Güte ist wie eine offene Tür

Liebe Gemeinde, liebe Meederer und liebe Sachsenbrunner,

kennen Sie ihr schlechtes Gewissen?… Ich meine dieses unbehagliche Gefühl, Ärger oder Verdruss und Verstimmung, die sich einstellen, wenn wir etwas Unrechtes getan haben. – Ein Streit, der meinen Zorn entfacht hat, böse, verletzende Worte, Zerwürfnis. Das schlechte Gewissen beginnt zu nagen, aber bevor mir das klar wird, ist er schon heraus, dieser Satz: Ich will nichts mehr mit dem oder der zu tun haben. – Oder: da wartet jemand auf Unterstützung durch einen Besuch, Hilfe im Haushalt, etwas Zeit und Verständnis. Und wir wollen sie ja eigentlich auch geben, diese Unterstützung, das haben wir fest vor. Aber wir sind so beschäftigt, es ist einfach noch nichts draus geworden. Also gehen wir der betreffenden Person aus dem Weg, hoffentlich ruft sie nicht an, dann rollen wir vielleicht genervt mit den Augen. Das schlechte Gewissen rührt sich wohl, aber wir ersticken es und lenken uns mit Arbeit ab. – Oder unser schlechtes Gewissen meldet sich wegen einer nicht korrekten Steuererklärung oder manchem Handel, der nicht ganz gerecht, aber zu unserem Vorteil war. – Im zwischenmenschlichen Bereich lastet Schuld oft schwer auf unserem Gewissen, weil wir es einfach nicht schaffen, einander gerecht zu werden, den Kindern, der Ehepartnerin, den alten Eltern.

Das schlechte Gewissen zehrt an unserer Kraft, bremst die Lebensfreude, stört und stänkert. Und doch, liebe Gemeinde, können wir erleichtert durchatmen, wenn wir es spüren. Das bedeutet, wir haben es noch nicht so oft übergangen, verdrängt und vergewaltigt, dass wir gewissenlos leben müssen.

Ich weiß, dass manche Psychologen die Meinung vertreten, ein schlechtes Gewissen sei anerzogen. Für falsche Schuldgefühle ist das wohl leider zutreffend. Aber die alte Erzählung von Adam und Eva im Paradies, wie sie uns im 1. Buch Mose unserer Bibel überliefert ist, versucht zu erklären, dass Schuldgefühle sofort einsetzten, nachdem die Menschen empfänglich für das Böse geworden waren. Deshalb bedeckten sich die beiden mit Fellen und versteckten sich vor Gott, so wird es erzählt.

Ein schlechtes Gewissen ist daher die innere Stelle, an der Gott uns ansprechen kann auf das, was unrecht ist. Dort sind wir empfänglich für seine mahnende Stimme. Aber das gefällt uns eben oft gar nicht, so persönlich an unserem wunden Punkt berührt und angesprochen zu werden. Es ist allzu menschlich, dass wir versuchen, dem zu entgehen, dass wir Ausflüchte suchen und ablenken. Als der Junge in der Schule Ärger bekommen hatte wegen einer Schmiererei an der Tafel, waren seine ersten Worte zu Hause: „Die andern haben auch mitgemacht, die waren sogar noch viel schlimmer. Nur weil ich erwischt worden bin, krieg ich jetzt alles ab!“ So offenkundig reden wir Erwachsenen uns nicht mehr heraus. Wir können das subtiler. Wir halten Haus und Hof in Ordnung und sorgen dafür, dass die Fassade untadelig ist. Dahinter lassen wir nicht jeden schauen. So sind wir nicht angreifbar. Als anständige Leute angesehen zu sein, bedeutet uns ganz viel. Schnell schauen wir dann aber auf andere herab, denen es nicht so gut gelingt, Fassaden aufzustellen und bei denen im Leben offenbar manches schief läuft. Gern zerbrechen wir uns den Kopf darüber, wer daran Schuld hat und geben unser Urteil ab. Und das abschätzige Reden über andere macht ja auch noch Spaß! Es tut so wohl, wenigstens eine kleine Stufe höher zu stehen, als ein anderer.

Und überhaupt: sollten wir uns denn mit allen anderen Menschen auf eine Stufe stellen? Was ist mit denen, die richtige Verbrecher sind? Kriminelle, Mörder, Vergewaltiger, Kinderschänder , Waffenschmuggler, Folterknechte, der ganze Abschaum und das Gesindel. So schlimm sind wir doch wirklich nicht.

Da muss man doch unterscheiden! Darum, o Mensch, kannst du dich nicht entschuldigen, wer du auch bist, der du richtest. Denn worin du den andern richtest, verdammst du dich selbst, weil du ebendasselbe tust, was du richtest. Ganz schön hart, diese Rede des Apostels Paulus. Der traut sich was, der mutet uns was zu. Aber er spricht im Auftrag Gottes, deshalb wollen wir ihm zuhören: Du kannst dich nicht entschuldigen. Das ist wohl wahr. Jede und jeder trägt an ihrer und seiner eigenen Schuld. Kein Mensch kann sich selbst entlasten, schon gar nicht mit dem boshaften Fingerzeig auf andere. Auch nicht mit dem Hinweis auf eine angesehene Stellung oder ein hohes Amt. Vor Gott stehen wir alle als Schuldnerinnen und Schuldner da, ihm werden wir nicht gerecht.

Aus dieser Perspektive gehört ein Mensch neben den anderen. Ehrfurcht vor Gott und eine realistische Selbsteinschätzung können uns nur dorthin führen.

Wenn ich auf den Menschen neben mir herabsehe oder ihn aburteile, begehe ich Verrat an diesem. Verrat, weil ich kein Mitmensch bin. Mitmenschlich sein, heißt sich zugehörig fühlen, mitteilen, mittragen, verstehen und solidarisch sein. Selbst bei gutem Willen ist unsere Fähigkeit dazu noch sehr begrenzt.

Diese Grenzen weiten sich wahrscheinlich ein Stück, wenn wir bedenken, welche Umstände Menschen auf das Schwerste prägen, auch zu Verbrechern machen können. Ich habe Bilder und Berichte von Kindersoldaten in Liberia vor Augen. Sie sind Opfer und Täter zugleich. Diese Kinder spüren kein Gewissen mehr, weil sie es sich gar nicht erlauben können, eines zu haben oder weil es systematisch kaputtgemacht wurde. Sind sie die Terroristen von morgen? Oder kann es gelingen, unter besseren Bedingungen, ihre Seelen zu heilen und ihnen ein Gewissen zurückzugeben? An Soldaten im Irak muss ich denken, die täglich Todesgefahr, Zerstörung und brutale Gewalt erleben. Sie werden verändert aus dem Krieg zurückkehren, mit einem verletzten Gewissen.

Liebe Mitmenschen und Glaubensgeschwister, vom Glück Begünstigte sind wir, wenn wir uns nicht mit solchen Lasten plagen müssen! Der Pfarrer Dietrich Bonheoffer rang sich im Nazideutschland zu einer schwerwiegenden Erkenntnis durch: Es ist für einen verantwortungsvollen Menschen gar nicht möglich, sich im Leben von Schuld reinzuhalten. Schon die Absicht wäre frommer Egoismus. Bonhoeffer war am missglückten Attentat auf Hitler beteiligt und musste dafür 1945 sein Leben lassen. …

Gott will uns an der Seite unserer Mitmenschen sehn – nicht in ängstlicher Distanz und nicht in überheblicher Pose. Jesus Christus hat nicht nur Solidarität, sondern die Güte Gottes demonstriert, als er der Ehebrecherin zur Freiheit half, bei Levi, dem Zöllner zu Gast war und sich von einer Prostituierten die Füße salben ließ. Das hat einiges Aufsehen erregt, aber erst recht hat es bei diesen Personen selbst seine Wirkung nicht verfehlt.

Dass Menschen misstrauisch waren, den Kontakt mieden und sie verurteilten, war nichts Ungewohntes. Aber Jesus war ein Freund – der sich zu ihnen setzte und gut zu ihnen war. Das tat ihnen wohl und rührte zugleich an ihr Gewissen. Deshalb begannen sie nach Gott zu fragen und zu tun, was ihm gefällt. Diese Güte war wie eine offene Tür, durch die sie aus dem Käfig ihrer Schuld herausgelangen konnten.

Gott will sicher, dass auch wir zu solchen Leuten werden, die durch Güte Türen öffnen. Wie viel herzlicher ginge es unter uns zu, wenn wir einander nicht in unseren Vorurteilen einsperren würden. Wenn wir uns nicht bei unseren Fehlern behafteten und so die negative Prägung noch vertiefen. Eigentlich ist uns die wunderbare Wirkung der Güte vertraut. Das haben wir schon erlebt, an uns selbst oder den eigenen Kindern und Enkeln: Strafe, Schimpfen, Kleinmachen richten in der Erziehung gar nichts aus, sie verderben nur die Atmosphäre und zerstören Vertrauen. Aber Kinder geben freudig ihr Allerbestes, wenn sie in Güte ermutigt und verständnisvoll geleitet werden.

Solche Güte ist für uns selbst heute auch nicht unerreichbar geworden. Bei allem, was wir an Sorgen, Lasten, Schuld und Versagen mit uns herumschleppen mögen: Gottes Tür steht offen wir dürfen bei ihm abladen und den Käfig verlassen! Von uns wird nicht immer nur viel erwartet. Wir müssen auch nicht Gutes tun, um uns Gottes Güte zu verdienen. Seine Güte steht uns offen, jeden Tag und immer neu. Jesus Christus hat diese Tür für uns geöffnet.

Heute gibt uns dieser Gd am Buß- und Bettag eine Chance, von ihr Gebrauch zu machen. Buße meint nicht Wiedergutmachung, sondern eine Änderung der inneren Einstellung und Hinwendung zu Gott. Dazu ist uns im Leben Zeit und Gelegenheit gegeben. Er ist ein Angebot der inneren Einkehr, zu hören und zu begreifen: „Du bist gemeint. Red dich nicht raus. Auch du hast Schuld. Aber lass dir vergeben. Gib mir deine Last.

Beginne heute neu, solange Zeit ist. „Weißt du nicht, dass dich Gottes Güte zur Buße leitet?“

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