Der kluge Mann baut vor

Liebe Mitchristen,

sind Sie klug? Ja, genau Sie meine ich! Nicht den Nachbarn neben Ihnen. Nicht die herausragende Person in der Gemeinde. Sondern Sie. Otto Maier, Lieschen Müller. Sind Sie klug? Jeder von Ihnen wird ein bisschen anders antworten – antworten Sie für sich selbst. Der eine wird sich für ein bisschen klüger halten, der andere wird sein Licht mehr unter den Scheffel stellen. Aber ich denke, dass jeder für sich zumindest befinden wird: „Für den Hausgebrauch reicht’s.“

Wenn Sie klug sind, müssen Sie sich aber auch entsprechend verhalten. Zum Beispiel dem Sprichwort entsprechend verhalten „Der kluge Mann baut vor.“ Klug sein in diesem Sinn hat nichts mit dem Intelligenzquotienten zu tun, nichts mit der Schulbildung, sondern mit der Weitsicht. Dass man nicht nur in den Tag hinein lebt, sondern auch voraus denkt. Nein, nicht in dem Sinn, dass man sich um das Morgen Sorgen macht. Sondern in dem Sinn, dass man sich auf das Morgen vorbereitet, dass man die Zukunft bedenkt.

In den Sprüchen Salomos gibt es viele weise Sprüche über die Klugheit – zum Beispiel diesen: „Der Kluge sieht das Unglück kommen und verbirgt sich; die Unverständigen laufen weiter und leiden Schaden.“

Vielleicht sind Sie jetzt über diesen Predigtanfang verwundert, weil Sie denken: „Im Text geht es doch nicht um die Klugheit, sondern zum Beispiel um die Frage, wie die Toten auferstehen werden. Das ist richtig – bloß bevor wir als Christen uns fragen, wie die Toten auferstehen werden, müssen wir die viel grundlegendere Frage angehen, ob wir überhaupt auferstehen werden. Und damit sind wir bei der Klugheit, beim „Vorbauen“ des klugen Manns, bei der Weitsicht.

Elementare, grundlegende Frage eines Christen muss es sein, wie er sich auf die Zeit nach dem Tod vorbereitet. Diese Frage auszublenden, sie zu verschieben auf später – vielleicht den St.-Nimmerleinstag, wäre fahrlässig. Und man ist doch oft in der Versuchung, das so zu machen – weil einem der Gedanke an den eigenen Tod nicht gerade angenehm ist.

Martin Luther war klug – das wird niemand bestreiten. Durch sein Wirken ist die Reformation herbei geführt worden. Und „Reformation“ heißt nichts anderes als „Wieder-Bildung“ der Kirche. Es ging ihm nicht darum, eine neue Kirche zu errichten – sondern er wollte die Kirche zu ihrem Wesentlichen zurück bringen. Es ging ihm nun wirklich auch nicht darum, sich selbst in den Vordergrund zu schieben, sondern er wollte von ihm erkannte Missstände abschaffen, um dem Evangelium wieder die Geltung zu verschaffen, die es verdient.

Aber Ausgangspunkt Luthers war, dass er – aus Klugheit – vorbauen wollte. Mit vielen Menschen damals drängte ihn die Frage, wie er selig werden, wie er vor Gott gerecht werden kann. Was er mit seinen Worten gesagt hat „Wie krieg‘ ich einen gnädigen Gott?“ kann man auch so sagen: Wie bereite ich mich am besten, am wirkungsvollsten auf die Ewigkeit vor?

Es war pure Angst vor dem womöglich strafenden Gott, die Martin Luther schließlich ins Kloster trieb. Die ihn diesen Blitzschlag bei Stotternheim als letzte Warnung Gottes verstehen ließen. Es war genauso diese Angst, die ihn dann im Kloster merken ließ: „Ich kann doch gar nicht sicher sein, dass all das, was ich mache, wirklich reicht.“ Und die ihn dann in der Bibel forschen ließ und zur Erkenntnis brachte „Allein aus Gnade … krieg ich einen gnädigen Gott. Von mir allein aus schaffe ich das gar nicht; ich bin darauf angewiesen, dass ich mir die Zukunft bei Gott schenken lasse!“

Die Zeiten ändern sich – und damit ändern sich auch die Fraugestellungen – und so muss die Bibel in jede Zeit hinein wieder neu ausgelegt werden.

Bei den Empfängern der Korintherbriefe interessierte die Frage: „Wie werden die Toten auferstehen … mit was für einem Leib?“ In dieser Fragestellung waren sie beeinflusst vom griechischen Denken, von den Gedanken der alten Philosophen Aristoteles und Plato. Die Frage, ob die Toten auferstehen werden, war überhaupt kein Thema.

Zur Zeit Martin Luthers interessierte dann viel mehr, wie man zu denen gehören kann, die zu Gott gehören werden, die nicht verworfen sind, sondern in die Seligkeit kommen. Das Aussehen des Leibes der dann Auferstandenen war kein Thema.

Und bei uns heute? Vielleicht ist es die Frage: Gibt es überhaupt ein Jenseits, ein Leben nach dem Tod? Auf dem Stuttgarter Kirchentag 1999 fragte der Theologe Jürgen Moltmann bei einer Veranstaltung „Gibt es ein Leben nach dem Tod? Wo sind die Toten?“ und füllte damit mühelos den Hegelsaal der Stuttgarter Liederhalle.

Und doch hat man oft den Eindruck, dass die Frage nach dem Jenseits bei den meisten Menschen nicht gerade im Vordergrund ihres Lebens steht. Ob diesen Menschen die Klugheit abgeht – zumindest die Klugheit, an die Zukunft des Lebens nach dem Tod zu denken und sich darauf vorzubereiten?

Irgendjemand hat mir einmal gesagt: „An das Jenseits denkt man, wenn es einem schlecht geht.“ An dieser Aussage ist wohl etwas Wahres dran. Als die Zeiten schlecht waren, nach dem Zweiten Weltkrieg, waren die Kirchen voll. Wenn es einem auf der Welt nicht so gut geht, merkt man als Mensch eher, dass man auf Gott gewiesen ist.

Nein, ich will nicht wünschen, dass es uns bald schlechter gehen möge, damit die Menschen mehr an das Jenseits denken und sich wieder mehr mit der Frage beschäftigen, was nach dem Tod kommt und wie sie sich darauf vorbereiten können. Aber ich möchte Sie dazu ermuntern, klug zu sein. Sich vom äußeren Wohlstand nicht darüber hinweg täuschen zu lassen, dass wir uns auf das Jenseits vorbereiten müssen.

Wie wir uns darauf vorbereiten können? Martin Luther hat einmal gesagt: „Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott.“ Wenn wir uns auf Gott konzentrieren und all die schönen Dinge des Lebens zwar nicht unbedingt verachten, aber neben Gott Nebensachen sein lassen, dann liegen wir richtig: „Haltet euch zu Gott, so hält er sich zu euch!“

Dekan Pfitzenmaier sagte kürzlich in einer biblischen Besinnung vor der Pfarrerschaft, dass man sich auf das Wesentliche konzentrieren müsse und all die Dinge, die vielleicht auch noch gut sind zu tun, nach hinten schieben solle. Natürlich war das – zumal in der heutigen Zeit – auch finanziell gemeint. Aber gerade auch geistlich müssen wir das verstehen: sich aufs Wesentliche konzentrieren.

Doch was ist wesentlich? Man könnte viel aufzählen, was für Menschen heutzutage wesentlich sein kann: die Familie ist wesentlich; dass man Arbeit hat ist wesentlich und leider nicht selbstverständlich; das eigene Vermögen ist für manche wesentlich; der Urlaub scheint so wesentlich für Menschen zu sein, dass sie gar nicht auf ihn verzichten zu können meinen; der Spaß ist wesentlich in unserer heutigen Spaßgesellschaft.

Niemand sagt, dass diese Dinge nicht sein dürfen beziehungsweise nicht gut sind – ganz im Gegenteil. Aber all das gehört zu den Dingen, die vielleicht auch noch gut sind zu tun oder zu haben. Wer klug ist und vorbauen will, der konzentriert sich auf Gott und erkennt ihn als das Wesentliche an!

Wenn die Bibel vom Jenseits spricht, dann geschieht das in Bildern. Das Bild im Ersten Korintherbrief kann uns zeigen, dass sich die Konzentration auf das Wesentliche lohnt: „Es wird gesät in Niedrigkeit und wird auferstehen in Herrlichkeit. Es wird gesät in Armseligkeit und wird auferstehen in Kraft.“

drucken