In ihrem Schatten

Die ganze Weihnachtswelt ist voller Engel. Sie hängen in Fenstern, sie umschwirren Krippen, lobsingen von CD-Hüllen herunter, balancieren gekonnt auf Pyramieden herum, zieren Kalenderblätter, sitzen in Kaufhäusern aus Marzipan oder Schokolade, hängen in Tannensträuchern und etliche Muttis und Großmuttis sind schon wieder schwer damit beschäftigt, ihre kleinen Engelchen für das diesjährige Krippenspiel einzukleiden.

Und darauf freuen wir uns, dass dann der Engel des Herrn auf uns zutritt mit der Botschaft: Euch ist heute der Heiland geboren. Und mancher ist froh, dass es endlich soweit ist, dass die Kirche von dutzenden Kerzen strahlt und das Licht Wege in unsere Herzen findet. Euch ist heute der Heiland geboren.

Glauben wir daran? Klar doch, glauben wir daran, dass der Heiland geboren ist. Nur das mit dem Engel?

Auch in der Botschaft der heutigen Predigt spricht ein Engel zu uns. Noch ist es nicht soweit mit der Geburt des Heilandes, noch ist es nicht Zeit für Tannenbaum und Krippenspiel, aber der Engel, der kommt schon heute zu uns. Ich lese aus dem 1. Kapitel des Lukasevangeliums die Verse 26-38:

[TEXT]

Liebe Gemeinde, das ist mancher Hinsicht höchst ungewöhnlich, was uns hier berichtet wird. Da bekommt eine Frau Besuch von einem Engel Gottes. Von der Frau erfahren wir erst einmal nicht viel: sie heißt Maria, sie ist jung, sehr jung, vielleicht fast noch ein Kind, sie lebt in Nazareth sie ist einem Mann versprochen: Josef, Zimmermann, Handwerker. Das war schon damals keine schlechte Partie. Das hieß: ein Mann mit gutem Auskommen, keine Existenznöte und vielleicht ein klein wenig Wohlstand. Aber um Josef geht es hier nicht. Er wird erwähnt, irgendwo gibt es ihn, erzähl wird eine Geschichte über eine Frau, inmitten all der Geschichten über Männer steht Maria hier im Vordergrund. Sie ist die Erwählte.

Dieser Besuch: ein Engel Gottes. Wie stellen Sie sich einen Engel vor? Hier sicher kein pausbäckiges geflügeltes Kind. Ein ernstes Wesen mit einer ernsten Nachricht. Maria erschrickt über den Gruß. Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir! Das sind ungewöhnliche Worte. Maria fürchtet sich. Fürchte dich nicht, Maria, du hast Gnade bei Gott gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Jesus geben. Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben.

Maria reagiert irritiert. Schwanger! Von niemandem? Auf die Verheißung geht sie nicht ein, all diese dogmatischen Spitzen gleiten an ihr vorbei: Sohn des Höchsten, Thron Davids, König über das Haus Jakob, Reich, Ewigkeit.

Schwanger! Wie? Durch den Heiligen Geist! Und Elisabeth ist ebenfalls schwanger: die Unfruchtbare – im sechsten Monat. Bei Gott ist nichts unmöglich!

Und dann kommt die Antwort der Maria; kurz, klar, einfach und verständlich, nüchtern, als gäbe es jetzt nicht tausend offene Fragen, Einwände und Ängste. Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast. Maria stimmt dem Plan Gottes zu.

Durch den Engel tritt Gott mit einer Botschaft auf einen Menschen zu. Was wäre geworden, hätte Maria ohne diesen Engel auskommen müssen? Was wäre geworden, müsste das Evangelium ohne Engel auskommen?

Der Engel tritt im Neuen Testament immer wieder auf Menschen zu, um ihnen etwas zu erklären, um ihnen zu helfen, ihre Situation zu verstehen, den Sinn zu erkennen. Er hilft ihnen, ihr Erleben auf Gott hin zu deuten. Und er bringt die Botschaften Gottes zu uns Menschen auf die Welt. Das können wir im Neuen Testament immer wieder erleben: Wo der Engel Gottes zu den Menschen spricht, da wird Gottes Handeln offenbart: das ist hier so, ganz am Anfang, als Maria erstmals die Geburt des Heilandes angekünigt wird und das ist auch ganz am Ende so, als sie, wie das Johannesevangilium berichtet, fassungslos am leeren Grab steht.

Durch den Engel bekommt Maria einen göttlichen Gruß. Der Engel ist um der Botschaft willen gekommen, zu einer normalen Frau, die sich in nichts von den vielen anderen Frauen unterscheidet. Der Engel tritt mit seiner göttlichen Botschaft auf einen ganz normalen Menschen zu, und damit tritt Gott auf einen ganz normalen Menschen zu. Und Maria stimmt zu. In ihr werden sich Himmel und Erde berühren. Und sie sagt „Ja“.

Maria stimmt zu, obwohl vieles in ihrem Leben dagegen spricht, solch ein Kind zu bekommen: unehelich, Kind ohne Vater. Was wird Josef sagen? Wird er bei ihr bleiben? Oder wird er gehen? Wovon wird sie dann leben? Wird man sie leben lassen?

Maria stimmt zu. Vielleicht begriff sie, was ich mir in mühevoller Exegese des Textes immer wieder deutlich machen muss: dass es hier nicht nur um sie – um Maria – geht, dass jener Engel nicht nur in ihr Leben getreten ist, sondern in unser aller Leben – dass Gott in Maria nicht nur einen Menschen besucht, sondern die ganze Menschheit. Wir alle stehen in Marias Schatten. In Maria hat der Mensch vor Gott Gnade gefunden. Soweit wir Menschen an dieser Geburt beteiligt sind, sind wir es in Maria. Und Maria stimmt zu! Siehe, ich bin des Herrn Magd. Mir geschehe, wie du gesagt hast! Die Botschaft an Maria hat ein Echo. Maria glaubt. Und Maria stimmt zu.

Zustimmung gehört zur Struktur des Glaubens. Das ist nicht so, dass da jemand endlich begriffen hat, dass Gott Gehorsam verlangt, sondern so, dass da ein Mensch weiß, dass er von Gott getragen ist. Es ist das Vertrauen, das diese Zustimmung ausspricht. Maria vertraut Gott. Sie vertraut darauf, dass Gott um alle Probleme weiß, und dass er es lösen wird. Ihr Aufgabe sieht sie jetzt nicht darin, zu diskutieren, ob das geht oder ob das alles doch weit hergeholt ist, (- kommt mir doch nicht mit Jungfrauengeburt – so ein Schmarrn -) ihre Aufgabe ist es, jetzt an dieses Kind zu denken mit aller Mutterliebe, die man aufbringen kann, und an nichts sonst. Für alles andere weiß sie Gott an ihrer Seite.

Maria stimmt zu, und ich kann es mir nur so erklären, dass sie „ja“ sagt, weil sie Gott vertraut. Und wenn es stimmt, was ich vorhin gesagt habe, dann stehen wir alle in Marias Schatten: mit unserem Glauben, der vielleicht ja nicht ganz so groß ist, aber er ist da und nennt Gott „Vater“, mit unserem Vertrauen, das vielleicht nicht ganz so tief ist, aber es ist da und nennt Gott „Vater“, mit unserer Liebe, die vielleicht nicht ganz so heiß ist, aber sie ist da und nennt Gott „Vater“.

Maria stimmt zu. Diese einfache junge Frau. Völlig unverständlich eigentlich, außer im Vertauen zu Gott, der auch unser Herz führen und regieren möge.

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