Einen Spalt weit …

Liebe Gemeinde!

In den letzten Tagen ist mir ein Foto in die Hände gefallen, in einer alten Kirchenzeitung habe ich es entdeckt. Ein Foto über das es sich lohnt miteinander anzudenken. Da ist im Bildvordergrund das Rasenstück eines Friedhofes zu sehen, wie wir auch auf unseren Friedhöfen finden. Ein Stückchen Wiese, wo gegenwärtig keine Gräber sind.

Auf ihm tummeln sich zwei Krabbelkinder unter der Obhut ihrer Mutter. Ein Bild hoffnungsfrohen Lebens. Und schon gleich hinter diesem Bild der Freude markiert der Tod sein Terrain. Da erheben sich Grabhügel und Grabsteine mit ihren Kreuzen.

Einen Augenblick habe ich überlegt, ob das Foto denn nicht eigentlich geschmacklos sei? Fröhliche Krabbelkinder fotografiere ich doch lieber auf dem Rasenstück meines Gartens oder vor dem Hintergrund eines Blumenbeetes, aber doch nicht vor dem Hintergrund von Gräberfeldern.

Aber so sind wir wohl. Kinderlachen hat am Totensonntag keinen Platz, der Totensonntag gehört dem Toten, dem Gedenken an sie, dem traurigen sich Hingeben in Erinnerungen an sie.

Wir grenzen gern Leben und Tod scharf voneinander ab. Beides hat nebeneinander in unserem Leben keinen Platz. So sterben heute die meisten Menschen auch nicht mehr zu Hause im Kreise der Familie, sondern im Krankenhaus oder im Pflegeheim. Leben und Tod – beides hat seinen Raum, aber eben beides jeweils seinen Raum für sich.

Und darum nehmen auch wir unsere Kinder und Enkelkinder wohl schon lieber mit auf den fröhlichen Rummel als in die Stille des den Toteshauch atmenden Friedhofes. Ich bedaure immer wieder, dass ich es ganz selten erlebe, dass die Enkelkinder oder Urenkelkinder dabei sind, wenn von der Oma oder dem Opa Abschied genommen wird.

Hier das Leben – dort der Tod! Jedes schön für sich. – Ich denke, dass Christen das anders sehen müssten und können, weil Jesus selbst diese Grenzziehung aufgehoben hat. Seit seinem Auferstehungstag ist das Kreuzeszeichen nicht mehr nur Todeszeichen, sondern auch zum Zeichen des Lebens, der Hoffnung auf die Ewigkeit – die letzte bleibende Gemeinschaft mit Gott – geworden.

Sicher, wir wollen damit nicht überspielen, dass der Tod irdisches Leben auslöscht und insofern traurig macht, weil sich mit diesem loslassen müssen so oft auch so viel Leid verbindet. So sind viele heute hier unter uns, in deren Familie der Tod eine schmerzhafte Schneise geschlagen hat.

Es ist schwer, einen Menschen zu Grabe tragen zu müssen, mit dem ich sehr verbunden gewesen bin. Das spüren wir bei jeder Beerdigung neu. Aber unser Glaube lässt uns darauf vertrauen, dass der letzte Feind – der Tod – vernichtet ist, durch Jesus, unseren Herrn. Der Glaube an das Reich, da Fried und Freude lacht, gibt doch dem Tod eine Dimension, die über das Ende hinausreicht, die ihm etwas nimmt von der makabren Endgültigkeit.

Der Seher Johannes hat seine eigene Vision von dem, was am Ende der Zeiten, in Gottes Ewigkeit auf uns wartet. In wunderschönen Bildern beschreibt er das neue Jerusalem, die neue Schöpfung Gottes. So beschreibt er, wie es sein wird, wenn sich Gott zu uns Menschen aufmacht, sein Haus neben unserem errichtet und uns so greifbar nahe kommt.

Einen Satz möchte ich ganz besonders herausgreifen. „und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Gesichtern, und Schmerz und Leid wird nicht mehr sein, denn siehe, es ist alles neu geworden.“ – Darauf möchte uns wohl das Foto, von dem ich erzählt habe, einstimmen.

Das im Vordergrund des Fotos erkennbare fröhliche Kinderleben möchte uns zum Gleichnis werden für die Hoffnung, die wir mitten im Angesicht des Todes haben dürfen. Für die Hoffnung auf die ewige Gemeinschaft, die Gott uns sterblichen Menschen unserer vom Tode gezeichneten Welt, anbietet.

Diese Gemeinschaft mit ihm, das Warten auf das ewige Leben, auf das wir hoffen, ermutigt uns, schon jetzt das zu tun, was einmal ganz offenbart werden wird, Tränen zu trocknen, Leid zu mindern, Kriegsgeschrei abzuwenden.

Wer an die Tränen glaubt, die einmal ganz gewiß abgewischt werden, der kann vielleicht anderen helfen, sich einmal auszuweinen und ihnen heute schon manche Tränen abwischen.

Wer weiß, daß das Leid ein Ende haben wird, der kann vielleicht jetzt schon alles tun, fremdes Leid zu lindern.

Ja, wer weiß, daß einmal auch kein Tod mehr sein wird, der kann dann vielleicht selber einem Sterbenden geduldig, treu und beharrlich zur Seite stehen und dadurch dem Tod ein wenig von seiner Macht nehmen.

Wäre das alles nicht schon ein kleines Stückchen Himmel? Würde da nicht schon die Tür in Gottes neue Welt für einen Spalt geöffnet?

Lassen wir uns von dieser Vision des Sehers Johannes als Schwestern und Brüder trösten und Mut zusprechen. Nehmen wir im Licht der Ewigkeit das an, was Gott uns aufträgt, manchmal aber auch auferlegt.

So wird dieses Leben einmünden in ein Leben, von dem es verheißen ist: wer überwindet, der wird alles ererben, und ich werden sein Gott sein und er wird mein Sohn sein. – Das wir doch heute schon etwas spüren von dem tröstlichen Morgenglanz der Ewigkeit.

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