Warten – aber nicht untätig!

Warum gibt es eigentliche christliche Gemeinde, christliche Kirche in der Welt? Was wäre anders, wenn es das nicht gäbe? Was wäre anders in dieser Welt?

Fragen wie diese können sich stellen, gerade wenn wir aus dem Fenster schauen. Es gibt eine schöne rabbinische Geschichte dazu: Den Mund zu voll genommen? Ein Rabbi, dem man sagte, der Messias sei schon gekommen, ging zum Fenster, schaute in die Welt und kam kopfschüttelnd zurück.

Können wir diesen Rabbi nicht gut verstehen? Schauen wir doch au dem Fenster und sehen das Elend dieser Welt: Gequälte Kinder, getötete Soldaten und Revolutionäre, gefolterte Gefangene. Menschen ohne Hoffnung und Menschen, deren Hoffnungen brutal zerstört wurden. Sehen wir die Kriegsgebiete und die Katastrophengebiete. Wo ist etwas davon zu sehen, dass der Messias und das Heil auf dieser Erde sein sollen oder jemals gewesen sein sollen? Daran musste ich denken, als ich den Predigttext für heute las:

[TEXT]

Was Paulus hier schreibt, ist Erläuterung der Vaterunser-Bitte: Dein Reich komme! Die ganze Schöpfung – nicht nur die Menschheit, aber auch nicht nur die Natur wartet auf Gottes ewiges und endgültiges Reich und sie wartet auf das Offenbar werden der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Sie wartet auf das Evangelium und sie wartet darauf, dass die Christinnen und Christen dieses Evangelium auch wirklich leben. Paulus sagt es ganz deutlich: Wir sind gerettet –auf Hoffnung. Wir gehören in die seufzende Schöpfung hinein und wissen doch um die Verheißung der ‚herrlichen Freiheit der Kinder Gottes’. Diese Freiheit ist uns Geschenk. Wir müssen nicht Leistung bringen – wir dürfen uns beschenken lassen. Gott ist da für uns – er liebt uns, ehe wir etwas dazu sagen können. Und gerade weil er uns so liebt, können wir uns Sorgen machen um unsere Liebe, warum es uns so schwer fällt die Liebe zu erwidern, sie zu leben in dieser Welt.

Ein schönes Bild gebraucht Paulus, auch wenn er genauso wenig wie ich genau weiß, wovon er da redet: Wie eine Schwangere in den Wehen seufzt, so seufzt die Schöpfung (Kreatur = alles Geschaffene). Wie eine Schwangere schreit, Schmerzen und Ängste aushält, so auch die ganze Schöpfung. Sie leidet unter dem, was ist, aber resigniert nicht, hört nicht auf zu atmen und zu kämpfen, weil sie weiß, dass da Einiges wartet. Wir warten auf die Geburt der Erlösung aller Kreatur, aber wir warten nicht untätig.

Paulus weiß auch, was Leiden ist. Er hat ja wahrlich genug gelitten um dieses Evangeliums willen. Er hat Folter und Verfolgung ausgehalten. Er hat Spott und Beleidigung ausgehalten. Nicht nur von NichtchristInnen, sondern gerade von seinen Leuten, von Leuten aus der Gemeinde, die ihn angriffen. Aber für ihn war das alles nicht umsonst, sondern er ist überzeugt davon, dass da wo Menschen sich taufen lassen, wo Gemeinde wächst, dass da auch das Heil wächst. Nur muss das auch deutlich werden, müssen die Menschen leben, was sie glauben: Die ganze Schöpfung sehnt sich danach, dass wir als Kinder Gottes sichtbar werden. Sie sehnt sich danach, dass christliche Gemeinde nicht nur auf dem Papier existiert, sondern wirklich lebt als Kinder des Lichts.

Die armen ausgepowerten Mensche, die Tagelöhner, die wirklich warten auf das Brot für diesen Tag, sie warten auf den Tag des Herrn, an dem ihre Tränen abgewischt werden und die Liebe Gottes die Welt vollkommen regieren wird. Und sie warten darauf, dass Gemeinde schon so etwas wie einen Vorgeschmack auf diese Zeit anbietet. Die urchristliche Gemeinde hat das versucht, in dem sie wenigstens dafür sorgte, dass einige Witwen und Arme in ihren Reihen satt wurden, dass wenigstens einige Sklaven bei ihnen frei waren. Manche wurde sogar regelrecht freigekauft.

Für die Gemeinde des Paulus war klar. Dort wo das Evangelium gelebt, das Mahl gefeiert wird, da können Menschen nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Da werden sie weiterhin arbeiten, sich freuen, Kinder bekommen und sterben, aber das, was um sie herum passiert, wird sie nicht unberührt lassen.

Aus dem Glauben heraus kann Gemeinde Jesu Christi sich weder abfinden mit dem Zustand noch einfach auf ein Jenseits hoffen, in dem alles besser wird. Seufzen – Hoffen auf Gott ist mehr. Wer wirklich leidet, seufzt und wer wirklich seufzt, der ist engagiert.

Gottesferne ist kennzeichnend für diese Welt. Wir erleben es immer wieder, auch dort, wo Gott gepredigt wird. In Amerika wurde ein ganzer Wahlkampf auch daran entschieden, wer von den Kandidaten denn der bessere Christ sei, aber das Leiden der Gefolterten in Guantanamo ist davon nicht leichter geworden. Bei uns berufen sich Regierungen aller Parteien immer wieder auf Gott, aber das Leiden vieler Menschen ist dadurch nicht gelindert geworden. Die Menschen brauchen das Zeugnis der Kirche und sie brauchen die Gaben des Geistes. Sie brauchen die Menschen, die davon leben, dass Gott sich ihr zuwendet, weil sie sich nicht eigenständig Gott zuwenden können, sondern nur auf seine Zuwendung antworten können.

drucken