An einem ruhigen, kalten und sonnigen Novembertag

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

19 Monate lag der Tod seines Vaters zurück, als Michael Schibilsky am Ende eines Trauerweges seine Gedanken und Gefühle an einem Novembertag wie diesem in einem Gedicht festhielt:

<i>Lesung vom Pult:</i> November – Morgen ( Schibilsky, Trauerwege S.268)

An einem klaren, kalten , aber sonnigen Novembermorgen,

am Grab stehen,

Wochen und Monate, vielleicht sogar Jahre danach,

allein dasein,

sicher erinnern, wie wir damals in der Frühlingssonne

am offenen Grab gestanden haben,

damals,

noch ganz befangen in der Trauer des Augenblicks,

und erkennen nicht ganz die Tragweite.

An einem ruhigen, kalten und sonnigen

Novembermorgen noch einmal dastehen,

ein Grabstein, ein umpflanztes Feld.

Raureif wird kommen,

sich auf Tannennadeln senken

wie Kristalle und weißer Staub.

Auch meine Daten werden einmal stehen,

ein Anfang und auch ein ende.

Ein Grabstein,

ein umpflanztes Feld, sonnenbeschienen.

Grenzen und Strahlen, beides.

Bis Gottes Tag kommen wird,

und er unsere Zeit aufhebt, in seine Hände nimmt,

sie aufhebt, und wir seine Liebe spüren.

Dan werden wir nicht mehr fragen,

dann werden wir seine Herrlichkeit sehen

Ihnen wie aus der Seele gesprochen? Ich sehe an diesem Tag viele Menschen, die sich auf den Weg machen. Manche sind allein unterwegs, kommen erst in den Gottesdienst in der Kirche, besuchen die Andachten auf den Friedhöfen und gehen dann weiter zu den Gräbern ihrer Angehörigen. Andere gehen mit der ganzen Familie.

Bei einigen ist die Trauer noch ganz frisch, schmerzt das Grab tief im Innern, andere können schon gelassener stehen bleiben und der Erinnerung begegnen, weil sie zwar immer noch schmerzt, aber begleitet wird von einem Gefühl der Dankbarkeit für geteilte, gemeinsam erlebte und getragene Zeit.

Manchem gelingt schon der fröhliche Ernst, der, so las ich, aus dem Totensonntag den Ewigkeitssonntag macht. Ja ernst ist dieser Tag zu Recht. Denn auch in diesem Kirchenjahr, das mit dem Ewigkeitssonntag zu Ende geht und dem mit dem ersten Advent ein neues folgt, war ein Jahr der ernsten Trauer. Es wurde nicht nur geboren, gelebt, gearbeitet, geliebt und gefeiert. Es wurde auch gestorben und gelitten.

Der Schrecken des Todes hat für viele ein Gesicht. Das Unglück und das Leid füllt viele Seiten in den Zeitungen, die auf unseren Frühstückstischen liegen und morgens aufgeschlagen werden. Und die Erinnerung daran, was eben auch zu dieser Welt, zu diesem Leben in unserer Zeit und in unserm Raum gehört, das Sterben und das Abschiednehmen, das verbindet uns heute morgen, das verbindet Menschen aus aller Welt und allen Generationen unabhängig von ihren Überzeugungen.

Uns verbindet, dass wir an diesem Tag aber nicht wie viele nur das Lied vom Tod singen. Uns ist eine alle Grenzen des Vorstellbaren sprengende und eigentlich nicht in Worte zu fassende Hoffnung anvertraut und zugesagt: Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde, denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen und das Meer ist nicht mehr … Und Gott wird bei den Menschen wohnen, und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein, denn das Alte ist vergangen.

Das sprengt alles, was wir denken, vorstellen und ausmalen können. Selbst der Seher Johannes kann nicht beschreiben , was er sieht, sondern nur , was nicht mehr sein wird. Daran aber gibt es für ihn keinen Zweifel, das ist ihm eine trotzige Gewissheit. Damit ist für ihn die Verbannung auf die Insel Patmos durch römische Besatzungsmächte kein Gefängnis, sondern das Tor, das ihm einen Blick in Gottes Plan erlaubt. Ein Tor, das er in dem findet, was schon die Väter und Mütter, die Großväter und Großmütter, unzählige Generationen vor ihm geglaubt und sehnsüchtig erwartet haben. Seine Vision klingt wie eine sehnsüchtige Rezitation alter Hoffnungstexte aus den Psalme und Propheten.

Aber vielleicht kennen sie das ja auch, das die alten vertrauten, oft über lange Zeit fremden Worte aus der Schrift, oft genug wiederholt, mit einem Mal einen Glanz entfalten, als ob aus Gottes Wirklichkeit direkt ein Licht in mein Leben einfällt. Gerade mit den Worten aus der Offenbarung geht es mir immer wieder so und dann wird meine Seele ruhiger in ihrer Beängstigung: Tod, Tränen, Leid, Geschrei, Schmerz wird nicht mehr sein.

Der, der nach dem Zeugnis der Bibel , den Anfang mit seinem Wort „es werde Licht“ setzte, der schließt den Bogen mit seinem machtvollen Wort „siehe, ich mache alles neu“. Was für eine machtvolle Vision, was für eine Utopie und zugleich was für eine Desillusionierung menschlicher Erwartung. Der Tod wird in seiner Wirklichkeit, mit seinen vielen Gesichtern, den sanften und brutalen gleichermaßen, nicht vom Fortschritt überwunden.

Wir werden ihn nicht aus unserer Welt hinausentwickeln, wir können ihn vielleicht zurückdrängen, wir können ihm Raum abgewinnen, der medizinische und soziale Fortschritt kann ein Segen sein, wenn er um diese Beschränkung weiß und auch im Sterben mehr Lebensqualität ermöglicht, er kann aber ebenso zum Fluch werden, wenn er nicht annimmt, dass am Ende des Lebens der Tod steht und er hier noch die Oberhand behält. Aber dann in diesem Augenblick der größten Ausweglosigkeit und Verzweiflung, in diesem Augenblick, wo sich die Unverbesserlichkeit der Welt offenbart, da trifft mich dieses Wort mit aller Kraft: siehe ich mache alles neu. Und ich spüre: ja so soll es sein.

Es soll aufhören, was mir Angst macht und mich bedroht. Es soll aufhören dieses unendliche Meer von Trauer und Schrecken, von Unheil und Gewalt, das Meer von Tränen, die Menschen vergossen haben. Das Meer ist ein altes Symbol für die Kräfte der Gewalt und des Chaos. Aufhören soll, was uns an persönlichem Leid in unzähligen Anzeigen begegnet und wo wir mit unseren Fürbitten im Gottesdienst an der Seiten der Trauernden stehen. Aufhören soll die Herrschaft der Gewalt an allen Orten dieser Welt, egal ob auf unseren Straßen, in den Häusern hinter verschlossenen Türen, auf dem Schulhof, in den Straßen der Orte, die wir Falludscha, Kabul, Ramallah oder auch ganz anders, nennen. Aufhören soll, dass Menschen sich ihre Seele aus dem Leib weinen, weil sie nicht begreifen können, dass der Partner, das Kind, die Eltern, der Freund nicht mehr erreichbar sind oder das eigene Leben von Krankheit gezeichnet sich dem Ende entgegenneigt. Aufhören soll das verzweifelte Fragen, wo Gott denn nun inmitten dieser Welt anzutreffen ist, in dieser Welt, die ich in ihrer Schönheit liebe und die mich mit ihrer Brutalität oft tief erschreckt.

Und es wird aufhören lautet die Botschaft der Bibel. Gott wird es beenden. Er wird eine Welt bauen, in der Böses, Gewalttätiges und die Todesmächte keinen Raum mehr haben, – weil er in dieser Welt die Mitte ist, weil er mitten unter Menschen Wohnung nimmt. Das himmlische Jerusalem steht für diese Bewegung, mit der Gottes neue Welt zu uns unterwegs ist. Nicht wir werden sie bauen, Gott wird sie sein lassen. Gott ist zu uns unterwegs – Advent heißt: Gott kommt. Und wo Gott kommt, da ist Leben.

Das ist der Weg vom Kreuz zur Auferstehung, von der alten Welt zur neuen Welt, ein Weg, auf dem unsere Toten nicht verloren gehen, sie werden ihren Ort in Gottes neuer Welt haben, sie sind nicht in das Nichts gestürzt, in die Beziehungs- und Bedeutungslosigkeit, sondern gehören in die großen Gemeinschaft der Heiligen, die wir Sonntag für Sonntag bekennen und glauben. Ein Morgen im November – ein Gottesdienst gefeiert mit fröhlichem Ernst.

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