen geworfen. Und sie kann sich sicher sein, dass ihr Ärger ins Haus steht, wenn ich an ihren Verlobten, den Josef, denke. Aber Maria willigt ein. „Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast.“ (Lk 1,38) Und das, liebe Gemeinde, ist auch noch nach 2.000 Jahren eine großartige Sache. Für Millionen.

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