Alles muss klein beginnen

Liebe Gemeinde,

gestern abend haben wir alle Geschenke bekommen. Das ist eine tolle Sache, nicht nur für die Kinder. Auch Jugendliche und Erwachsene sind Jahr für Jahr gespannt darauf, was ihnen ihre Lieben auf den Gabentisch legen werden. Manchmal sind es so große Dinge, dass sie gar nicht eingepackt werden können. Manchmal sind sie so klein, dass man sie unter dem Tannenbaum erst suchen muss, bis man sie sieht. Meine Geschwister und ich waren als Kind der Überzeugung, dass harte Päckchen fast immer besser sind als weiche: weiche enthalten nämlich oftmals Dinge, die man ohnehin braucht; zum Beispiel Kleidungsstücke. („SOS“, sagte mein Vater immer, wenn er folgendes bekam: Schlips, Oberhemd, Socken. Und „SOS-Geschenke“ waren nicht beliebt.) Harte Pakete dagegen sind echte Geschenke: Bücher und Spiele zum Beispiel. Sehr kleine Päckchen sind übrigens das Spannendste. Ist das besonders wertvoll, was sich darin verbirgt – ist es etwa ein Juwel? Wenn es das nicht ist, dann ist es allerdings wirklich klein, das Geschenk. Ich habe einmal in einem ganz kleinen Paket einen neuen Wohnungsschlüssel bekommen. Weil ich meinen schon wieder verloren hatte. Nun ja, von dieser Gabe war ich an Weihnachten nicht gerade begeistert. Klein mag es sein, das Geschenk, aber zu klein sollte es nicht sein.

So ist die Stadt Bethlehem denn auch, wie im Evangelium nach Matthäus betont wird, (2,6) "keineswegs" die kleinste unter den Städten in Juda, mitnichten. Wie wäre es sonst möglich, dass der Fürst, der das Volk Israel weiden soll, dorther käme? – Ausgerechnet Bethlehem, könnten wir sagen. Und das zu Recht. Denn es ist klein, dies Bethlehem.

"Du, Bethlehem Ephrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist. (…) Und er wird der Friede sein." So heißt es im Prophetenbuch Micha.

Bethlehem ist klein. Es ist eben nicht Jerusalem. Nichts Großartiges, beileibe nicht. Keine Metropole, sondern höchstens ein großes Dorf. Bis heute ist das so geblieben.

Und doch hat der Prophet Micha sich ganz gewiss nicht darüber gewundert, als er das ankündigte: dass ausgerechnet aus diesem staubigen und für manche vielleicht sogar schäbig erscheinenden Bethlehem der lang ersehnte Friedensbringer kommen wird (Jes. 9,5). Der König David war ja auch aus Bethlehem gekommen. Er war der kleinste aus der Reihe seiner Brüder gewesen, und es hatte wirklich niemand damit gerechnet, dass gerade er zum König gesalbt werden sollte. Man musste ihn auch eigens herholen lassen, von den Schafherden, die er hütete, draußen auf dem Feld von Bethlehem. Er war – das ist nichts Dolles – ein Hirte gewesen. Er hatte dunkle Haut. Und er schien manchem viel zu klein zu sein für diese große Würde: König von Israel zu sein. Seinem Volk Frieden zu bringen.

Die göttliche Weisheit hat aber genau das im Programm. Der Friede fängt klein an. Winzig klein. Ein Funke nur, der aufblitzt. Ein kleiner Lichtblick. Es beginnt alles, was Gott in seiner Weisheit tut, sehr klein.

Mit einem Fünkchen Licht beginnt der Schöpfer die Schöpfung, in großer Weisheit.

Ich habe einmal als Kind auf einem Bauernhof in Österreich beobachtet, wie die Großmutter der Familie morgens aus einem roten Pünktchen, das sie in der Ofenasche fand, das Herdfeuer wieder entfachte. Behutsam schürte sie die Glut im Küchenofen, dann legte sie trockenes Heu und kleine Stückchen Rinde dazu, schließlich Späne und zuletzt Äste. Es dauerte nicht lange, da loderte es hell und warm. Jetzt konnte sie Wasser aufsetzen.

Damals habe ich mir vorgestellt, dass Gott bei seiner Schöpfung ähnlich vorgegangen ist. Dass er ganz vorsichtig ein kleines bisschen Licht und Leben angehaucht und mit Nahrung versorgt, es sorgsam gehegt hat, bis es wachsen und Raum greifen konnte. Wie ein Funke, der angefacht und zum Leuchten gebracht wird, wie eine ganz kleine Flamme, die vorsichtig züngelt und dann an Kraft gewinnt, so fängt alles an, was Gott beginnt. Der Atem des Lebens, den die Schöpferkraft darein bläst, lässt Kleines größer werden, lässt Lebendiges aufkeimen und wachsen.

Die Weisheit Gottes, sie ist es, die das, was groß werden soll, klein beginnen lässt. Sie hat ihre große Freude am zarten Beginn, am Aufkeimen und Wachsen. Sie ist verliebt in kleine Anfänge. Große Auftritte gefallen ihr nicht. Sie liebt es dagegen sehr, etwas werden und sich entwickeln zu sehen. Sie tanzt und spielt in diesem wunderbaren Geschehen, das Kleines gedeihen lässt, und nimmt an der Schöpfung mit ihrem Tanz immerfort teil. Denn die Weisheit war von Anbeginn dabei, als Gott die Welt schuf (Spr. Sal. 8,22-36). "Da war ich als sein Liebling bei ihm", so sagt sie von sich selbst im Buch der Sprüche Salomos; "Ich war seine Lust täglich und spielte vor ihm allezeit; ich spielte auf seinem Erdkreis und hatte meine Lust an den Menschenkindern."

Die Weisheit verkörpert so das lebendige Prinzip, sie kennt den Anfang des Lebens, weil sie vom ersten Tag an Gott begleitet und beraten hat als seine "Werkmeister"in, wie Martin Luther übersetzt hat. Sie weiß, dass das, was nicht klein anfangen will, auch nicht groß werden kann. "Alles muss klein beginnen", so singen die Kinder im Kindergottesdienst (Text von Gerhard Schöne: Alles muss klein beginnen, lass etwas Zeit verrinnen. Es muss nur Kraft gewinnen und endlich ist es groß.).

Das klingt einfach, aber es ist ein großes Geheimnis, und es ist das Geheimnis von Weihnachten. Es fängt das wirklich Große immer unscheinbar an, im Verborgenen. Der König Israels wird nicht in Jerusalem geboren, wie doch jeder halbwegs Kundige gedacht hätte. Nein, er kommt in Bethlehem zur Welt. Nicht in einem Palast, sondern in einer Unterkunft für Tiere tut er seinen ersten Atemzug. Von ganz kleinen Leuten: von einem Mädchen, das nicht verheiratet ist, und seinem Freund, dem Zimmermann, wird der König als Kind willkommen geheißen. Ja, ein Kind ist dieser große Friedefürst. Ich bin erleichtert, Jahr für Jahr, wenn ich im Evangelium höre, dass Maria Windeln für ihn hatte. Immerhin ein Lichtblick.

"Du, Bethlehem Ephrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei". Ephrata – so hieß Bethlehem früher. Lange vor der Zeit des Procheten Micha wurde in diesem Ephrata Israels Stamm-Mutter Rachel begraben, nachdem sie dort ihr jüngstes Kind geboren hatte. Und das ist Ephrata eben: Es steht für die junge Saat, die aufkeimt aus der reifen Frucht. Der Säugling Benjamin, dem Rachel hier das Leben schenkte, steht als ein Pfand für eben diese Hoffnung. Ein kleines Kind. Ein neuer Anfang. So wird es hier, in Bethlehem Ephrata, wieder beginnen. Von vorn. Ganz klein. Unendlich kostbar. Heilig.

Ja. Deshalb beginnt es auch bei uns in diesen Weihnachtstagen wieder ganz von vorn. Wir werden klein in dieser heiligen Zeit. Wie Kinder fangen wir an, winzig kleine Überraschungen vorzubereiten und uns unerhört neue Geschenke für unsere Freunde zu überlegen. Wir haben Geheimnisse und suchen Verstecke für sie. Wir hören Musik, die wir sonst nicht anhören würden, und wenn keiner dabei ist, singen wir heimlich mit. Kleine Lichter zünden wir an und schmücken unser Haus mit kleinen bunten Dingen. Dann warten gespannt auf das, was passieren wird. Denn es soll ja etwas geschehen. Wenn wir uns nicht scheuen, wieder klein zu sein, auch offen zu sein und vielleicht sogar verletzlich, dann wird es geschehen, ganz gewiss. Wir beugen uns hinab und sehen dahin, wo wir sonst nicht hinschauen. In einen Stall gucken wir, zu den Tieren, und in einen Futtertrog, in dem – ein Menschenkind liegt.

Wir recken uns auch hinauf und schauen in den Sternenhimmel, wo unzählige winzig kleine Lichtpünktchen leuchten, die uns davon erzählen, wie alles einmal angefangen hat. Und wie es noch heute beginnt. Bei den Kindheitsgefühlen, die tief im Herzen schlummern, bis wir uns in dieser Zeit trauen, sie zu wecken und das zu empfinden: wie spannend es ist, auf etwas Wunderbares zu warten. Wie geheimnisvoll sich dieses Wunder vollzieht, wir spüren es aufkeimen und können doch niemals ganz verstehen, wo es beginnt und wie das geschieht. Das liegt wohl daran, dass es ganz klein anfängt, ganz im Verborgenen. Auch in uns geht es behutsam an, und wir bekommen dabei eine Sehnsucht danach, es wachsen zu lassen in uns, dies Weihnachtswunder. Freunde zu besuchen, bei denen wir lange nicht mehr gewesen sind, oder Gerichte zu backen und zu kochen, die es lange nicht mehr gegeben hat bei uns. Briefe und Grußkarten zu schreiben an Bekannte, die schon seit Monaten nichts mehr von uns gehört haben, oder einen alten Streit beizulegen und jemandem zu verzeihen, gegen den wir lange Zeit einen Groll gehegt haben. Wir bekommen Lust, endlich wieder am Esstisch zu sitzen, zu basteln und zu spielen, oder wir schicken Geld in Gegenden der Welt, wo sie es bitter nötig haben, die Menschen. Es fällt uns auf, dass sie dort ganz arm sind, wie das Kind in der Krippe, das in Bethlehem geboren wurde, und das jetzt in unseren Herzen von Neuem beginnt, Raum zu greifen.

Denn so ein Menschenherz, das ist dem großen Gott durchaus nicht zu klein. Obwohl es ja nicht groß ist. Wer wissen will, welche Maße sein eigenes Herz hat, kann die Hand zur Faust ballen und sie betrachten. So groß ist es, ziemlich genau. Man sollte gar nicht meinen, dass das Jesuskind da Platz findet. Aber nun ist es ja – Gott sei Dank! – klein, das Kind. Und die Faust kann sich auch öffnen und sich wölben wie eine Schale oder wie eine Wiege, in die etwas hineinpasst. Das Herz kann das ebenso tun. Es kann sich aufmachen und das Kind von Bethlehem aufnehmen. Denn das Herz ist mitnichten das Kleinste, was wir haben. Es kann großmütig sein und sich bewegen, auf Gott kann es sich zu bewegen, und auch auf unsere Mitmenschen hin. Es kann das nicht gleich sofort und vielleicht nicht ganz richtig, aber es übt sich darin, wenn wir das wollen. Wenn wir wollen, fängt es damit an. Ganz klein, und doch nicht kleinlich, sondern freudig und voller Zuversicht.

drucken