Das Geheimnis bewahren

Liebe Gemeinde,

selbst wer ganz selten in die Kirche geht, kann ein einziges Gebet mit Sicherheit auswendig: Das Vaterunser. Und meist sprechen wir ohne viel Nachdenken die Worte: „Dein Reich komme“. Dennoch glauben nach Umfragen nur noch 60 Prozent aller Christen daran, dass es nach dem Tod noch etwas gibt. Entsprechend haben wir auch unser Leben eingerichtet. Manche Menschen sagen es ganz deutlich: Ich freue mich darauf, dass ich dann endlich meine Ruhe habe. Sie erwarten nichts und sie erhoffen schon gar nichts. Jedenfalls nichts, was sie nicht hier in dieser Welt zumindest schon kalkulieren könnten. Was aus solchen irdischen Hoffnungen, die allein abhängig gemacht werden vom Berechenbaren, werden kann, das können wir sehen, wenn wir heute zum Volkstrauertag die Gedenksteine der Toten der Weltkriege besuchen. Sie sind Trümmersteine von Hoffnung auf Macht und Glanz, graue Mahnungen daran, wohin Illusionen führen können, Illusionen und Allmachtsphantasien menschlicher Herrscher.

Der November ist ein Monat, den viele Menschen überhaupt nicht mögen. Die Natur scheint Trauer zu tragen, alles Leben scheint abzusterben, es wird jeden Tag etwas früher dunkel und etwas später hell. Und dann reihen sich auch noch solche Gedenktage aneinander, die still werden lassen: Allerseelen, Bußtag, Volkstrauertag und – wie er immer noch im Volksmund genannt wird: Totensonntag. Auch der Alltag sieht ziemlich trist aus: Saisonbedingt steigen die Arbeitslosenzahlen, die Energiepreise pendeln weiter in einer Höhe, die uns Frieren macht – und vom Frieden in der Welt sind wir nach wie vor weit entfernt.

Mitten in dieses Grau setzt der Apostel Paulus einen Akzent, der aufhorchen lässt:

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Er hört es wohl, das Seufzen, das wir alle auf den Lippen haben. Und Paulus hört sogar noch genauer hin: er hat das Seufzen der ganzen Schöpfung vernommen. Mir fallen dabei vergiftete Flüsse, abgeholzte Wälder, Tiere in Laboratorien ein, ich denke an verseuchte Erde und an brennende Ölfelder.

Aber auch ein anderes Seufzen klingt aus diesen Worten: Auch wir seufzen, obwohl wir es doch eigentlich besser wissen müssten. Wir seufzen, vielleicht, weil uns in 2000 Jahren Warten die Hoffnung abhanden gekommen ist. Das Reich Gottes scheint uns in so weite Ferne gerückt, dass es fast unwirklich wird. „Lasst uns nun stündlich das Reich Gottes in Liebe und Rechtschaffenheit erwarten, da wir den Tag der Erscheinung Gottes nicht kennen“, heißt es im 2. Clemensbrief, einer Gemeindepredigt aus dem Jahr 150 nach Christus. „Aus der absoluten Utopie der guten Gesellschaft des Reiches Gottes folgt die relative Utopie einer besseren Gesellschaft, für die wir arbeiten sollen.“ Schreibt Helmut Gollwitzer fast 2000 Jahre später. Beide meinen das Gleiche: Wir sollen nicht tatenlos warten, sondern auch hier schon ein Stück von dem umsetzen, was das Reich Gottes bedeutet.

Freilich schieben sich die „Leiden dieser Welt“ manchmal wie ein Bremsklotz zwischen uns und unsere Hoffnung. Und immer wieder werden wir mit der uralten Frage konfrontiert: „Warum lässt Gott das Leiden zu?“ Gründe könnten wir bei wenig Nachdenken selbst genug finden, sind es doch eigentlich wir Menschen, die gehörig dafür sorgen, dass auf dieser Welt nicht alles friedlich, schöpfungsfreundlich und brüderlich zugeht. Nicht Gott ist verantwortlich für Zerstörung von Natur und Leben, sondern die menschliche Vermessenheit. Unser Forscherdrang ist ebenso groß wie unsere Fehlbarkeit, und immer wieder drängt es uns danach, auszuprobieren, wie weit wir gehen können. Es gibt Erfindungen und Entdeckungen, die besser unausgetestet blieben, ich denke da an die Wasserstoffbombe und an chemische Kampfwaffen, aber auch an die Gentechnologie – aber so sind wir nun einmal: immer wieder glauben wir Menschen, uns selbst erlösen zu können.

„Was habe ich damit zu tun?“ werden Sie nun fragen, „ich bin weder Politiker noch Naturwissenschaftler – aber gerade in meinem privaten Leben gibt es so viel Leid, wovon ich gar nicht weiß, wie ich das verdient habe.“ Der Apostel gibt in seinem Brief keine direkte Antwort auf eine solche Frage. Aber er setzt seinen unverbrüchlichen Glauben dagegen: „Ich bin überzeugt, dass die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll.“

Er predigt hier nicht die Haltung einer totalen Weltverdrossenheit und einer Vertröstung auf ein Jenseits, in das wir am besten so schnell wie möglich gelangen. Er erinnert nur daran, dass wir ja ein Versprechen haben, an das wir uns gerade im tiefsten Dunkel immer wieder erinnern sollen: "Denn wir sind gerettet, doch in der Hoffnung. Hoffnung aber, die man schon erfüllt sieht, ist keine Hoffnung. Wie kann man auf etwas hoffen, das man sieht?"

Mir ist dabei eingefallen, wie ich mir das als Kind vorgestellt habe: Ich habe jedes Jahr vor Weihnachten auf etwas ganz Großes, etwas ganz Helles und Leuchtendes gewartet. Wie es genau aussehen sollte, war mir nicht greifbar, ich wusste nur: Es muss ganz anders sein als alles, was ich kenne. Und ich war schrecklich enttäuscht, wenn mir jemand verraten hat, was an Geschenken unter dem Baum liegen würde. Ich fühlte mich um meine Hoffnung betrogen. So ähnlich geht es mir ganz persönlich jetzt mit meiner Hoffnung auf das Reich Gottes. Ich möchte keine Rechnungen haben über das Ende der Welt und über 1000 und noch einmal 1000 Jahre, die vergehen werden, bis dann der Tag kommt, an dem wir vor dem Richterstuhl Christi stehen. Ich mag es nicht, wenn da Dinge bis ins Detail ausgemalt werden, für die unser menschliches Gehirn nicht im geringsten in der Lage ist, sie zu ermessen.

Ich bin überzeugt, wir tragen das Reich Gottes in uns. Und wir verlieren es in dem Augenblick, in dem wir aufhören, zu hoffen. Wenn wir nicht mehr hoffen, gibt es nichts mehr, was uns treibt, was uns bewegt, es sterben nicht nur unsere Träume, sondern es erlischt auch das Licht, das in uns brennt. Paulus vergleicht die Schöpfung mit einem Kind in den Geburtswehen. Luther hat das schön anschaulich gemacht. Er sieht uns gleich mit einem Kind vor der Geburt, das nichts kennt als den Mutterleib von innen. Die Mutter in ihrer Ganzheit hat es noch nie gesehen. Bis zu einem gewissen Zeitpunkt geht es davon aus, das Innnere der Gebärmutter ist alles, was es gibt. Es fühlt sich darin wohl, geborgen und behaglich. Dann aber wird es darin auf einmal unbequem eng und eigentlich will das Kind heraus. Es sieht aber den engen Gang, durch den es muss – und das macht ihm Angst. Es spürt, dass draußen etwas ganz anderes, viel Weiteres auf es wartet, aber es zögert, den Gang zu durchqueren. Ähnlich geht es uns Menschen, wenn wir daran denken, dass unsere Lebenszeit begrenzt ist. Wir sehen den dunklen Gang, durch den wir alle müssen und fürchten uns davor, obwohl uns eine Ahnung von der Herrlichkeit mitgegeben ist, die uns draußen erwartet. Dann werden wir Gott sehen, von dem wir jetzt nur spüren, dass er uns umgibt. Das Dunkel wird sich lichten. Auch das Kind kann nicht im Mutterleib bleiben. Ein Kind, das ungeduldig zu früh den Mutterleib verlässt, ist nicht lebensfähig, es muss sich gedulden. Aber auch ein Kind, das nicht geboren werden will, weil es sich nicht hinaus wagt, stirbt, bevor sein eigentliches Leben begonnen hat.

Hoffnung und Geduld gehören also zusammen – und auch der Mut, sich einzulassen auf das Unsichtbare. Das Wagnis "Glauben" reißt uns aber heraus aus dem Novembergrau unseres Alltags, es entzündet ein Licht in uns, das ein Abglanz des hellen Scheins des Reiches Gottes ist, wie wir es dann sehen werden. Dann, wenn alle Tränen von unseren Augen abgewischt werden und uns ein liebender Vater in den Armen hält. Ein Vater, der um alle unsere Schwäche weiß, der uns aber unsere Verfehlungen nicht nachträgt – und ein Bruder Jesus Christus, der uns den Weg durch alles Leid schon vorausgegangen ist, damit wir ihm folgen können.

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