Wie soll ich dich empfangen?

‚Wir warten auf das Christkind’ – heißt ein liebgewonnenes – und manchmal auch etwas stressiges Motto in Familien um diese Jahreszeit. Aber manchmal habe ich den Eindruck, als sei das sehr exklusiv auf kleine Kinder beschränkt. Sie warten auf so Vieles: Weihnachtsbaum, Geschenke, Gemütlichkeit, Feiern, Zuwendung.

Schon mit Jugendlichen drehen sich die Erwartungshaltungen. Immer weiter dreht sich die Erwartung auf Spaß, Gewinn und Ruhe. Das hält sich dann durch alle Generationen – nicht immer …

Solche trübseligen Beobachtungen treten in Konkurrenz mit einem ungeheuren Engagement allerorten. Adventsmärkte veranstaltet werden. Häuser und Straßen geschmückt, liebevolle Feiern in Vereinen und Gruppen abgehalten werden. Und erzähle mir da bitte keiner von Brauchtum etc. Zu viele Brauchtums-Dinosaurier sind untergegangen, als dass die Begründung ‚das gehört halt dazu’ ziehen könnte. Ich glaube schon, dass die Menschen Erwartungen mit ihrem Tun verbinden.

Manchmal meine ich gerade mit Händen greifen zu könne, dass die Menschen Weihnachten herbeifeiern wollen, als Fest, das Sinn stiftet. Und vielleicht fallen viele Familien deswegen auch am zweiten Weihnachtstag in ein tiefes Loch, weil sich dieser Sinn nicht einstellt bei ihnen. Aber auf was wartet der Advent. Was soll sich da einstellen. Was fehlt mir, dass Weihnachten werden kann?

Diese Fragen kamen mir, als ich mich mit dem zugegebenermaßen gleich bekannten wie sperrigen Predigttext für heute auseinander setzte.

[TEXT]

Ein Meisterstück poetischer Erzählung von dem Handeln Gottes unter den Menschen, so gegen jede Naturerfahrung wie Brotvermehrung oder Seewandel. Wenn ich mit Jugendlichen über diese Geschichte rede, kommen natürlich sofort die Einwände gegen die Vorstellung, eine Jungfrau soll ein Kind bekommen haben.

Recht haben sie – die Jugendlichen. Das ist nicht denkbar! Aber ist Auferstehung denkbar. Ich muss ehrlich sagen. Die Frage nach der Jungfrau Maria ist mir persönlich relativ unwichtig. Es verändert nichts an der Poesie der Geschichte. Die Weissagungen sprachen von einer jungen Frau, die Übersetzungen machten daraus die Jungfrau, die ein Kind gebären soll. Für die Griechen und ihre Mythologie war klar, ein Kind Gottes kann nur Kind einer Jungfrau sein. Für Menschen damals war das wichtig, speziell für die griechisch sprechenden. Für mich ist die ganze Diskussion ohne Belang. Ihr Ergebnis verändert nichts bei mir.

Es geht hier um zwei Kinder, die geboren soll, deren Geburt jeweils als ein Wunder dargestellt wird: Johannes Sohn von Elisabeth, deren gebärfähige Zeit eigentlich längst zu Ende war, und Jesus. Der eine Johannes geht voran. Er wird ein deutlicher Mann mit einer drastischen Botschaft. Er ruft Menschen zur Buße, zur Ordnung und wird deswegen geköpft. Gott sendet einen Bußprediger als Vorläufer. Buße öffnet Menschen für Gott.

Nun wird die Geburt Jesu angekündigt. Ein Engel selber überrascht Maria mit dieser Botschaft: Gottes Sohn kommt in die Welt, das Heil kommt in die Welt. Gott besucht sein Volk.

Es geht um Empfängnis – aber nicht zentral um unbefleckte Empfängnis – eher um die zentrale Frage, die das Lied ‚Wie soll ich dich empfangen?’ mir stellt. Da geschieht etwas: Der Bote Gottes tritt zu einem Menschen und lädt ihn ein, sich auf eine Geschichte einzulassen. Er bietet eine beschwerlichen Weg an – und die junge Frau antwortet: Ich bin deine Magd. Ich stelle mich Gott zur Verfügung, ich lasse Weihnachten werden, ich lasse es wachsen in mir.

Der Geschichte geht es um das große Wunder, das geschieht, wenn Gott sich den Menschen derart existentiell zuwendet.

Für mich ist das eine Hoffnungsgeschichte: Gottes Geschichte mit den Menschen setzt im Unbedeutenden ein. Kein Paukenschlag, keine Revolution im herkömmlichen Sinne, eine Geburt wird angekündigt – vielleicht eine Jungfrauengeburt, aber keine makellose – in armen Verhältnissen, unverheiratet wird Maria schwanger, Objekt der Gespräche, des Klatsches, der verächtlichen Blicke.

Maria ist hier mehr als ein Gefäß (möglichst rein). Sie ist Mensch – Partner des Engels, Gesprächspartner Gottes. Sie wird gefragt und kann ja sagen. Damit beginnt eine schmerzhafte Geschichte, die noch lange nicht zu Ende ist, als sie am Kreuz steht.

Vielleicht beginnt Heilsgeschichte ja immer wieder so, dass Gottes Bote Menschen besucht und sie einlädt, Teil seiner Geschichte mit den Menschen zu werden. Vielleicht sollte ich mich weniger über andere aufregen und deren Form, sich auf Weihnachten vorzubereiten und vielmehr anfangen meine Form zu finden, Advent zu begehen, so dass Gottes Bote bei mir ankommen kann, dass ich zum Träger seiner Verheißung werde.

‚Wie soll ich dich empfangen?’ – diese Frage will täglich neu beantwortet werden. Hinter ihr können dann andere Fragen verblassen, die vielleicht doch nur davon ablenken sollen, dass Gott immer wieder nach dem Menschen fragt und nicht nach seiner Würde.

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