Zwei Pole

Liebe Schwestern, liebe Brüder!

Kennt ihr „Die frommeHelene“ – diese Bildergeschichte, diesen ‚Comic‘ von Wilhelm Busch? Erinnert ihr euch an die Darstellung dieser Lebensgeschichte einer Frau, die als Kind auf dem Land aufwachsen muss – nicht nur weil dort die „sanften Lämmer und frommen Schafe“ sind, sondern insbesondere:

„Da sind Onkel, da sind Tante,
Da ist Tugend und Verstand,
Da sind deine Anverwandte!“
So kam Lenchen auf das Land.

In einem strengen, bigotten Umfeld also wächst das Mädchen Helene heran: äußerst fromm – aber alles andere als nun gefeit gegen die Verlockungen der sündigen Welt. Zwischen diesen Extremen gestaltet sich auch ihr Leben als erwachsene Frau und mündet in einer Alkoholikerkarriere. Zum Schluss führt der Leibhaftige ihre Seele ab ins Fegefeuer trotz heftigster, aber letztlich zu schwacher Gegenwehr ihres guten Genius.

Dieser im Grunde traurigen Geschichte eines missglückten Lebens setzt Wilhelm Busch noch eins drauf, indem er Helenes Onkel das letzte Wort überlässt:

Als Onkel Nolte dies vernommen,
War ihm sein Herze sehr beklommen!
Doch als er nun genug geklagt:
„Oh!“ – sprach er – „Ich hab’s gleich gesagt!
Das Gute – dieser Satz steht fest – Ist stets das Böse, was man lässt!
Ei ja! – Da bin ich wirklich froh!
Denn, Gott sei Dank! Ich bin nicht so!!“

Wenn ich solche, inzwischen sattsam, bekannten Texte aus der Hl. Schrift höre wie vorhin Jesu Gleichnis vom „Pharisäer und Zöllner“, dann habe ich oftmals das dringende Bedürfnis, in meiner Wilhelm-Busch-Ausgabe zu lesen, die ich vor 33 Jahren zu meiner Konfirmation geschenkt bekommen habe. Dann lese ich solche Geschichten, wie z.B. „Die fromme Helene“, und denke bei mir: Jesus wird doch kaum so jemanden wie diesen „Onkel Nolte“ mit seiner Nichte Helene im Sinn gehabt haben. Mir wäre das zu billig! Denn die Pharisäer waren doch aufrichtige Männer, die sich mit großem Ernst mit der Hl. Schrift befassten und mit ebenso großer Hingabe ihre Lebensführung auf Gott hin ausrichteten. Und gibt es einen guten Grund, Gott nicht dafür zu danken, dass ich in gesicherten Verhältnissen leben darf, dass es mir meine Lebensumstände möglich machen, Gott, meinem Schöpfer und HErrn, in aufopferungsvoller Treue zu dienen? Die hätten doch gut in unsere Michaelsbruderschaft gepasst, wären hervorragende Berneuchener gewesen – oder? Also, ich will es einfach nicht glauben, nicht hinnehmen, dass Jesus in diesem Gleichnis die Pharisäer als selbstgefällige und bigotte Menschen karikieren will.

Aber – 2000 Jahre Christenheit haben diese „Beispielerzählung“, wie Wilhelm Stählin sie kategorisiert, moralisierend in die Geschichte vom „selbstgerechten Pharisäer und dem bescheidenen, dem reuigen Zöllner“ umgemodelt. Ich seh‘ mich noch sitzen vorne in der Schulbank als Viertklässler und Fräulein Petermann, unsere bereits ältliche Lehrerin, die, alles außer Sport unterrichtend, uns diese Geschichte vom „Pharisäer und Zöllner“ erzählte – mit dem moralisch erhobenen Zeigefinger, nur ja nicht so zu Gott zu beten wie jener „Selbstgerechte“ sondern uns unbedingt den reuigen Sünder zum Vorbild nehmen, der ganz bescheiden hinten, weit weg vom Altar, den HErrn demütig um Vergebung bittet. So sei es recht! So wolle Gott uns haben: demütig und bescheiden!

Will ER das wirklich so? Martin Buber, der jüdische Religionsphilosoph deutscher Abstammung, hat uns in seinen „Erzählungen der Chassidim“ auch diese Erkenntnis des Rabbi Michal überliefert: „Wie der Böse Trieb den Menschen zur Sünde zu verführen sucht, so sucht er ihn zu verführen, dass er allzu gerecht werde.“ (Buber, Die Erzählungen der Chassidim, Zürich 1949, S. 263)

Also, mit unserer tradierten Identifikation mit dem reumütigen Zöllner kommen wir offensichtlich auch nicht weiter. Derart praktizierte Demut entlarvt sich als Hochmut par exellence. Trotzdem ist aber der Zöllner in Jesu Gleichnis die Person, der unsere besondere Aufmerksamkeit gelten soll. Denn das Gebet dieses Mannes – „Gott sei mir Sünder gnädig.“ – ist die ehrliche Bilanz eines verpfuschten Lebens: der Zöllner weiß ja selber nur zu gut, wie er gelebt hat – nämlich zu Lasten seiner Mitmenschen. Er hat sich als Steuereintreiber der römischen Besatzungsmacht im Lande angedient. So konnte er gut, sehr gut leben. Er hatte stets sein Auskommen mit dem Einkommen. Was scherte es ihn, in welche Nöte er die Menschen seiner Umgebung trieb, wenn er ihnen ganz pflichtgemäß die Abgaben abknöpfte? Deren Leiden waren bis zu diesem einen Augenblick im Tempel – vor dem Angesicht Gottes – nie und nimmer sein Problem gewesen.

Aber in der Begegnung mit Gott muss ich mich entscheiden: Will ich mein Leben wie bisher weiterführen oder lasse ich mich auf Gott ein, vertraue mich absolut und bedingslos seiner Führung an? Für dieses grundsätzliche Umdenken, das zu einer Kehrtwendung in meinem Leben führt, steht im griechischen Urtext der Hl. Schrift „metanoia“, was Luther dann mit „Tut Buße, kehrt um!“ übersetzte. Und so untypisch scheint mir dieser Zöllner von Jesus nicht beschrieben worden zu sein; denn immerhin berichten die Evangelien ja ganz konkret von der metanoia der Zöllner Matthäus bzw. Levi und Zachäus – bewirkt durch die Begegnung mit Jesus, Gottes Sohn.
Deshalb meine ich, müssen wir beide im Blick behalten: den gottesfürchtigen Pharisäer und den reumütigen Zöllner. den einen, dem keine Anstrengung zu mühsam ist, um Gott zu dienen, um ihm, dem HErrn, die Ehre zu geben, und den anderen, der um die Gottesferne seines bisherigen Lebens weiß und sich tapfer dazu bekennt. Dieser Zöllner steht nämlich mit leeren, aber besudelten Händen vor seinem Richter und kann – ohne irgendeinen Verdienst – nur noch um Gnade bitten.

Sind das nicht genau auch die Pole, zwischen denen sich unser Leben abspielt? Wer von uns ist jetzt nicht ehrlichen Herzens hier im Gottes-Dienst? Es ist uns doch ein Bedürfnis – keine antrainierte Gewohnheit! Oder? Und zugleich wissen wir, dass wir dringend der Vergebung bedürfen. Jeder von uns hat sich für seinen Packen Schuld zu verantworten; deshalb haben wir auch zu Beginn der Messe um Vergebung unserer Schuld gebeten. Und deshalb werden wir uns gleich am Tisch des HErrn zum gemeinsamen Mahl einfinden, nämlich als diejenigen, die wir um unsere Gottesfurcht aber zugleich auch um unsere ureigene Schuld wissen und deshalb als diejenigen, die wir gemeinschaftlich in unsere leeren Hände hinein uns mit Brot und Wein die ganz persönliche Begegnung mit Christus Jesus schenken lassen.

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