Die Herren dieser Welt gehen

Als ich den Predigttext für diesen Sonntag las, bin ich erschrocken. Das soll ich Menschen zumuten, die sich in Vorweihnachtsstimmung hierher auf den Weg gemacht haben? Menschen, die im Gottesdienst Abstand gewinnen wollen von den Nachrichten aus Fernsehen, Zeitung und Radio? Menschen, die vielleicht schon das ganze Haus adventlich geschmückt haben, bei denen es nach Zimt und Anis duftet und nach Glühwein und die sich nach einer heilen Welt sehnen?

Kurz habe ich überlegt, auszubrechen aus der Predigtreihe – aber dann wurde mir klar: Es ist nicht der Prediger, der den Text den Menschen zumutet. Jesus spricht zu seinen Jüngern. Was er sagt, ist wie ein Hammerschlag. Ich stelle mir vor, Jesus würde sich in ein gutbesuchtes Einkaufszentrum stellen, am "langen Samstag" vor Weihnachten, an die Kasse und zu der Menschenschlange reden, die da mit vollgepacktem Einkaufswagen wartet. Er hätte zumindest mit einer Anzeige wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses zu rechnen. Aber auch vor einer unserer Kirchen in Hettstedt oder Eisleben, mitten während eines idyllischen Weihnachtsmarktes, würde man ungern das hören, was bei Matthäus im 24. Kapitel aufgeschrieben ist: Kurz vor seiner Kreuzigung hat Jesus Auskunft darüber gegeben, wie es aussehen wird, wenn er am Ende der Zeit wiederkommt:

[TEXT]

Advent hieß in der Urgemeinde, die große Ankunft des Königs Jesus zu erwarten. Advent hatte ja gar nichts mit der Geburt zu tun. Es geht um die Ankunft, die Wiederkehr des Gottessohnes am Ende der Weltzeit.

Die ganze Textpassage – sie ist noch erheblich länger als das eben Gehörte – trägt die Bezeichnung "apokalyptische Rede", und sie ist im Lauf der Jahrhunderte oft ge- und missbraucht worden, auch von solchen, die Jesus hier benennt als solche "die kommen in meinem Namen und sagen ich bin der Messias" und solchen, die er "falsche Propheten" nennt. Es ist verführerisch, alle die vielen Symptome zu addieren und zu sagen: "Trifft ja alles schon zu – jetzt ist es so weit, jetzt steht das Ende der Zeiten vor der Tür". Ähnlich ging es schon denen, die diesen Text hörten, kurz nachdem er aufgeschrieben worden war.

Für diese ersten Leser oder Hörer dieses Evangeliums war die Welt viel kleiner, aber sie fühlten sich angesprochen Ihre Lebenswelt hat Matthäus wiedergegeben, er hat ihre besonderen Umstände beim Namen genannt. Die ersten Christen wurden verfolgt und kriminalisiert.

Was Matthäus hier von Gewalt und Hass, von Verrat, Hungersnot und Bedrängnis – auch innerhalb der Gemeinde – schreibt, das mussten viele am eigenen Leib erfahren. Und sie hofften auf bessere Zeiten, auf einen gerechten Ausgleich und sie fragten sich, wann das sein würde, wann das Reich Gottes endlich anbrechen würde und ihre Leidenszeit vorbei wäre. Jesus nennt keinen Zeitpunkt – und so hoffen wir Christen seit fast 2000 Jahren immer weiter.

Mit Prophezeihungen des nahen Weltendes sind immer wieder, zum Beispiel im 16. Jahrhundert die Täufer, „falsche Christusse“ aufgetreten, aber auch heutzutage hört man immer öfter apokalyptische Reden, manchmal in besonders frommen Kreisen, manchmal aber sogar am Stammtisch. Manchmal ist es verführerisch, sich davon einfangen zu lassen, wie es in Sekten immer wieder geschieht.

Es ist noch verführerischer, dabei zu denken: „Soll das alles nur kommen, ich bin ja auf der sicheren Seite“. Und vielleicht noch die Überlegung anzustellen, wie schön es sein wird, dann mitzubekommen, wer alles nicht zu denen gehört, die „ausharren bis ans Ende“. Allein ein solcher Gedanke widerspricht schon allem, was Jesus uns gelehrt hat. „Seht zu, dass euch niemand verführe!“, auch nicht zur Selbstgerechtigkeit.

US-Forscher haben berechnet, dass am 16. März 2880 ein Asteroid mit etwa 1.000 m Durchmesser die Erde treffen könnte – mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:300. Das ist immerhin um drei Größenordnungen wahrscheinlicher als alle anderen bisher ermittelten Kollisionswahrscheinlichkeiten. Jon Giorgini und seine Kollegen veröffentlichten ihre Berechnungen in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift Science (Vol 296, S. 132). 1.000 m Durchmesser gelten bei den Forschern als untere Grenze für ein Objekt, das bei Kollision mit der Erde eine globale Katastrophe auslösen. „Naja, da haben wir ja noch ein bisschen Zeit“, könnte man sich sagen und weitermachen wie bisher. Ich finde, solche Wahrscheinlichkeitsrechnungen sollten wir beim Glauben außen vor lassen.

„Adventlich leben“, das bedeutet für mich, so zu leben, als könnte Christus sofort wiederkommen, als könnte jede Minute die letzte dieser Welt sein.

Ich habe darüber nachgedacht, welcher Satz in der Rede Jesu bei mir die stärksten Empfindungen ausgelöst hat. Es waren nicht die Worte von den Katastrophen, an denen ich ja nichts ändern kann, oder jedenfalls auch bei äußerstem Umweltbewusstsein nicht viel. Es waren auch nicht die falschen Propheten. Mich hat der Satz am meisten getroffen:

„Und weil die Ungerechtigkeit überhandnehmen wird, wird die Liebe in vielen erkalten.“ Da hörte ich auf einmal alles, was gerade in unserer Region, auch in christlichen Kreisen, so jeden Tag gesagt wird, mit anderen Ohren. „Ich gebe nichts mehr für wohltätige Zwecke, mir schenkt ja auch keiner was.“ „Kümmere dich um dich, dann hast du genug zu tun“. „Den Ausländern wird das Geld nachgeschmissen, und wir sind die Dummen, die sollen doch dahin zurückgehen, wo sie hergekommen sind“. Da frage ich mich: Hätten Maria und Josef, ein Fremder mit einer schwangeren Frau, bei uns eine Chance? Und ich frage mich, wie wir ausharren wollen bis zum Ende, wenn unsere Liebe unter den gegenwärtigen Belastungen schon erkaltet. Sind wir wirklich bereit, den kommenden Herrn zu empfangen? Können wir seine Ankunft überhaupt ertragen? Sind unsere Herzen nicht viel zu verhärtet? Hängen wir nicht zu sehr fest in dem, was uns verbittert an dieser Welt und haben den Blick auf das Reich Gottes längst verloren?

Ich habe darüber nachgedacht, warum Heiligabend doch so viele Menschen plötzlich in die Kirche gehen – warum das für sie „dazugehört“, auch wenn sie sonst kaum noch Bezüge zu Gott haben. Vielleicht ist doch in jedem eine Sehnsucht danach, dass die Liebe nicht erkaltet in dieser so ungerecht scheinenden Welt.

Die Welt aber wird nur dann anders, wenn ich anders werde. Sonst nicht. Die Welt kann sich nur verändern, wenn sich Menschen verändern und ihre Gleichgültigkeit überwinden, ihre Vorurteile oder ihren Stolz. Darum kommen wir nach Hause. Nach Hause in das Haus Gottes. Wir sehen, wenn wir uns hier zusammenfinden: hier bin ich gut aufgehoben – und wir lernen wieder, uns zu fragen: wie werde ich gebraucht? Wo kann ich Frieden bringen? Wem kann ich mit meinen kleinen Kräften einen Dienst erweisen?

Ich kann doch, oder? Ich bin doch nicht völlig hilflos geworden. Ich muss meine Fehler und Schwächen nicht verschweigen, kann doch um Verzeihung bitten; kann anderen sogar verzeihen. Ich kann doch abgeben, und wenn es materiell nicht ausreicht, dann kann ich meine Liebe teilen, auch mit denen, die mir schwer fallen. Ich bin doch nicht ohnmächtig und muss mich verkriechen, ich kann doch beten. Kann die, die sonst vergessen werden, in mein Gebet nehmen. Das macht die Welt nicht sofort anders, aber es macht mich anders. Es ändert meinen Blickwinkel: Ich höre auf, mich an das zu klammern, was mir so wichtig und unverzichtbar erscheint und doch so eng. Die Rede Jesu fordert auf, genau hinzusehen und Zeichen zu beachten, aber sie fordert auch auf, sich auf den Weg zu machen. Nicht zu jammern, sondern das Weite zu sehen. „es wird gepredigt werden dies Evangelium vom Reich in der ganzen Welt zum Zeugnis für alle Völker“, das bedeutet auch, hinauszugehen aus der Kirche und nicht zu schweigen über die frohe Botschaft. Nicht schüchtern und entschuldigend, sondern offen und mit ansteckender Liebe. Wir haben doch ein großartiges Versprechen und eine Gewissheit: Die Herren dieser Welt gehen – und unser Herr kommt.

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