Veränderung erwarten

<i>[Anregungen zur Predigt wurden aus <a href="http://www.e-pistel.de" target="_blank">www.e-pistel.de</a> entnommen.</i>]

Liebe Gemeinde!

Was heißt Advent? Unter dieser Frage hat die Frauenhilfe am 1. Advent unsere gegenwärtige Situation im Lichte des ersten Buchstabens von Advent „Ankunft Gottes“ gesehen. Am zweiten Advent habe ich den zweiten Buchstaben „D“ ausgelegt als „durchhalten“, nicht im Sinne einer moralischen Aufforderung alle Kräfte zu sammeln für eine große Anstrengung, sozusagen ein letzter Appell, sondern „durchhalten“ verstanden als das adventliche Kennzeichen für die christliche Gemeinde, nämlich die Hoffnung durchhalten: „Die Herren dieser Welt kommen und gehen, aber unser Herr kommt!“ Nun geht es heute am dritten Advent um die Buchstaben „V und E“ aus dem Wort Advent. Ich will sie buchstabieren als „Veränderung erwarten“.

Doch hören wir zunächst den Predigttext aus dem Lukasevangelium:

[TEXT]

<b>1. Veränderung erwarten durch Publikumsbeschimpfung?</b>

Es erstaunt mich, dass Sie nicht aufstehen! Sich nicht entrüsten! Lassen Sie sich es ansonst auch gefallen als „Schlangenbrut“ oder „Otterngezücht“ beschimpft zu werden? Es erstaunt mich schon, dass Sie so ruhig bleiben! Liegt es daran, dass Sie gelernt haben, einfach wegzuhören, wenn es unangenehm oder zu direkt fordernd wird? Liegt es daran, dass Sie sich beruhigen, dass meint nicht mich, sondern den anderen: z.B. die da oben in Politik und Wirtschaft? Denen gilt diese Publikumsbeschimpfung. Denen soll’s der Prediger einmal so richtig geben!

Aber was hilft solche Verunglimpfung? Bewirkt sie Besserung? Führt sie zu einer wirklichen Veränderung im Alltag?

Eins ist sicher, Johannes ist nicht gerade das, was man einen angenehmen Zeitgenossen nennt. Wenn ich seine Rede höre, stelle ich mir eher einen ruppigen und knorrigen Typ vor, der kein Blatt vor den Mund nimmt und die Menschen einschüchtern kann. Mich erinnert er an einen Aussteiger, einen Öko-Freak, der sich alternativ von wildem Honig und Heuschrecken ernährt. So gesehen ist es dann einfach und bequem ihn als Spinner abzutun.

Doch nun steht seine Publikumsbeschimpfung schwarz auf weiß im Evangelium. Sie lässt sich nicht übersehen und –hören. Also gibt es immer wieder Versuche ihr die Schärfe zu nehmen. Er ist doch nur der letzte in der Reihe der großen Propheten, die an die soziale Verantwortung appellierten. Doch Geld regierte die Welt – damals wie heute. Geld setzt die moralischen Maßstäbe. Und daran wird sich nichts ändern.

Er ist doch nur der Vorläufer Jesu. Wie Licht und Schatten verhalten sich beide. Wo Johannes fastet, da feiert Jesus, so dass man ihn einen „Fresser und Weinsäufer“ nennt. Wo Johannes die Rettung durch moralische Aufrüstung predigt, da verkündigt Jesus die bedingungslose Gnade den Unmoralischen, wie z.B. der Frau, die im Hause des Pharisäers Simon, die ihm die Füße mit ihren Tränen wäscht und küsst. Wo Johannes an die eigene Moral appelliert, da setzt Jesus auf Vertrauen ohne Vorbedingung, wenn er Menschen zuruft: „Folge mir nach!“ Wo Johannes den Zorn Gottes predigt, ja die Axt ist schon an die Wurzel gelegt, da trägt Jesus den Zorn, lässt sich richten, ja hinrichten, um so zum gnädigen Richter der Welt zu werden.

<b>2. Veränderung erwarten durch Zuwendung</b>

Und dennoch stecken hinter den Worten des Johannes die gleiche Liebe und Barmherzigkeit, die Jesus später so unnachahmlich artikulierte. Lukas, der uns diesen Predigttext überliefert hat, weiß das. Deshalb bringt er das Auftreten des Johannes in Verbindung mit einer alten prophetischen Weissagung, die für die Menschen damals und uns heute in der Adventszeit von großer Bedeutung ist: "Alle Menschen werden den Heiland Gottes sehen."(V.6) Nur darum geht es, nur diese Zusage ist die eigentliche Botschaft, die Johannes in seiner Person verkörpert. Mit ihm kündigt sich eine Zeitenwende an.

Johannes hatte einen Auftrag auszuführen. Er hatte den Menschen etwas zu sagen, nämlich: Lasst ab von dem Leben, wie ihr es bisher gekannt habt und stellt euch auf etwas völlig Neues ein. Es kommt jemand, der die Welt verändern wird. Und ihr werdet diese Veränderung zu spüren bekommen.

Auch wir leben in einer Zeit, in der wir etwas erwarten: das Weihnachtsfest. Und auch wir bekommen das zu spüren, dass dieses Fest unseren Alltag in den letzten Tagen und Wochen verändert. Wir besorgen Geschenke, tummeln uns auf Weihnachtsmärkten herum, die Häuser werden mit Lichterketten geschmückt, in den Kaufhäusern gibt es Weihnachtslieder, die Werbeindustrie läuft auf Hochtouren, man erhält mehr Post als üblich und so manch einer hat schon einen Weihnachtsbaum besorgt. Die einen können es kaum erwarten, bis es endlich soweit ist, die anderen werden froh sein, wenn der ganze Rummel wieder vorbei ist. So oder so: diese Zeit ist eine andere als der Rest des Jahres und wirft ihre Schatten voraus.

Selbstverständlich geht es in dieser Zeit nicht nur ums Feiern und Geschäftemachen. Für uns ChristInnen beginnt mit der Geburt Jesu eine neue Zeitrechnung, sie markiert einen Wendepunkt, nicht nur in der Weltgeschichte, sondern auch in unserem Leben. Mit Jesus hat sich Gott ein für allemal und mit allen Konsequenzen auf unsere Seite gestellt. Kein wissenschaftlicher Fortschritt, keine gesellschaftliche Neuorientierung, kein wirtschaftlicher Aufschwung kann uns so viel Hoffnung geben, wie diese Zuwendung Gottes zu uns Menschen. Gott ist mit dieser Welt noch nicht fertig! Und die Adventszeit bietet die Chance, diese unerwartete Zuwendung für uns neu zu entdecken.

Daran erinnert also Johannes. Die Zukunft, mit der Gott auf uns zukommt, prägt unseren Alltag schon jetzt. Darum hat er die Menschen dazu aufgefordert, ihre Taufe auch in ihrem Leben sichtbar werden zu lassen. Daher sind seine Aufforderungen nichts anderes als Konkretisierungen des Gebotes der Nächstenliebe. Wenn er vom Teilen elementarer Güter wie Kleidung und Speise mit dem Nächsten spricht, wenn er auffordert den Erwerb von Vermögen eben nicht auf Kosten der Nächsten zu erlangen, wenn er dazu auffordert, sich mit seinem Sold zu begnügen, dann geht es ihm beispielhaft darum, was Dietrich Bonhoeffer als „Tun des Gerechten“ beschrieben hat.

Noch einmal, was Johannes also deutlich machen wollte, war, dass die Liebe Gottes zu uns Menschen nicht folgenlos für unsere Mitmenschen bleiben kann. Die Welt soll zu spüren bekommen, dass sich etwas ändert!

So ist die Weissagung des Propheten Jesaja zugleich auch eine Aufgabe: "Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden; und was krumm ist, soll gerade werden, und was uneben ist, soll ebener Weg werden." Will heißen: Die Liebe Gottes macht keine Unterschiede. Sie gilt allen gleichermaßen. Wer aus der Erwartung dieser Zuwendung lebt, wird sensibler, feinfühliger im Umgang mit seinen Mitmenschen. Johannes macht darauf eindringlich aufmerksam: Jede/r hat die Möglichkeit, in seinem Umfeld die Welt ein wenig gerechter zugestalten. In einem neuen Adventslied (Gottfried Neubert 1977) heißt es:

Singt von Liebe in der Welt

dort, wo Menschen hassen,

wo auf Macht, Besitz und Geld

alle sich verlassen,

wollen wir in allem Tun

uns auf Christus gründen.

Singt von Liebe in der Welt,

lasst von ihr uns künden!

Singet fröhlich im Advent,

preiset Gottes Taten!

Keine Macht von Ihm uns trennt,

nichts kann uns mehr schaden!

Hell strahlt seiner Liebe Glanz

über Raum und Zeiten.

Lasst uns fröhlich im Advent

Ihm den Weg bereiten!

drucken