Sehnsucht nach dem Licht

Liebe Weihnachtsgemeinde,

das Fest der Lichter liegt fast hinter uns. Die Weihnachtsbeleuchtung bleibt uns noch bis anfang Januar, oft bis zum Dreikönigstag, erhalten. Die Tage aber werden schon wieder heller und mit dem Übergang zum neuen Jahr richten sich unsere Erwartung auf das, was nun in dieser heller werdenden Zeit zu tun ist.

Was nehmen wir mit aus der besinnlichen, dunklen, kerzenerleuchteten Zeit der Lichter? Ich glaube, dass wir an den Häusern mehr Lichter haben – weil wir uns nach mehr Licht in unserem Zusammenleben sehnen.

Unsere Beziehungen sind kalt geworden, geschäftsmäßig. Menschlichkeit und Barmherzigkeit bleiben zu oft auf der Strecke in unserer Zeit, in der alles effektiver, flexibler, angepasster an die wirtschaftlichen Erfordernisse werden muss. Wir sehnen uns nach warmen Herzen und strahlenden Gesichtern. Wir sehnen uns danach, dass das heimelige Licht von Weihnachten ins neue Jahr ausstrahlt.

Das Problem ist: das Licht an den Häuserfassaden ist ein sehr technisches Licht. Die Musik auf den Weihnachtsmärkten hat den weihnachtlichen Liedern in unserem Gesangbuch ziemlich wenig zu tun. Und die Geschenke Gold, Weihrauch und Myrrhe der drei Weisen waren eigentlich nicht dazu gedacht, durch unsere nachahmenden Geschenke den lang ersehnten und immer wieder verschobenen Aufschwung herbei zu beten und zu wünschen.

Deshalb ist es unsere Aufgabe als Christinnen und Christen in dieser Gesellschaft, die gern glauben würde, aber es oft verlernt hat, Menschen wieder den Kern von Weihnachten bewusst zu machen. Wir Christinnen und Christen können zeigen: die Sehnsucht nach dem Licht wird in Jesus Christus, dem Licht der Welt, erfüllt.

Ich weiß, das ist viel verlangt. Ich denke an ein Telefonat mit einer Freundin, die sie sehr über das Dauerblinken beim Nachbarn aufregte und es am liebsten zerstören würde. Wenn ich mich so ärgern muss, dass meine Weihnachtsbesinnung gestört wird, dann bin ich gegenüber diesem Nachbarn sicher kein glaubwürdiger Zeuge des weihnachtlichen Lichtes, das unsere Welt wahrhaft erhellen will.

Aber es gibt ja genug anderes zu tun, um das weihnachtliche Licht in unserer kalten Welt zum Leuchten zu bringen. Als Predigttext lese ich uns Joh 8,12-16:

[TEXT]

Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Auch wenn ich von mir selbst zeuge, so ist mein Zeugnis wahr. Denn ich weiß, woher ich gekommen bin und wohin ich gehe. Ihr aber wisset nicht, woher ich komme und wohin ich gehe. Ihr richtet nach dem Fleisch, ich richte niemand. Wenn ich aber richte, so ist mein Gericht recht, denn ich bin nicht allein, sondern ich und der mich gesandt hat.

In einer Welt voller Dunkelheit gibt es ein Licht. Jesus, der vom göttlichen Licht erfüllt ist, lädt Menschen ein, sich vom Licht hell machen zu lassen. Und dann endet das Ganze in einem Gespräch, das wir kennen: endlose Debatten über Autorität. Es wird so lange darüber gestritten, wer recht hat, bis die guten Impulse zerredet worden sind. Kein Wunder, dass die Pharisäer sprichwörtlich geworden sind. Blinde Blindenführer sind sie. Sie sehen nicht, worauf es ankommt, aber sie hindern andere daran, dem Licht zu folgen. Eine bittere Welt ist es, in die Jesus Christus, das Licht der Welt, gekommen ist. Kalt und ablehnend ist sie und sie wird ihn bald ablehnen.

Aber die Botschaft vom Licht der Welt, das niemanden richtet, hat Menschen gefunden, die mit offenen Ohren und Herzen hören und dann von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüte darauf antworten und das tun, was das Licht in dieser dunklen Welt wirken lässt. So entsteht eine spannende Geschichte, die das beschreibt, was geschieht, wenn das wahre Licht uns verändert. Sie Steht direkt vor unserem Predigttext: Eine Ehebrecherin ist auf frischer Tat ertappt worden. Sie wird vor Jesus gebracht. Ehebrecherinnen werden gesteinigt, so verlangt es das Gebot. Und Jesus, der nicht richtet, Jesus, der nicht verurteilt, sagt: Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein. Und als dann niemand sich traut, das vernichtende Urteil zu sprechen und den ersten Stein zu werfen, sagt er, der ohne Sünde ist: So verdamme ich dich auch nicht, gehe hin und sündige hinfort nicht mehr.

Hier fällt ein neues Licht auf menschliche Beziehungen, menschliche Schwächen und Fehler, die menschliche Dunkelheit. Das Licht scheint und es verändert die Menschen. Es macht ihre Welt wärmer, heller, menschlicher, hoffnungsvoller. Wenn Menschen anfangen, einander nicht zu verurteilen und nicht immer das Schlechteste voneinander anzunehmen – dann gibt es viele Lichtfunken in dieser dunklen Welt. Und dann können andere, die eigentlich schon längst die Hoffnung aufgegeben haben, ihre Reste von Hoffnung und Menschlichkeit entdecken. Dann können Menschen entdecken, dass in der Tiefe ihrer Seele ein göttlicher Funke ist. Wir Menschen können zum Licht der Welt werden. Wir Menschen können einander zum Licht werden. Wir Menschen können uns gegenseitig das Leben heller machen.

Wir müssen nur dem nachfolgen, der das Licht der Welt ist, Jesus. Wir müssen ihm ähnlicher werden. So wie er nicht verurteilt, wollen auch wir einen nicht verurteilenden, freundlicheren Blick lernen. Wir wollen ein Gespür haben für die Situationen, wo man bei jemandem die Menschlichkeit hervorkitzeln kann, indem man sie voraussetzt.

Liebe Weihnachtsgemeinde 2004, ich glaube, wir sind in einer gesellschaftlichen Situation, in der die Restbestände an Mitmenschlichkeit und Verantwortungsbewusstsein gefährdet sind. Viele kämpfen mit fiesen Mitteln nur für ihren eigenen Vorteil. Viele resignieren und kucken nur noch, dass sie selbst so halbwegs unbeschadet aus der Sache raus kommen. Viele sind sehr gefrustet von den ständigen Zumutungen und Ärgernissen. Unsere Gesellschaft hat lange Raubbau getrieben mit der Ressource Mitmenschlichkeit und freundlicher Umgang. Ich habe das Gefühl, wir sind hier an einer Grenze, wo etwas kippen kann.

Liebe Mitchristen, das Licht von Weihnachten will uns zum inneren Licht werden. Es will uns begleiten, wärmen, erhellen, erleuchten, den Weg zeigen. Es will uns helfen, die Dunkelheit zu bekämpfen.

Wir sehen, wo die Dunkelheit sich ausbreitet. Wir Christen wollen uns anstecken lassen vom Licht und der Dunkelheit einen Riegel vorschieben. Jesus ist der, der nicht richtet. Aber damit diese neue Art, miteinander umzugehen, eine Chance hat, muss er klare Worte finden für die, die das Licht ersticken wollen.

Liebe Weihnachtsgemeinde, manchmal muss man Nachteile in Kauf nehmen, um auf der Seite des Lichtes zu sein. Wenn andere finstere, gemeinschaftsschädliche Methoden anwenden und damit erfolgreich sind, dann ist es schwer, der Menschlichkeit treu zu bleiben und anderen ihren unfairen Vorteil zu lassen.

Die Nachfolge Jesu ist kein einfacher Weg. Und doch ist nur hier das Licht, das uns leuchtet in der Finsternis. Mache dich auf, werde licht, denn dein Licht kommt – so fordert uns die Bibel auf. Wer im Licht sein will, der muss licht werden. Das Licht scheint tief in unserer Seele. Es verändert uns und es nimmt uns mit auf einen Weg. Der Weg ist nicht immer einfach, aber der, der selbst das Licht der Welt ist, geht uns voran. Wir gehören zu dem, der die Welt rettet. Und auf diesem Weg werden wir selbst gerettet. Denn das Licht erleuchtet auch unsere Dunkelheiten.

Liebe Gemeinde, unter uns ist der, der am Anfang sprach Es werde Licht und es ward Licht. Er wird auch in uns und unter uns das Licht leuchten lassen.

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