Ich sehe dich in tausend Bildern

Maria

Ich sehe dich in tausend Bildern,

Maria, lieblich ausgedrückt,

doch keins von allen kann dich schildern,

wie meine Seele dich erblickt.

Ich weiß nur, dass der Welt Getümmel

seitdem mir wie ein Traum verweht

und ein unnennbar süßer Himmel

mir ewig im Gemüte steht.

Freiherr Georg Philipp Friedrich von Hardenberg, Novalis (1772-1801)

Liebe Gemeinde, der Dichter dieser Zeilen ist uns hier zumindest vom Namen her vertraut, er wurde gleich bei uns um die Ecke, in Oberwiederstedt, geboren. Und sein Vater war ein pietistischer evangelischer Christ. Novalis hat sich vom Katholizismus mehr angezogen gefühlt, ihm lag das Mystische nahe, für ihn war Glauben ein Geheimnis, etwas, was mehr die Sinne als den Verstand betraf. Und Maria verkörperte für ihn wohl ein Frauenbild, wie er es sich erträumte: Unberührt und rein und dennoch mütterlich. Die evangelische Kirche tut sich mit der Marienverehrung schwer, jedenfalls in der Form, die sie im Lauf der Jahrhunderte in der Volksfrömmigkeit angenommen hatte. Maria als Wunderheilerin, die bestimmten Menschen an bestimmten Orten erscheint – da können wir nicht mit, ich übrigens auch nicht. Wir glauben an den dreieinigen Gott, der sich in Christus als Mensch offenbart hat. Dass Gott die "ganz normale" Form, die der Geburt und des Erwachsenwerdens, ausgewählt hat, lässt ihn für uns Menschen begreifbarer werden. Und wen er sich als Eltern ausgesucht hat, könnte uns aus diesem Blickwinkel relativ egal sein. Aber der Evangelist Lukas führt uns Maria doch sehr konkret vor Augen: Hören wir den Predigttext für den 4. Advent aus Lukas 1:

[TEXT]

Liebe Gemeinde, wir haben dieser Tage in der Grundschule gemeinsam ein Video angeschaut, in dem die Geschichte von der ersten Ankündigung der Geburt Jesu bis zum Ereignis im Stall für Kinder dargestellt wird. Ein Engel kommt zu Maria. Die Kinder interessierten sich vor allem dafür, ob es Engel wirklich gibt. Alles andere war für sie kein echtes Problem. "Okay, dann ist Gott der Vater von Jesus und Josef der Stiefvater", so einfach ist das. Und wenn ja Josef und Maria sowieso heiraten wollten, war es doch super, dass da gleich ein Baby kam, und dann auch noch ein solches!

Ich hatte mit ganz anderen Fragen gerechnet, aber irgendwie waren die Kinder in ihrer Denkweise erheblich gradliniger und einfacher als wir Erwachsenen. Sie fanden es auch toll, dass Elisabeth und Zacharias auf ihre alten Tage noch Eltern wurden und fragten mich ganz nebenbei, wie alt ich denn bin …

Für Kinder kann Gott eben alles, den Satz "bei Gott ist kein Ding unmöglich" würden sie voll unterschreiben, auch im vierten Schuljahr noch. Sie sind noch offen für Wunder.

Maria selbst als "Betroffene" tut sich sichtlich schwerer als diese Kinder. Die aufgeklärte junge Frau – auf mancher mittelalterlichen Darstellung liest sie gerade in der Schrift – bittet den Enge um Verstehenshilfe, was die Jungfrauengeburt anbetrifft. Dass Maria selbst hier schon Nachfragen hatte, wirkt befreiend auf uns Erwachsene von heute.

Vor einem Jahr berichtete eine Hebamme im Magazin einer Frankfurter Tageszeitung, sie habe in ihrem Beruf schon soviel Erstaunliches erlebt, dass selbst eine Jungfrauengeburt für sie nicht undenkbar ist. Das Fazit, auch im Hinblick auf Elisabeths späte Mutterschaft ist, dass Gott noch für Überraschungen gut ist. Aber warum eigentlich haben wir gerade mit dieser Frage so große Probleme? Warum haben sich hier Dogmatiker entzweit, während um Heilungsgeschichten oder auch die Auferweckung des Lazarus bei weitem nicht so ein Aufhebens gemacht wird. Vielleicht, weil es ein Ereignis ist, in dem eine Frau die zentrale Rolle spielt und in dem kein Mann gebraucht wird für das, was seine ureigenste Bestimmung scheint: Einen Sohn zeugen? Ich könnte mir denken, dass das unterschwellig schon eine Rolle spielt. An Engel sind weit mehr Menschen bereit zu glauben als daran, dass Gott eine Frau ein Kind empfangen lässt ohne Mitwirkung eines Mannes. Sehr viele Menschen, die gar nicht an Gott glauben geschweige denn an die Geschichte mit der Jungfrau, glauben an einen Schutzengel. "Aber was bedeutet für dich als Protestantin Maria?" das werde ich immer wieder gefragt. Nun, zwischen mich und Gott würde ich sie als Vermittlerin nicht schalten, ich werfe lieber, wie es im AT so schön formuliert ist, mein Anliegen auf den Herrn. Genau das aber tut Maria auch.

Ich denke, wir können von Maria viel lernen. Sie war die erste Christin, sie hat vorbehaltlos geglaubt, dass Gott sich als Mensch unter die Menschen begeben wird. Sie hat sich nicht gewehrt gegen das, was er mit ihr vorhatte. Sie hat sich fallengelassen in ein Wunder: In die Liebe Gottes, den sie nie gesehen hatte, und sie war überzeugt, dass alles, was er mit ihr anfängt, zum besten dienen werde.

50 Und seine Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu Geschlecht bei denen, die ihn fürchten, das ist der Satz, der Dreh- und Angelpunkt des Lobgesangs der Maria ist, den wir eben im Evangelium gehört haben. Das ist die frohe Botschaft, die sie mit sich trägt und von der sie getragen wird. Es ist eine Zusicherung, dass Gott treu ist. 37 Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich, erinnert der Engel. Im Lauf der Geschichte hat er immer wieder beweisen, dass er Mächtige vom Thron stößt, und dass er sich Armen zuwendet und ihnen Recht verschafft, und das wird er auch zukünftig tun.

Manchmal werden Sie vielleicht gerade daran nicht so recht glauben können. Dann zum Beispiel, wenn Sie Ihren Steuerbescheid lesen, wenn Sie sich so richtig ausgenutzt oder auch sehr allein fühlen, wenn es – wie jetzt – Weihnachten wird und Sie sich eigentlich danach sehnen, dass alles so wäre wie früher. Dann fragen Sie sich vielleicht, wo Gott überhaupt ist und ob er Sie vergessen hat. 49 Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und dessen Name heilig ist, in diesen Lobpreis der Maria werden Sie möglichwerweise gar nicht so von Herzen einstimmen können und sich nicht so richtig wiederfinden darin.

Aber vielleicht fällt Ihnen, wenn Sie auf Ihr Leben zurückblicken, doch die eine oder andere Situation ein, wo Gott ganz nahe bei Ihnen war. Die Wunder im eigenen Leben sind oft so klein, dass wir sie zunächst gar nicht bemerken und gar nicht spüren, dass Gott ganz nahe bei uns ist.

Ich denke an die Weihnachtsgeschichte, die Sie alle gut kennen und in den nächsten Tagen oft hören werden. Da kommen die Hirten an die Krippe, sehen das Kind und loben am Ende Gott für alles, was sie gehört und gesehen haben. So spektakulär war das doch eigentlich gar nicht: Sie haben ein Kind in einer Futterkrippe gesehen, und vorher ist ihnen gesagt worden, dieses kleine Kind sei ihr Erlöser. "Das kann ich mir gar nicht vorstellen", hätten sie auch sagen können Aber sie können es einfach glauben und empfinden es als Wunder, als das Größte, was sie in ihrem Leben erfahren haben. Gott hat ihnen die Augen dafür geöffnet.

Ich möchte Ihnen einfach wünschen, dass Gott auch Sie die Wunder wahrnehmen lässt, die um Sie, in Ihnen und mit Ihnen geschehen. Und dass es Ihnen damit gehen möge wie Maria, von der es am Ende der Weihnachts-Geschichte heißt: "Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen." "Wird Christus tausenmal zu Behlehem geboren – und nicht in dir, du bleibst noch ewiglich verloren", dichtete Angelus Silesius in seinem "Cherubinischen Wandersmann". Advent und Weihnachten, das findet nicht irgendwo, das findet in uns allen statt. Und Christus wartet darauf, dass wir ihm unsere Herzenstüren öffnen.

Und dazu bewahre uns der Friede Gottes, der höher ist als alles Menschlich Denkbare in Christus Jesus, dessen Geburtstag wir bald feiern dürfen.

drucken