Gesprengte Ketten

»Heinrich, der Wagen bricht.«

»Nein, Herr, der Wagen nicht,

es ist ein Band von meinem Herzen,

das da lag in großen Schmerzen,

als Ihr in dem Brunnen saßt,

als Ihr eine Fretsche (Frosch) wast (wart).«

Liebe Gemeinde,

diese Sätze kommen Ihnen sicher vertraut vor. Und ziemlich sicher wissen Sie auch, wer Sie wann zu wem sagt. Sie stammen aus dem Märchen „Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich“ aus der Sammlung der Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm. Und es sprechen miteinander der aus seinem Froschdasein erlöste König und sein Diener, der hinten auf der Kutsche steht, mit der beide die Braut des Königs abholen. Auf der Fahrt zum Königsschloss kracht es dreimal so laut, dass der König meint, die Kutsche sei gebrochen. „Heinrich, der Wagen bricht.“

Und jedes Mal antwortet der Diener Heinrich:

“Nein, Herr, der Wagen nicht,

es ist ein Band von meinem Herzen,

das da lag in großen Schmerzen,

als Ihr in dem Brunnen saßt,

als Ihr eine Fretsche (Frosch) wast (wart).“

Ist es Ihnen auch schon mal so gegangen wie diesem eisernen Heinrich? Dass Trauer und Leid Ihnen schier das Herz zerreißen wollte? Ich finde das ein sehr eindrückliches Bild, das auch meinen Empfindungen von Trauer ganz nahe kommt – dieses zerrissene Herz. Wenn man noch am Anfang eines Trauerweges steht, können einen die verschiedenen Empfindungen wirklich schier auseinander reißen. Wut und Angst, Furcht und Schmerz, Lähmung und planlose Hektik – alles kann durcheinander gehen und von Stunde zu Stunde wechseln. Eine schwere Zeit, die die Trauernden da durchstehen müssen.

Manche versuchen dann sich dagegen abzuschirmen, sie machen „dicht“. Sie lassen nichts mehr an sich rankommen und verbannen jedwede Art von Gefühl in die hinterste Ecke. Wie der treue Diener Heinrich legen sie sich sozusagen Ketten ums Herz, damit es nicht zerreißt. Aber dass sie damit auch alle anderen Gefühle – nicht nur die Trauer – wegsperren, sehen sie nicht, oder sie nehmen es in Kauf. Vielleicht muss man manchmal für eine Zeitlang so leben, weil man es sonst mit sich selber nicht aushält, aber die Trauer ist nur „aufgeschoben“ und früher oder später wird sie sich ihre Bahn brechen. Eiserne Ketten ums Herz halten nicht ewig und machen – je länger man sie umlegt – um so unbeweglicher. Das kann bis zur völligen gefühlsmäßigen Erstarrung gehen.

Unbewältigte Trauer, aber auch Trauer, die nur zurückblickt, nur die schöne Vergangenheit beschwört ohne die Gegenwart und die Zukunft zu berücksichtigen, hat schon manch eineN zur Salzsäule werden lassen. Hilflos bleiben manche Trauernden im Vergangenen hängen, weil man sie sich einfach nicht trennen können, von dem was hinter ihnen liegt. Vielleicht weil der Verlust zu schmerzvoll war, vielleicht weil noch offene Fragen geblieben sind, vielleicht weil die Gegenwart zu erschreckend für sie ist. Wie Gefangene sind sie eingesperrt und kommen nur schwer ohne fremde Hilfe aus ihrer Versteinerung heraus.

Wie die Jünger auf dem Weg von Jerusalem nach Emmaus brauchen manche Trauernden andere Menschen, die ihre Traurigkeit mit ihnen teilen, mit denen sie erzählen und mit denen sie Brot brechen können. Und manchmal kann sich durch solche Hilfe von außen ein eigenes persönliches Auferstehungserlebnis für diese Menschen ereignen. So dass sie innerlich vom Tod zum Leben kommen.

Trauern ist schwer. Es greift uns an. Es macht uns hilfsbedürftig. Es tut weh.

Ich lese nun den für heute vorgeschlagenen Predigttext aus dem Buch der Offenbarung, Kap. 21, V. 1-7. Dort beschreibt der Seher Johannes, wie er die Zukunft Gottes mit den Menschen in einer Art visionären Schau gesehen hat:

[TEXT]

Das klingt so ganz anders als die Welt, wie wir sie heutzutage erleben: Der erste Himmel und die erste Erde sind dann vergangen. Eine neue Welt entsteht. Und das Meer – ein altes Symbol für Gewalt und Chaos – ist nicht mehr da. Dieses unendliche Meer von Trauer und Schrecken, von Unheil und Gewalt, dieses Meer von Tränen, die Menschen aller Zeiten vergossen haben – es ist untergangen.

Beendet ist dann die Herrschaft der Gewalt an allen Orten dieser Welt, wie wir sie jetzt noch erleben, egal ob auf unseren Straßen, in den Häusern hinter verschlossenen Türen, auf dem Schulhof, in den Straßen der Orte, die wir Beslan, Falludscha, Kabul, Ramallah oder auch ganz anders, nennen. Beendet ist dann, dass Menschen sich ihre Seele aus dem Leib weinen, weil sie nicht begreifen können, dass der Partner, das Kind, die Eltern, der Freund nicht mehr erreichbar sind oder das eigene Leben von Krankheit gezeichnet sich dem Ende entgegenneigt. Beendet ist dann, was uns an persönlichem Leid in unzähligen Anzeigen begegnet und wo wir mit unseren Fürbitten im Gottesdienst an der Seiten der Trauernden stehen. Und beendet ist dann auch endlich das verzweifelte Fragen, wo Gott denn nun inmitten dieser Welt anzutreffen ist, in dieser Welt, die in ihrer Schönheit wunderbar und die in ihrer Brutalität so sehr erschreckend ist.

Dann wird es keinen trüben Spiegel mehr geben, durch den wir versuchen Gott zu erkennen – so wie Paulus es im 1. Kor 13 beschreibt. Dann wird Gott seine Hütte bei uns Menschen aufschlagen und alles Bitten um Antworten, alles Hadern mit dem Schicksal, alles Ringen mit Gott hat ein Ende – weil Gott nebenan wohnt und wir jederzeit zu ihm kommen können. Und alle Fragen werden beantwortet werden.

Ich stelle mir vor, wie Gott, uns Menschen zugewandt, unsere Tränen trocknet, wie er uns in den Arm nimmt und uns tröstet. Und kein Tod mehr, kein Leid, kein Geschrei und kein Schmerz – stattdessen wird es ein Leben geben, wie wir es uns heute noch gar nicht so recht vorstellen können, weil wir noch so unter dem Eindruck dieser gegenwärtigen Welt stehen. Was wird das sein – ein Leben ohne Leid und Schmerz? „Wolf und Schaf sollen beieinander weiden; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind“ – so haben wir in einer Lesung gerade gehört. Auch das für unser eigentlich nicht vorstellbar. Und doch: Die Verheißung gilt!

Aber was helfen uns diese schönen Träume von einer idealen Welt, wenn wir doch noch so riesig weit davon entfernt sind? Ist das nicht alles nur billige Vertröstung auf ein imaginäres „Jenseits“ statt Trost, der den Trauernden jetzt und heute hilft?

In der Tat, ein Blick auf uns selbst und unsere Umgebung zeigt, dass diese neue Welt, wie Johannes sie beschreibt, noch nicht die Welt ist, in der wir leben. Und doch ist ihre Zeit schon angebrochen, hier und heute. Angebrochen wie eine Tafel Schokolade angebrochen ist, wenn wir das erste Stückchen im Mund haben, aber fast die ganze Tafel noch vor uns liegt: Die Zeit der neuen Welt ist angebrochen in uns.

Denn wer darauf vertraut, dass Gott selbst unsere Tränen einmal abwischen wird, der kann vielleicht anderen helfen, sich einmal auszuweinen und ihnen heute schon manche Tränen abwischen. Wer weiß, dass das Leid ein Ende haben wird, der kann vielleicht jetzt schon alles tun, fremdes Leid zu lindern, sei es im persönlichen Umfeld oder auch durch gesellschaftliches Engagement. Wer weiß, dass einmal auch kein Tod mehr sein wird, der kann dann vielleicht selber einem Sterbenden geduldig, treu und beharrlich zur Seite stehen und dadurch dem Tod ein wenig von seiner Macht nehmen.

Dort ist Gott wirklich Gott, dort ist Gott bei uns in der Liebe und der Gegenwart jeder Zuwendung. Gott ist die Hand, die uns hält, das Ohr, das uns zuhört, das Wort, das uns tröstet und der freundliche Blick, der uns Mut und Hoffnung gibt.

Wenn wir uns von der Hoffnung auf die neue Welt Gottes zu einem solchen Handeln unter uns leiten lassen, können vielleicht noch mehr Ketten der Trauer gesprengt werden, gäbe es wohl weniger in der Trauer Erstarrte, und könnte noch so manch ein Auferstehungserlebnis stattfinden.

Gottes neue Welt – hier und heute unter uns.

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