Ein neuer Blick auf die Zukunft

Liebe Gemeinde,

„das kannste vergessen, wenn dir kein besserer Einstieg einfällt, lockt deine Gescichte niemandem hinter dem Ofen hervor“, so hätte wohl ein Chefredakteur den Evangelisten beschimpft, wenn er unseren heutiger Predigttext in eine Zeitungsredaktion gebracht hätte. Das Langweiligste, historische Zeitangaben und Zitate alter Schiften, steht am Anfang und erst am Schluss wird es einigermaßen lebendig und spannend. Da hat ein Prediger in der Wüste eine Menge Zulauf, obwohl er die Leute ganz schön hart rannimmt und sogar beschimpft:

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Vielleicht empfinden Sie es ja auch so: „Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat; und wer zu essen hat, der tue ebenso“, das ist eine Aufforderung, die eigentlich zeitlos ist. Warum also diese langen historischen Ausführungen, die der Evangelist hier macht? „Das öffnet Zeitfenster“, sagen die Historiker und stürzen sich auf Paralleltexte aus dem Umfeld, zum Beispiel von Flavius Josephus, dem jüdisch-römischen Geschichtsschreiber. Dem Lukas sei es darum gegangen, zu demonstrieren, dass Johannes eine historische Person war, sagen die Theologieprofessoren. Aber vielleicht will er ja einfach, dass seine Zuhörder sich erinnern: Damals, vor rund 90 Jahren, als Tiberius Kaiser war und Pilatus Statthalter, das war die Zeit, in der Jesus erwachsen war. Und richtig, dieser Johannes war ja mit ihm verwandt und nur ein paar Wochen älter als er. Maria hat doch damals ihre Kusine Elisabeth besucht und beide waren schwanger… Elisabeth aber war mit Zacharias verheiratet, der hier als Vater von Johannes angegeben wird. Ob Johannes wirklich gewusst hat, wem er da den Weg bereiten soll – seinem eigenen Vetter? Die christliche Deutung will es so: Johannes sah sich als Wegbereiter Jesu Christi, er habe ganz gezielt in seiner Rede die Stelle aus Jesaja 40 zitiert:

(Jesaja 40,3-5): »Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn und macht seine Steige eben! 5 Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden; und was krumm ist, soll gerade werden, und was uneben ist, soll ebener Weg werden. 6 Und alle Menschen werden den Heiland Gottes sehen.«

Hat Johannes damit bereits wissend sich selbst und seinen Verwandten gemeint? Ich denke, ihm gingen die Augen erst wirklich auf, als unter denen, die da zur Taufe an den Jordan kamen, sein Verwandter Jesus war und er den Himmel über ihm offen sah. Alles, was vorher war, ist prophetische Rede. Nach dem 2. Weltkrieg, im Jahr 1947, wurden am Toten Meer Schriftrollen gefunden, die aus der Zeit Jesu stammen und in denen genau dieser Jesaja-Text wiedergegeben ist. Es sind Zeugnisse der Essener-Bewegung, zu der, so nimmt man an, auch der Täufer Johannes gehörte. Wahrscheinlich hat er selbst diese Schriftrollen benutzt. Das hat die Phantasie von Sachbuch- und Romanautoren angeregt. Auch Jesus habe zu dieser Sekte gehört, die ein Wasch-Ritual zur immer wieder nötigen Reinigung von den Sünden entwickelt hatte, wird da in einem Roman spekuliert, und erst nachdem er sich mit der Sekte überworfen hatte, sei er an die Öffentlichkeit gegangen.

Ist das wahr? Wir wissen es nicht, weder in der Bibel noch bei den römischen Chronisten steht etwas davon, während Johannes tatsächlich erwähnt ist. Ist es wichtig? Wichtig ist nur, dass Johannes die Menschen zur Umkehr aufrief und ihnen vor Augen führte, dass der "Heiland Gottes", der Messias, im Kommen war. Wichtig ist, dass Johannes der Verkündiger einer Zeitenwende ist. Nach ihm kam kein Prophet mehr, ihm folgt der Herr selbst unmittelbar in nächster zeitlicher und räumlicher Nähe.

Die Taufe des Johannes ist eine »Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden«, d.h. mit seiner Taufe bekennt sich der Täufling zu seiner Sünde und bittet Gott um Vergebung, die ihm mit dem Vollzug der Taufe zugesprochen wird. Sünde bedeutet grundsätzlich Abkehr des Herzens von Gott. Die Einmaligkeit der Taufe wurzelt in dieser Praxis – aber auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes konnte Johannes noch nicht taufen, Jesus hatte seine Liebestat für uns alle noch nicht vollbracht. Heute wissen wir, dass wir einzig dadurch reingewaschen sind von allen Sünden.

Dennoch ist auch die Johannes-Taufe wesentlich. Die Voraussetzungen macht er nämlich so den Menschen deutlich, dass sie genau wissen, was es bedeutet, dem Herrn den Weg zu bereiten: "Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat". Allein dieser Satz hat mich erschrecken lassen vor meinem vollen Kleiderschrank. Er bedeutet ja nicht, es genüge, was ich wirklich nicht mehr anziehen mag, zum Spangenberg-Werk zu geben, sondern ich bin aufgerufen, meinen Besitz zu halbieren. Radikal. Zur Vorweihnachtszeit heute eine ungeheuerliche Provokation, der Aufruf, auszubrechen aus dem Konsumterror. Freilich: Verkraften könnte ich es durchaus. Und an die Soldaten den Rat zu geben: Tut niemandem Gewalt oder Unrecht und lasst euch genügen an eurem Sold, das ist ein ganz einfacher Satz, der eigentlich Selbstverständliches ausdrückt. Aber er grenzt an den Aufruf zur Fahnenflucht. Kein Wunder, dass dieser Mann dem Herodes zu gefährlich wurde. Johannes rückt schon mit seinen Worten das Krumme wieder gerade. „Nehmt nicht mehr als euch vorgeschrieben ist!“ sagt er zu den Steuereinnehmern und predigt den geraden Weg. Korruption, der krumme Weg, war längst zum Gewohnheitsrecht geworden.

Die Niederungen der Bestechlichkeit, die Berge der Gewalt, alles soll beiseite geräumt werden, denn es kommt da einer, der die Klarheit, die Wahrheit und die Gerechtigkeit in Person ist.

Die Entscheidung, diesen Weg zu gehen, überlässt Johannes dem Einzelnen. Er bietet ihn aber allen an. Dietrich Bonhoeffer hat einmal über diese Situation, in der wir Menschen beim Ruf zur Umkehr und zur Nachfolge stehen, immer wieder stehen, gesagt:

„ Ob jemand will oder nicht, er muss sich entscheiden, er muss sich allein entscheiden. Es ist nicht eigene Wahl, Einzelner sein zu wollen, sondern Christus macht den Gerufenen zum Einzelnen. Jeder ist allein gerufen. Er muss allein folgen.“

Der Rufer Johannes ist seinen Weg bis zum Ende gegangen. Ein ernstes kurzes Leben hat er gelebt. Von Zweifeln war aber auch er nicht immer frei. Er hat sich auch im Gefängnis noch einmal vergewissern wollen, ob Jesus nun wirklich der ist, den er angekündigt hat. So ungeheuerlich kam ihm die eigene Situation vor: Dass ausgerechnet er es war, der die Ankunft des Messias voraussagen und auch noch erleben durfte.

In der Spannung, in der die Menschen damals lebten, leben wir heute nicht mehr. Wir hören uns die Jesaja-Worte mit einem Gefühl der Behaglichkeit in Händels „Messias“ an, oft ohne viel nachzudenken. Und wir vergessen dabei, dass sie auch uns gelten: „Bereitet dem Herrn den Weg!“ Zeigt, dass Gottes Menschwerdung nicht spurlos an Euch vorübergegangen ist. Er hat sich zu uns heruntergebeugt, voller Liebe und Zuwendung. Niemand ist ihm zu klein, jeder ist wichtig. Das hat schon Johannes vorausgesehen, als er ganz praktische Ratschläge gab, wie jeder bei sich selbst anfangen kann, mit ganz kleinen Schritten, das krumme gerade zu machen und scheinbar unüberwindliche Berge beseite zu räumen.

Es sind die vielen kleinen Schritte, die vielen kleinen Taten der Liebe, die die Welt verändern und die dem kommenden Herrn den Weg ebnen und ihn uns näherbringen. Es sind die kleinen Taten der Liebe, die unseren Blick dafür schärfen, wie Gott uns begegnen kann: in einem schutzbedürftigen Kind, das unseren Trost braucht, aber auch in einem Menschen, der anhält und mein Auto anschiebt, mitten in einer kalten Nacht, gar nicht ahnend, wer ich bin und wohin ich will. „Bereitet dem Herrn den Weg“, das heißt, dass ich in mir aufräume, Berge und Niederungen beseite schaffe, damit ich Gott überhaupt sehen und erkennen kann, wenn er kommt.

Und wie soll ich das schaffen? Keine Angst, ich muss mich zwar ganz alleine entscheiden, aber Gott selbst hilft mir dann auch, das innere Chaos zu lichten – er hilft jedem von uns, wenn wir uns für ihn öffnen. „Alle Menschen werden den Heiland Gottes sehen“, das ist die Verheißung, die sich unter dem Himmel von Bethlehem zum ersten Mal erfüllt hat – und die uns auch heute einen neuen Blick und eine neue Zukunft schenkt.

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