Die Vollendung

Liebe Gemeinde,

ich habe diesen Bibeltext oft zu sprechen, v.a. dann, wenn ich als Pfarrer am Grab stehe und nach Worten des Trostes suche. Welche Verheißung haben doch die Christen, wenn sie diesen Worten Glauben schenken können! Mir persönlich geht diese Vision, die der Seher von Gott geschenkt bekommt durch und durch: die Neuschöpfung der Erde, das Umwandeln von Tod in Leben, von Leid in Schmerz. Wie sehr sehne ich mich doch danach, dass wir in einer Welt leben könnten, die diesem Ideal entspräche. Als der Seher Johannes diese Worte niederschrieb, wütete gerade eine der schlimmsten Christenverfolgungen seiner Zeit und viele, die den Glauben an Jesus als den Sohn Gottes bekannten und lebten, mussten mit Folter und Tod rechnen. Viele sind damals abgefallen, weil ihnen ihr Leben wichtiger war, als das Bekenntnis zu Christus. So gar nicht kann ich mir diese Situation damals vorstellen: wie hätte ich gehandelt? Damals im römischen Reich, oder näher dran: damals im dritten Reich? Hätte ich mutig bekannt, versucht Menschen zu helfen, hätte ich den Tod in Kauf genommen? Hätte ich abgewogen zwischen den Leben, für die ich selbst verantwortlich bin, für Kinder und Familie und denen, dich ich mit meinem eigenen Tod hätte vielleicht retten können. Ich weiß, diese Frage ist nicht zu beantworten für jemanden, der solche Situationen nicht am eigenen Leibe erfahren hat. Aber könnte ich es mir dann wenigstens vornehmen? Würde ich es schaffen, den Glauben an den einzigen und wahren Gott so an erster Stelle in mein Leben zu stellen, dass alles andere wirklich erst danach, an zweiter oder dritte Stelle zu stehen kommt? Die meisten meiner Schüler antworten auf diese Frage mit "Nein". Der Glaube steht eher neben dran, als nettes Beiwerk, als schöne Hilfe in manch dunkler Stunde, aber mehr auch nicht. Ich mag sie darin nicht verurteilen, denn keiner von uns weiß wirklich, wie er handeln würde, kämen wir in die Situation der Christen von damals.

Glaube aber heißt in der tiefsten Stelle nichts anderes, als Vertrauen in Gott haben. Vertrauen, dass er mein Leben lenkt und leitet. Vertrauen, dass ich nicht alleine bin, egal wo und egal wie ich leben kann und was ich alles darin nicht schaffe. Denjenigen Christen, die den Glauben damals so leben konnten und auf Gott alleine vertraut haben, denen ist dieses Wort aus der Offenbarung des Johannes gewidmet, denn sie haben bereits etwas von dieser Vision in ihrem eigenen Leben erfahren. Sie wissen, dass es wahr ist, was Johannes schreibt. Aber wie kann es wahr sein in einer Situation, in der ihnen Tod und Leid und Schmerz begegnen? In denen ihre Augen nicht trocken werden wollen, wegen der Tränen, die sie vergießen müssen? Ja, liebe Gemeinde, ich frage noch eins weiter: wie kann es sein, dass diese Vision auch uns gilt, in unserem Leben, wenn wir trauern und uns fragen: "wie kann Gott ein solches Leid zulassen?" Die dunkelsten Stunden erfahren wir im Leben, wenn wir mit dem Tod eines geliebten Menschen konfrontiert werden. Zu oft verlässt uns dieser Mensch plötzlich – was hätte man doch noch alles sagen und reden müssen. Zu oft hinterlässt er Menschen, die ihn brauchten, Frau, Mann, Kinder – aber er ist nicht mehr da, nicht mehr ansprechbar, nicht mehr fühlbar. In diesen dunklen Stunden kommt der Schmerz und es kommen die Tränen und wie ein Schleier legt sich die Traurigkeit über unsere kleine Welt und verschlingt alles, was sie uns auch an Fröhlichem zu bieten hätte. Und eines noch: die Trauer braucht Zeit – sie nimmt sich Zeit, sie begleitet uns über lange Wochen und Monate, manchmal auch über Jahre wie ein unsichtbarer Gefährte, der uns ganz unerwartet an der Schulter fasst und uns an Tod und Vergänglichkeit erinnert.

Wie also kann es wahr sein, was der Seher Johannes uns berichtet in einer solchen Situation? Das Reich Gottes, liebe Gemeinde, wohnt bereits mitten unter uns und es harrt seiner Vollendung. Das Reich Gottes wird am Ende der Zeiten, wenn unser Herr wiederkehrt, um die Erde und die Menschen zu richten, vollständig errichtet werden, ohne wenn und aber. Ohne Einschränkung wird dann gültig sein, was jetzt nur gültig ist für den befreiten Gläubigen in den lichten Momenten seines Lebens. Du wirst Gott sehen können von Angesicht zu Angesicht. Kein trüber Spiegel wird dich an der Erkenntnis Gottes und seiner Herrlichkeit hindern können. Du wirst fähig sein, zu leben, wie es von Gott gewollt war und es wird nicht mehr geben, was heute allzu menschlich erscheint: den Krieg, die Gewalt und in Folge der Sünde den Tod und das Wehklagen. Dieses Reich Gottes hat aber in Christus schon seinen Anfang genommen und es breitet sich aus unter den Menschen, die Gott vertrauen. Sie können Gott erfahren in dem, was er uns an Möglichkeiten gegeben hat: in der Liebe und dem Trost der Menschen untereinander.

So geschieht Gott bereits unter uns. In dem tiefen Frieden, die das Gebet und das Lied zu geben vermögen. Im Abendmahl, der sinnlichsten Form, Jesus ganz nah bei sich zu wissen und auf sein Wort zu trauen. In der Heiligen Schrift, die jedem Einzelnen, der sich auf sie einzulassen vermag Trost und Hilfe zusprechen kann. Ist das alles, werden manchen fragen? "Ja", muss ich sagen – "immerhin" kann ich das sagen: für Momente, für Augenblicke deines Lebens den Himmel offen zu sehen, frei von jeder Begrenzung dich als vollständigen, als angenommenen Menschen zu begreifen, der von Gott geliebt wird. Dich gestärkt und bekräftigt zu wissen und zu erfahren, wie es ist, dass durch dich selber Gott reden kann in der Auferbauung deines Nächsten. All das und noch weiteres ließe sich sagen über die Momente, in denen das Reich Gottes bereits in uns wirken kann und in uns wirkt. Die Sprache ist nicht fähig, diese Begeisterung zu fassen und in Worte zu kleiden. Musik und Kunst lassen uns ebenfalls nur ahnen, was dort erfahrbar wird, aber ich bin fest davon überzeugt, dass jeder Mensch solche Momente in seinem Leben erfahren hat und noch weitere erfahren wird. Wer von Gottes Botschaft weiß und auf diese Botschaft sein Vertrauen setzt, der wird nicht enttäuscht werden. Wer glaubt und getauft wird, der wird selig werden, sprechen wir zu Beginn eines jeden Gottesdienstes als Verheißung für uns alle. Wer also von dieser Botschaft weiß und sein Vertrauen auf Gott gerichtet hat, der wird das Reich Gottes bereits in seiner eigenen Welt finden können und die Momente des Lichts nicht dem Zufall oder dem Schicksal zuordnen, sondern Auskunft geben können über die Hoffnung, die in ihm ist.

Das alles, liebe Gemeinde, wird zwar den Tod hier auf Erden noch nicht beseitigen. Es wird die Trauer nicht auslöschen und Tränen werden weiterhin geweint werden. Aber all dem steht etwas gegenüber, was bereits jetzt auch mit meinem Leben zu tun hat: Gottes Macht und Gottes Kraft, die mächtig werden will auch in meinen eigenen, kleinen Leben mit meinen eigenen, kleinen Problemen. Durch dieses Leben aber wandeln wir jetzt mit unseren beiden Seiten, die uns immer begleiten: der Seite der Freiheit, die uns Gott bereits zugesprochen hat – der Gewissheit, dass wir schon jetzt Gottes geliebte Kinder sind und uns keine, aber auch wirklich keine Macht von diesem Erbe trennen kann. Und der anderen Seite, der leiblichen, sündigen Seite, wenn sie so wollen: der Seite, in der wir scheitern, in der wir selber verletzen und zum Leid und Geschrei und zur Trauer der Welt weiterhin beitragen, weil wir es nicht besser wissen und nicht besser können. Zu dieser Seite aber gehört auch unsere eigene Verletzlichkeit, unser Hochmut, unsere Schwachheit, die uns immer wieder nur um uns selber kreiseln lässt. Das ist unsere Schuld, an die wir auch die letzten Tage gemahnt waren, zu denken. Gott aber will uns weiterhin verwandeln und verspricht uns das Ziel dieser Wandlung am Ende unseres Lebens. Dann wird die eine Seite Überhand nehmen und es wird licht und hell ganz so wie in den wenigen Momenten in unserem Leben, die wir schon jetzt schauen dürfen. Eines ist dabei gewiss: die Menschen, die uns diesen Weg vorangegangen sind, sind schon dort, wovon wir hier nur in Stückwerk reden können. Sie haben die Grenze und die Begrenzungen dieses Lebens verlassen und stehen ihrem Schöpfer gegenüber. Und wenn wir wollen, dürfen wir die alten Bilder der Bibel dazu hernehmen, sie uns zu denken in diesem neuen Jerusalem, der heiligen Stadt, geschmückt wie ein Braut für ihren Bräutigam. Und in dieser Stadt sind unbekannt der Tod und das Leiden, die Schmerzen und das Geschrei, denn Gott selbst wohnt in dieser Stadt. Und jedermann kann ihn sehen und bei ihm sein und Gott selbst wird zu den Menschen kommen und nur noch Tränen der Freude werden über ihre Gesichter laufen. Denn alles Stückwerk ist vorbei und Gott selbst hat alles neu geschaffen. Und Gott spricht zu seinen Kindern: seht, ich bin der Anfang und das Ende – in mir ist alles aufgehoben, was du dir je vorstellen konntest. Nun aber wirst du jederzeit trinken können von dieser Quelle des Lebens und das Wasser des Lebens bekommst du immer umsonst. Und, liebe Gemeinde, Gott wird unser Gott sein und wir werden seine Kinder sein – ohne Einschränkung.

Und der Friede Gottes, der weiter reicht, als wir es je beschreiben könnten, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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