Alles Große ist einfach

Zu Dutzenden gehen sie auf dem Weihnachtsmarkt über den Ladentisch. Für wenige Euro sind sie zu haben. Die Zipfelmützen in der Trendfarbe rot. Da sind wir in der Kirche doch etwas konservativer. Unsere Trendfarbe der Adventszeit ist und bleibt violett. Warum eigentlich? Das hängt mit dem Mann zusammen, an den am 3. Advent erinnert wird: Johannes der Täufer. Der Mann, der die Taufe der Buße verkündete und einen sensationellen Zulauf hatte. Er verstand sich als der Wegbereiter des kommenden Messias. Und seine Ankündigung erfüllte sich. Der Messias kam wirklich. Ja Johannes wurde sogar gewürdigt, ihn, den Gottessohn Jesus Christus persönlich zu taufen. Seitdem erinnert sich die Kirche dankbar an diesen Propheten, dessen ersehnte Weissagung sich erfüllt hat. Und wir lassen uns von ihm auch das sagen, was er neben der Ankündigung, der Heiland kommt bald, auszurichten hatte. Eine ernste Botschaft ist das schon, diese Bußreden, gerade in einer so schönen und gemütlichen Zeit wie jetzt.

Wer war dieser Mann? Ergreifende Geschichten ranken sich um seine Kindheit. Seine Eltern, Elisabeth und Zacharias, waren kinderlos, schon in vorgerücktem Alter. Der Vater musste in gewissen Abständen aus seinem kleinen Gebirgsdorf in die Hauptstadt reisen und dort als Priester im Tempel amtieren. Während er dort am Altar allein Dienst tut und das Volk draußen stehend wartet, erscheint ihm ein Engel. Die Geburt eines Sohnes wird angekündigt, den er Johannes nennen soll. Ihm wird mitgeteilt, dieser werde ein berühmter Prophet werden und viele zu Gott bekehren. Zacharias verschlägt es die Sprache im wahrsten Sinne der Wortes. Er kann sich nicht vorstellen, das zu seinen Lebzeiten noch Kindergeschrei im Haus erklingt, er kann sich noch weniger vorstellen, dass zu seinen Lebzeiten noch eine Erweckung kommen soll. Priesterlich walten, die Opfer recht versehen, das Bestehende pflegen, darum hat er sich sorgfältig Jahr für Jahr gekümmert. Aber darüber hinaus hat er keine Vision. Zum Glück kommt in seinem Leben doch noch etwas in Bewegung. Die spätere Wende im Leben des Johannes, also das was hier berichtet wird, sein Auftreten in der Wüste und später die Inhaftierung und Gefangenschaft bis hin zum Tod in der Zelle, das haben seine Eltern sicher nicht mehr erlebt. Sie haben die Phase des Aufbruchs mitbekommen dürfen und das hat ihr Leben und ihren Glauben ganz neu inspiriert.

Wie ist das mit dir und deinen Erwartungen? Glaubst du, dass Gott etwas bewegen kann in deinem Leben über das hinaus, was die Leute sagen, über das hinaus, was die Leute in deinem Haus, deine Freunde, deine Lehrer sagen? Zacharias konnte es sich nicht vorstellen, aber Gott überraschte ihn mit ganz neuen Entwicklungen. Er wäre sicher auch so selig gestorben, ohne diesen überraschenden Nachkömmling. Aber so durfte er in seiner allerletzten Lebensphase noch viel Aufregendes und viel Freudebereitendes erleben. Niemand von uns sollte sagen, ich bin jetzt schon so alt, oder ich habe die beste Zeit hinter mir, oder es ist vieles so schlecht in unserer Welt, ich erwarte nichts Gutes mehr für mich persönlich, ich erwarte nichts Gutes mehr, das Gott durch mich ausrichten könnte. Tu das nicht. Gott kann große Dinge tun. Großes kam in Gang auch damals zur Zeit des Johannes.

Der vorliegende Bericht von Lukas interessiert sich vor allem für das, was Johannes gepredigt hat. Der Bericht des Matthäus, den wir in der Evangelienlesung hörten, interessiert sich für das Ende des Johannes, er wurde von Herodes inhaftiert und kam im Gefängnis zu Tode. Was beide Male nur gestreift wird, ist die Lebensweise des Johannes. Er lebte extrem einfach. Seiner Nachwelt blieb in Erinnerung das Kleid von Kamelhaaren und die Heuschrecken und der wilde Honig auf seinem Speisezettel. Deshalb war es glaubwürdig, wenn er hier von den Leuten fordert, gebt ab, lasst euch genügen. So lebte Johannes einfach und war doch ein Großer.

Später würdigt ihn Jesus, als seine Jünger ein Urteil über den Täufer hören wollen: Da sagt Jesus: Wahrlich, ich sage euch: Unter allen, die von einer Frau geboren sind, ist keiner aufgetreten, der größer ist als Johannes der Täufer. Der aber der Kleinste ist im Himmelreich, ist größer als er.

Jesus nennt diesen Mann, der so einfach lebte, einen Großen. Alles Große ist einfach, lautet unsere Überschrift in Erinnerung an die Übung eines Lehrers, der seine Schüler mit der Feder mehrfach den Denkspruch schreiben ließ: „Alles Große ist einfach, aber nicht alles einfache ist groß.“ In Großbuchstaben, der einfachsten Schrift, las es sich am Besten und so prägte sich diese Weisheit den Schülern ein. Alles Große ist einfach.

Warum können wir uns dann nicht beschränken, sind stattdessen auf immer mehr aus? Wir ähneln der Schnecke, von der es in einer nachdenklich stimmenden Geschichte heißt:

Immer hatte die Schnecke einfach so in ihrem Schneckenhaus gelebt. Bedächtig war sie mit ihm ihrer Wege gegangen, durch die grünen Dschungel der Wiesen, quer durch die Wüsten der gelben Feldwege, durch die Meere der Regenpfützen und die Gebirge der Baumstümpfe empor. Ihr Haus war ihr Schutz gewesen – gegen Feinde, gegen Kälte und bei Sonne. … Es war ein gutes Leben gewesen, aber wie es so geht: Kaum erfährt man, dass es noch anderes gibt, so will man auch das. Die Schnecke hatte so einiges munkeln hören – von Wohlstand und Luxus, von Bequemlichkeit und dass Besitz erst die Persönlichkeit ausmache. Da war sie unzufrieden geworden. „ Das alles gibt es, und welch elendes Leben führe ich! Da ziehe ich mit diesem schlichten Haus durch die Landschaft und freue mich, wenn es regnet. Als ob es sonst nichts gäbe!“

Sie fasste einen Entschluss: Sie ließ ihr Haus ausstatten. Und zwar auf die feinste Art…. Ein gekacheltes Bad wurde eingebaut, in exklusiven Design. Das Wohnzimmer kriegte eine Moosvertäfelung, Plüschteppiche in Abendsonnenrot, ein Sofa, einen Farbfernseher mit Zeitlupenprogramm. In der Küche fanden sich die feinsten Delikatessen, und im Schlafzimmer war ein feuchtes Ruhebett mit Sprühberieselung und mit Musik. Es gab Deckenbeleuchtung … und sogar Bücher – schade, dass sie nicht lesen konnte. Ja, und sonst noch allerhand … Jedenfalls war die Schnecke sehr zufrieden. Anfangs. Die Sache hatte nur einen Haken: Sie konnte nämlich ihr Haus nicht mehr transportieren. Es war zu schwer geworden. Aber wozu sollte sie auch? Sie hatte ja alles, was sie brauchte. Meinte sie.

Bis sich so eine Sehnsucht einstellte: Nach den Abendsonnenstrahlen im Wiesendschungel, nach den glitzernden Sandstäubchen der Feldwegwüsten, nach dem Spiegelbild der Sterne in den Regenpfützenmeeren und nach der Kühle auf den Höhen der Baumstumpfgebirge. Wo war der Duft der fremden Blumen? Die Stimmen unbekannter Tiere? Wo das Behagen, das sie bei der Begegnung mit Freunden gefühlt hatte? … Gefangen in einem Haus, das voll gestopft war mit überflüssigen Dingen, hatte sie alles das verloren …

Eine Weile saß die Schnecke im Schaukelstuhl und ließ die Fühler hängen. Dann riss sie sich zusammen und schrieb auf einen Zettel: „Superluxuskomfort mit allen Schikanen, voll möbliert, gegen einfaches kleines Leerhaus zu tauschen“. Den Zettel pappte sie außen an. Jetzt wartet sie. Und sie wartet sicher nicht vergebens. Irgend eine dumme Schnecke wird sich schon finden. Und ich frage mich: Brauche ich noch mehr, oder habe ich schon zu viel?

In solchen Vergleichen findet sich wohl jeder wieder. Man kann gar nicht anders als zustimmen: Natürlich, weniger ist mehr, und im Grunde haben ich doch schon das Nötigste, was eigentlich genügt.

Ich erlebe die Chance des Einfachen in dieser Adventszeit besonders, wo wir keinen Fernsehempfang mehr haben, seit das Antennenfernsehen umgestellt ist. Erst dachte ich, da werde ich aber viel vermissen, aber das Gegenteil ist der Fall. Mehr Zeit für andere, wichtigere Dinge.

Trotzdem: Ist es nur diese Botschaft, und die eigene bedürfnislose Lebensweise, die den Johannes groß gemacht hat? Diese Moralpredigt mit dem Schwerpunkt: Bitte mehr abgeben! Tut einander kein Unrecht. Passt ja auch so richtig in die vorweihnachtliche Zeit, wo wir auf das Fest der Liebe zugehen. Da wird manche Unfreundlichkeit unterdrückt, da wird gespendet, da ist man großzügiger in manchem. Aber ist das schon alles gewesen, von dem was die Größe des Johannes ausmacht? Mahnen zu einfachem Leben, Aufrufen zu mehr sozialem Tun, ist das denn überhaupt spezifisch christlich? Könnte das nicht der weise Diogenes in seinem Fass gepredigt haben, der auch so anspruchslos gelebt hat?

Bei näherem Hinsehen wird man gewahr: Auf diese praktische Dingen kommt Johannes erst am Schluss zu sprechen. Wenn die Predigt des Johannes, wenn die christliche Predigt nur aus Appellen zur Nächstenliebe, zur Selbstbeschränkung bestünde, das allein wäre die Mühe des weiten Weges nicht wert gewesen, den damals die Leute aus allen Städten auf sich genommen haben.

Das ist aber nur der Schluss gewesen. Er sprach am Anfang von etwas ganz anderem. Nämlich vom Geheimnis des neuen Lebens, das nur Gott selbst schaffen kann. Es ist eine gewaltige Verheißung, die Johannes da ausspricht. „Ich sage euch: Gott kann dem Abraham aus diesen Steinen Kinder erwecken.“ Gott macht Steine lebendig. Damit meinte Johannes seine Zuhörer.

Diese Leute, die damals an den Jordan kamen, waren wohl neugierig. Sie wollten wissen, wer der geheimnisvolle neue Prophet war. Im Herzen aber waren sie kalt. Sie waren in gewisser Weise religiös. Sie hielten den Sabbat, sie nahmen an den großen Festen teil, sie zahlten ihre Tempelsteuer. Und sie hielten das schon für geistliches Leben. Aber Johannes belehrt sie und uns. Das ist noch kein Leben. Gott hat euer Herz noch nicht erreicht. Ihr habt euch noch nicht erneuern lassen vom Christus, der kommen soll. Denn nur der kann eure versteinerten Herzen aufbrechen und erwecken.

Sieh, das ist die große Verheißung, das große Versprechen in diesem Evangelium: Gott kann Steine zum Leben erwecken. Damals ist das geschehen. Eine große Erweckung zog durch das Land. Menschen fingen an zu glauben, veränderten ihren Alltag. Sie sagten: Ich will auch an meinem Arbeitsplatz nach Gottes Willen leben. Hinter der Zollschranke, in der Kaserne, am Bierthresen, an der Schultafel, in der Marktbude. Und Johannes sagt keineswegs: Dein Beruf ist nicht geistlich genug, du musst dir etwas anderes suchen, nein er sagt: An deinem Platz hat Gott dich hingestellt und da kannst du deinen Glauben ausdrücken auf die und die praktische Weise.

Die Leute haben das umgesetzt. Nicht weil das so ungewöhnlich neue Ratschläge waren hier mit dem Abgeben und Hilfsbereitschaft. Sondern weil ihr Herz erneuert war. Die hatten auf einmal Freude am Teilen, richtig Freude. Die hatten auf einmal an dem genug, was ihnen früher immer zuwenig vorgekommen war. Die hatten ein Ja zu dem, was vorgeschrieben ist. (vgl 13) Also ein Ja zu der Rolle, in der sie sich vorfanden. Früher hatten sie auch gedacht wie die anderen, das ist so eintönig, das mach ich nicht mehr lange, das engt mich ein. Jetzt hatten sie ein Ja zu dem Stand, in dem sie waren. Zu der eigenen Rolle als Mutter, als Auszubildender, als Beamter, als Steuerpflichtiger, als Straßenkehrer und was es für viele Stände gibt. Ein volles, dankbares Ja. Und das hatte Ausstrahlung, ist doch klar, dass dann die anderen fragen, warum bist du so zufrieden, warum stehst du so hinter deinem Job, warum begehrst du nicht auf. Und dann konnte mancher erzählen von dem, was neu geworden war an dem Tag, wo er oder sie sich von Johannes hatte taufen lassen.

Und das war nur ein Vorgeschmack auf die Veränderung, die später mit Jesus kam. Johannes hat die steinernen Herzen durch seine vollmächtige Verkündigung, sicher auch durch seine eindrucksvolle persönliche Art in Bewegung gebracht. Jesus Christus kann das steinerne Herz von Grund auf verwandeln. Diese gewaltige Veränderung kommt auf eigentlich ganz einfache Weise. Ja sagen zu Jesus und sich taufen lassen. Mehr hatte auch Johannes nicht zu sagen: Kehrt um und lasst euch taufen.

Die Leute denken erst mal, sie haben sich verhört. Darum fragen sie zurück: Was sollen denn wir tun? Alle Religionen halten doch ihre Anhänger mit Forderungen in Schach und auf Trab. Sie verlangen von ihnen Verrenkungen und Kasteiungen. Daher die Frage der Menge: Was sollen denn wir tun?

Kehrt um und lasst euch taufen. Was soll das schon bringen, mag ein Außenstehender fragen. Die Handvoll Wasser? Aber alles Große ist eben einfach. Der christliche Glaube ist einfach. Gott wird Mensch. Ein kleines Kind. Wir müssen uns nur vor diesem Kind beugen und es anbeten. Dann geschieht die Verwandlung und Erneuerung. Steine werden lebendig. Aus hartherzigen Typen werden dann Leute, die Gott formt und gebraucht. Richtige Charaktere.

Wegen dieser Macht Jesu habe ich Hoffnung für die Kirche. In einer Kirche, die 142 Jahre besteht wie die unsere, da ist manches versteinert. Gott möchte da Leben hineinbringen, echtes Leben, Aktivismus alleine ist noch lange kein Leben. Zu solchem Leben kommt es, wo einzelne sich Jesus ganz zuwenden und ihm ihr Herz öffnen.

Nicht lange nach diesen Ereignissen wurde Johannes für immer zum Schweigen gebracht. Die kalte Macht des Herodes schaltete ihn aus. Aber sein Ziel hat er erreicht, seinen Auftrag erfüllt: Er hat den Weg bereitet für Jesus, er hat gezeigt, wie wahre Veränderung geschieht: Nämlich wenn Herzen erneuert werden durch die Kraft Gottes. Einen Satz der alten Predigt des Täufers setzt die Kirche in der Adventszeit fort. Johannes sagte: „Und alle Menschen werden den Heiland Gottes sehen.“ Darauf gehen wir in diesen Tagen zu. Im Kind in der Krippe erkennt die Kirche den Heiland Gottes.

Alles Große ist einfach. Gott helfe uns, dass wir wahre Größe nicht in dem suchen, was aus uns tolles werden kann, sondern wie Johannes lehrte: Er muss zunehmen, ich aber muss abnehmen.

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