Zwischen Flucht und Versuchung

Zwischen Flucht und Versuchung. Vielleicht ist es so gewesen, liebe Gemeinde – und ganz besonders, liebe Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher. Zwischen Flucht und Versuchung; zwischen dem Impuls, wegzulaufen, abzulehnen und dem Wunsch, etwas Besonderes bewegen zu können.

Hin- und hergerissen zwischen dem Gefühl: „Da kommt ja noch mehr Arbeit auf mich zu!“ und „Was wird meine Familie sagen, wenn ich jetzt noch mehr ehrenamtlich mache, wenn ich jetzt wieder für ‚Kirchens’ meine Freizeit opfere?!“

Denn Arbeit wird es – um Ihnen das vorherzusagen, bedarf es keiner besonderen prophetischen Gabe. Mitarbeit in vorderster Reihe, Gemeindeleitung, Vorbildfunktion. Und viele Sitzungen.

Flucht – oder etwas abgeschwächt ausgedrückt – der Gedanke: „Das muss ich mir nicht antun!“ – verständlich.

Aber da ist ja noch die Versuchung. Etwas zu bewegen, mitzubestimmen, mitzuentscheiden. Wenn wir so etwas wollen, wenn uns so etwas wirklich wichtig ist – dann nehmen wir ja einiges in Kauf. Sie haben dieser Versuchung – oder vielleicht besser: diesem Wunsch – nachgegeben. Sonst hätten Sie sich nicht zur Wahl gestellt, sonst wären Sie heute nicht hier – als gewählte und berufene Kirchenvorstehrinnen und Kirchenvorsteher. Und darüber freuen wir uns – als Pastoren, als Haupt- und Ehrenamtliche, als Gemeinde. Zwischen Flucht und Versuchung haben Sie sich entschieden.

Zwischen Flucht und Versuchung ist auch der heutige Predigttext zeitlich angesiedelt. Im Leben Jesu ist es allerdings kein ‚Entweder – Oder’, sondern eine zeitliches Nacheinander.

Im Matthäusevangelium folgt nach der Geburtsgeschichte und dem Besuch der drei Magier die Flucht. Die Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten.

Und dann, nach Hause zurückgekehrt – Jesus ist inzwischen ein junger Mann – lauert die Versuchung auf ihn.

Auch da geht es um Mitarbeit – allerdings nicht auf Gemeindeeben, sondern als Gehilfe des Teufels. Und spätestens diese Parallele stimmt ja nun wirklich nicht mehr! Auf Pastoren mag man ja manchmal schimpfen – aber ‚Teufel’ – das ist dann doch zuviel. Und Kirchenvorstandsmitglieder als Gehilfen – nein wirklich nicht!

Auch für Jesus ist das nichts. Und zwischen seiner Flucht und seiner Versuchung – da liegt ja noch seine Taufe. Jesus lässt sich taufen – obwohl er das nun wirklich nicht hätte sein müssen. Denn mit seiner Taufe gliedert er sich ein in die Reihe derer, die es nötig haben, umzukehren, Buße zu tun, ihr Leben neu auf Gott auszurichten. So hat Johannes es gefordert.

Jesus begehrt die Taufe – und sein Täufer ist irritiert: „Ich bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde, und du kommst zu mir?“ Aber Jesus setzt sich durch – und so geschieht es.

Und dann wird uns geschildert, was zu hören, was zu sehen gewesen ist: der Geist Gottes als Taube, die Stimme Gottes voller Wohlgefallen – Annahme seines Sohnes, eine richtige Liebeserklärung.

Annahme als Kinder Gottes – das feiern wir mit der Taufe. Und getauft worden sind ja auch Sie – sonst hätten Sie sich gar nicht zur Wahl stellen dürfen. Und in der Taufe – so glauben wir – geschieht ja auch mehr als das, was wir sehen. Geschieht ja auch mehr als das dreimalige Begießen mit Wasser.

Gottes Töchter und Söhne werden wir, eingegliedert in den Leib Christi. Aufgerufen sind wir, unsere unterschiedlichen Gaben und Begabungen einzubringen – so, wie es im 12. Kapitel des Römerbriefes (Epistellesung: Röm 12,1-8) geschrieben steht. Und zu dieser gegenseitigen Verantwortung zähle ich auch die Bereitschaft finanzieller Unterstützung. Weltlich ausgedrückt heißt das dann: ‚Kirchensteuerpflicht’ – auch die beginnt mit der Taufe …

Ob es nun die Taufe gewesen ist, ob Jesus es nötig hatte, in seiner Gotteskindschaft bestärkt zu werden, um den Versuchungen des Teufels widerstehen zu können – das ist Spekulation. Tatsache aber ist, dass erst danach die Zeit seines Wirkens begann. Dann erst fängt er an mit seiner Verkündigung, dann erst beruft er Anhänger und Gleichgesinnte, dann erst predigt er auf dem Berg – und vieles mehr.

Taufe – wie ein Startschuss für die Arbeit. Und Taufe auch als ungeheuren Zuspruch, der meint: „Du kannst ganz viel – und ich bin mit dir!“

Fliehen, weglaufen, weil Gefahr für Leib und Leben bestanden hat – das hatten Sie nicht nötig, liebe Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher. Und der Versuchung, dem Reiz, mitzuarbeiten, nachgegeben zu haben – auch das hat nun wirklich nichts Teuflisches.

Was aber bleibt – und was uns mit Jesus verbindet – das ist Gottes Zuspruch und sein Zutrauen.

Und so, wie es für Gottes Sohn in seinem späteren Wirken nicht mehr wichtig war, dass er erst fliehen musste und dann versucht wurde – so zählt auch für Sie und uns jetzt nur noch folgendes: Dass Sie frohen Mutes an die Aufgaben herangehen, die vor Ihnen und uns liegen. Zum Wohle unserer Gemeinde und unserer Kirche, zum Wohle der Menschen, die uns vertrauen und uns anvertraut sind.

Möge es eine segensreiche Arbeit sein!

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