Geduld und Ungeduld

Lektorin:

Liebe Gemeinde, es ist Adventszeit. Nicht einmal 3 Wochen sind es noch bis Weihnachten. Dann feiern wir das große Fest. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, bei mir geht es schon ganz schön geschäftig zu. Da ist so viel zu tun: Ich besorge Geschenke für die Familie und für einige Freunde, ich schmücke die Wohnung, kaufe Stollen und die Gans ein, backe Plätzchen. Ich schreibe Weihnachtskarten oder einen Weihnachtsrundbrief, damit alle etwas von mir hören. Ja, und dann sind da noch das Weihnachtsoratorium, das Singen mit der Kantorei im Heilig-Geist-Stift, die Adventsfeiern im Verein, mit den Kollegen, in der Schule und hier in der Gemeinde. Und bis Weihnachten muss ich unbedingt noch Oma Meier besucht haben, sie wäre sonst enttäuscht. Und Tante Hilde muss ich auch noch anrufen. Eigentlich wünsche ich mir die Abende ruhig, auf dem Sofa, mit zwei Kerzen und einer schönen Schallplatte. Aber es wird wohl nichts draus. Wie ich all das schaffen soll, das weiß ich nicht. Aber so ist es ja jedes Jahr im Advent.

Pfarrer:

Wir haben viel zu tun, stecken voll in den Vorbereitungen. Das gehört zu Adventszeit und jede einzelne Aufgabe ist an sich auch wichtig. Weihnachten ist ein wichtiger Tag, ein großes Fest, das Fest bei uns. Ob es in diesem Jahr gelingt und schön wird für uns und unsere Lieben? Wir bereiten etwas vor, etwas Großes. Weihnachten soll der Höhepunkt und Abschluß des Jahres werden, das Fest, wo das Leben in aller Fülle gefeiert wird. Viele von uns leben auf diesen Tag hin. Weihnachten gibt unseren Tagen im Advent Richtung und Ziel, Tempo und Sinn. Wir leben in Erwartung, in der Hoffnung. Es ist eine Hoffnung, der ein Fest – und seien es auch drei Tage – nicht oft im Leben entsprechen kann. Es ist eine Sehnsucht, die die Logik und das Machbare, das Greif- und Kaufbare bei weitem übersteigt. Die Vorfreude, die ja die schönste Freude sein soll, geht sie nicht bei weitem über das Festerlebnis selbst hinaus? Manche mögen das kennen, dass sich dann die Enttäuschung einschleicht.

Weihnachten ist das Fest des Kommens unseres Herrn Jesus Christus. In aller Hektik, die die Vorbereitungen auch bedeuten, hören wir den Predigttext, die heutige Epistel aus dem Jakobusbrief:

[TEXT]

Lektorin:

Zur Geduld werden wir aufgerufen. Natürlich ist Geduld etwas wichtiges im Leben. Ohne sie kommen wir nicht weit. Und doch ist das schwer mit der Geduld. Wenn ich auf der B 80 unterwegs bin und vor mir fährt einer mit 50 Stundenkilometern und ich wage nicht, ihn zu überholen, dann kribbelt es in den Händen und Füßen vor Ungeduld. Oder wenn ich im Stau stehe. Ich werde nervös, sogar wenn ich keinen Termin habe und es auf eine halbe Stunde gar nicht ankommt. Ich versuche, an etwas anderes zu denken, ich schalte Musik an und lutsche ein Bonbon. Manchmal reißt aber auch der Geduldsfaden, ich schlage auf das Lenkrad und schimpfe vor mich hin. Ich habe das Ziel vor Augen, den Termin, den Supermarkt, das Kaffeetrinken bei Freunden. Den Weg nehme ich nur in Kauf, etwas, das eben sein muss, er hat für mich keinen eigenen Wert. Vielleicht heißt das ja ungeduldig sein.

Pfarrer:

Unsere Kinder haben in diesem Jahr einen Adventskalender, zu dem ein Heft mit einer fortlaufende Geschichte gehört. Am Donnerstag haben die Kinder früh das Feld geöffnet mit dem Bild, das Kapitel der Geschichte konnten wir aber nur noch anfangen, dann klingelte schon die Schulfreundin unten an der Tür. Am Nachmittag war es eines der ersten Sätze: "Vati, liest Du die Geschichte weiter?" Wir haben eine halbe Stunde nach dem Heft gesucht. Die Kinder waren sehr ungeduldig. Dann erst habe ich bemerkt, dass meine Frau es wohlweißlich in Sicherheit gebracht hatte. Es dauerte noch 2 Stunden, bis sie nach Hause kam. In dieser Zeit saßen die beiden Mädchen im Kinderzimmer und diskutierten, wie die Geschichte weiter gehen könnte. Wie Detektive werteten sie alles aus, was sie wussten aus dem Beginn der Geschichte und den bisher geöffneten Bildern. Ungeduld und Vorfreude, das sind zwei verwandte Gefühle, es ist eine Perspektive der Erwartung. Die Ungeduld möchte die Zeit verkürzen. Die Vorfreude nutzt die Zeit und genießt die Spannung.

Lektorin:

Vor ein paar Wochen habe ich Blumenzwiebeln gesteckt: Tulpen und Narzissen. Wenn sie in der Erde sind, sieht man nichts mehr. Es ist fast wie eine Beerdigung. Erst im Februar oder März kommen die Blumen hervor und schmücken den Frühling mit den ersten Farben. Erst einmal sieht die Arbeit vergeblich aus. Da hilft nur warten, ein viertel Jahr. Wir können die Pflänzechen ja nicht herausziehen. Alles drängeln hilft da nichts. Die Pflanzen haben ihre Zeit. Wir haben Erfahrung der Zeitabläufe und deshalb auch Vertrauen in die Natur: die Blumen werden blühen, die Mühe lohnt sich. Was ist schon eine Adventszeit, was sind schon ein paar Monate? Was für Kinder ganz, ganz lang sein kann, das ist für uns Erwachsene schnell vorüber.

Pfarrer:

Seit ich klein bin, habe ich fast immer ein Instrument spielen gelernt. Mancher von Ihnen kennt diese Erfahrung bestimmt auch, dass so etwas zu lernen sehr lange dauert. Der Lehrer oder die Lehrerin spielen so gut und ich selbst treffe nicht einmal die richtige Seite, kann kaum einen vollen, schönen Ton herauslocken und nicht einmal langsame leichte Lieder richtig spielen. "Haben Sie doch Geduld. Sie kommen doch voran.", so höre ich es vom Lehrer. Aber das nützt nichts. Wenn ich zu Hause die Stelle schon 10x geübt habe und beim 11. Mal geht es wieder schief, dann könnte ich die Gitarre in die Ecke werfen. Es dauert Jahre, die eigenen Fähigkeiten zu erweitern, Handlungsmuster neu zu lernen, uns zu verändern. Jeden Tag eine halbe Stunde üben ist besser als einmal in der Woche 4 Stunden. Das ist auch so eine Musiklehrerweisheit.

Auch beim Glauben ist das so. Wie lange hat es gedauert, seit irgendjemand bei Ihnen den Samen für den Glauben gelegt hat? Mein Glauben hat sich verändert mit den Jahren, genau so schnell wie ich selbst. Er ist kräftiger, klarer, geübter geworden, hilfreicher hoffentlich. Aber dazu braucht es Geduld und Zeit. Außerdem braucht der Glaube ein gewisses Maß an Übung. Wer ihn nicht benutzt, bei dem staubt er ein, die Finger finden den Platz zum Beten nicht mehr, die Worte kommen nicht zur richtigen Zeit. Wenn wir es schwer haben im Leben, dann kommt es auf Geduld an, auf das Dranbleiben, Weiterüben, Weitersuchen und Weiterglauben. Diese Welt ist voll von Anfechtungen, von Dingen, die uns und den Glauben in Frage stellen. Wer geduldig dagegen anglaubt und anarbeitet, der erhält seinen Glauben und wird bereit sein, wenn der Herr kommt.

Lektorin:

Manchmal brauchen wir Geduld für eine sehr viel längere Zeit. Das ist so, wenn ein lieber Mensch stirbt. Wie lange bleibt der Schmerz? Geht er je ganz weg? Es mag Jahre dauern, bis die Freude am Leben neben dem Schmerz wieder wahrzunehmen ist. Sehr langsam verändern sich unsere Gefühle und Erfahrungen, auch unsere Erinnerungen zuweilen.

Und wie ist das, wenn die Gesundheit nachlässt. Wenn Krankheiten kommen, die bleiben können. Wenn es nicht mehr besser wird. Dann brauchen wir viel, viel Geduld, manchmal die ganze Lebenszeit. Dann brauchen wir Geduld mit uns selbst und die Geduld anderer mit uns. Und manchem scheint diese Erde dann eine Zwischenstation auf dem Weg zum Herrn. Es gibt Menschen, die auf die "Erlösung" warten von der Welt, vom Leiden. Unsere Welt ist nicht nur schön. Sie ist auch hart und schwer zu ertragen. Manchmal – besonders wenn es andere betrifft – ist Ungeduld am Platz. Manchmal ist es so wichtig, zu tun was man tun kann. Aber wenn das Leid uns trifft, dann hilft oft nur, das Leiden anzunehmen als etwas, das auch zu diesem Leben gehört. Das große Vorbild dieser ertragenden Geduld ist Hiob. Wer Leidenszeiten annehmen, aushalten, tragen kann, ohne den Glauben an Gott, unseren Vater im Himmel, zu verlieren, der wird Hiob immer ähnlicher. Der hofft auf Gott, auf Jesus Christus, der die Welt und uns zurechtbringen wird.

So seid nun geduldig, liebe Brüder bis zum Kommen des Herrn. Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen. Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe.

Siehe, wir preisen selig, die erduldet haben. Von der Geduld Hiobs habt ihr gehört und habt gesehen, zu welchem Ende es der Herr geführt hat; denn der Herr ist barmherzig und ein Erbarmer.

Pfarrer:

Können wir der Sehnsucht trauen? Können wir das Schwere tragen mit der Hoffnung auf Gottes großes, helles Ende? Die Sehnsucht stößt hindurch durch die schwere Decke der Wirklichkeit hin zu Gott. Kaum ein Weihnachtsfest kann der Sehnsucht und Vorfreude der Adventszeit entsprechen. Das gelingt nicht oft im Leben. Aber die Hoffnung auf die Erfüllung des Lebens lässt sich nicht bezähmen. Sie übersteigt die Möglichkeiten der Welt und reicht bis in die Ewigkeit. Sie lässt das Weihnachtsfest hinter sich und macht sich fest bei dem, der da kommt: bei Jesus Christus, dem Herrn der Welt, der als kleines Kind in der Krippe gelegen hat und wieder zu Gott zurückgekehrt ist. Zu ihm gehören wir. Im Kontakt mit ihm, in der Nähe zu Gott, da blitzt die Erfüllung, das ewige Leben hier schon auf. Da dürfen wir schon kosten vom großen Festmahl der Ewigkeit.

Bis dahin wollen wir geduldig bei ihm bleiben, bei Jesus, bei Gott, im heiligen Geist. Geduld, das heißt nicht die Hände in den Schoß legen, das heißt Abwarten können bis es soweit ist, das heißt Durchhalten, Ertragen, Herankommen lassen, das heißt auch Anpacken und diese Welt mitgestalten. Wir dürfen uns freuen auf das ewige Fest und als eine Vorahnung darauf auf das Abendmahl, das wir gleich feiern, und auf das Weihnachtsfest in diesem Jahr. Es kann ein Aufblitzen der Ewigkeit werden. Gott will uns den langen Atem schenken, dass wir ruhig sind, wenn wir es doch nicht ganz schaffen und dass wir geduldig bleiben und tun, was wir können.

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