Umkehr

Liebe Gemeinde,

Beeindruckt und fasziniert hat er mich immer, dieser Johannes. Da steht er in meiner Vorstellung am Jordan, zieht die karge Wüste dem fruchtbaren Land als Wirkungsort vor. Lebt einfach und asketisch. Ein Gewand aus Kamelhaar reicht ihm als Kleidung. Heuschrecken seine Nahrung. Beeindruckend ist dieser Johannes. Ein Charismatiker mit starkem Willen etwas zu verändern. Sein Ziel ist nichts kleineres als eine geistliche Erneuerung seines Volkes, eine Umkehr, eine Sinneswandel, wie man das griechische Wort für Buße metanoia auch übersetzen könnte, ein Wiederbesinnen auf solidarisches Leben. „Ein Ruck muss durch Israel gehen“ hört man ihn sagen. Und ihm nimmt man es ab, denn er selbst lebt seine Botschaft radikal. Er verfolgt seinen Weg und seine Ideen so radikal, dass er schließlich wie Jesus im Gefängnis landet und getötet wird. Faszinierend ist dieser Johannes der Täufer, und gleichzeitig ist er eine Figur, die einem Angst einjagen kann. Radikal ist seine Ruf zur Umkehr. Radikal seine Rede vom zukünftigen Gericht. Radikal seine Fordrungen. Radikal die Konsequenzen. Ganz oder gar nicht scheint seine Devise zu lauten. Und gerade unserer heutiger Predigttext zeigt dies besonders deutlich: Da kommen die Leute zu ihm von nah und fern an den Jordan, wollen sich von ihm taufen lassen, wollen sich auf das nahe bevorstehende Reich Gottes vorbereiten. Und was schleudert ihnen Johannes entgegen? Eine Schlangenbrut seid ihr. Nicht seine Taufe ist das, was die Menschen im nahenden Gericht Gottes bestehen lässt, auch nicht die Zugehörigkeit zu Gottes geliebten Volk Israel ist Ausschlag gebend. Einzig und allein die Taten werden zählen. Und in plastischer und drastischer Rethorik sagt er. Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt; jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. Ein bisschen Umkehr, dass gibt es eben für Johannes den Täufer nicht. Ganz oder gar nicht. Frucht oder Fruchtlos.

Diese Schärfe und Kompromisslosigkeit flößt mir zumindest Angst ein, denn ich habe den Eindruck, dass ich vor Johannes Ansprüchen nie bestehen würde. Und dabei ist es gar nicht so, dass ich Johannes Forderung nach Taten statt Worten, nicht gut finden würde. Geht es ihnen auch so, dass der Wille da ist, sich zu ändern, man dann aber doch an den selbstgestetzten Zielen scheitert. In vielen Gesprächen habe ich den Eindruck gewonnen, dass dies eine ganz allgemeine menschliche Erfahrung ist. Gerne würden wir uns selbst ganz radikal ändern und scheitern doch immer wieder an unserer eigenen Unfähigkeit. Das fängt ja bei ganz kleinen alltäglichen Sachen an.

– Ob das nun der Wunsch ist endlich und für immer das Rauchen aufzuhören.

– Ob das der Wunsch ist sich endlich mal am Riemen zu reißen und in der Schule besser mitzuarbeiten.

– Ob das der Wunsch ist, endlich ein durch und durch ordentlicher Mensch zu werden.

Die Beispiele lassen sich beliebig erweitern. Und schließlich kennen wir auch die großen Wünsche, die der Forderung Johannes des Täufers sehr nahe kommen:

– Der Wunsch die Mitmenschen besser zu verstehen.

– Der Wunsch in der Familie friedvoll miteinander umzugehen.

– Und auch der Wunsch, der Johannes Forderung exakt entspricht, sich stärker für bedürftige Mitmenschen einzusetzen.

Gerade die besinnliche Advents- und Weihnachtszeit ist eine Zeit, in der sogar Menschen, die dem Christentum nicht besonders nahe stehen, diesen Wünschen nachgehen und kleine Schritte in eine neue Richtung tun. Die Zeitungen sind voll mit Spendenaufrufen. Und das Bedürfnis harmonische und konfliktfreie Weihnachtstage zu haben ist übergroß. Aber was wir aus all diesen Willensbekundungen das Leben zu ändern, aus den kleinen Schritten aus unseren großen und kleinen Vorsätzen im Januar des kommenden Jahres? Wir versagen. Wir scheitern. Weil wir diese Erfahrung kennen, dass wir uns ändern wollen und es doch nicht schaffen, deshalb kann die Forderung von Johannes dem Täufer nach einer radikalen Umkehr einem Angst einjagen.

Wie aber können wir diesem Zwiespalt zwischen dem eigenen Wunsch sich zu ändern und der Erfahrung des Scheiterns entrinnen. Ich denke, die Texte, die wir heute gehört haben, der Predigttext und die Schriftlesung, die ja auch im Lukasevangelium steht können uns einige Hinweise geben.

Schritt für Schritt statt große Sprünge, so könnte man den ersten der drei Hinweise betiteln, den uns der Evangelist Lukas gibt.

Auch wenn Johannes sehr radikale Forderungen stellt, so weis er aber auch, dass Gott uns Menschen nicht überfordern möchte. Sicher die erste Forderung, die Johannes stell ist eine sehr hohe Forderung. Was sollen wir denn tun? fragte ihn die Menge, und er antwortete: Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat; und wer zu essen hat, tue ebenso. Wir haben mehr als zwei Hemden und geben doch keines ab. Wir haben mehr als genug zu essen. Wenn es aber ans Spenden gehen soll, dann fängt man doch an zu überlegen, ob die neuen Winterreifen nicht doch wichtiger sind, als die Spende an Brot-für die Welt oder Caritas. Es ist eine sehr hohe Forderung, die Johannes stellt. Aber vielleicht hat Johannes hier nur in dieser Radikalität geantwortet um zu zeigen worum es ihm geht, nämlich darum, dass die Menschen füreinander da sein sollen. Denn betrachtet man die nächsten beiden Forderungen die er stell, dann kommt einem schon der Satz in den Sinn: Das ist machbar, Herr Nachbar. Die Zöllner sollen nicht mehr fordert, als ihnen vorgeschrieben ist! Die Soldaten sollen zwar ihrem Kriegshandwerk nachgehen, aber darüber hinaus niemandem Gewalt oder Unrecht antun und auf Plünderungen verzichten. Heute würde man vielleicht sagen, sie sollen die Genfer Kriegskonventionen einhalten. Was Johannes da ganz am Schluss vorschlägt ist keine Überforderung, sondern die einfache Aufforderung kleine einfache Schritte in die richtige Richtung zu tun. Es geht nicht darum wie viele wir tun es geht nicht darum, wer am weitesten kommt. Es geht darum Unterwegs zu sein.

Gemeinsam statt einsam, so könnte man den zweiten der drei Hinweise betiteln, den uns der Evangelist Lukas gibt. Wer sich ändern will, der hat es in einer Gemeinschaft einfacher. Gemeinsam kann man sich gegenseitig helfen.

Und wenn man sich das Wirken von Johannes des Täufers anschaut, im Lukas Evangelium etwas weiterblättert, dann sieht man, das Johannes nicht nur Menschen getauft hat, sondern sich auch eine kleine Gemeinschaft, eine Clique um ihn herum gebildet hat (5,33). Eine Gemeinschaft, die ich gegenseitig beistand.

Ich denke, es ist wichtig, sich Gleichgesinnte zu suchen, wenn wir uns ändern wollen. Es tut gut jemanden an seiner Seite zu wissen. Es tut gut jemanden zu haben, dem man von ersten Erfolgen und von Schwierigkeiten berichten kann. Es tut gut zu wissen, dass es anderen gleich geht wie mir. Es tut gut jemanden zu haben, der einem immer wieder Mut zuspricht. Das hört sich jetzt vielleicht ein bisschen nach Selbsthilfegruppe an. Aber ich denke, wenn wir die Jünger des Johannes, oder auch Jesu Jünger heute fragen könnten, warum sie sich dieser Gruppe angeschlossen haben, dann hätten sie ebenso gut mit diesen Worten antworten können. Auch wir sitzen heute und hier gemeinsam in der Kirche, und ich denke, dass es ein ganz wichtiger Aspekt des Gottesdienstes ist, dass wir uns Sonntag für Sonntag immer wieder Zeit nehmen, und uns gegenseitig bestärken und bekräftigende, den Weg der Nachfolge Jesu zugehen.

Gott kehrt sich um, damit wir uns zu ihm umkehren können, so könnte man den letzten der drei Hinweise betiteln, den uns der Evangelist Lukas gibt. Vielleicht werden sie jetzt sagen, wo ist den in unserem heutigen Predigttext davon die Rede, dass Gott sich zu uns umkehrt. Sicher, von der Ankunft Gottes redet Johannes, aber diese Ankunft ist doch verbunden mit dem Gericht und nicht mit einer Hinwendung Gottes zu den Menschen. Ich will ihren Blick noch einmal auf einen Text lenken, den wir zu Beginn des Gottesdienstes gehört haben. Die Schriftlesung die von der Umkehr des Zöllners Zachäus erzählt. Sie steht in ganz enger Beziehung mit unserem Predigttext. Und man kann diese Geschichte wie eine Beispielgeschichte lesen. „Best-practice“ heißt heute so etwas in Managementsprache. Das Unternehmen Umkehr, so funktioniert es:

Da steht er der reiche Zöllner Zachäus: Schlangenbrut, würde Johannes vielleicht sagen. Abzocker denken sich die Menschen leise, wenn sie an ihm vorbeigehen. Was sein Herz bewegt. Der Text verrät es uns nicht. Aber vielleicht ist die Saat der Umkehr schon in ihm gesät. Vielleicht denkt erschon, so kann es doch nicht mit mir weiter gehen. Vielleicht aber ist es auch die reine Neugierde, die ihn dazu bewegt sein Posten bei der Ankunft Jesu zu verlassen. Was nun bei diesem Einzug in Jericho passiert ist für alle Beteiligten eine Überraschung: Völlig unerwartet läd Jesus sich bei Zachäus ein. Beim obersten Zollpächter. Beim Abzocker, bei der Schlangenbrut, bei dem, der im Augen der Anderen ein Sünder ist und seine menschliche Existenz durch seine Habsucht völlig verfehlt. Der Gescheiterte. Und Jesus, er kommt völlig bedingungslos. Es ist ihm egal, ob er ein guter Mensch ist, oder nicht. Da ist nicht die Rede davon, dass Zachäus erst sein Hab und Gut verteilen soll und Jesus dann zu ihm kommt. Nein, trotz all seiner Unzulänglichkeit, trotz der Gewalt, die er anderen Menschen sicher angetan hat, kommt er zu ihm und sagt Zachäus, komm schnell herunter! Denn ich muss heute in deinem Haus Gast sein.

Und Zachäus kehrt um.

Und Jesu überraschende und bedingungslose Hinwendung zu ihm ist der Grund dafür. Was aber für Zachäus in der Erzählung die überraschende und persönliche Zuwendung Jesu ist, das ist für uns das Weihnachtsfest. An Weihnachten feiern wir, dass Gott uns in unserer tiefste Unzulänglichkeit, in all unserem Scheitern aufsuchen will, um uns die Möglichkeit zu Geben uns zu ändern, um uns und die Welt zu retten.

Genau darauf wollen wir uns vorbereiten und darüber wollen wir uns freuen in dieser trubeligen Adventszeit.

drucken