Die Liebe des Vaters

Liebe Gemeinde,

die Geschichte, die wir im Evangelium gehört haben, müsste eigentlich "Die Liebe des Vaters" heißen. Wir kennen sie alle, aber unter dem Titel "der verlorene Sohn". Mir ist es schwergefallen, gerade hier schon wieder über diesen Text zu reden, da ich mich gut an eine Predigt von Pfarrer Hampel zur Goldkonfirmation 2002 erinnere, in der er die Geschichte so auslegte, dass ich damals dachte: "Dem ist nichts hinzuzufügen." Wahrscheinlich erinnern sich noch viele von Ihnen daran. Er hat damals sehr anschaulich das Bild dieses vorderorientalischen Vaters geschildert, der alle Etikette vergisst, als er dem Sohn entgegeneilt, und er hat auch erläutert, was es bedeutet, wenn in einem solchen Haus das gemästete Kalb geschlachtet wird.

Jesus spricht hier zu Menschen, die in der Situation des Bruders sind, der zu Hause geblieben ist und nicht so recht mit dem Verhalten des Vaters zurechtkommt. Dieser Sohn kann sich nicht wirklich freuen, weil er doch selbst vielleicht noch nie so offen die Liebe seines Vaters zu spüren bekam.

Ich selbst habe in meinem Alltag meist eher mit Leuten zu tun, die zu denen gehören, die man damals "Zöllner und Sünder" nannte, mit solchen, die sich selbst "das schwarze Schaf unserer Familie" nennen. Seit Jahren führe ich Gespräche mit jungen Erwachsenen, die an einem Wendepunkt ihres Lebens stehen, wenn wir uns begegnen: Sie versuchen, in einer Langzeittherapie-Einrichtung nach einer Drogenkarriere ihr Leben wieder in Ordnung zu bringen, sind sozusagen auf dem Rückweg nach Hause. Da steht die Frage im Raum "Wie wird meine Familie reagieren, wenn ich, das schwarze Schaf, wieder auftauche? Gehe ich überhaupt wieder hin, obwohl ich auch keinen anderen Weg weiß? " Oder auch "Kann ich mich auf die Vergebung meiner Eltern wirklich verlassen?" Oder auch: "Kann ich so viel Liebe überhaupt annehmen und verkraften?"

Eine Geschichte hat mich lange beschäftigt: Karl hatte mit einem Kumpel zusammen einen Antiquitätenhandel aufgezogen, dafür hatte ihm sein Vater das Erbe vorzeitig ausgezahlt. Der Laden lief erst gut, dann schlechter, und die Wege, auf denen die Antiquitäten kamen, waren nicht ganz legal. Die beiden Geschäftsleute arbeiteten viel, lebten aber auch recht aufwändig und nicht ohne Drogen. Schließlich häuften sich Forderungen verschiedener Menschen, denen Karl und sein Kumpel eine Menge Geld schuldeten. Der Kumpel tauchte ab, als es Ärger mit der Polizei gab, Karl zog einem Polizisten eins über und wanderte für ein paar Jahre ins Gefängnis. Nach der Entlassung hatte er nichts mehr. Er besuchte seinen Vater, bei dem er sich nie mehr gemeldet hatte, in einem Altenheim und sagte, er stehe vor dem Nichts. "Aber ich habe dir doch damals so viel gegeben". Karl erzählte seine Geschichte – und der Vater meinte: "Na, lass mal, Junge, wie gewonnen, so zerronnen. Da hast du Geld, hol uns eine Flasche Whisky". Während die beiden tranken, habe er sich immer schlechter gefühlt, meinte Karl. Er habe es einfach nicht ertragen können, dass sein Vater ihm ohne viele Worte sofort verziehen habe. Dessen Güte habe ihn immer wütender gemacht. "Ich konnte ihm nicht mehr ins Gesicht sehen – und dann erinnere ich mich an nichts". Er erschlug seinen Vater. "Dabei habe ich ihn so geliebt."

Für die Tat wanderte er wieder ins Gefängnis, und dann kam er zur Therapie dahin, wo ich ihn kennenlernte. Aber er konnte sich selbst das Geschehene nicht verzeihen – es begann ein neuer Kreislauf zwischen Gefängnis und geschlossener Psychiatrie, der bis heute anhält. Die größte Wut hat Karl, das spricht aus seinen wirren Briefen, die ich manchmal noch bekomme, auf Gott. Und mit ihm liegt er, zutiefst krank in der Seele, immer noch im Unfrieden. Er hat den Heimweg noch nicht gefunden – und ich habe irgendwann eingesehen, dass es Schicksale gibt, die man wirklich nur in Gottes Hand legen kann. Trotzdem lässt mich der Gedanke nicht los: Wie, wenn der "verlorene Sohn" mit der Güte des Vaters nicht umgehen kann? Der Vater hat mir vergeben – aber ich kann mir nicht vergeben – was dann? Da lässt uns die bekannte Geschichte aus dem Lukas-Evangelium im Stich. Denn mit dem Fest endet das Gleichnis. Wie wird es diesem Sohn ergangen sein, als das Fest zu Ende war? Vergebung akzeptieren können, auch das ist eine Gnade. Und manchmal stehen wir uns dabei selbst im Weg, indem wir das, was uns der Vater anbietet, nicht einfach dankend annehmen können. Jesu Geschichte hat aber noch einen anderen Aspekt:

"Ich habe eine Stinkwut auf meinen Bruder", erzählte mir vor ein paar Tagen Matze, ein 21jähriger Bauernsohn, der seit einem Jahr vom Heroin weg ist. Sein Bruder habe es sich zu Hause in seiner, Matzes Wohnung im Haus des Vaters (die Mutter ist früh verstorben) bequem eingerichtet, während er zuerst in einer rechtsextremen Trinkerclique und dann "auf Drogen" und unterwegs war. Eine lange Geschichte bricht aus ihm heraus, die bis in die Kindheit zurückreicht und in der es vor allem um eines geht: Beide Brüder kämpfen hartnäckig um die Liebe des Vaters, der aber offenbar beide gleich gerne hat. Matzes Bruder ärgert sich, dass der Vater nun ihn, den Süchtigen, wieder aufnehmen will, der so viel Schaden angerichtet hat. Matze selbst mein: "Ich habe so viele Jahre weggeworfen, jetzt möchte ich mich um den Hof und auch um meinen Vater kümmern, der wird ja auch nicht jünger. Bloss zwischen meinem Bruder und mir – das wird nichts. Ich habe Matze, einen völlig Kirchenfremdem, mal mit der Geschichte aus der Bibel bekanntgemacht – ganz ohne Kommentar. Nächste Woche reden wir weiter. Er hat beim ersten Hören ja nicht wissen können, welche Dimension die Beispielgeschichte aus dem Mund Jesu hat.

Und ich kann ihm auch nächste Woche nicht mehr als ein Angebot weitergeben, nicht mehr als die Gewissheit, die mich selbst bewegt: Dass bei Gott jeder willkommen ist, der den Heimweg findet. Und dass er denjenigen am weitesten entgegenkommt, die am schwersten angeschlagen zurückkommen. Dass Gott die Arme weit ausbreitet, dass er sich hinunterbeugt zu dem, der verletzt und verwundet ist und von Schuldgefühlen geplagt.

Versetzen wir uns nun mal in die Lage des Bruders, der zu Hause geblieben ist. Ich denke mir, Ihnen hier wird das leichter fallen als in die andere Rolle zu schlüpfen. Klar kann einem das Singen im Halse stecken bleiben, wenn auf einmal so ein Typ im Gottesdienst auftaucht, von dem man weiß, dass er sich sein Leben lang nicht um Gott geschert hat, ja, dass er vielleicht einmal der Schrecken des Dorfes war. Und dass sein irdisches Elternhaus alles andere als gottesfürchtig war. Klar schmerzt es vielleicht, wenn dieser jemand dann wiederkommt und der Pfarrer ihn motiviert, vielleicht eine Aufgabe zu übernehmen oder ihn auch nur zum Gemeindefest einlädt und sich neben ihn setzt. Aber es ist doch eigentlich schade, wenn wir uns selbst diese wirklich himmlische Freude verderben, die aus der Beispielgeschichte spricht. Der Vater liebt doch seinen zu Hause gebliebenen Sohn um keinen Deut weniger, weil nun der Bruder zurückgekommen ist. Das ist es vielleicht, was wir mit unserem menschlichen Maß nicht erfassen können: Liebe wird nicht weniger, wenn sie geteilt wird. Und schon gar nicht Gottes Liebe.

"Mein Sohn, du bist allezeit bei mir und alles, was mein ist, das ist dein. Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden." Dieser Vater wird nicht müde, das zu wiederholen. Und er wünscht sich nichts sehnlicher, als dass seine beiden Söhne wieder ins Gespräch kommen, dass sie sich untereinander lieben, genauso, wie er sie liebt. Nicht nachtragend und mit verborgenem Groll, sondern vorbehaltlos und mit dem Wunsch, gemeinsam das Erbe des Vaters in seinem Sinn zu verwalten. Dazu muss aber nicht nur der, der "gesündigt" hat, über seinen Schatten springen, sondern auch der, der zu Hause geblieben ist. Wer den Vater liebt, kann seinen Bruder eigentlich unmöglich verachten. Schließlich trägt jeder der beiden Brüder ein Stück vom Vater in sich, auch, wenn sie einander noch so fremd geworden sind. Nur, wenn die beiden miteinander reden, werden sich Mauern abbauen. Für den, der heimkommt, wird es kaum leicht sein, die Vergebung des Vaters ohne bleibende Schuldgefühle anzunehmen – vor allem dann nicht, wenn er sieht, wie der Bruder sich ärgert, weil er glaubt, zu kurz zu kommen.

Der, der sich all die Jahre abgerackert hat, hat nun die Chance, in dem Heimgekehrten einen zu finden, der ihm zur Seite steht mit dem er sich die Mühen der Arbeit und der Verantwortung teilen kann – und vielleicht können die Erfahrungen aus der Fremde ja auch bereichernd wirken und beiden neue Wege zeigen. Für alle verhärteten "älteren Söhne", sei es in den Gemeinden oder auch in der Ökumene gilt auch heute: Ein Fest am Tisch des Vaters ist immer ein guter Ort, einander wieder näher zu kommen und neu miteinander anzufangen. "Alles, was mein ist, ist dein", sagt Gott zu uns, zu den Heimgekehrten und den Daheimgebliebenen. Jeder, der ihm sein zerrissenes und verwundetes Herz anvertraut, hat einen Platz in seinem Haus. Ist das nicht Grund genug, zu singen, und fröhlich zu sein?

drucken