Wo war denn Gott?

Liebe Gemeinde,

die Verse eines Psalms stehen heute im Mittelpunkt unseres Gesprächs. Die Psalmen bringen die ganze Breite menschlichen Empfindens und menschlicher Erfahrung zum Ausdruck. Von dunkler Niedergeschlagenheit bis zur überfließenden Freude. Viele Psalmen sind zwar in ganz konkrete Situationen gesprochen oder zu ganz bestimmten Anlässen des jüdischen Festkalenders entstanden, dennoch sind sie auch für Christen ein fester Bestandteil unseres Glaubens. Viele menschliche Erfahrungen, die in den Psalmen beschrieben werden sind zeitlos und somit gehören sie auch zu den meistgelesensten Texten der Bibel.

Der 46. Psalm, aus dem unsere heutigen Vers stammen und den wir auch zusammen gebetet haben, war für Martin Luther die Grundlage seines berühmten Liedes: „Ein feste Burg ist unser Gott“ auch da wird von der großen Not gesprochen. Es ist ein Lied, das in schwierigen Zeiten gerne gesungen wurde. Einer von Ihnen erinnerte sich in unserem Vorgespräch, dass es in Bekenntnisgottesdiensten während des 3. Reiches auch ein wichtiges Lied war.

<b>Team:</b> Mit dem Lied geht es mir wie mit unserem Bibelwort. Das klingt sehr schön und tröstlich, wenn es heißt: „Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge.“ Aber ich habe im Leben immer wieder Situationen erlebt, wo ich mich wirklich gefürchtet habe vor, dem was kommt. Bin ich deshalb ein schlechterer Christ?

Das kann ich so nicht sagen, Furcht zu haben kann auch gut sein, weil es vielleicht bedeutet, der Wahrheit ins Auge zu sehen.

Wenn ich an das denke, was mir über die Anfangszeiten des 2. Weltkrieges erzählt wurde, oder was ich darüber gelesen habe, dann sind die Menschen ganz unterschiedlich mit ihrer Furcht umgegangen. Da gab es die scheinbar Furchtlosen, die Kriegsfreiwilligen, ganze Klassen, die sich gemeinsam für den Krieg gemeldet haben.

Daneben gab es die Mütter die Angst hatten, die fürchteten der Krieg könnte ihnen Kind und Mann entreißen. Und da gab es die Väter, die hin und her gerissen waren zwischen Stolz, Furcht, Liebe zum eigenen Land. Hin und her gerissen zwischen Mut und Angst. Furcht kann manchmal auch heilsam sein, weil sie die Wirklichkeit nicht beschönigt oder glorifiziert.

<b>Team:</b> Der Krieg und alles was dazu gehört hat, hat bei vielen Menschen tiefe Wunden hinterlassen. Dennoch haben Menschen Gott im Krieg auch als Hilfe erfahren.

Es gibt Menschen, die sagen: Alle aus meiner Kompanie sind gefallen, aber Gott hat mir geholfen, dass ich noch rechtzeitig aus dem Kessel kommen konnte.

Team: Es gibt aber auch andere, die sagen: „Wo war denn Gott mit seiner Hilfe, denn mein Bruder ist gefallen. Wo war denn der schützende Engel? Kann man denn von Gott überhaupt Hilfe in der konkreten Situation erwarten?“

Ich denke, dass wir noch einmal auf den Bibeltext schauen sollten, denn ein Stück Antwort ist darin verborgen. Der Psalm, so habe ich nachgelesen, ist wahrscheinlich nicht in einer konkreten Situation der Angst und Not gesprochen worden. Es handelt sich vielmehr um einen Vertrauenspsalm, den Menschen sprechen, wenn sie in die Zukunft schauen. Ich meine nicht, dass wir an einen Gott glauben sollten, der konkret in unsere Geschichte eingreift und diesem und jenem hilft, dem andern aber nicht. Das wäre ja zum Verzweifeln oder zum Verrücktwerden. Natürlich haben die Menschen des Alten Testamentes noch solche Vorstellungen gehabt und tatsächlich geglaubt, Gott führt sie im Krieg zum Sieg. So wie ja auch deutsche Soldaten am Gürtel stehen hatten: „Gott mit uns“.

Was wäre das denn für ein Gott, der den einen bewusst sterben ließe und den andern herausholt?

<b>Team:</b> Heißt das für Sie, dass Gott dem Menschen nicht hilft und was kann uns dann der Psalm überhaupt sagen?

Ich habe noch einmal in anderen Bibeln nachgelesen und da heißt der Vers ein bisschen anders: „Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, als eine mächtige Hilfe bewährt in Nöten.“

Das klingt für mich ganz anders, nämlich so: „Es hat sich bewährt, auch in den größten Nöten an Gott festzuhalten. Es hat sich deshalb bewährt, weil ich in den größten Nöten, Zuversicht und Stärke bekommen habe.

Gott ist nicht derjenige, der in Not wegnimmt, sondern Gott hilft durch seine Nähe in Not und Elend nicht zu verzweifeln.

<b>Team:</b> Aber ich habe von Menschen gehört, die aus dem Krieg nach Hause kamen und gesagt haben: „Was ich gesehen habe hat mich gelehrt, dass es keinen allmächtigen oder allwissenden Gott gibt“.

Ich erlebe es auch immer wieder, dass Menschen, die harte Schicksalsschläge einstecken müssen, an Gott verzweifeln oder gar nicht mehr an ihn glauben können. Aber ich für meinen Teil glaube, dass wir uns oft ein falsches Gottesbild machen. Ich gebe aber auch zu, dass hier die Kirchen und ihre Pfarrer oder Pfarrerinnen oftmals mit dazu beigetragen haben.

Wer an ein konkretes Eingreifen Gottes in der Welt glaubt, wer glaubt, dass Gott der Herr der Geschichte ist, der musste schon immer verzweifeln. Der musste sich schon immer fragen: Wie kann Gott das alles zulassen. Krieg, Konzentrationslager, Vertreibung und bis auf den heutigen Tag hat sich da an dem Elend der Welt nicht viel geändert. Ich kann nur noch einmal wiederholen: Es ist nicht Gott, der uns das Elend schickt oder auf der andern Seite uns davor bewahrt.

<b>Team:</b> Aber Menschen haben doch immer wieder Hilfe in ganz konkreten Situationen erfahren?

Ich möchte das, was andere Menschen erfahren haben nicht bewerten, sondern kann nur von mir sprechen. Auch ich erlebe immer wieder, dass Gott hilft das Leben mit allen seinen Höhen und Tiefen zu bewältigen. Ich erlebe seine Hilfe aber als Kraftquelle, die aus dem Inneren kommt, als Orientierung, die ich in der Botschaft Jesu finde. Ich erfahre Stärkung in der Gemeinschaft mit andern, im Gottesdienst und beim Teilen von Brot und Wein. Für mich ist das ganz konkret.

Und es kommt ja noch der andere Aspekt dazu. Wie viel Not sehen wir tagtäglich in der Welt und bitten wir nicht Gott darum, die Not zu lindern.

Und was passiert dann? Im Irak, im Sudan in Mozambique usw.

<b>Team:</b> Beginnt hier nicht wieder der gleiche Kreislauf der Fragen ohne Antworten?

Ich kann nicht anders als von unserer Verantwortung für die Welt sprechen. Wer nach seinem Gebet die Welt Gott überlässt; wer nach seinem Gebet die Welt nicht verändern hilft, und sei es in noch so kleinen Schritten, der überlässt die Welt sich selbst mit allen Konsequenzen.

Wer aber nach seinem Gebet Wege sucht, wie die großen Nöte der Welt verringert werden können, der ist selbst Engel Gottes. Der ist selbst Botschafter der guten Nachricht von Gottes Zuversicht und Stärke, die Menschen auch in den größten Nöten eine Hilfe ist.

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