Zwei sind besser dran als ein einzelner

Liebe Gemeinde!

Ist dieses Gespräch nicht ganz nach unserem Geschmack? Jesus und der Schriftgelehrte, die sich doch sonst so oft streiten, sie sind ausnahmsweise hier einmal eines Sinnes. Ja, sagen sie, es gibt zwei Gebote, über die nichts geht: "Du sollst Gott lieben " und "Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst". In diesen so wichtigen Fragen des Glaubens sind sie sich einig. Die gemeinsame Tradition ihrer Mütter und Väter, diese Werte der Bibel lassen sie alles sie Trennende vergessen. Ja, ich möchte sogar sagen, eine große gegenseitige Wertschätzung geht von diesem Gespräch aus.

Liebe Gemeinde, kennen wir in unserer heutigen Gesellschaft auch ein solches oberstes Gebot? Ein Gebot vielleicht, das wir für so grundlegend für unser Miteinander halten, dass wir alle darin übereinstimmen ? Die Antwort lautet: Ja. Wir haben eine Verfassung, deren erster Artikel lautet: "Die Würde des Menschen ist unantastbar". Darin sind wir uns mit vielen anderen demokratischen Ländern einig, an dieses Grundrecht sollen alle anderen Gesetze gebunden sein. Diese unzähligen weiteren geschriebenen Gesetze in Strafgesetzbuch oder Bürgerlichem Gesetzbuch regeln und ordnen unser menschliches Zusammenleben. Sie schützen uns vor Übergriffen auf unsere Person und unser Eigentum , sie sind mit klaren Pflichten und Ansprüchen verbunden. Keiner kann mir z.B. ungestraft mein Auto stehlen oder mich gar tätlich angreifen und verletzen. Diese Gesetze aber werden von uns Menschen gemacht, verantwortet und durchgesetzt. Und sie werden von uns mit menschlichen Möglichkeiten durchgesetzt, mit Zwang eben, und nötigenfalls mit Strafe. Neben den geschriebenen Gesetzen gibt es in unserer Gesellschaft ja auch noch zahlreiche ungeschriebene Gesetze. Solche ungeschriebene Gesetze sind etwa: "Jeder ist seines Glückes Schmied", oder: "Hilf‘ Dir selbst, dann hilft Dir Gott" und "Zeig‘ nur keine Schwächen". Unser Zusammenleben und unser Wirtschaftsleben funktioniert im Grunde nach diesen Grundsätzen. Und unseren Anstrengungen und Fähigkeiten etwas zuzutrauen, ist ja auch enorm wichtig für unser Selbstwertgefühl. Trotzdem: Viele von uns können diesem Leistungsdruck nicht standhalten. Unsere eigenen Bedürfnisse, was wir selbst wollen, das bleibt dabei allzu oft auf der Strecke. Der Beruf, die Firma füllt uns voll aus, verlangt uns alles ab. Oder die Belastungen und Überforderungen können auch in eine andere Richtung gehen: "Ich finde in meinem Alter keine Arbeit mehr", befürchtet der eine. Eine Frau sagt: " Ich kann mich nicht mehr so viel arbeiten wie früher, meine Kräfte schwinden immer mehr. Das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden, lastet auf mir." Wieder ein anderer Mensch klagt vielleicht: "Ich kann die Familie nicht mehr zusammenhalten, mir wachsen die ganzen Probleme über den Kopf. Lange halte ich das nicht mehr aus." Oder : "Ich bin einsam. Habe ich etwas falsch gemacht, weil mich nur ab und zu jemand besuchen kommt?"

Liebe Gemeinde! In diese Situationen hinein spricht Jesus die Worte: "Gott ist einzig. Du sollst Gott, Deinen Herrn, lieben, von ganzem Herzen, von ganzer Seele, mit all Deiner Kraft, und mit all Deinem Verstand. Und du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst." Und: er wird von einem anderen Menschen – dem Schriftgelehrten – darin bestätigt und als Autorität anerkannt. Diese Worte sind keine menschlichen Grundsätze. Diese Worte sind anders, weil es die Gebote Gottes sind. Er selbst hat sie uns als seinen Geschöpfen, als Menschen gegeben. Von Gott geht hier die Initiative aus. Wir haben sie uns nicht selbst gegeben, sie sind keine menschlichen Gesetze wie das Grundgesetz, das Bürgerliche Gesetzbuch. Gerade deswegen, weil sie nicht unsere Gesetze sind, sind sie auch nicht auf uns angewiesen. Sie sind nicht darauf angewiesen, dass wir sie durchsetzen, dass wir sie gar erzwingen. Das gilt allein für die menschliche Gebote. Das wichtigste an diesen Geboten ist für mich aber, dass sie uns Gott wie unser Leben geschenkt hat. Gott will also, dass wir gut, nicht nur geregelt, miteinander umgehen. Er hat einen Bund mit uns geschlossen. Gott ist es, der uns seine Gebote ins Herz gelegt hat und der zu uns sagt: "Macht Euch nicht klein, ihr seid meine geliebten Kinder! Ich habe Euch die Fähigkeit gegeben, füreinander dazusein. Ihr dürft Menschen vor mir sein." Und gerade deswegen brauchen wir diese Gebote, gerade deswegen sind sie nicht ersetzbar durch menschliche Gesetze. In diesem Satz ‚Wir dürfen Menschen vor Gott sein‘ steckt für mich die bezauberndste Erkenntnis meines Glaubens. Gott bejaht mich als sein Geschöpf mit meinem ganzen Herzen, auch mit meiner ganzen Herzlosigkeit, mit meiner Unfähigkeit zu lieben. Er bejaht mich mit meiner ganzen Kraft und Stärke, aber auch mit meiner ganzen Gebrochenheit, Schwachheit und Ohnmacht. Er bejaht mich mit meiner ganzen Seele, mit meinem ganzen Lebenselan, aber auch mit meiner ganzen Niedergeschlagenheit. Und er bejaht mich mit meinem ganzen Verstand, aber auch mit meinem eng gesteckten Horizont, mit meinem ganzen Unverstand. So wird aus dem unbequemen "Du sollst Gott lieben" und "Du sollst Deinen Nächsten lieben" ein "Du kannst, denn Du darfst", also: Du kannst Deinen Nächsten lieben, denn Gott hat Dir die Freiheit und die Fähigkeit dazu geschenkt. Als sein Geschöpf bist du "ein freier Mensch und niemandem untertan", wie es Martin Luther einmal gesagt hat. Diese Freiheit in der "fröhlichen Grundlosigkeit" der Liebe Gottes zu uns Menschen ist es, die uns einlädt, füreinander dazusein und einander zu geben, was wir brauchen. Und dieses Füreinander – Einstehen hat sich auch in unserer Kirche immer wieder ereignet. Auch in der Kirchengemeinde Regelsbach ereignet es sich immer wieder: Im Dienst der Diakonie, wenn Menschen würdig gepflegt werden. In der Freiwilligen Feuerwehr: Gott zur Ehr, dem Nächsten zur Wehr. Indem Sie sich als Nachbarn helfen, indem Sie sich ihrer kranken Angehörigen annehmen. Indem wir als Christinnen und Christen erkennen, dass die eigene Bedürftigkeit und die Bedürftigkeit unseres Nächsten letztlich zusammengehören, indem wir beherzigen: Wir sind Helfer und Geholfene zugleich. Und sicher nicht zuletzt – auch -, indem wir hier miteinander diesen Gottesdienst feiern – zur Ehre Gottes – , wird ein Stück unserer Liebe zu Gott deutlich. Liebe Gemeinde, Jesus sagt ja sogar: Jeder, der diese beiden Gebote erkannt hat und beherzigt, ist ganz nah am Reich Gottes dran. Er holt hier gewissermaßen das Reich Gottes vom Himmel auf die Erde herunter. Es wird für einen Moment spürbar, sichtbar, greifbar, auch in unserem alltäglichen Zusammenleben. Es ist nicht mehr irgendwo ganz weit weg, in unerreichbarer Ferne. Nein, es ereignet sich im Hier und Jetzt. Ich gebe zu, mir fällt es nicht ganz leicht, mich auf diesen Gedanken einzulassen. Was ist das, das ‚Reich Gottes‘? Sicher ist es etwas Gutes, aber es ist doch etwas Anderes, das uns zuerst einmal auch verunsichern kann wie die Menschen, die Jesus zuhörten. Dennoch: Bei aller Verunsicherung dürfen wir uns sicher sein: Christus hat das Reich Gottes für uns erworben, indem er Kranke heilte, Wunder tat und sogar für uns in den Tod ging. Er hat uns auch zugesagt, dass er immer dann für einen Augenblick mitten unter uns ist, wenn wir uns gegenseitig unterstützen und füreinander da sind. Wir können uns seiner Nähe ganz gewiss sein. Dann – glaube ich – zählen in unserem Zusammenleben nicht mehr allein Leistung und Perfektion, sondern wir verstehen einander mehr, nehmen Rücksicht auf die Bedürfnisse des Anderen. Unrecht und Gleichgültigkeit haben für ein paar glückliche Augenblicke vielleicht keine Macht mehr. Wir schauen nicht mehr weg, sondern helfen gerne, wenn wir gebraucht werden. Im Vertrauen auf Christus erleben wir uns dann ganz frei, nicht mehr gefangen in der Sorge um unser alltägliches Überleben, sondern geborgen und befreit, unser eigenes Leben zu gestalten, es in die Hand zu nehmen. Wo vorher ängstliches Schweigen war, ist wieder ein gutes Wort möglich. Wo vorher allzusehr die eigenen Schwächen gesehen wurden, kommt jetzt der Mut auf, sich für die eigenen Interessen stark zu machen, auf seine eigenen Stärken zu setzen und sich Gehör zu verschaffen. Erleben auch sie manchmal solche ganz selten aufblitzenden Glücksmomente? Ich jedenfalls kenne diese ganz seltenen Augenblicke.

Liebe Gemeinde, für die neue Woche wünsche ich uns allen, dass uns die so schönen und weltlichen Worte des Predigers Salomo begleiten. Für mich sind sie jedenfalls schon ein kleiner Vorgeschmack auf das Reich Gottes. Dort heißt es nämlich: "Zwei sind besser dran als ein einzelner, weil sie einen guten Lohn für ihre Mühe haben. Denn wenn sie fallen, so richtet der eine seinen Gefährten auf. … Und wenn einer den einzelnen überwältigt, so werden doch zwei widerstehen; (und eine dreifache Schnur wird nicht so schnell zerrissen)." (4,9/12))

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