Koffer packen

Kofferpacken, liebe Gemeinde: das ist jedes Jahr vor der Fahrt in den Urlaub der gleiche Stress: Hast du auch an alles gedacht? Dabei ist egal, ob wir im Sommer an die Nordsee fahren oder im Winter zum Skiurlaub in die Berge. Kofferpacken ist Horror.

Mein größtes Problem: Ich pack’ immer zu viel ein. Sommer an der Nordsee – da kann ganz schön der Wind blasen. Also: Winddichte Jacken mitnehmen. Außerdem kann’s regnen. Also: Regenzeug einpacken. Außerdem kann`s im Sommer am Meer ziemlich kalt werden – also eine komplette Montur für kalte Tage. Und für die warmen Tage packe ich Sommersachen ein. Man kann ja nie wissen.

Da kommt bei 5 Personen einiges an Gepäck zusammen. Das meiste nehme ich am Urlaubsende unbenutzt wieder mit nach Hause. Aber sicher ist sicher. Man kann ja nie wissen. Und muß für alle Fälle gerüstet sein.

Deshalb packe ich immer mehr ein als nötig. Auch wenn mir die Vernunft sagt: „Das brauchst du nicht!“ Und auch wenn ich aus Erfahrung weiß, dass ich doch irgendetwas Wesentliches vergesse. Man kann ja nie wissen. Bist du erst mal unterwegs, ist es zum Umkehren zu spät.

Man kann ja nie wissen. Vorsorgen ist besser als bereuen. Ohne Vorsorge ist die Fahrt in den Urlaub eine ziemlich riskante Sache. Sicher ist sicher, und passieren kann viel.

Beruflich, finanziell, gesundheitlich ist das sinnvoll und in Grenzen auch möglich.

Mein Leben als Ganzes aber, meine Bilanz: Geleistetes und Verfehltes, Geglücktes und Gescheitertes, die Summe dessen, wofür ich arbeite und mich einsetze – wie sieht es damit aus? Gibt es eine Sicherheit?

Normalerweise denke ich darüber nicht nach. Weil es ins Uferlose führt. Und weil mein Alltag anderes von mir verlangt. Ich tue mein Bestes und oft auch ein mehr als das. Man kann ja nie wissen. Ob es am Ende reicht?

Der heutige Buß- und Bettag konfrontiert uns mit unserer eigenen Unzulänglichkeit. Mit der Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Zwischen dem Wollen des Besten und dem Erreichen des Nötigsten. Zwischen dem Gefühl, überfordert zu sein und der Angst, nie genug zu tun.

Wer lebt richtig? Und wer entscheidet das?

Paulus schreibt im Römerbrief:

[TEXT]

Buße und Umkehr – die Bundesregierung , liebe Gemeinde, hat vorgemacht, wie das geht. Den 3. Oktober als Feiertag abschaffen und den „Tag der deutschen Einheit“ auf den ersten Sonntag im Oktober legen – das war der Plan. Ein Arbeitstag mehr bringt zusätzliches Geld in die Staatskasse, hat der Finanzminister vorgerechnet. Der Plan ist gescheitert: am Protest der Opposition, der Gewerkschaften, der Kirchen. Feiertage sind aus vielen Gründen wichtig. Sie aus finanziellen Gründen zu streichen ist unsinnig, das hat die Abschaffung des Buß-und Bettags 1994 gezeigt. Denn finanziell, das wissen wir heute, finanziell hat das gar nichts gebracht.

Feiertag sind wichtig. Staatliche Feiertage genauso wie kirchliche. Sie unterbrechen die Routine des Alltag und bieten uns Gelegenheit zur Rückschau. Sie halten die Erinnerung an Vergangenes wach: an Triumphe und Tragödien, an Schönes und Schreckliches. Sie geben uns Zeit um innezuhalten und unser Leben neu auszurichten.

Wer Feiertage abschaffen will, nimmt den Menschen etwas Wesentliches. Feiertage sind Inseln der Zeit, sie schenken uns Ruhe und Raum für uns selbst und füreinander. Sie sind wichtig für den Einzelnen und für die Gemeinschaft. Und dafür muß an diesen Tagen die Arbeit ruhen. Ein Buß-und Bettag, an dem gearbeitet wird, ist etwas anderes als ein arbeitfreier Buß-und Bettag.

Die Bundesregierung hatte den Protest gegen ihre Pläne offenbar unterschätzt und hat nun die einzig richtige Konsequenz gezogen: Es bleibt beim 3.Oktober als Tag der Deutschen Einheit. Arbeitsfrei selbstverständlich. Die Verschiebung ist gestrichen – für’s Erste.

Denn mit dem gleichen Argument könnte man ja auch das Weihnachtsfest den finanzpolitischen Erfordernissen anpassen und bspw auf das vorletzte Wochenende im Dezember legen. Dann hätten wir Heiligabend in diesem Jahr eben schon am 17. statt am 24. Dezember. Oder man könnte den 2. Feiertag streichen und Weihnachten mit Sylvester zusammenlegen. Die Industrie müsste die Produktion und der Einzelhandel müsste das Weihnachtsgeschäft entsprechend verlegen. Aber das wäre nur eine Frage der Organisation. Und die Staatskasse hätte die Steuereinnahmen von maximal drei zusätzlichen Arbeitstagen sicher.

Man soll den Teufel ja nicht an die Wand malen, liebe Gemeinde, aber undenkbar ist das nicht. Der Staat will mehr Geld, und die Betriebe wollen niedrigere Lohnkosten. Beide haben ihre Gründe. Die Frage ist nur: Wie hoch ist der Preis, den wir dafür zahlen?

Feiertage sind wichtig: für den Leib und für die Seele, für den Einzelnen und für die Gemeinschaft, für das Gedächtnis und für die Orientierung, für das Woher und das Wohin.

Feiertage stellen unser Leben ins Licht. Sie unterbrechen die Routine des Alltags. Sie lassen andere Gedanken zu als die, die sonst unser Leben beherrschen. Sie erinnern uns daran, dass unser Leben noch eine andere Bestimmung hat als die, nützlich zu sein. Sie lassen uns innehalten und gehen auch mit uns ins Gericht. Insofern haben Feiertage, ob staatliche oder kirchliche, als kritisches Element immer einen Bußcharakter. Auch wenn der nicht an erster Stelle steht und öffentlich ausgesprochen wird.

Ob wir an unseren Feiertagen festhalten oder nicht, darf keine finanzielle Entscheidung sein. Es ist eine Wertentscheidung und muß eine Wertentscheidung bleiben. Und Werte müssen uns etwas wert sein.

Feiertage sind wichtig. Und es ist wichtig, dass wir sie erhalten. Als Teil unserer Kultur. Als Symbole dessen, was uns heilig ist. Und weil es gut ist, wenn wir ab und zu aus der Umtriebigkeit unseres Alltags herausgerufen werden.

Denn irgendwie ist es mit unserem Leben so wie mit dem Kofferpacken: Wir tun immer zuviel hinein und dann fehlt am Ende doch etwas Wesentliches. Man kann ja nie wissen. Aber man kann unmöglich immer an alles denken.

Damit wir das zumindest merken und gegensteuern können, gibt’s die Feiertage. Denn ab und zu müssen wir den Koffer auf seinen Inhalt überprüfen: Rausschmeißen, was uns belastet, und reintun, was wir wirklich brauchen.

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