Paroli dem Stammtisch

Liebe Gemeinde,

in Stunden der Trauer und am Grab überhaupt entzünden wir allenfalls eine kleine Kerze. Ein ewiges Licht, das still, bescheiden und verschämt im Hintergrund leuchtet, und auch nur dort leuchten darf. Der Vordergrund aber gehört den Tränen und der Klage. Im Mittelpunkt akuter Trauer stehen Schmerz und Wehmut. So gehört es sich. So empfinden wir es als richtig, anständig und mitfühlend.

Wer in Trauersituationen ein Wort des Trostes oder der Hoffnung spricht, spricht es leise, fast hilflos stammelnd, mehr Geste als Wort: „….wird schon wieder“. Nur der Herr Pfarrer darf vom Trost des Evangeliums laut und deutlich sprechen. Man hört es geduldig an – aber glauben will man es sowieso … nicht.

Und nähmen wir das Bild von den Gewichten auf, mit dem Paulus beginnt, dann wäre es eindeutig so: Schmerz und Trauer wiegen schwer und drücken so sehr nieder, dass es fast als gefühl- und respektlos empfunden würde, spräche man am Grab allen Ernstes die Worte des Paulus nach: „Denn ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll.“

Dieses so unverschämt zuversichtliche Wort passt kaum noch in unsere Betroffenheits- und „Ich-fühle-so-mit-dir“- Kultur. Und niemand käme auf die Idee, auf dem Friedhof ein Feuerwerk in den Himmel zu schießen zum Zeichen dafür, dass Gott uns eine Zukunft bereitet, die hell und licht sein wird.

Verlassen wir den Friedhof. gehen wir in eine Gaststätte und setzen uns an einen der Stammtische. „Na, Freunde, was schaut ihr so missmutig?“ Und kaum dass wir sitzen, geht´s los: „Wo soll das alles noch hinführen.“ „Ja, ja, das wird alles nur noch schlimmer.“ „Hast du gehört, wer als nächstes Konkurs anmelden wird…“. „4000 sind schon jetzt ohne Arbeit“. „Das dauert nicht mehr lang, und dann geht das Licht bei uns endgültig aus.“ Kurze Pause – man prostet sich zu. Schweigt ein wenig und nickt den Kopf voll wissender Ahnung. Und obwohl wir im Gasthaus sitzen, funktioniert die Runde wie ein Kreis von Klageweibern. Einer ruft das Stichwort für die nächste Strophe auf und die anderen singen das traurige Lied:

„Im Irak wird´s immer blutiger“. Und der Chor hebt an zu klagen: Strophe eins handelt vom weltweiten Terror. Strophe zwei beklagt den amerikanischen Imperialismus („Es geht doch nur ums Öl“). Strophe drei moduliert das Thema und singt „vom Türken“ und dem „düstern Islam“ und dessen Lust an Blut und Rache „und dass wir uns noch umschauen werden, wenn denen erst alles bei uns gehört.“

Der Vorsänger intoniert das nächste Thema „Das Wetter spielt verrückt“. Nun mischen sich auch Sopran und Alt der Damen mit ein. Jeder hat so seine Vermutungen darüber, bis wohin Nord- und Ostsee bald reichen werden. Mit Chor- und Gegenchor besingen sie das Szenario der untergehenden Welt.

Hätten wir viel Zeit, dann würden wir noch die Klagestrophen über den Euro und die Preissteigerungen, den Verfall der Sitten und die Gstanzerln zum neuesten Tratsch und Klatsch mit anhören.

Aber wir verlassen das Gasthaus. Fluchtartig? Gehen wir draußen ruhig ein wenig spazieren mit unseren Gedanken. Und wir überlegen, ob wir Argumente, Worte oder was auch immer finden, um als Botschafter, und nicht als traurige Mitsänger zurückzukehren. Gibt es christliche Stammtisch-Parolen?

Wie bringen wir das zusammen, was wir im Gasthaus gehört hatten mit dem, wovon Paulus spricht? Das ist doch fast nicht möglich: Der Leidensdruck der Gegenwart wird irgendwie immer stärker. Fast die Hälfte der Deutschen fürchtet ernsthaft um seinen Arbeitsplatz. Immer mehr Menschen und Familien stehen bei uns vor dem „Aus“: Die Firma ist dahin, das Haus noch lang nicht abzahlt, das eigene Lebensalter so, das man rein statisch kaum noch Chancen hat, je wieder Arbeit zu bekommen. Diese Not ist so real, so gegenwärtig, so bestimmend, so schwer, so gewichtig. Was kann man dem entgegen halten? Wirken da nicht alle Hoffnungsworte wie Hohn? Haben Worte der Zuversicht überhaupt ein Gewicht? Ist das nicht so, als wollten wir mit einer Hand voll Strohhalmen einen Bleiklotz aufwiegen.

Und dazu dann die eben mitgesungenen Strophen vom Untergang der Welt. Das alles wiegt so schwer. Das alles drückt so nieder. Wir seufzen in uns selbst und sehnen uns nach der Erlösung. Moment! Sind das nicht Worte aus dem Predigttext? „Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung mit uns seufzt und sich ängstigt“.

Wie nehmen wir dieses Seufzen wahr? Als Klagelaut des nahen Todeskampfes oder als Geburtsschmerzen. Haben wir Angst vor dem Abgrund, Angst vor dem Neuen oder Angst davor, auf Gott allein trauen zu müssen.

Wir merken wohl alle, dass die Welt sich ändert. „Globalisierung“ ist dazu das Stichwort. Vor einigen Jahren sprach man ja noch fast freudig davon, dass sich unsere Welt in ein „globales Dorf“ verwandelt, dessen kurze Wege im Internet verlaufen. „Wir kommen einander immer näher“, schwang da als Hoffnung mit und die Menschheit lerne es endlich, zusammen in Frieden zu leben. Und jetzt? Globalisierung ist synonym für weltweite Konkurrenz; ist synonym für „jeder gegen jeden“ – Deutschland gegen Rumänien, Rumänien gegen China … usw.

Nur wenige Randnotizen in unseren Zeitungen sind den aufkeimenden Bürgerkriegen in Afrika gewidmet. Bürgerkriege in Ländern, die eigentlich reich sein könnten und es doch nicht sind, weil die weltweiten, globalen Konzerne die korrupten Oberschichten stützen. Von wegen, „globales Dorf“. Wir sind doch letztlich froh, dass wir nicht in jeden Elendswinkel dieser Erde auch noch blicken müssen.

Schlimm genug, was uns alles im Jahr über an entsetzlichen Katastrophen begegnet. Da war doch was? Klar, der furchtbare Mordanschlag am 11. März in Madrid. Ach ja, schon vergessen – oder? Von wegen „Globales Dorf“. „Anonyme, einsame Großstadt im kalten Universum“ wäre als Bild wohl passender.

Wir merken wohl, dass sich die Welt verändert. Doch wohin? Und wie sollen wir uns als Christen dazu verhalten? Mitjammern? Oder: Fröhlich pfeifen? Oder: Uns engagieren, damit wir uns und anderen Grund zur Hoffnung geben? Unser Gedankenspaziergang ist noch nicht zu ende. Haben Sie noch Zeit? Gehen wir noch einmal um den Block?

Gut, wenn wir noch Zeit haben, dann blättern wir zurück in der Bibel, im Römerbrief. Was mich interessiert ist es, die Gedankenbewegung zu erfassen, in der unser schöner Text von der seufzenden Schöpfung steht. Wir blättern nur eine Seite in der Bibel zurück. „Wir sind durch Christus gerettet“. Das ist der Grundakkord im Römerbrief. So haben wir „Frieden mit Gott“, so die Überschrift über dem 5. Kapitel, wobei Frieden in der Kraft der Hoffnung erfahrbar wird. Wir finden in 5,4f diese schöne Reihung: Bedrängnis bringt Geduld, Geduld bringt Bewährung, Bewährung bringt Hoffnung. Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden (5,5).

Blättern wir eine Seite weiter: Adam und Christus stehen hier einander gegenüber als „Lebensmodelle“. Adam: Das ist Sünde, Gottferne, Fleisch, Welt und Tod. Christus: Das ist Leben, Zukunft, neuer Morgen. Auferstehung. Mit dem Lebensmodell „Christus“ verbindet uns die Taufe als Symbol und Siegel neuen Lebens. Fromme Theorie? Oder: Basis eines christlichen Lebens vor Gott in dieser Welt und doch nicht von ihr.

„Und wo sehen wir etwas davon?“ Indirekt nimmt Paulus diesen Einwand auf. Auch Christen sterben; auch Christen sind keine besseren Menschen; auch Christen werden immer wieder als Sünder überführt. „Na klar“, sagt Paulus, „aber damit wird das Lebensmodell „Christus“ nicht entwertet. Denn: Die Heiligkeit des Christen entspringt nicht seinen guten Taten, sondern dem Glauben.“

Nun wird es aber wirklich schwierig! Ich kann doch nicht an einem Stammtisch gehen, und dort vom Glauben erzählen. Die lachen mich doch aus, oder? Haben Sie noch ein wenig Zeit? Gehen wir noch einmal um den Block? Denn jetzt stehen wir vor der Entscheidung, wie wir es denn halten wollen mit dem Glauben. Das ist doch das, was uns so schwer fällt: Zu glauben, dass wir nicht am Abgrund leben sondern Anteil haben an der Geburt einer neuen Welt. Es ist so wenig – positiv gesagt – da. Es ist eigentlich nichts da, das uns etwas anderes glauben lassen könnte. Oder?

Und wenn wir in die Tiefe unserer Seele blicken könnten und wenn wir Glauben anschauen dürften, dann würden wir vielleicht sehen, wie der Glaube mich umfängt als Kind der Zukunft. Ich sähe dann, wie ich lebe im Elend dieser Tage und wüsste dennoch, dass mein Ziel, meine Herkunft, mein Sein in Gott ist. Und wenn um mich herum die Welt auch zerbricht, so muss doch ich nicht mit ihr vergehen, wenn ich denn Glauben hätte im Herzen, in den Gedanken, in den Tiefen meiner Seele.

Aber es ist nichts da, was wir sehen könnten. Und Paulus unterstreicht das auch noch: Wie kann man auf das hoffen, was man sieht? Halten wir es fest: Paulus nimmt uns in eine existentielle Bewegung mit hinein. Oder – behutsamer formuliert – er lädt dazu ein, sich von dieser Bewegung mitnehmen zu lassen. Du, glaube daran, dass Gott im Regiment der Welt war, ist und sein wird. Glaube daran, obwohl deine Augen täglich anderes sehen.

Glaube daran, obwohl du leidest und mit dir die Schöpfung. Daran, dass du leidest, daran erkennst du, dass du – biblisch gesprochen – zu den Gerechten gehörst. Vorsichtiger: gehören könntest. Hattest du vergessen, was geschrieben steht: Der Gerechte muss viel leiden? Schau nicht auf die, denen es gut geht. Schau nicht auf diejenigen, die die Millionen scheffeln. Bleibe dir und bleibe deinem Lebensmodell, bleib in Christus treu. Bewähre dich in der Hoffnung.

Unser Spaziergang durch die – freilich oft sehr komplexe Gedankenwelt des Apostels – geht zu ende. Nun raucht uns aber auch der Kopf.

Hätten Sie nun den Mut, nochmals an den Tisch im Gasthaus zurückzukehren? Hätten wir den Mut, die Melodie der Hoffnung anzustimmen? „Wir wissen, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.“ Und könnten wir mit Paulus sprechen: „Ich bin gewiß, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.“?

Könnten wir diese Hoffnung mit hinausnehmen auf den Friedhof? Hätten wir darin nicht einen hellen Rahmen aller Trauer, die uns dieser Tag verordnet?

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