Keine Jammerpartei

Liebe Gemeinde!

Arglos machte ich den Brief auf. Es war eine Einladung zur Sitzung in Stade. Nordkehdingen steht mit unter den Tagesordnungspunkten. Prompt fiel ich für einige Momente in diese Stimmung, die derzeit weit verbreitet ist.

Alles wird schwieriger. Alles wird teurer. Wie geht das mit der Arbeitslosigkeit weiter? Was bringt uns Hartz IV? Wie geht es weiter im Irak. Und was bedeutet das für uns? Wie geht es weiter mit dem fünf Gemeinden in Nordkehdingen? Wir gehen mit vielen offenen Fragen, mancher Sorge und konkreten Befürchtungen in ein neues Kirchenjahr. Denn auch die Kirche, bis in unsere Gemeinde hinein, ist ja eingebunden in die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung. Als wir in einer sonst fröhlichen Geburtstagsrunde die steigenden Lebenskosten beklagten, meinte einer am Tisch: „Ihr solltet eine Jammerpartei gründen“. Da musste ich dann doch lachen. Der Mann hatte ja Recht. Wenn wir Christen schon den Kopf hängen lassen, von wem sollte dann noch Hoffnung, Mut und Zuversicht ausgehen. Es sollte unsere Sache ja nicht sein, uns von Ängsten, Ärger und Pessimismus gefangen nehmen zu lassen. Aber ganz aus unserer Haut können wir dann doch nicht. Wir sind bei allem Gottvertrauen auch immer Kinder dieser Welt, müssen unser Leben hier und jetzt bewältigen. Und manchmal überwältigen uns dann doch Befürchtungen, wie andere Menschen auch. Was bringt die Zukunft? Für unser Land, für meine Familie und auch für mich selbst. Jedes neue Jahr ist Neuland, das wir betreten. Mit allen Unwägbarkeiten, Geheimnissen und neuen Erfahrungen. Das ist bei einem Kirchenjahr nicht anders als beim Kalenderjahr. Auch wenn uns das vielleicht gar nicht so bewusst ist.

Wagen wir also einen Blick in die Zukunft. Das Wort des Propheten Jeremia lüftet den Schleier, der das Kommende vor uns verbirgt. Dabei klingen seine Worte beim ersten Hören nicht weniger rätselhaft wie manch andere Prophezeiung oder Vorhersage, die zum Jahresende ja immer Hochkonjunktur haben.

„Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, dass ich David einen gerechten Sproß erwecken will. Der soll der König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird“. Was wie eine politische Ankündigung klingt, ist weit mehr als das.

Es geht nicht um einen Regierungswechsel, schon gar nicht um die Rückkehr zu einer anderen Staatsform. „Es kommt die Zeit,“ sagt Gott,“ in der ich mein Recht und meine Gerechtigkeit durchsetzen werde.“ Gottes Gerechtigkeit ist die Liebe und sein Recht ist das Lebensrecht für alle Menschen. Gott greift nach der Herrschaft über unsere Gedanken und Herzen. Und wenn er sie erobert hat, dann kann es nicht so bleiben, wie es ist. Dann beginnen wir, uns zu verändern. Und mit uns ändern sich die Verhältnisse, die Bedingungen unseres Lebens. Wo Streit, Rachsucht und Neid regieren, kehren Versöhnung und Frieden ein. Menschen, die unterdrückt werden, sollen befreit werden. Und denen, die leiden, soll geholfen werden. Da, wo Gottes Herrschaft sich Bahn bricht, gewinnt das Leben Raum. Da bekommen wir nicht, was uns zusteht, sondern das, was wir zum Leben brauchen. Wie das aussehen kann, hat Jesus uns in seinem Tun und Reden vor Augen geführt. Schuldigen hat er vergeben.

Kranke hat er geheilt. Ausgestoßene und Verachtete zu seinen Tischgenossen und Weggefährten gemacht. Gesetze und Tabus hat er durchbrochen um der Liebe willen. Kein Zweifel: Er ist der neue König, der Nachkomme des legendären Königs David, den Jeremia hier ankündigt. So ist der Blick in die Zukunft zugleich die Erinnerung an das, was wir längst wissen und immer wieder gern vergessen. Der neue König regiert bereits. Regiert in den Köpfen und Herzen derer, die in seinem Geist leben und wirken.

Die Zukunft hat längst begonnen in den Köpfen und Herzen derer, die sich erinnern an das, was Jesus gesagt und getan hat und ihm darin folgen. „Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen“, heißt es bei Jeremia. Und mit ihnen allen Menschen, die Hilfe brauchen und ihr Leben in Ungewissheit verbringen. Diese Zeit ist jetzt, liebe Gemeinde. Diese Zeit ist jetzt, wenn wir es zulassen, wenn wir es geschehen lassen, wenn wir damit anfangen und daran festhalten, im Geiste Jesu zu leben und zu handeln. Die Zukunft kommt nicht auf uns zu, wie ein Verhängnis, wie ein aufziehender Gewittersturm. Sie öffnet sich vor uns wie ein neues Land, das wir betreten, bewohnen und gestalten können. Ein Land, groß und weit genug für uns alle, in dem wir sicher wohnen. Das war immer der Traum Israels, vor allem wenn es gefangen, von fremden Mächten beherrscht und unterdrückt war. Für uns Christinnen und Christen ist das mehr als ein Traum. Es ist eine Vision, mehr noch: ein Plan Gottes, den er mit uns und für uns verwirklichen will. Und es ist mehr als nur der Plan einer besseren Welt. Es ist der Plan einer neuen Welt.

Gott will nicht nachbessern. Er will uns einen neuen Anfang schenken. Und es liegt an uns, ob wir diesen neuen Anfang wollen, uns dafür begeistern lassen oder lieber klagen und unsere Wunden lecken.

Jeremia lüftet den Schleier, der über der Zukunft liegt und siehe: Verborgen dahinter ist ein Spiegel, in dem wir uns selbst sehen. Es liegt an uns, was aus uns wird. Es liegt an uns, welchen Geistern und Mächten wir es gestatten, uns zu führen und uns die Ziele zu stecken. Wir haben durchaus die Freiheit, uns in die Irre führen zu lassen in der Überzeugung, dass wir selbst unseres Glückes Schmied sind, dass das Recht auf der Seite des Stärkeren ist. Wir können auf die Macht des Geldes bauen und auf den Grundsatz, dass sich jeder selbst der Nächste ist. Gott legt uns keine Ketten an. Er wünscht sich freie Menschen, die ihr Leben im Vertrauen zu ihm wagen. Ein Leben im Geiste Jesu.

Lassen Sie uns also keine Jammerpartei sein, sondern uns auf den Weg machen. Lassen wir uns begeistern von Jesus, seinen Taten und Worten. Lassen wir alle sehen, dass wir des neuen König Rock tragen, in seinem Namen handeln und reden: in der Familie, in der Schule, am Arbeitsplatz, in der Politik und natürlich vor allem in unserer Kirche. Denn sie steht schon längst mit einem Bein in Gottes neuer Welt, aller Kritik und Vorbehalte zum Trotz.

So darf ich Ihnen und Euch ein neues Jahr verkünden. Ein Jahr des Herrn, von ihm geschenkt als ein Stück Boden des neuen Landes, das uns versprochen ist. Lasst es uns betreten, in Besitz nehmen und bearbeiten, dass Liebe und Versöhnung darauf wachsen und gedeihen können. Ein Stück von Gottes Reich mitten auf dieser geschundenen und vom Unrecht überwucherten Erde. Ein Garten, in dem unter Disteln und Dornen Blumen wachsen.

Bahnen wir Gott in diesem Jahr den Weg, der nicht nur Israel, sondern die ganze Menschheit frei macht, dass allen geholfen wird, alle sicher wohnen können. Dann kann er durch uns und für uns wahr werden lassen, womit die Prophezeiung des Jeremia schließt: „Darum siehe: Es wird die Zeit kommen, spricht der Herr, dass man nicht mehr sagen wird: ‚So wahr der Herr lebt, der die Israeliten aus Ägyptenland geführt hat’, sondern: ‚So wahr der Herr lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel, nämlich uns, herausgeführt und hergebracht hat aus dem Lande des Nordens und aus allen Landen, wohin er sie verstoßen hatte’. Und sie sollen in ihrem Lande wohnen.“ Dass wir uns auf den Weg machen, um dort anzukommen und dort sicher zu wohnen, wünsche ich Ihnen, Euch und auch mir selbst zum neuen Kirchenjahr.

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