Das könnte manchen Herren so passen

Liebe Gemeinde!

Heute am Totensonntag werden viele Menschen auf die Friedhöfe gehen und Gräber ihrer Angehörigen besuchen. Hier in der Diaspora werden es nicht ganz so viele sein wie am Allerheiligen – Tag. In den Großstädten ist längst schon der Weihnachtsmarkt eröffnet, wenn auch der Verkauf meist am Ewigkeitssonntag ruht, da er ein stiller Sonntag ist. Aber auch hier bei uns ist der Weihnachtsbaum – Verkauf schon langsam angelaufen. In den Gemeinden, Gärtnereien und privaten Orten gab und gibt es schon die ersten Adventsmärkte. Die Einen schauen in Trauer auf Vergangenes zurück, während sich viele schon auf Weihnachten einstellen. Die Erfahrung zeigte ohnehin, dass die Adventszeit viel zu kurz ist, um alles zu erledigen. Aber ist das nicht überhaupt ganz typisch für unser Leben: Es gibt keine Zeit der Trauer ohne wirklichen Stillstand. Kaum verweilten wir an Gräbern, schon hatte uns der Alltag wieder. Der Tod ist sowie in die Krankenhäuser und Heime ausgewandert. Tod und Alltagsleben sind immer ineinander verschränkt. Viele Beerdigungstermine richten sich nach dem Terminkalender der Angehören, die keinesfalls ihre Arbeit so einfach stehen und liegen lassen können. So auch dieser Predigttext: Der Tod und die Arbeit am Reich Gottes bekämpfen einander, und doch wird die Verheißung das letzte Wort haben. In einer Zeit, in der die Bestattungen preiswerter geworden sind, weil das Geld von der Krankenkasse fehlt, ist das folgende Gedicht von Kurt Marti wieder aktuell:

das könnte manchen herren so passen

wenn mit dem tode alles beglichen

die herrschaft der herren

die knechtschaft der knechte

bestätigt wäre für immer

das könnte manchen herren so passen

wenn sie in ewigkeit

herren blieben im teuren privatgrab

und ihre knechte

knechte in billigen reihengräbern

aber es kommt eine auferstehung

die ganz anders wird als wir dachten

es kommt eine auferstehung die ist

der aufstand gottes gegen die herren

und gegen den herrn aller herren, den Tod

Lassen wir also jetzt den Tod einmal Tod sein – und lassen uns also ein auf das Hören einer Botschaft, die uns sogar ein wenig visuelle Vorstellung aufdrängt. Die Szene dieses Bildes sei zunächst kurz erklärt: Wie in einem Film stellt die Vision des Johannes eine Abfolge von phantastischen Ereignissen dar, teilweise mit realistischen Gedanken und Anspielung auf höchst irdische Dinge verknüpft. Diese Zukunftsvision spielt also keinesfalls am fernen Nimmerleinstag, sondern mitten unter uns, in jeder zeitlos gedachten menschlichen Zeit. Was hier beschrieben wird, ist eine Schau des Glaubens. Die Hure Babylon ist tot. Gemeint ist die Welthauptstadt Rom, die durch Frühkapitalismus und Tyrannei die antike Welt zentral beherrschte. Besser gesagt: Vor der Schau der Vision des Johannes ist diese alles beherrschende Macht am Ende. Denn auf dem Thron sitzt ein anderer: Gott und neben ihm das Lamm, welches das Buch mit den sieben Siegeln geöffnet hat und damit die Zukunft erschlossen. Erst wird das Böse im Himmel besiegt und fällt auf die Erde. Dort hat es eine Menge zu tun um die Welt zu missbrauchen und die Menschheit zu teilen in Böse und Gute. Jedenfalls sieht es Johannes so. In der Stadt Babylon herrscht das Böse. Er schaut nun vor seinem inneren Auge den völligen Untergang dieser Stadt des Bösen. Die heilige Stadt dagegen ist zwar nicht so ganz in der Hand des Bösen, muss aber auch völlig neu erstehen. Ganz am Ende, als die Bösen längst den zweiten symbolischen Tod erlitten haben und damit das Böse für immer machtlos geworden ist. Johannes teilt also die Sicht des neuen Himmel und der neuen Erde mit allen, die im Glauben ebenfalls das Böse überwunden haben, die nach der langen Zeit des Durchhalten nun aus dem Tal der Tränen in der Straße der Sieger gelandet sind. Die Umkehrung der Verhältnisse ist hiermit gemeint. Die Umkehrung der Verhältnisse ist kein Leben nach dem Tod. Sondern das Bild der Hoffnung auf ein Ende aller Not im Diesseits. Sie ist das Bild eines Traums, einer Vision.

Diesen Traum hat für mich beispielhaft ein Mensch in Worte gefasst, der in den vereinigten Staaten für das Ende der Rassentrennung eingetreten ist: Martin Luther King: Er sagte auf einer großen Demonstration vor vielen tausend Menschen immer wieder nur diesen einen Satz: Ich habe einen Traum und beschrieb dann den Traum der Gleichheit aller Menschen in einem Leben in Gerechtigkeit und Frieden.

Muss es denn wirklich einen neuen Himmel und eine neue Erde geben? Würde nicht eine einfache Reformation oder Umstellung des alten Gesellschaftssystems reichen? Das Ziel ist nicht die Errichtung einer neuen Herrschaft. Wer im Namen Gottes einen neuen Staat bauen will, hat vielleicht alles schon falsch verstanden. Hier wird die Wirklichkeit des Glaubens in Bildern beschrieben, nicht mehr und nicht weniger. Dieser Glaube gilt für jeden und jede von uns hier und heute. Wer dieses Gegenbild im Herzen trägt ist in der Lage Leid und Schmerzen nicht nur zu ertragen, nicht nur mit anderen zu teilen, sondern auch im Sinne Jesu sich denjenigen ermutigend und helfend zu widmen, die heute leiden und trauern.

Die heilige Stadt, das neue Jerusalem kommt aus dem Himmel herab. Es ist also heute schon für mich im Himmel vorbereitet, wie es in dieser Stadt auszusehen hat. Das Bild dieser Stadt gleicht einer geschmückten Braut deren Hochzeit bevorsteht. Schon im Leben, das zweifelsohne eher dem des Babylon gleicht und in der sogar das irdische Jerusalem noch von Handel und Streit geprägt ist, trägt uns das Bild der neuen Stadt hindurch. Glaube hat eine Kraft, die uns das Leben zu bewältigen hilft, Bilder eines neuen und vollendeten Lebens, das mit Gott und in der Gegenwart Gottes möglich ist.

Der Seher Johannes weckt in uns die Stimme Gottes, die sagt: „Jetzt wohnt Gott bei den Menschen. Er wird bei ihnen bleiben, und sie werden seine Völker sein. Gott selbst wird als ihr Gott bei ihnen sein.“ Wir hören hier natürlich schon, dass die ganze christliche Botschaft gemeint ist. Die Gemeinschaft mit Gott wird durch Jesus Christus gestiftet, eine Gemeinschaft der Heiligen, die Menschen in und aus allen Völkern sind. Die Völkerwelt soll zur Heimstadt Gottes werden. Das ist das Bild eines neuen Lebens! Ohne Gott herrscht Babylon, herrschen Götzendienst, der Kampf um Leistung und den Wert der Gegenstände. Ohne Gott wird alles verdinglicht und bezahlbar gemacht. Mit Gott sind allein die wirklichen Werte des Lebens gültig.

Das es hier nicht nur um pure Theologie und Kirchenlehre geht macht der nächste Satz deutlich: Er wird alle ihre Tränen abwischen. Es wird keinen Tod mehr geben und keine Traurigkeit, keine Klage und keine Quälerei mehr. Was einmal war, ist für immer vorbei.

Noch einmal: Diese neue Welt ist schon hier in unserer geistigen Vorstellung Wirklichkeit, nicht erst irgendwann einmal: Es geht darum einander Tränen abzuwischen, den Tod zu überwinden und für das Ende der Traurigkeit, der Klage und der Gewalt zu sorgen und einzutreten. Das kann der Einsatz für Ärzte ohne Grenzen oder für die Projekte der Entwicklungshilfe sein. Dass kann aber auch die Stunde am Krankenbett oder der Sterbestatt eines Menschen sein, die Stunde im Haus der Trauer und den Weg zum Grab, den wir mit anderen gehen, um ihnen von unserer religiösen Kraft etwas abzugeben. Dort ist Gott wirklich Gott, dort ist Gott bei uns in der Liebe und der Gegenwart jeder Zuwendung. Gott ist die Hand, die uns hält, das Wort, das uns tröstet und der freundliche Blick, der uns Mut und Hoffnung gibt.

Und der auf diesem Thron ist sagt dann: Jetzt mache ich alles neu! Ich glaube nicht, dass dieser Glaube uns wieder zu Besitzenden macht, die den Besitz der richtigen Lehre haben, sondern allein zu Mitmenschen in der Gegenwart seiner Herrlichkeit und seiner Güte, in der Gegenwart des Lammes, also des Glaubens an die Auferstehung aus dem Tod.

Diese Worte, die Johannes hier schreibt sind wahrhaftig und gewiss. Die Gewissheit des Glaubens wird durch die Wahrheit eines Bildes vermittelt, dass zunächst nur innerlich erfahrbar ist. Das Bild des neuen Himmels und der neuen Erde, des neuen Jerusalems. Aber es ist deshalb nicht weniger falsch oder wahr, als die harten Fakten der Alltagswirklichkeit, die uns zum Beispiel durch die Arbeitslosenstatistik oder die Nachrichten aus dem heiligen Land vermittelt werden. Es wird alles neu, das ist die Vision des Friedens, der sowohl die große Politik, als auch die Beziehung der Menschen untereinander erfasst.

Gott sagt: Diese Worte sind in Erfüllung gegangen. Ich bin der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende. Gott gibt also den Machtinstrumenten des Todes nicht das letzte Wort, zeigt das Ende des Unheils und der Verfolgung an. Gott verkündet damit den Zugang eines jeden Menschen zum Wasser aus der Quelle des Lebens. Wer die Bibel kennt, weiß, dass damit die Worte Jesu gemeint sind, die den Menschen in der Gestalt des geschriebenen Wortes zur Verfügung stehen. Das Gegenbild zur unerträglichen Wirklichkeit stammt aus Worten, die in uns die Gegenwart des lebendigen Gottes erschaffen und Anteil am neuen Himmel und der neuen Erde geben wollen.

Dazu gilt es einfach: Ja zu sagen. Gott als mächtig anzuerkennen und allem irdischen die Macht abzusprechen. Sich nicht an die brüchigen Mauern der alten Städte zu heften, sondern die Tore des neuen Jerusalems aus dem Himmel zu erwarten. In unserer Zeit heißt das allerdings auch Mühe und Arbeit. Es gilt in der Gegenwart der Vision in jeder alten Zeit auszuhalten und durchzuhalten. Das heißt: Die Tränen werden zwar weggewischt, aber niemandem ausgeredet. Der Tod wird zwar als machtlos geglaubt, aber auch nicht verdängt oder verniedlicht. Die Schmerzen sind zuerst einmal als echt wahrzunehmen, bis das Bild der himmlischen Stadt und neue seelische Kräfte zur Überwindung des Leidens gibt. Hier ist nicht von den Zauberkräften einer unwahrscheinlichen Zukunft die Rede, sondern von der Kraft des Glaubens in jeder Gegenwart. In der lebendigen Verbindung zu Gott liegt die Wahrheit begründet. Sie tritt an die Stelle jeder Knechtschaft und jeder Abhängigkeit: die Freiheit der Söhne und Töchter Gottes liegt im Namen Christi begründet, in der Sprache des Johannes in der Gegenwart des Lammes, das uns mit seinem Blut reingewaschen hat.

Und es gibt viele andere Menschen, die diese Vision nicht in sich tragen und die zwangsläufig in dieser Sprache dem zweiten Tod schon vor dem ersten anbefohlen sind. Genauso wie die einen nicht für immer im Himmel schweben, schmoren auch diese nicht schon automatisch in der Hölle. Doch sie sind zweifelsohne auf der falschen Seite, in welchem Ferrari sie auch wirklich oder gedanklich sitzen mögen. Die Vermittlung der Bilder des neuen Lebens bleibt uns schon anbefohlen. Wir sollen und dürfen von unseren Träumen des wirklichen, gottgemäßen Lebens reden und sie auch dann festhalten, wenn alles dagegen spricht. Wir sind in einer oft sehr alten und vergänglichen Welt die Boten eines neuen Himmel und einer neuen Erde.

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