Johannes räumt auf!

Liebe Gemeinde,

kennen Sie das? Seit Tagen schon plagt mich dieser unerklärliche Drang zum Aufräumen. Gerade vor Weihnachten häuft sich so manches an. Der Schreibtisch wird immer voller. Der Stapel mit dem zu Erledigendem wird immer höher und wenn er eine gewisse Höhe übersteigt, dann werde ich ziemlich unzufrieden. Jetzt muss endlich einmal wieder Ordnung gemacht werden. Und auch im Keller oder Speicher gäbe es so vieles zu tun. So kurz vor Weihnachten will ich´s einfach einigermaßen ordentlich und aufgeräumt haben. Manchen von Ihnen geht es da ähnlich. Die Hausfrauen rücken der Wohnung mit allerlei Putzgeräten zuleibe. Mancher hat sich vielleicht sogar an eine bestimmte Ecke seines Hauses gewagt, die es besonders nötig hat: Da ist der Dachboden, auf dem so viel Gerümpel lagert, die Garage, in der sich die alten Kartons oder Obststeigen stapeln, der Keller, in dem noch so manches steht, was wir doch nie mehr gebrauchen können… Und auch hier haben wir gesagt oder wenigstens gedacht: Das muss einfach einmal sein – und am besten noch vor den Weihnachtstagen!

Zu Weihnachten will man´s alles in Ordnung haben.

Um´s „Ordnung machen" geht es auch Johannes, dem Täufer. Mit schneidender Schärfe führt es den Menschen vor Augen, wo ihr Leben in Unordnung geraten ist. Mit aller Deutlichkeit sagt er den Leuten, wo es nicht stimmt in ihrer Beziehung zu Gott und welche katastophalen Folgen das für sie haben wird.

„Ihr Schlangenbrut", herrscht er die zu ihm Kommenden an ,,wer hat denn euch gewiss gemacht, dass ihr dem künftigen Zorngericht entrinnen werdet? Seht zu, bringt rechtschaffene Früchte der Buße;" Doch merkwürdigerweise strömen die Leute in Scharen, trotz seiner harten Worte. Es geht eine geheimnisvolle Anziehungskraft von diesem Mann aus. Was ist das für ein Mann?

Einsam lebt er in der Wüste. Von Heuschrecken und wildem Honig ernährt er sich. Er trägt ein Gewand aus Kamelhaaren. Mit Feuereifer predigt er dem Volk. Einfach und klar sind seine Worte: ,,Die Ankunft des Messias steht kurz bevor. Tut Buße! Macht euch bereit für sein Kommen!" Jesus hat einmal von ihm gesagt, dass unter allen, die von einer Frau geboren sind, keiner aufgetreten ist, der größer ist als Johannes der Täufer; er ist mehr als ein Prophet. (vgl. Mt 11,11) Johannes steht an der Schwelle vom Alten zum Neuen Testament. Als Vorläufer und Wegbereiter Jesu ruft er das Volk zur Umkehr von ihren gottlosen Wegen. Und wenn Sie heute morgen eine „simmungsvolle" Adventspredigt im Kerzenschein erwartet haben, dann muss ich Sie leider ent- täuschen. Mit Johannes ist das nicht zu machen.

Die Gestalt Johannes des Täufers will nicht so recht in unsere stimmungsvolle Vorweihnachtszeit passen. Er passt nicht zu unserem ,,Kling Glöckchen, klingelingeling". Er sperrt sich gegen unser weihnachtliches Harmoniebedürfnis. Er ist ein unbequemer Geselle. Er ist der letzte Platzhalter für das eigentliche Anliegen der Adventszeit, zur Buße, zur Umkehr zu Gott zu rufen. In unsere weihnachtliche Geschäftigkeit hinein erhebt er seine Stimme: ,,Bereitet den Weg des Herrn! Erwartet das Kommen des Christus und richtet euer Leben danach aus."

Doch worauf bereiten wir uns vor?

Was erwarten wir noch von Weihnachten? Weihnachtsgeld, Besuch von Oma und Opa, Geschenke, Festessen, Familienidylle, Schnee, einen schön geschmückten Christbaum. Alles schön und gut, aber ist das die Hauptsache an Weihnachten? Mitten in unserer weihnachtlichen Gefühlsduselei trifft uns die Botschaft des Täufers und stellt uns in Frage. Richten wir unserer Leben wirklich nach der Weihnachtsbotschaft aus? Hat das Kommen Gottes in diese Welt überhaupt noch praktische Konsquenzen für unseren Lebensalltag? Wo müssten wir Ordnung machen in unserem Leben?

Ich weiß, Aufräumen ist anstrengend. Und wer lässt sich schon gerne sagen, dass sein Lebenshaus gehörig in Unordnung geraten ist. Wer lässt sich schon gerne auf die dunkeln und schmutzigen Stellen seines Lebens ansprechen? Doch ich denke, wir haben ihn nötig, den Bußprediger Johannes, auf unserem Weg zum Weihnachtsfest. Wir tun gut daran, auf ihn zu hören, wollen wir nicht ein völlig oberflächliches und seichtes Weihnachtsfest feiern. Ab und zu brauchen das auch gestandene Christen, dass sie „zur Ordnung gerufen werden". Und sage ja keiner, er habe schon alles aufgeräumt in seinem Lebenshaus. Gewiss gibt es bei jedem etwas anderes zu tun, aber in jedem Herzen gibt es die Schmutzecken, die unaufgeräumten Keller, die verstaubten Dachböden …

Was liegt und steht da nicht alles herum!? Da hat sich Trägheit und Gleichgültigkeit gegenüber der Schwester und dem Bruder, gegenüber der Gemeinde eingeschlichen. Die Liebe Gottes ist mir so selbstverständlich geworden, dass ich das Staunen darüber verlernt habe. Mein Christsein ist lau und lasch geworden.

Da bin ich von einem anderen tief verletzt worden und w i l l nicht vergeben. Wie eine bittere Wurzel durchzieht die Unversöhnlichkeit mein ganzes Inneres. Schon seit Jahren trage ich eine Schuld mit mir herum, die mich nicht zur Ruhe kommen lässt. Was schlecht war, was böse und gemein war, lässt sich nicht einfach unter den Teppich kehren.

Jeder von uns weiß selbst am besten, was er/sie in Ordnung zu bringen hätte. Und hier lässt Johannes nicht locker. Hier mahnt uns der Täufer, das Aufräumen nicht zu vergessen. Auch im Leben eines Christen ist immer wieder einmal Großputz angesagt. Schonungslos konfrontiert uns mit der Wahrheit. Er sagt uns nicht "Ihr könnt so bleiben wie ihr seid. Irgendwie kommt ihr schon durch." Nein, unmissverständlich fordert er uns auf: ,,Ändert Euch! Kehrt um zu Gott! Bringt rechtschaffene Früchte der Buße!" Gnadenlos legt er den Finger auf die dunklen Stellen unseres Lebens und zerrt ans Licht, was wir so gerne im Verborgenen gehalten hätten.

Warum diese Härte? Warum diese Strenge und Unerbittlichkeit? Um uns zu öffnen und bereit zu machen für das Kommen Gottes. So dass wir bitten: "Komm in mein Leben, Gott, und verändere mich." Mitten in der besinnlichen Zeit des Jahres ruft uns Johannes zur Besinnung. Wenn wir erkennen, ,,so wie ich bin, kann ich vor Gott nicht bestehen", dann hat Johannes sein Ziel erreicht. Wenn wir einsehen, wie nötig wir Gott haben und uns nach einer Begegnung mit ihm ausstrecken, dann hat Johannes seine Aufgabe erfüllt. Denn das ist Buße. Zu erkennen »Herr ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach. Aber sprich du nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.« Nur wer begriffen hat, dass er Gott braucht, ist bereit, zu Gott umzukehren. Nur wer begriffen hat, wie nötig er Gott hat, ist bereit sich zu verändern, um in der Unordnung seines Lebens nicht zu versinken.

Diese Umkehr unseres Herzens zu Gott ist die wahre Vorbereitung auf das Kommen Jesu Christi. Wo wir von ganzem Herzen sagen: „Herr, ich brauche Dich!", da wird Gott uns nicht enttäuschen. Vielleicht ergeht es dann ja so, wie jenem Mann, der »erfuhr, dass Gott zu ihm kommen wollte. "Zu mir?" schrie er. "In mein Haus?" Er rannte durch alle Zimmer, er lief die Stiegen auf und ab, er kletterte zum Dachboden hinauf, er stieg in den Keller hinunter. Er sah sein Haus mit anderen Augen. "Unmöglich!" schrie er. "In diesem Sauhaufen kann man keinen Besuch empfangen. Alles verdreckt. Alles voller Gerümpel. Kein Platz zum Ausruhen. Keine Luft zum Atmen." "Brüder! Freunde!" rief er. "Helft mir aufräumen – irgendeiner! Aber schnell!" Er begann, sein Haus zu kehren. Durch dicke Staubwolken sah er, dass ihm einer zu Hilfe gekommen war. Sie schleppten das Gerümpel vors Haus, schlugen es klein und verbrannten es. Sie schrubbten Stiegen und Böden. Sie brauchten viele Kübel Wasser, um die Fenster zu putzen. Und immer noch klebte der Dreck an allen Ecken und Enden. "Das schaffen wir nie!" schnaufte der Mann. "Das schaffen wir!" sagte der andere. Sie plagten sich den ganzen Tag. Als es Abend geworden war, gingen sie in die Küche und deckten den Tisch. "So", sagte der Mann, "jetzt kann er kommen, mein Besuch! Jetzt kann Gott kommen. Wo er nur bleibt?" "Aber ich bin ja da!" sagte der andere und setzte sich an den Tisch. "Komm und iss mit mir!"« (Lene Mayer-Skumanz: Jetzt kann Gott kommen, in: Erzählbuch zur Weihnachtszeit, Verlag E. Kaufmann – 1986, S. 19f.)

"Aber ich bin ja da!" sagte der andere und setzte sich an den Tisch. "Komm und iss mit mir!" Gott kommt nicht erst dann zu mir, wenn ich alles blitzeblank geputzt habe. Nein, unerkannt steht er längst schon neben mir. "Du, ich helfe Dir!" sagt er mir zu. Gott packt mit an. Er hilft mir aufräumen. Ich würde das ohne seine Hilfe sowieso nicht schaffen. Er kommt zu mir in den Schmutz und Dreck meines Lebens hinein. Er vergibt mir, wo ich an ihm und an meinen Mitmenschen schuldig geworden bin. Wo ich versagt habe, darf ich wieder neu anfangen. Gott hilft mir Ordnung in mein Lebenshaus zu bringen. Von oben bis unten entrümpeln wir das Haus. Alles was seinem Einzug bei mir im Wege steht, fliegt raus. Rechthaberei und Unversöhnlichkeit fliegen da ebenso im hohen Bogen auf die Müllhalde wie üble Nachrede und Geiz. Der Staub der Mutlosigkeit wird zum Fenster hinausgeschüttelt und ich gewinne wieder Hoffnung.

Wie gut das doch tut, wenn wir den Schmutz und das Gerümpel loswerden können, das uns so beschwert und das Leben unerträglich macht. In Jesus Christus will Gott in die Unordnung meines Lebens hineinkommen. Er lässt mich meinem Chaos nicht allein. Er hilft mir aufräumen.

Übersetzen wir die alten Worte Umkehr und Buße einmal mit Hausputz, dann beginnen sie wieder zu sprechen. Denn nichts anderes ist mit Buße und Umkehr gemeint, als dass wir unser Leben vor Gott in Ordnung bringen. So kann uns der Hausputz, den manche Frauen vor Weihnachten veranstalten, zu einem vielsagenden Gleichnis werden. Was muss da nicht alles geschrubbt und geputzt werden. Bis in die letzten Winkel. Damit auch ja an Weihnachten, wenn der Besuch kommt, alles sauber ist. Aber bleiben wir dabei nicht stehen! Viel wichtiger ist es, dass wir auch die Schmutzecken unsere Seele räumen und reinigen. Schaffen wir weg, was seine Ankunft dort stört! Nutzen wir die noch verbleibende Adventszeit, in der uns doch ohnedies nach Putzen und Ordnung ist. Machen wir’s in unserem Inneren schön für unsern Herrn! Lassen Sie uns mit ebenso großer Energie daran gehen, uns auf das Kommen Jesu Christi vorzubereiten wie wir unsere Wohnung schön machen für das Weihnachtsfest. Christus will unser ganzes Lebenshaus in Besitz nehmen. Nicht nur das schön geschmückte Weihnachtszimmer – einen Abend lang. Nein Christus will bei uns einziehen, um bei uns zu wohnen. Das ganze Jahr.

„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, dass der König der Ehre einziehe."

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