Mehr als nur eine schöne Geschichte

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

das ist mehr als nur eine hübsche und anschauliche Geschichte, wie gemacht für den Kindergarten oder den Kindergottesdienst, die man schön dramatisch erzählen kann. Sie ist in vielem sprichwörtlich geworden: wenn einer vom Saulus zum Paulus wird, also völlig umgekrempelt und verwandelt erscheint. Man redet von Ereignissen, die einen Menschen umwerfen oder aus der Bahn werfen können. Man sagt, dass einem eine Licht aufgeht oder jemand mit Blindheit geschlagen ist, wie geblendet. Es sind also grundsätzliche menschliche Erfahrungen, die wir miteinander teilen. Jedem wird ein Schicksalsschlag einfallen, der ihn oder einen nahen Menschen aus der Bahn geworfen hat und ich bin mir sicher, so mancher wüsste von anderen zu berichten, wie sie offensichtlich mit Blindheit geschlagen, verblendet sehenden Auges ins eigene Verderben laufen, ohne sich von den überzeugendsten Argumenten beeindrucken zu lassen. (Nur) manchmal erleben wir dann aber auch, wie einem, wie vielleicht mir ein Licht aufgeht, ich eines besseren belehrt werde. Es geht also um zutiefst menschliche Dinge und zugleich weiß jeder, wie schwer es ist, aus seiner Haut zu können, eingefahrene Gleise zu verlassen, sich wirklich zu verändern, ein neuer, ein anderer Mensch zu werden. Das erfahren viele als eine zutiefst göttliche Angelegenheit, als ein Geschenk, ein Eingriff Gottes in unsere menschlichen Angelegenheiten, ohne den ein Saulus nicht zu einem Paulus werden kann. Aber werden wir damit schon dem Ereignis vor den Toren der Stadt Damaskus gerecht? Zunächst muss man festhalten, dass die Rede von der Wandlung des Saulus zum Paulus eigentlich nur die halbe Wahrheit ist. Paulus war und blieb ein Eiferer, ein Mensch, der seinen Glauben mit uneingeschränkter Leidenschaft lebte. Deswegen war es ihm ursprünglich nicht möglich zu akzeptieren, dass Gott sich in einem Menschen zu erkennen gibt, der am Kreuz sein schmachvolles Ende gefunden hat. In der Schrift, die er als Pharisäer gut kannte, las er : verflucht, wer am Holze hängt. Aber nachdem ihm vor Damaskus dieser Jesus als Licht, lebendig und machtvoll, aufging, war er mit nicht geringerem Eifer für diesen Jesus im Einsatz, bereiste die bekannte Welt und hinterließ überall die Spuren des Evangeliums. Sein Eifer, seine Leidenschaft im Glauben brachte ihm Furcht, Ärger, Respekt aber eben auch eine erfolgreiche Missionstätigkeit ein. Ohne seine Leidenschaft wäre womöglich alles ganz schnell im Sande verlaufen. Ist es das, was uns womöglich abhanden gekommen ist: Begeisterung und Leidenschaft, Glaubenseifer, die Botschaft von Jesus Christus, der das Heil und der Friede Gottes ist, als Mitte unseres Lebens?

Der Auferstandene am Kreuz Gestorbene hat sich Paulus in den Weg gestellt. Ihm – der in der Tradition der Väter aufgewachsen ist und in ihr gelebt hat und sie mit Leidenschaft verteidigt hat. Paulus ist im guten Sinne Traditionalist. Er bewahrte den ererbten Schatz der Väter und der Mütter. So ist das oft mit dem Glauben. Wir wachsen in ihn hinein, weil er uns vorgelebt und dann anvertraut wird wie kostbares Gut. Aber dann erlebt Paulus eine „umwerfende“ Konfrontation. Und das liebe Gemeinde, ist das zweite Gesicht des Glaubens. Gott begegnet uns nicht nur in der Tradition, im überkommenen, im Selbstverständlichen. Er stellt sich in den Weg. Manchmal ist es ein Schriftwort, ein Bibelwort, morgens in den Losungen, in der Bibellese, oder am Sonntag in den Schriftlesungen oder in der Predigt des Gottesdienstes, die sich mir querstellen. Manchmal stellen sich mir Menschen in den Weg, ich stolpere über sie und muss mich mit ihnen und meiner bisherigen Überzeugung auseinandersetzen. Manchmal ist es das Leben selbst, mit dem ich konfrontiert werden, dieses bedrohte, zerbrechliche, zwischen Hoffen und Bangen, Lachen und Weinen hin und herschwankende kurze, wundervolle Leben. Und in all dem kann sich mir Gott zeigen, seine Hand, zum Einhalten erhoben, zum Einschlagen ausgestreckt, zum Begleiten angeboten. Glaube ist nicht nur Tradition, Glaube ist auch Konfrontation, Infragestellung liebgewordener Überzeugungen und Einstellungen. Glaube ist die Erfahrung und die Erlaubnis, dass Gott sich mir auch in den Weg stellt. Gott ist mehr als ein Ja und Amen zu allem, was ich tue und denke.

Paulus ist nach seiner Konfrontation mit Christus drei Tage in einer Art Ausnahmezustand. Er sieht nicht, er trinkt nicht, er isst nicht. Das ist wie eine Mischung aus Schockzustand und Meditation, aus innerer Einkehr und gedanklicher Schwerstarbeit, was denn da mit ihm geschehen ist. Für mich ist das wie ein Fingerzeig darauf, dass Veränderungen eben ihre Zeit brauchen. Sicher verändert sich das Leben manchmal mit einem Schlag, aber ich verändere mich nur langsam, ich muss dem Neu- und Anderswerden in mir Zeit und Raum lassen. Vieles, auch unser Glaube, muss reifen. Vieles braucht die Zeit zum Gespräch mit mir, gewissermaßen als Bewegung und Ausrichtung nach innen, die Zeit zum Gespräch mit anderen als Bewegung nach Außen und die Zeit zum Gespräch mit Gott. Gerade in einer lärmenden und schnellen Zeit spüren Menschen diese Hunger nach Einkehr und Rückzug, nach Meditation und Gespräch als eine menschliches Grundbedürfnis. Liebe Gemeinde, schaffen wir doch unter uns Platz dafür wie in dem Haus, in das Hananias zu Paulus geführt wird.

Eine letzte Beobachtung noch: Paulus wird zu einem Eiferer für die Sache Jesu, aber er ist dabei nicht allein auf sich gestellt. Er bekommt einen Menschen an die Seite, einen Begleiter, einen Paten oder einen Mentor. Hier ist der Ursprung des Patenschaftsmodells. Einkehr allein ist nicht genug, die Begleitung Erfahrener ist ebenso wichtig. Lange Zeit hat sich die Kirche daran lebendig erinnert. Jeder erwachsene Taufbewerber hatte einen Paten, ein erfahrenes Gemeindeglied als Ratgeber in Fragen des Glaubens und als Partner für die Augenblicke des Gebetes an die Seite gestellt bekommen. Er sollte so etwas wie Wegweiser oder Einweiser auf dem Weg in die Gemeinde sein. Davon können wir eine Menge lernen. Wenn wir wollen, dass Menschen in unsere Gemeinden hineinwachsen, müssen wir sie begleiten, ihnen zur Seite stehen, müssen wir zusammen mit ihnen Wege gehen und dürfen dabei unseren Glauben, unsere Beziehung zu Gott nicht als Privatangelegenheit begreifen, sondern als einen Schatz, den ich mit anderen teilen darf. Segne Gott uns unseren gemeinsamen Weg, bleibe er bei uns und öffne uns immer wieder die Augen für das Wesentliche, so wie damals bei Paulus vor den Toren und in den Mauern der Stadt Damaskus.

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