Königlich

Und plötzlich ist es wieder Advent! Wir realisieren es mit Schrecken. Dabei wolltest du dich doch keineswegs anstecken lassen vom Stressvirus und schon bist du wieder infiziert und in Unruhe versetzt. Viel Zeit bleibt nicht, ein Mammutprogramm ist in Kürze zu absolvieren. Der Countdown läuft: Nur noch 3, 2, 1 Woche bis Weihnachten. Die Familie möchte es besinnlich und der Weihnachtswunschzettel ist lang, Konsumflaute hin oder her. Die Firma erwartet Höchstleistung, denn jetzt gilt es auszugleichen, was die ersten drei Quartale unter den Erwartungen blieb. Im Verein und Freundeskreis liegen diverse Feiern an, teilweise zwei an einem Tag. Dann die Kartengrüße, die müssen ja bis Heiligabend ankommen.

Dabei wollen wir doch eigentlich keine Getriebenen sein. Wir wollen diesmal das was wichtig ist zum Zuge kommen lassen. Aber was ist das Wichtige in der Adventszeit. In Ruhe die Kerzen anzünden am Adventskranz? Macht hoch die Tür mit Posaunenbegleitung? Ein gemütlicher Bummel über den Weihnachtsmarkt, erst mal nur schlendern, noch ohne den Laufzettel?

Aber halt, nicht aufregen, die Adventszeit fängt ja gerade erst an. Das ist unsere Chance. Heute können wir noch planen, wie wir diese Wochen so gestalten, dass wir selbst einen Gewinn davon haben. Und eigentlich stehen die Chancen zumindest in Alt-Hastedt gut. Der Gemeindekalender ist mit Höhepunkten nicht so voll geballert wie vielerorts, nur zwei ragen hervor: Die Kirchweih am 2. Advent und die Weihnachtsfeier am Heiligabend. Klar gibt es noch weitere Ereignisse mit Besinnung auf Worte und Weisen, die regelmäßig sich treffenden Gruppen werden ihre Dezembertreffen adventlich gestalten. Aber diese Treffen haben nicht den Rang von Kirchweih und Heiligabend, und von daher kann ich nur wieder die schöne Feststellung von Diakon Otte wiederholen. Wo er vor Jahren sagte auf die Frage, Sie Armer, Sie haben bestimmt auch wieder ganz viele Weihnachtsfeiern in Ihrer Kirche. Nein! Unsere Weihnachtsfeier ist am 24. Dezember, und darauf bereiten wir uns gut vor.

Während es in der Welt für viele darauf ankommt, mit der richtigen Deko Besinnlichkeit zu erzeugen, haben wir die Chance, uns auf das Wesentliche zu besinnen. Wie wäre es mit den Liedern aus dem Gesangbuch. Da muss keiner lange suchen, es geht mit Nr. 1 los bis Nr. 22, dann sind im Bremer Regionalteil noch drei, macht 25, wenn du morgen anfängst, hast du für jeden Tag im Advent ein Lied. Du kannst sie für dich singen oder einfach durchlesen, dabei die Bibelstellen, auf die angespielt wird, nachschlagen. Es tut gut, gerade in dieser Zeit Musik aufzunehmen, die Substanz hat gegenüber dem Klingklang bim bam riesel rassel der nächsten Wochen. Auch für heute werden wir es schlicht machen, wir besinnen uns auf das ganz Elementare. Der Wochenspruch bringt es auf den Punkt: „Siehe, die König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer.“

Und der Anfang des Predigttextes zum 1. Advent aus dem Buch Jesaja sagt dasselbe: Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird.“ Um nichts anderes geht es im Advent. Advent heißt Ankunft. Wer kommt da: Ein König. Lasst uns in vier Schritten bedenken

1. Was die Könige verloren haben

2. Was die Könige behalten haben

3. Wer ist dieser besondere gerechte König?

4. Wie ehren wir ihn angemessen?

Über das, was die Könige verloren haben, bekommen wir derzeit täglich unappetitliche Nachrichten. Da häufen sich beim Prinzen von Hannover die Prügeleien und Peinlichkeiten. Pöbelei am Flughafen, Pinkelei auf der Expo, seine Hoheit benehmen sich in keiner Weise vornehm. Auch vom Nachwuchs der Königshäuser hört man wenig Ermutigendes. Prinz Harry baggert in Argentinien die Schönheiten der Nachtbars an und betrinkt sich so, wie es nur die Briten können. Das ist das eine, was die Royals offenkundig verloren haben: Ihr gutes Benehmen.

Schon lange haben sie ihr Amt verloren, die Nationen werden heute von Staatspräsidenten regiert. Sie haben auch ihre Untertanen verloren, die sind heute freie Bürger. Könige dürfen noch repräsentieren, aber nicht mehr regieren.

Man könnte meinen, solch universaler Verlust müsse die vielen Vergleiche der Bibel mit Gott als König in Mitleidenschaft ziehen. Aber den alten Liedern aus dem Gesangbuch, die Gott als König preisen, scheint das nichts anzuhaben, sie werden nach wie vor angestimmt. Vier mal wird dieser Titel im Adventslied Macht hoch die Tür benutzt, bei fast jeder Hochzeit wird Lobe den Herren, den mächtigen König gesungen. Und im neuesten Liedgut taucht der Königstitel sogar noch öfter auf als im Gesangbuch. Man nehme nur Feiert Jesus 2 auf den allerersten Seiten: Erstes Lied: Wahrhaft und gerecht sind deine Werke, du König auf dem Thron. (Groß und wunderbar) Daneben „Shout to the Lord“: Shout to the Lord, all the earth, let us sing. Power and majesty, praise to the King.”

Offenbar gibt es auch im 21. Jahrhundert für das Attribut „königlich“ keinen ebenbürtigen Vergleich. Die Aura, das Prestige, der Rang, die Herkunft, das ist nicht austauschbar. Man sieht das an der Aufregung, die sich einstellte, als die Queen in Berlin weilte vor einigen Wochen. Da überlegen sich die sonst oberschlampig angezogenen Journalisten auf einmal, was sie anziehen müssen und wie man einen Schlips bindet, weil sie sonst womöglich keinen Zutritt haben in die Philharmonie.

Wenn wir in die Bibel schauen, merken wir: Glanz und Elend der Monarchien ist dort auch schon vorgezeichnet. Da ist lauter Herrlichkeit, als David Jerusalem zur Hauptstadt macht, als Salomo den Tempel weiht. Da ist lauter Peinlichkeit, wenn König Herodes sich bei den Weisen einschleimt und sülzt: Verratet mir bald, wo der Heiland geboren ist, damit auch ich komme und ihn anbete. Oder die Geburtstagsfeier von dem anderen Herodes, der alkoholisiert die Tanzvorführungen seiner Stieftochter bewundert und für sie das Leben von Johannes dem Täufer opfert.

Die Bibel kennt das alles. Schon damals benahmen sich viele gekrönte Häupter wenig königlich. Was sie aber behalten haben, ist ihr Rang, ihre Herkunft. Und so knüpfen sich an das Königshaus Davids immer wieder große Hoffnungen, aber keiner erfüllt sie. Bis Jesus kommt. Er ist dieser besondere gerechte König. Er ist der, auf den alle gewartet haben.

Aber er kehrt das königliche nicht heraus. Seine Biografen werden das später tun. Die Evangelien, besonders Matthäus und Johannes, betonen sein königsgleiches Wirken. Er selbst bleibt lieber im Verborgenen. Er bleibt bescheiden. Der Esel, auf dem er in Jerusalem einzieht, ist ausgeliehen. Für Fahnen reicht es nicht, da wird halt mit Palmblättern gewunken. Im Jahr davor davor wollte man ihn überreden, schon vor dieser Zeit, vor der Leidenswoche also, die mit dem Einzug begann, königlich aufzutreten. Johannes berichtet: „Es war aber nahe das Laubhüttenfest der Juden. Da sprachen seine Brüder zu ihm: Mach dich auf von hier und geh nach Judäa, damit auch deine Jünger die Werke sehen, die du tust. Niemand tut etwas im Verborgenen und will doch öffentlich etwas gelten. Willst du das, so offenbare dich vor aller Welt. Denn auch seine Brüder glaubten nicht an ihn.“

So ist Jesus ein seltsamer König. Er hat die idealen Voraussetzungen, zur Herkunft kommt der Charakter, dazu Machtbefugnisse, von denen jeder irdische Herrscher nur träumen kann. Aber er verzichtet darauf. Er fällt Petrus in dem Arm in der Nacht der Verhaftung: „Steck das Schwert wieder weg. Oder meinst du, ich könnte meinen Vater nicht bitten, dass er mir sogleich mehr als 12 Legionen Engel schickte?“ So lässt er sich verhaften, verurteilen, kreuzigen. Ein schwacher, ein ohnmächtiger König. Machtlos scheinbar wie die Könige von heute, die zwar in altem Glanz auftreten, aber sie haben nichts mehr zu bestimmen. Aber rasch stellt sich heraus, wie seine Macht um ein vielfaches die heutigen wie die antiken Könige übertrifft. Am Kreuz besiegt er die Macht der Sünde. Am Ostermorgen überwindet er die Macht des Todes. Pilatus hat das gespürt. In diesem Verhör, das ihm immer unheimlicher wurde. Wo er ihn einschüchtern wollte: Weißt du nicht, dass ich Macht habe dich loszugeben oder zu kreuzigen? Und Jesus antwortet ruhig: Du hättest keine Macht über mich, wäre sie dir nicht von oben gegeben.

So bricht Pilatus das Verhör ab und stellt den Gefangenen erneut vor das Volk: Seht, das ist euer König! Sie aber antworteten: Wir haben keinen König als den Kaiser?

Damit sind wir beim letzten Punkt, der Frage an jeden von uns, der Frage an dich: Wie gehst du mit diesem König um? Viele heute sind ja der Meinung: Wir haben doch schon lange keinen König mehr, und Jesus, na ja, das war ein edler Charakter, ein Religionsstifter, ein Gerechter, aber eben einer, der tragisch endete. Aber ein Jesus, den ich heute als gerechten König bekenne? Das hieße ja einräumen, dass er heute noch diesen Rang hat, zu bestimmen hat, bei mir. Nur wenn wir ihm das erlauben, dürfen wir ihn unseren König nennen. Es muss schon ernst sein, nicht beim Karneval, wo den Tollitäten zugeprostet wird, aber es ist im Grunde nur Spaß. Die Christenheit nimmt diesen König ernst. Und darum begeht sie auch die Adventszeit, die Zeit in der sie sich besonders an die Prophezeiungen dieses Königs erinnert, vom baldigen Weltende, von seinem anbrechenden Reich, diese Adventszeit begeht sie ernst. Darum die lila Farben, es ist eine ernste Zeit, bei aller Vorfreude.

Und es ist eine Zeit, in der wir diesen König ehren. Darum machen wir es richtig schön. Mit neuen Kerzen, mit dem Adventskranz, mit dem Herrenhuter Stern, mit einem besonderen Konzert. Und wenn wir uns Mühe geben und diese Adventszeit nutzen, Jesus zu ehren, dann werden wir selbst die Beschenkten sein. Und die ev. Kirche lässt sich herausfordern vom Stichwort „Gerechtigkeit“, das immer wieder genannt wird als besondere Qualität dieses Königs. Er ist gerecht, ein Helfer wert. Hier bei Jeremia: Man wird ihn nennen: Der Herr unsere Gerechtigkeit. Bei der Aktion Brot für die Welt, die immer am 1. Advent eröffnet wird, geht es vor allem um weltweite Gerechtigkeit. Die Kirche weiß, das lässt sich nicht erzwingen, und wir haben sowieso keinen politischen Auftrag. Wir sollen auf Jesus hinweisen und erzählen, was wir mit ihm erlebt haben. Aber dieser Herr hat umfassende Macht, er will nicht nur Seelen retten, sondern eine ganze Welt verändern und erneuern. Darum muss denen, die auf Grund von Unrecht in Hunger und Armut leben, geholfen werden. Dafür sammeln wir in den Bremer Projekten für die Opfer des zurückliegenden Bürgerkriegs in Ruanda. Wenn wir geben, ist es nicht, um unser Gewissen zu beruhigen. Immer wenn wir geben, egal ob nun Brot für die Welt oder Nöte vor Ort oder die Mission, und gerade wenn wir viel geben, mehr als wir uns eigentlich erlauben können, dann ehren wir Jesus. Weil wir ihm zutrauen, er wird uns trotzdem gut versorgen, erst recht gut versorgen, wo uns jetzt eigentlich wichtiges fehlt, was wir selber dringend benötigen.

Aber entscheidend ist nicht, was wir im diesjährigen Advent geben oder schenken. Denn zuallererst sind wir selbst die Beschenkten. Beschenkt von Jesus, dem gerechten König, der uns sich selbst schenkt, die Dunkelheit und Schuld in unserem Leben austauscht mit seiner Gerechtigkeit. Und so werden wir selbst königlich und zurecht gebracht.

Als Günther Netzer 1973 nach Madrid wechselte, war er schon ein Star im internationalen Fußball. Trotzdem war es für ihn ein weihevoller Moment, als er erstmal die weißen Stutzen und die weißen Trikots überzog. Die Farben von Real, der Königlichen. Nun gehörte auch er dazu, für drei Jahre. Das war einmal.

An Advent sagen wir: Es wird einmal. Oder wie Jeremia sagt: Es kommt die Zeit. Da werden wir den König sehen in seiner ganzen Einzigartigkeit und Pracht. Möge dieses Gefühl von Vorfreude, von Gewissheit unsere Herzen erfüllen in dieser Adventszeit.

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