Ach dass ich Wasser genug hätte …

Mich jammert von Herzen, dass mein Volk so ganz zerschlagen ist; ich gräme und entsetze mich. Ach dass ich Wasser genug hätte in meinem Haupte und meine Augen Tränenquellen wären, dass ich Tag und Nacht beweinen könnte die Erschlagenen meines Volks! (Jer 14,21+23)

Worte der Trauer. – Liebe Gemeinde – Wir könnten sie heute sprechen, im Gedenken an die Toten des ersten Weltkriegs. Wir könnten sie heute sprechen, im Gedenken an die Toten des zweiten Weltkriegs. Wir könnten sie heute sprechen, im Gedenken an die Menschen, die hinauszogen ihre Heimat zu verteidigen. Wir könnten sie heute sprechen, im Gedenken an die Waisen und Witwen der Soldaten. Wir könnten sie heute sprechen, im Gedenken an die verwüsteten Städte und Dörfer. Wir könnten sie heute sprechen, im Gedenken an misshandelte und vergewaltigte Frauen und deren Kinder. Wir könnten sie heute sprechen, im Gedenken an zerstörte Hoffnungen und Träume, zerbrochene Seelen, abgerissene Geschichten und all die Verletzten und zerbrochenen gefangenen und gequälten, die die Kriege zurückgelassen haben. Wir könnten sie heute sprechen, am Volkstrauertag. Denn wir haben viele zu beweinen, die wir verloren haben. Überall an den Kriegerdenkmälern werden heute Kränze niedergelegt und der alten Kameraden gedacht. Am Schluss spielt die Trompete, fester Bestandteil des militärischen Abschiedszeremoniells seit dem ersten Weltkrieg, der Text ist von Ludwig Uhland: Ich hatt‘ einen Kameraden, (evtl. Melodie vorspielen)

Ich hatt‘ einen Kameraden,
einen bessren findst du nit.
Die Trommel schlug zum Streite,
er ging an meiner Seite
im gleichen Schritt und Tritt.

Eine Kugel kam geflogen
Gilt’s mir oder gilt es dir?
Ihn hat es weggerissen,
er liegt mir vor den Füssen,
als wär’s ein Stück von mir

Will mir die Hand noch reichen,
derweil ich eben lad.
Kann dir die Hand nicht geben,
bleib du im ewgen Leben
Mein guter Kamerad!

So grausam kann der Krieg sein. Nicht einmal die Hand zum Abschied kann einer dem anderen geben, um selbst zu überleben muss man den anderen irgendwann zurücklassen. So mancher Soldat hat seinen Kameraden kilometerweit mitgetragen, ihm das Leben gerettet, so mancher hat erlebt, wie ringsum alle auf einen Schlag getroffen wurden. Den meisten ist ein Stück ihrer Seele auf diesem Weg verlorengegangen, manche sind in dieser Zeit, die sie verstümmelt hat stecken geblieben. Viele Zurückgekehrte mussten erst neu Leben lernen. Die alten wurden sie nicht mehr. Jedes Mal, wenn die Trompete ertönt, beim Festakt am Mahnmal wie auch bei einer Beerdigung mit militärischen Ehren, wie ich sie auch am Donnerstag mitleben durfte, denken wir an Krieg und Tod, wir lassen uns anrühren; wir weinen Tränen um das verlorene Leben.

Mich jammert von Herzen, dass mein Volk so ganz zerschlagen ist; ich gräme und entsetze mich. Ach dass ich Wasser genug hätte in meinem Haupte und meine Augen Tränenquellen wären, dass ich Tag und Nacht beweinen könnte die Erschlagenen meines Volks! (Jer 14,21+23)

Das sind Worte der Trauer, die sind mehr als 2500 Jahre alt. Unter den Augen des Propheten Jeremia zerbricht das Königreich Israel, Davids Königreich. Unter dem verstorbenen König Josia erstarkten noch einmal das Selbstbewusstsein des Gottesvolkes und der Glaube an den Gott Israels. Doch sein Sohn versuchte in Allianzen zu überleben und übernahm auch die Götter der Partner in den Tempel. Die Babylonier zerstörten das Bündnis, verschleppten das Volk und zerstörten Jerusalem mitsamt seinem Tempel. Jeremia hat Gottes Auftrag das Volk zur Umkehr von falschen Allianzen zu bewegen. Als er Gottes Wort im Tempel vorträgt wird er verhaftet. Sein Assistent Baruch verliest sie weiter für ihn. So auch den heutigen Predigttext:

[TEXT]

Ja, liebe Gemeinde, Gott trauert. Er trauert um seine Kinder. Wo bleibt ihr Instinkt fragt er sich. Jedes Tier weiß, was gut für es ist. Jeden Winter fliegen die Störche in den Süden, wo es warm ist, wo es Futter gibt und kehren im Frühjahr zurück zum Brüten, doch was machen die Menschen? Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt haben, gehen ihnen die Gäule durch, schauen sie nicht mehr rechts noch links, fragen nicht mehr was gut für sie ist, hinterfragen ihre Aktion nicht mehr, sondern ziehen mit Scheuklappen los. Sie vertrauen nicht mehr auf Gott, der in der Not an ihrer Seite ist, sondern suchen sich starke Siegesgötter, sie beten nicht mehr zum Gott des Bundes und vertrauen sich ihm an, sondern ergreifen die Initiative, sind bereit mit ihrem Heer für Sicherheit zu sorgen. – Sie sind auserwählt- Gott muss doch zum Sieg verhelfen. Noch etwas betrauert Gott. Den Menschen fehlt es nicht am Instinkt, ihnen ist es egal, was gut für sie sein mag. Gotte Gesetze werden als Vorschriften gesehen, die sich in die eigenverantwortliche Lebensgestaltung einmischen, nicht als Lebenshilfe eines Menschenliebhabers. Menschen wollen alles haben, was sie haben können, abzocken was geht. Sie wollen die Feste feiern wie sie fallen und nicht Geld für andere zurücklegen, die Not leiden. Sie wollen die besten und stärksten sein und sich nicht um des Friedens willen zurücknehmen und Kompromisse eingehen …

2500 Jahre liegen diese Worte zurück. Heute spricht sie Jeremia via Predigttext in unseren Gottesdienst hinein. Können wir uns davon treffen lassen? Könnten wir gemeint sein? Was geht es uns an? Die Geschichte Gottes mit seinem Volk ist weitergegangen. Kein Leid ist ihnen erspart geblieben, Jahrhundert um Jahrhundert gab es Grund genug über die Menschen zu trauern, Gott aber hat sein Volk nicht verlassen, so hören wir, er ist mit ihm durch das Leid gegangen. Auch für uns Christen ist er als Christus am Kreuz durch den Tod gegangen.

Ach dass ich Wasser genug hätte in meinem Haupte und meine Augen Tränenquellen wären, dass ich Tag und Nacht beweinen könnte die Erschlagenen meines Volks! (Jer 14,23)

Diese Worte könnte Gott auch heute sprechen. Glauben wir denn noch an diesen Gott? Suchen wir nicht auch einen der unser Leben lebenswert zaubern kann? Gute Geister, die in die Geschichte eingreifen und alles wieder in Ordnung bringen, was wir selbst verbockt haben? Rufen wir nicht auch angesichts von Krieg und Terrorismus "wie kannst du nur, Gott, wie soll man da an dich glauben" statt zu fragen "oh, was haben wir getan- wie können wir das wieder gut machen?" Wissen wir noch, wo der Weg langgeht, der uns zum Guten Leben führt? Ist unser Gottesdienst ein Fest, weil wir Gottes Liebe zu uns feiern? Oder sehen wir uns eher eingeengt durch religiöse Ordnungen als dass wir sie als hilfreich als lebenswert erachten können? Solange es uns auch anders gut geht warum sollten wir unseren Lebensstil ändern, umkehren, wie Jeremia der Gemeinde im Namen Gottes zuruft (Jer 7,5-6): 5 bessert euer Leben und euer Tun, dass ihr recht handelt einer gegen den andern 6 und keine Gewalt übt gegen Fremdlinge, Waisen und Witwen und nicht unschuldiges Blut vergießt an diesem Ort und nicht andern Göttern nachlauft zu eurem eigenen Schaden, 7 so will ich immer und ewig bei euch wohnen an diesem Ort, in dem Lande, das ich euren Vätern gegeben habe.

Am Mittwoch ist Buß- und Bettag. Dass genau dieser Feiertag verlorengehen konnte ist symptomatisch dafür, dass Umkehr und Besinnung in unserer Gesellschaft nur einen geringen Stellenwert haben. Wir starten durch für Börsenkurs und wirtschaftlichen Erfolg; selbst da wo dieser Weg reihenweise in die Arbeitslosigkeit und Zweitrangigkeit persönlicher Bedürfnisse und Würde führt, springen wir von diesem Gaul nicht ab. Lassen wir uns rufen zur Menschlichkeit, zur Gottesbegegnung in der Sorge um den Mitmenschen, der Hunger leidet oder Durst, der Fremd ist in unserem Land oder nackt oder krank oder gefangen, wie wir es auch im Evangelium gehört haben. Lassen wir uns rufen für den Frieden unter den Menschen einzutreten über Länder, Kontinente, Geschlecht, Alter und Religion hinweg. Lassen wir uns rufen zur Umkehr.

Wenn wir heute um die Toten aus den letzten 2 Weltkriegen trauern, denken wir auch an die Toten an den Kriegsschauplätzen heute, an die, die durch die Hand unserer Soldaten gestorben sind oder verletzt wurden, an die, die heute durch die Hand der Soldaten fallen und verstümmelt werden, in Gefangenschaft darben, in Verstecken leben. An die, die ihre Heimat durch andere Menschen verlieren, an die, die deren Würde als Kind Gottes abgesprochen wird an die, die das Trauma der Kriegsjahre nicht verarbeiten können, an die Kinder, deren Kindheit gestohlen wird … Wenn wir heute um die Toten aus den letzten 2 Weltkriegen trauern, denken wir nach was wir daraus für die Zukunft lernen können denken wir nach wie wir ein Leben in Gemeinschaft gestalten können, denken wir nach was für Werte wir unseren Kindern vermitteln wollen Wenn wir heute um die Toten aus den letzten 2 Weltkriegen trauern, suchen wir den Rückweg in die Heimat fragen wir "was ist gut für uns Menschen?" suchen wir den Rückweg zu Gott sonst ist die Trauer ohne Sinn und Ziel. Sonst verharren wir in der Trauer und das Leben ändert sich nie. Mit den Strophen von Paul-Otto Gutmann gesagt:

Ich hatt‘ einen Kameraden,
einen bessren findst du nit.
Die Trommel schlug zum Streite,
er ging an meiner Seite
im gleichen Schritt und Tritt.

Eine Kugel kam geflogen
Gilt’s mir oder gilt es dir?
Ihn hat es weggerissen,
er liegt mir vor den Füssen,
als wärs ein Stück von mir

Glaubt nicht, dass solch ein Sterben
Der Wille Gottes sei!
Gott hat den Sohn gegeben,
der weist den Weg zum Leben,
durch Christus sind wir frei.

Wir folgen Jesu Botschaft,
dass alle selig sind,
die hier den Frieden schaffen,
denn wer vertraut den Waffen,
wird für die Liebe blind.

Ich hatt‘ einen Kameraden,
sein Tod soll Mahnung sein.
Umsonst war nicht sein Sterben,
er setzt uns als die Erben
zu Friedensstiftern ein.

Kehren wir um zu Gott und beten wir, denn wenn wir ernsthaft und inständig um den Frieden beten, ist das Reich Gottes, auf das wir hoffen ganz nahe, so haben wir es letzte Woche gehört. Beten wir darum, dass wir ein Licht für unsere Zukunft sehen mögen: Sonne der Gerechtigkeit gehe auf zu unserer Zeit.

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