Von Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe

Liebe Volkstrauertagsgemeinde!

Wir erinnern uns heute der Kriegsopfer in unserem Land, v.a. der Opfer der beiden Weltkriege. Am Kriegerdenkmal stehen die Gefallenen und Vermissten von 1914-18 und von 1939-45. Wir denken auch an die vielen zivilen Opfer, z.B. des Bombenangriffs auf Darmstadt und an die Opfer der Nazis, Juden und Behinderte, Schwule und Zigeuner. In diesem Jahr denken wir an die Opfer der Terroranschläge in den USA und auch an die Opfer in Afghanistan. So wird die Erinnerung an die vergangenen Kriege in diesem Jahr sehr aktuell. Der Krieg, der so weit weg schien, ein veraltetes und vergangenes Wort, er ist zurückgekehrt, sogar nach Deutschland, wenn sich für junge Männer die Frage stellt, ob sie da und dort im Ausland sich als Soldaten einsetzen lassen wollen und wie gefährlich das wohl ist.

Liebe Gemeinde, wenden wir den Blick zunächst einmal von uns weg. Lassen wir uns bewegen von alten Worten aus der Bibel, damit sie ein neues Licht werfen auf uns und unsere Gefühle und Probleme.

[TEXT]

Der Prophet Jeremia tritt in Jerusalem um das Jahr 600 vor Christus auf. Er mahnt sein Volk, sein Vertrauen auf Gott zu setzen, nicht bei Ägypten Hilfe zu suchen gegen das babylonische Weltreich. Damals war es üblich, wenn man einen Freundschaftsvertrag mit einem fremden Land schloss, eine Gottesstatue dieses Landes in den Tempel zu stellen und mit Priestern und Geld für Opfer auszustatten. Die Mahnung gegen den falschen Gottesdienst heißt also auch: keine Bündnisse und Intrigen, bleibt bei euch selbst, bleibt bei dem Gottvertrauen vergangener Generationen und wagt etwas ungewöhnliches und neues: nicht mitmischen auf dem schlüpfrigen Parkett der ständig wechselnden Bündnisse, denn dabei rutscht ihr am Ende eh nur aus und fallt auf die Nase.

Der Prophet Jeremia hat Recht behalten. Die Babylonier bestraften das Bündnis mit Ägypten durch die Zerstörung Jerusalems mitsamt des Tempels und der Verschleppung aller gut ausgebildeten Juden an den Euphrat (im heutigen Irak). In unserem Predigttext klagt der Prophet: merkt ihr denn nicht, was schief läuft. Sehr ihr denn nicht, dass ihr in dieser verwirrenden Situation nur mit Gottvertrauen bestehen könnt. Ihr müsst bei euch selbst bleiben, eure Grundlagen erneuern, Gerechigkeit walten lassen im Volk, Arme, Witwen und Waisen nicht unterdrücken. In der Bedrohung müsst ihr umkehren, das ändern, was falsch läuft. Ihr müsst wissen, wer ihr seid, Gottes geliebtes Volk, und dabei bleiben und daraus die Konsequenzen ziehen. Ihr dürft nicht der Verwirrung Raum geben, mal mit diesem und mal mit jenem eine Intrige aushecken, dabei werdet ihr nur immer verwirrter. Merkt ihr nicht, dass auf andere Menschen und auf andere Staaten kein Verlass ist. Am Ende sind sie nicht loyal, wenn es darauf ankommt, halten sie nicht zu euch. Wenn es gefährlich wird, lassen sie euch im Stich.

Es gibt nur einen, auf den ihr euch wirklich verlassen könnt, Gott, der schon eure Vorfahren aus der Sklaverei in Ägypten befreit hat und immer wieder begleitet und beschützt hat. Wirklich zu euch halten – das tut am Ende nur euer Gott. Und eigentlich spürt ihr das doch auch tief in eurem Herzen. Unserem Predigttext ist die tiefe Verwunderung anzumerken: wieso kapiert ihr nicht, was wirklich gut für euch ist. Jeder Mensch, der merkt, er ist auf dem Holzweg, der kehrt um. Jedes Tier weiß, wann es Zeit ist, umzukehren. Wieso kapiert ihr das nicht? Ihr lauft in euer Verderben wie ein Schlachtross, das in den Kampf rennt und nicht mehr aufzuhalten ist. Ihr seid keinen vernünftigen Argumenten mehr zugänglich.

So klagt der Prophet Jeremia in Namen Gottes und er wurde ja tatsächlich nicht gehört, blieb aber bei seinem Volk auch durch die Katastrophe hindurch und hat mit ihm gelitten und auch durch diejenigen Meinungsführer, die ihn zum Schweigen zu bringen versuchten.

Liebe Volkstrauertagsgemeinde, was hat das mit uns heute zu tun? Wo müssen wir heute umkehren? Und inwiefern gibt es bei uns diese Unvernunft, diese mangelnde Bereitschaft, auf vernünftige Mahnungen zu hören? …

Ihnen fällt sicher vieles verschiedenes ein. Auch mir fällt vielfältiges ein, aber ich möchte heute eine Sache herausgreifen. Nach allem, was ich mitbekomme, herrscht in unseren Schule eine Atmosphäre, die sehr unfreundlich ist und es für die einzelne Schülerin bzw. den einzelnen Schüler manchmal sehr unangenehm macht, in die Schule zu gehen. Da wird z.B. eine Schülerin von ihrer Mutter vom Unterricht entschuldigt , weil sie von ihren Mitschülern in der Klasse gemobt wird. Da wird in einer Klasse mit harten und mit fiesen Mitteln gegeneinander gekämpft und intrigiert, und die Eltern geben ihren Kindern Tipps im Machtkampf, statt sie zu bremsen. Dem entspricht, dass es in der Ratgeberliteratur nicht darum geht, wie ich meinen Idealen treu bleiben kann und zu mir selbst finden kann, sondern v.a. darum, wie ich im Machtkampf bestehen und gut aussehen kann. Fernsehshows verbreiten nicht eine Kultur von Freundlichkeit und Sich-Gegenseitig-Unterstützen, sondern von Schadenfreude und Freude am Gemeinsein. Du musst ein Schwein sein in dieser Welt – dieser Schlagertitel war vor ein paar Jahren noch ironisch – aber durch die Ironie hindurch wird er ernstgenommen. So leben wir in einer Welt, in der der Reichtum nicht zum Glück und zur Zufriedenheit führt, sondern nur dazu, meine Mitmenschen durch Konsumartikel und Styling auszustechen. So geraten wir auf eine abschüssige Bahn. Wir kommen in einen Teufelskreislauf, in eine Entwicklung, die sich selbst verstärkt. Der Einzelne, die Einzelne kann da gar nicht so viel dagegen machen. Wir sind als Gesellschaft verwirrt und verblendet und auf einem unheilvollen Weg. Wenn eine Fernsehshow erfolgreich ist, die noch blöder und gemeiner ist, dann geht die Entwicklung immer weiter.

Sehenden Auges laufen wir da auf einen Abgrund zu – und wir schaffen es nicht, umzukehren. Als Einzelne können wir nur wenig tun. Wir können nur als Kirche einen leider sehr begrenzten Einfluss ausüben. Ich weiß nicht, wie es weitergeht. Ich möchte nachkommenden Generationen eine Welt hinterlassen, die lebenswert ist, in der Menschlichkeit ihren Platz hat, in der Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe noch ein Wert sind. Es wird mir angst und bange, wenn ich den Text eines Jungen aus der 8. Klasse lese, der sich in einem Guerillakampf gegen eine Lehrerin und gegen eine Mitschülerin fühlt und dabei ausgesprochen einflussreich ist. Es wird mir angst und bange, wenn ich höre, dass muslimische männliche Jugendliche in einem Odenwalddorf nach dem Anschlag auf das World Trade Center die örtliche Kerbjugend mit einem Bombenanschlag bedrohen.

Liebe Gemeinde, es ist gut, dass Sie hier im Gottesdienst sind und dass sie mithelfen, am Volkstrauertag zu erinnern und zu mahnen. Aus der Erinnerung kommt uns Mahnung und zugleich wollen wir Geschichten der Hoffnung erzählen, Geschichten aus unserem Alltag, wie sich Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe durchsetzen. Es gibt auch diese Geschichten. Auch diese höre ich immer wieder. Z.B. dass jemand sich traut, in der Klasse für jemanden einzutreten, der oder die gerade gemobbt wird. Auch wenn das mit hohem Risiko mit einem selbst verbunden ist. Und es gibt die Erfahrung: der Mut zahlt sich auf Dauer aus – und wenn es nur das Mehr an Selbstachtung ist, was ich dabei gewinne.

Sie alle kennen solche Geschichten, Geschichten von Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe. Lassen Sie uns diese Geschichten weitererzählen, damit sie wirken, damit sie die Atmosphäre bestimmen und nicht die anderen, die negativen, die von Angepasstheit und Fiessein erzählen. Und wir wollen dazu einladen, dem christlichen Glauben wieder Raum zu geben in unserer Gesellschaft. Wir brauchen dringend eine Grundlage, damit wir nicht untergehen in der Verwirrung, damit uns die allgemeine Unmenschlichkeit nicht vollständig die Sitten verdirbt.

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