Warum muss das so sein?

Advent heißt Ankunft. Heute, am 2. Advent heißt das für uns: Bald ist Weihnachten. In 19 Tagen ist Heilig Abend. Für die Kinder ist die Zeit noch viel zu lang. Wir Erwachsenen denken eher: Hoffentlich reicht mir die Zeit noch, hoffentlich schaffe ich noch, was ich mir vorgenommen habe.

Das Evangelium, das wir heute als Predigtext hören, meint eine andere Ankunft. Es meint die Wiederkunft Christi am Ende der Zeit. Es redet vom Ende der Welt, in der wir leben. Mir fällt nicht leicht, das zu hören. Ich denke, das geht uns allen so. Was wir da zu hören bekommen, will nicht so recht passen zu unseren Adventsbräuchen und Weihnachtsvorbereitungen. Wir wünschen uns im Advent Stille und Harmonie, Tannenduft und Kerzenschein.

Jesus zeigt uns hier andere Bilder und beschwört andere Stimmungen herauf. Es sind Bilder von Krieg und Gewalt, von Hungersnot und Erdbeben. Bilder, die unsere Adventsstimmung stören. Bilder, die uns täglich aus dem Fernseher in schrecklicher Weise vertraut sind. Wir bekommen sie täglich zu sehen und oft genug vergeht uns das Hören und Sehen. „Volk wird sich gegen Volk erheben“ – in der Sprache unserer Zeit heißt das: Ethnische Konflikte.

Es gibt viele, die aus diesen Worten Jesu und den Nachrichten heraushören wollen, dass unsere Zeit Endzeit ist, dass das Ende unmittelbar bevorsteht. Dem kann ich mich nicht so anschließen. Denn erstens weiß ich nicht, wozu das gut sein soll, zu denken. Wenn mein Christsein plötzlich anders werden müsste, wenn ich weiß, dass Übermorgen Jesus wiederkommt, dann stimmt mit meinem Christsein heute doch etwas nicht. Wir sollen so leben, dass wir jederzeit bereit sind für die Wiederkunft Christi. Zweitens kann ich das gar nicht beurteilen, ob es heute mehr oder weniger Kriege und Katastrophen gibt als früher. Was wissen wir schon von vergangenen Zeiten! Und drittens unterstützt Jesus solche Überlegungen ganz und gar nicht. Er sagt klipp und klar: Er wird völlig unvermutet kommen. In unserem Text gibt er auf die Frage der Jünger nach dem „wann“ auch überhaupt keine Antwort!

Ich glaube, dass Jesus mit seinen Worten etwas ganz anderes will. Er will seine Jünger und uns ernüchtern. Jesus sagt seinen Jüngern und damit auch uns: Eure Welt kommt an ihr Ende. Die Welt, in der wir leben, in der wir zuhause sind, in der wir uns eingerichtet haben und es uns bequem gemacht haben – diese Welt kommt an ihr Ende. Und all unsere Bemühungen um Frieden, um Versöhnung, unser Einsatz gegen Not und Hunger werden nie bleibenden, durchschlagenden Erfolg haben. Wenn an einer Stelle Frieden geschlossen werden konnte, bricht dafür an drei anderen Stellen Streit und Krieg neu aus. Wenn eine Not gelindert werden konnte, stehen viele andere Hilfesuchende da. Und all unser Einsatz wird immer zu wenig sein. Wie eine zu kurze Decke, die man hin- und herziehen kann und die doch nie alles bedecken kann. Im Grunde haben wir das ja längst geahnt. Was unsere Gegenwart bestimmt, die Hoffnung auf mehr Wachstum und Wohlstand und Fortschritt und Gesundheit, das meiste davon steht auf tönernen Füßen. Wahrhaben will es keiner. Hinschauen möchten wir nicht gerne. Aber Jesus will, dass wir hinschauen und nicht die Augen verschließen.

Ich muss gestehen, dass mir das Not bereitet. Jesus redet von Krieg und Kriegsgeschrei und sagt dazu ganz cool: Das muss so sein. Hungersnöte und Erdbeben: Das muss so sein. Verfolgung und Aufruhr: Das muss so sein.

Ich lese in der Zeitung, dass zur Zeit täglich 40000 Kinder verhungern. Ich sehe dabei meine kleine Tochter und es dreht mir den Magen herum. Ich lese, dass in Nordkorea 60 % aller Kinder unterernährt sind und sehe ein Bild von Kindern in einem Waisenhaus, die mich mit großen Augen anschauen. Ich muss dabei an meine Kinder denken und es zerreißt mir fast das Herz. Und Jesus sagt: Das muss so sein und in mir schreit alles: Warum? Warum lässt du das geschehen?? Warum tust du nichts? Warum muss das so sein?

Ich denke dann an das ganze Leid, das es gibt und meine Hilflosigkeit und Ohnmacht, es zu ändern. Ich muss dann an meinen Gehaltszettel denken und an den Teil davon, den ich weggebe, und – egal wie viel das ist – bekomme ich ein flaues Gefühl im Bauch. Und auch wenn ich mich nur noch von Wasser und Brot ernähre und alles weggebe, ich kann doch nichts ändern. Und dann gerate ich in Gefahr, zu resignieren. Jesus spricht diese Gefahr auch an: „Wenn das Unrecht überhand nimmt, droht die Liebe in vielen zu erkalten.“ Weil man abstumpft und resigniert.

Ich muss mir dann aber auch vor Augen halten: Das Leid macht ja nicht Gott. Das machen Menschen! Nicht Gott ist dafür verantwortlich, sondern wir Menschen. Wir Menschen, denen diese Welt anvertraut sind, wir sind es, die Streit entfachen, die Kriege stiften, die die Güter dieser Welt so ungleich verteilen. Es gibt genug Nahrung für alle Menschen, aber nicht genug für die Habgier von allen Menschen.

Und dann hilft mir noch ein anderer Gedanke: Unsere Welt wird nicht vom Willen Gottes gelenkt. Sie ist unter die Herrschaft einer bösen Macht gefallen. In der Bibel spricht niemand so viel davon wie Jesus. Er nennt sie den Teufel, den Fürsten dieser Welt, dem es Freude macht zu töten und zu quälen. Ich will mich damit nicht länger aufhalten, denn damit tut wir ihm entschieden zuviel Ehre an. Aber letztlich ist auch das keine befriedigende Antwort auf das „warum“, denn nun kann man fragen: Warum lässt Gott dem Teufel so viel Macht? Warum lässt er ihn gewähren?

Letztlich gibt uns Jesus keine Antwort auf diese Frage. Vielleicht, weil wir sie nicht verstehen könnten.

Aber wenn ich genauer hinschaue, entdecke ich, dass Jesus das ja nicht so cool dahinsagt. Gott bleibt nicht teilnahmslos stehen neben dem Leid der Welt, nein, sondern er wird selber Mensch und kommt mitten hinein in das Unrecht und das Leid. Und er stellt sich auf die Seite der Opfer und trägt mit ihnen ihr Leid. „Gelitten“ – in diesem einen Wort ist im Glaubensbekenntnis sein ganzes Leben zusammengefasst. Gott bleibt nicht teilnahmslos neben dem Leid der Welt und der Menschen stehen, sondern er selber kommt mitten hinein in das Leid.

Und letztlich will uns Jesus die Augen öffnen für Gottes Lösung für die Probleme dieser Welt: das Kommen der neuen Welt Gottes Keine Runderneuerung, sondern eine neue Welt, in der kein Platz mehr sein wird für Tränen, für Leid, Geschrei und für Schmerz. Eine Welt ohne Tod. Ich kann mir das zwar nicht so richtig vorstellen, aber ich muss gestehen: Ich freue mich darauf! Ich freue mich darauf, dass in dieser Welt keine Kinder mehr verhungern müssen und kein Raum mehr sein wird für Waisenkinder und auch ich um meine Tochter keine Angst mehr zu haben brauche. Ich freue mich darauf, dass das alles nicht mehr sein wird. Und das gibt mir immer wieder neu Kraft und Mut.

Man hat der Kirche ja schon oft den Vorwurf gemacht, sie vertröste die Leute auf ein besseres Jenseits und halte sie an, ihr Schicksal geduldig und widerspruchslos zu ertragen. Im Jenseits wird es dir dann ja vergolten! Wahrscheinlich ist dieser Vorwurf manchmal auch berechtigt. Ich glaube aber, dass Jesus aber genau das Gegenteil beabsichtigt hat: Er zeigt uns, wie die Geschichte ausgeht, dass am Ende nicht Untergang und Sinnlosigkeit stehen, sondern seine Wiederkunft und Gottes neue Welt. Das kann uns frei machen für die Gegenwart, für das, was wir Tag für Tag erleben und erleiden. Wir wissen, wie die Geschichte ausgeht – das wird uns Kraft geben für jeden auch noch so kleinen Schritt zu mehr Menschlichkeit, Gerechtigkeit und Frieden. Selig sind, die Frieden stiften – das gilt nach wie vor!

Jesus führt uns alle damit in eine Schule des Glaubens. Die erste Lektion lautete: Hört auf zu träumen und schaut die Realität nüchtern an. Die zweite Lektion: Verzweifelt nicht, denn am Ende steht nicht das Ende, sondern mein Kommen! Das sollte euch Kraft und Mut geben. Und die dritte Lektion lautet: Vertraut nicht auf irgendwelche Sicherheiten, sondern allein auf mich und das, was ich euch sage.

Das fängt schon damals mit den Jüngern an. Er schockiert sie mit der Ankündigung der Zerstörung des Tempels. Dazu muss man wissen, dass damals der Tempel für gläubige Juden nicht nur ein überaus beeindruckendes Bauwerk war, sondern das sichtbare Unterpfand der Gegenwart Gottes. Hier wohnt Gott bei seinem Volk. Und Jesus sagte seinen Jüngern: Diese Sicherheit, dieses Unterpfand wird euch genommen werden! Und er nimmt auch uns Sicherheiten. Die Geborgenheit in der Kirche, in der Gemeinde: Jesus sagt, auch da wird es Hass und Verrat untereinander geben. Auf nichts ist Verlass – nur auf Jesus und das, was er sagt. Wir lernen bei Jesus die Kunst des Glaubens, alles sinken zu sehen, worauf sich unsereins vielleicht viel einbildet, worauf wir ganz fest bauen, und stattdessen nur auf sein Wort zu vertrauen. „Seht zu, dass euch niemand verführt!“

Wir sollen auf nichts unsere Hoffnung und unser Vertrauen setzen als allein auf den lebendigen Gott. Der Glaube an Jesus, den Heiland der Welt, das ist das Einzige, was uns Kraft gibt, und ist das Einzige, was uns die Tür öffnet in Gottes neue Welt: „Wer aber beharrt bis ans Ende, der wird gerettet werden.“

Jesus will uns solchen Glauben schenken und er will uns darin erhalten und neue Kraft geben. Er selbst will uns nahe sein, will „bei uns sein alle Tage bis an der Welt Ende.“

Im Abendmahl, das wir heute miteinander feiern, will Jesus uns begegnen und uns ganz nahe sein. Er gibt uns nicht nur eine Sicherheit, ein Unterpfand für seine Gegenwart, sondern er gibt sich uns darin sich selbst. Unfassbar – und dennoch wahr.

Öffnen wir ihm unsere Herzen und Türen.

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