Wenn es nicht mehr weitergeht

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder.

Mit solch einer Predigt kann man sich eigentlich keine Freunde schaffen. Wer lässt sich schon gerne öffentlich und lautstark als Schlangenbrut beschimpfen. Das entspricht keiner heute gültigen Predigtlehre, wo seelsorgerliche, situationsbezogene, ansprechende, kommunikative Verkündigung empfohlen wird. Der Hörer soll abgeholt werden, er soll sich verstanden und in seiner Situation angesprochen fühlen.

Also fragen sie sich ruhig, ob sie sich heute am Morgen des dritten Advents verstanden fühlen, ob es das ist, was sie sich erhofft haben, als sie beschlossen, diesen dritten Advent mit einem Gottesdienst zu begehen. Ich vermute eher nicht.

Sie werden eher auf eine vorweihnachtliche Einstimmung gehofft haben: alte vertraute Adventslieder, die nicht mehr an vielen Orten gesungen werden, biblische Texte, die unserer Sehnsucht nach einer heilen Welt neue Nahrung geben, warmes Licht, dass in unsere kalten Tage fällt und sie in einem freundlicheren Licht erscheinen lässt.

Und dann diese Predigt gegen die falsche Sicherheit der Abrahamskinder und anderer und gegen alle Selbstverständlichkeiten des Lebens, auf die immer Verlass war. Dann diese Publikumsbeschimpfung.

Aber Johannes steht damit in einer guten, alten Tradition. Immer wieder wurden Menschen ergriffen von einem heiligen Eifer, der sie nicht nach dem Munde der Zuhörer reden ließ, der auch um heiße Eisen keinen Bogen machte. Entscheidend war nur, dass Gott zur Sprache kam, mit seinem Zuspruch und mit seinem Anspruch. Darin steht Johannes in guter prophetischer Tradition auf gleicher Höhe mit Amos und Micha, mit Jesaja und Jeremia, denen es genauso erging, dass ihnen „das Wort geschah“ und sie nicht anders reden konnten, als sie es dann taten.

Johannes war in der Wüste, als es ihm so erging und das war mit Sicherheit kein Zufall. Durch die Wüste musste das Volk Israel ziehen, als es aus der Knechtschaft in Ägypten befreit auf dem Weg ins gelobte Land war. Durch die Wüste sieht Jesaja den Weg Gottes zu seinem Volk. In der Wüste wird sich später Jesus auf seinen Weg vorbereiten.

Womöglich sind Wüsten besondere Orte, aus denen besondere Kräfte zuwachsen können. Womöglich muss auch unser Reden und Predigen noch tiefer aus der Wüste kommen; aus den Wüsten der Entbehrungen und Nöte, damit sie wieder vollmächtiger werden.

Womöglich sind auch wir Christen mittlerweile zu satt und zu zufrieden, als dass unser Predigen aufrüttelt, in den Bann zieht und an den Verhältnissen etwas ändert. Denn eins muss man Johannes lassen: Erfolgreich ist sein Auftreten. Er muss mit seiner Botschaft, dass es so nicht weitergehen kann, den Nerv der Zeit getroffen haben als er anprangerte: Mit der Macht der Besatzer und der Gewalt der Starken konnte es so nicht weitergehen. Mit der sozialen Schieflage, dass Reiche immer Reicher und Arme immer ärmer wurden, konnte so nicht weitergehen. Mit der religiösen Selbstzufriedenheit, die sich am äußeren Prunk und Ritual orientiert, aber nichts mehr erwartet, die Gott beim Namen nennt, ihn aber gar nicht meint oder ernstnimmt, konnte es so nicht weitergehen. Die Axt ist jetzt schon an die Wurzel gelegt, der Baum wird abgehauen. Nein, so kann es auch heute nicht weitergehen.

Es kann nicht sein, dass sich in dieser Welt nur der Starke durchsetzt. Es kann nicht sein, dass die Schere zwischen arm und reich immer größer wird. Es kann nicht sein, dass jedes zweite Kind auf dieser Welt in Armut lebt. Es kann nicht sein, dass global unsere Luft verpestet und die Wälder verschmutzt und die Äcker vergiftet werden und einige meinen, es ginge sie nichts an, weil sie die Größeren und Stärkeren sind. Es kann nicht sein, dass mehr Geld für Waffen als für Wasserprojekte ausgegeben werden. Das kann und darf alles nicht sein. Es darf nicht zur Selbstverständlichkeit werden, dass die Dinge nun mal so sind, wie sie sind. Es kann nicht sein, dass wir in zerrütteten Beziehungen, mit unheilbaren Krankheiten und dem schlimmen, bösen Tod leben ohne Aussicht auf Besserung.

Damals ist allen ein Licht aufgegangen. Johannes predigte die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden. Johannes predigte und meinte den Kurswechsel. Es reicht nicht zu sagen, wir machen nicht alles anders, sondern nur besser. Wenn es so nicht weitergehen kann, muss es anders werden.

Das leuchtete ein und die Menschen kamen, jedenfalls die, die nichts mehr zu verlieren hatten: die Zöllner und die Soldaten und die Mengen des einfachen Volkes. Sie kamen und ließen sich taufen. Sie gaben ihrem Leben eine neue Richtung. Sie taten Buße.

Es gibt im Leben heilsame Wendepunkte. Erlebnisse, Erfahrungen, Begegnungen, Schicksalsschläge, Glücksmomente, die meinem Leben eine andere Richtung geben. Es gibt Sackgassen im Leben, in denen kann ich mich nicht einrichten; aus denen komme ich nur heraus, wenn ich das Steuer rumreiße. Es gibt Konstellationen, da kann ich den Teufelskreislauf von Schuld und Versagen, unter dem alle leiden, nur durchbrechen, in dem ich breche mit den alten Verhältnissen.

Buße und Umkehr, das sind Richtungsveränderungen, die ich vornehme oder die über mich hereinbrechen. Buße und Umkehr, das ist etwas ganz persönliches und zugleich hochpolitisches.

Aber es braucht noch mehr als nur die Bereitschaft es anders zu machen. Dieses „ab morgen wird alles anders“ ist oft genug schon gescheitert. Es braucht eine Vision, ein Ziel, einen Traum. Es braucht die Fähigkeit, nicht nur an der Vergangenheit zu hängen, sondern auch die Zukunft zu erwarten. Aus der Wüste komme ich nur heraus, wenn ich das gelobte Land nicht aus den Augen verliere.

„Bereitet dem Herrn den Weg und macht seine Steige eben. Alle Täler sollen erhöht werden und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden; und was krumm ist soll gerade werden, und was uneben ist, soll eben werden. Und alle Menschen werden den Heiland Gottes sehen.“

Johannes konnte mit den Worten des Propheten Jesaja diese alte Sehnsucht wieder wecken, dass Gott aufbricht, um die Verhältnisse zu ändern. Für mich ist es das erstaunlichste, dass Johannes auf die Frage ,was denn nun zu tun sei, nicht mehr als das Machbare vorschlägt: Zöllner sollen nicht mehr fordern als erlaubt und Soldaten sollen nicht rauben und sich mit ihrem Sold zufrieden geben.

Vielleicht fällt Umkehr oft so schwer, weil wir das Unmögliche fordern, statt gerade dieses von Gott zu erwarten: er wird die Verhältnisse radikal ändern. Wir dürfen das Naheliegende tun. Die Vision vom Reich Gott kann eine ungeheure und erstaunliche Tatkraft entwickeln – allerdings nur, wenn ich nicht alles auf einmal will.

Brot für die Welt kann nicht global das Problem der Armut und Ungerechtigkeit lösen, aber es kann vielen Menschen eine Lebensgrundlage sichern. Aktion Sühnezeichen kann nicht alle Kriege und Konflikte verhindern, aber an vielen Orten Versöhnung stiften. Eine Suppenküche schafft nicht die Armut ab, aber stillt Hunger. Ein Gebet hebt nicht die Welt aus den Angeln, legt aber Gott einen Menschen aufs Herz. So wird aber dem großen Ziel der Weg bereitet: Bereitet dem Herrn den Weg und alle Menschen werden den Heiland des Herrn sehen. Und das ist nichts anderes als wahrhaft adventlich leben und hoffen.

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