Kein Leben ohne Hoffnung

Liebe Gemeinde, (liebe Taufgesellschaft),

was wäre unser Leben ohne die Hoffnung?!

In uns leuchtet solch ein kleiner Funke, der nicht aufgibt. Er nährt die Sehnsucht nach einem heilen und guten Leben.

Solange wir hoffen und Pläne schmieden, fühlen wir uns jung, ist das Leben verlockend. Hoffnung ist der Sog, der uns vorwärts zieht. Wie gewaltig war die Kraft der Hoffnung, mit der Menschen im Herbst 1989 über die Grenzen drängten und strömten, sich der Freiheit entgegenwarfen. Hoffnung auf unbegrenzte Möglichkeiten, ein besseres Leben, einen neuen Anfang.

Die Hoffnung auf ein besseres Leben – von ihr ist die Menschheitsgeschichte durchdrungen. Wir können nicht aufhören zu hoffen, und doch erwies sich gerade diese Hoffnung schon oft als trügerisch. In den beiden Weltkriegen hat sie Millionen den Tod gebracht. Es waren vielleicht nur wenige, die den Krieg wirklich gewollt hatten. Doch die Menschen hofften auf einen Sieg, für ein besseres Leben, ein wenig Wohlstand und Sicherheit. Soldaten hofften wider alle Aussichtslosigkeit und Angst, dass sie davonkommen würden, nach Hause zurückkehren und ihre Lieben wiedersehen. Es waren wenige, denen sich diese Hoffnung erfüllte. Und dann war nichts mehr wie vorher – die übrig blieben, fanden sich um ihre Hoffnung betrogen, mussten mühsam etwas suchen, wofür sich wieder zu hoffen lohnte. Und dennoch – selbst schwerste Not scheint ertragbar, wenn es Hoffnung auf Besserung gibt. Wenn die Hoffnung begründet ist.

„Die Hoffnung stirbt zuletzt“ – so hat jemand über seine schlimmen Erfahrungen in einem Konzentrationslager berichtet. Wo jede Hoffnung erloschen ist, wartet nur noch der Tod. Nein, die Hoffnung darf nicht sterben, weil wir sonst am Leben zerbrechen müssten.

Paulus, der Autor unseres Predigttextes, hatte das erkannt. Deshalb wagte er unvorstellbar gewaltiges Wort, um die christliche Hoffnung in Zeiten harter Verfolgung und Anfechtung aufzurichten: Denn ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll.

Ist es eine begründete, haltbare Hoffnung, die uns hier angeboten wird? Ich meine, die Leiden in dieser Welt wiegen schwer, zu schwer. Kriege – Terror – Flüchtlingselend- Hunger – Katastrophen- Krankheit – Trennung – schwere persönliche Schicksale: Sie sollten nicht ins Gewicht fallen? Wie sind sie überhaupt zu ertragen!? Welche Hoffnung erlischt nicht angesichts der Jahrtausende alten Leiden dieser Erdenzeit? Paulus versucht mit seiner provokanten Äußerung nicht, diese Leiden herunterzuspielen. Mir scheint, er versucht mit seinem Bild der alles überstrahlenden Herrlichkeit ein Gegengewicht herzustellen. Es ist das Bild einer den ganzen Erdkreis mit allen seinen Geschöpfen umfassenden Hoffnung, einer Hoffnung, die letztlich alles überwiegt, was uns im Leben begegnen kann.

Die Natur – Tiere , Pflanzen, alle Lebewesen sind davon umfangen. Wir hoffen auf Frieden und Gerechtigkeit für die Welt. Und wir hoffen, dass es gelingen möge, dass alle Menschen fürsorglich und liebevoll miteinander und mit der Natur umgehen mögen. Und zugleich ahnen wir längst, dass das Leid aus dieser Welt nicht ausgemerzt werden kann. Wir leben in einer gefallenen – mit Sünde behafteten Welt. Das erklärt schon die uralte Erzählung von Adam und Eva im AT unserer Bibel, im ersten Buch Mose. Nichts ist mehr paradiesisch am irdischen Leben, weil der Mensch an sich unumkehrbar anfällig für das Böse geworden ist. Gott gab den Menschen, Gott gab uns Verantwortung und Vollmacht, an seiner Schöpfung teilzuhaben. „den Garten Eden zu bebauen und zu bewahren“, heißt es im ersten Schöpfungsbericht der Bibel. Die letzten beiden Jahrhunderte haben uns schmerzlich bewusst werden lassen, wie sehr auch Natur und Umwelt der rücksichtslosen Zerstörung und gewissenlosen Ausbeutung durch Menschen ausgeliefert sind. Über der Welt liegt ein riesiger Schatten – der Schatten des schuldigen Menschen. „Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit – ohne ihren Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat – doch auf Hoffnung.“, schreibt der Apostel Paulus.

Wir tun gut daran, uns bewusst zu werden, dass wir mit der Natur in einer Schicksalsgemeinschaft leben. Das Licht dieser Einsicht möge unsere naturwissenschaftlichen Forschungen begleiten und all unsere wirtschaftlichen Prinzipien. Dann ist eben nicht alles erlaubt, was – z.B. im Bereich der Gentechnik – machbar ist! Maximaler Ertrag darf uns nicht wichtiger sein, als Nachhaltigkeit und Fürsorge für kommende Generationen!

Die Schöpfung seufzt und ängstet sich, sie leidet unter ihrer Vergänglichkeit.“ Viele von uns leben hier auf dem Land in enger Gemeinschaft mit Tieren – Hunde, Katzen, Kaninchen und Hühner, vielleicht auch Gänse, Schafe, Ziegen oder Schweine gehören dazu. Oft bekommen wir Gelegenheit, über die Lernfähigkeit, ja Klugheit dieser Geschöpfe zu staunen! Ihre Zutraulichkeit rührt uns an, wir lernen, ihr Verhalten zu deuten. Und wir haben Erfahrung damit und wissen, diese Tiere kennen die Angst vor dem Tod! Sie erleben die Knechtschaft der Vergänglichkeit. Dieses Wissen dürfen wir nicht verdrängen. Es sollte uns helfen, in der Verbundenheit zu aller Natur zu leben, mit ihr zu fühlen, für sie zu denken und zu sorgen, ja, uns als ein Teil von ihr zu verstehen, denn auch wir werden einst wieder – zu Erde.

Liebe Gemeinde, im Einklang mit der Natur zu leben, gehört zu unserer tiefen menschlichen Sehnsucht nach einer heilen Welt, auf die wir unsere Hoffnung richten. Das vorhin gehörte Abendlied summt den Trost, der in diesem Lebensgefühl liegt, in unsere Herzen. Und es lehrt uns, hinter den sichtbaren Dingen mit Gott, unserem Schöpfer, zu rechnen. Die Schöpfung ist durchdrungen von seiner Gegenwart. An ihr und in ihr ist seine Stimme und seine Handschrift vernehmbar! Gott bleibt nicht stumm, er teilt sich mit. Und es gibt diesen Funken der Hoffnung in uns, an den Gott anknüpfen kann, um uns zu erreichen. Hoffnung und Sehnsucht nach Heilwerden, der heiße Wunsch, in diesem Leben umfangen zu sein von Gottes Liebe, eine unversehrte Seele zu behalten, bei allem, was da an Herausforderungen, vielleicht auch Nöten, Kränkungen … kommen mag – dies hat Sie, liebe N.N.(liebe Eltern) dazu bewogen, sich (den kleinen N.N.) heute taufen zu lassen. Die Taufe hat aber auch noch eine viel weitere Dimension, als wir zunächst meinen. Paulus stellt sie in einen großen Horizont. Nicht allein die Schöpfung, sondern auch wir selbst, die wir den Geist als Erstlingsgabe haben, seufzen in uns selbst und sehnen uns nach der Kindschaft, der Erlösung unseres Leibes.

Mit der Taufe legt Gott den Keim zum Heil der Welt in uns. Das ist mit dem Geist der Erstlingsgabe gemeint. Wenn Gottes Geist in uns beginnt, zu wirken, werden wir empfänglich für Gottes Absichten. Ehrfürchtiges Erstaunen über seine Weisheit und eine große Liebe zu Gott, den Menschen und allen Geschöpfen erfasst uns dann. Die Sehnsucht und Hoffnung nach einer erlösten Welt bekommt Nahrung und drängt uns, selber daran mitzuwirken. Die Taufe macht uns zu Kindern Gottes. Für ihn sind wir jetzt heil, er nimmt uns bedingungslos an. Sichtbar wird das an unserem äußeren Leben hier und da durchschimmern. Trotzdem sind wir als Christen normale Menschen. Zweifel, Ängste, Sünde werden weiter da sein und uns zu schaffen machen. Wir bleiben im Leben auf Hoffnung angewiesen.

Denn wir sind zwar gerettet, doch auf Hoffnung. Aber es ist eine Hoffnung, die trägt, durch das ganze Leben hindurch – und nicht etwa eine Vertröstung auf das Jenseits. Gott ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebendigen, das können wir erleben!

Damit ist aber der Horizont der von Paulus angekündigten Herrlichkeit noch nicht erreicht. Unsere Hoffnung ist der keim zu dem, was uns und allen Geschöpfen noch bevorsteht: dass mit den Menschen eine umfassende Veränderung vor sich geht, die sichtbar und ohne Abstriche das Heil Gottes aufdeckt, dass im Glauben und in der Taufe schon heimlich in uns angelegt ist. Die ganze Schöpfung wartet sehnlich darauf, dass wir öffentlich und unübersehbar als Kinder Gottes in Erscheinung treten. Dann muss auch die Natur nicht mehr unter unserer Verfallenheit an das Böse und unter der Vergänglichkeit leiden. Denn in dem, was aus uns wird, entscheidet sich auch ihr Geschick.

Diese Herrlichkeit umschließt den Frieden in unseren Herzen und den Frieden aller Völker, die sich nicht länger in Kriegen Leid zufügen werden. Und sie umschließt den Frieden mit der Natur – ein Leben in für uns noch unvorstellbarer Harmonie. Liebe Gemeinde, auch wenn wir uns diese Herrlichkeit heute noch nicht vorstellen können: Sie ist es, nach der wir uns im tiefsten inneren Menschen sehnen. Diese Hoffnung wollen wir nicht verleugnen. Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung; denn wie kann man auf das hoffen, was man sieht? Wenn wir aber auf das hoffen, was wir nicht sehen, so warten wir darauf in Geduld.“ Davon wollen wir uns tragen lassen.

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