Zwei Blicke

Liebe Gemeinde,

manchmal bat mich mein Vater um einen kleinen Gefallen. Wenn er z.B. im Garten arbeitete und ich war in der Nähe, dann bat er mich manchmal, ihm etwas aus dem Keller zu holen. Es konnte durchaus vorkommen, dass ich dazu keine Lust hatte. Aber ich ging dann doch, weil ich auf eine Diskussion mit meinem Vater auch keine Lust hatte. Ich ging zwar, aber wie. Ich lief in den Keller, schaute einmal kurz in den Raum, in dem besagter Gegenstand evtl. liegen könnte, ging dann zurück zu meinem Vater und sagte: "Ich hab`s nicht gesehen, du musst selber schauen!" Natürlich war in mir die große Hoffnung, dass mein Vater jetzt selbst losgeht und sich die Sachen holt – und mich vielleicht auch beim nächsten Mal mit seiner Bitte verschont. Aber, wie es im Leben oft so ist, Hoffnung werden enttäuscht. Meistens sagte mein Vater dann: "Jetzt gehst nochmal in den Keller und schaust ganz genau hin und dann wirst du es finden." So war es dann auch immer. "Schau ganz genau hin, schau richtig hin, schau lieber zwei Mal hin!" Das war nicht nur ein wichtiger erzieherischer Tipp meines Vaters. Sondern das ist heute ein lebensnotwendiger Wunsch von Jesus. "Schau ganz genau hin, schau richtig hin, schau lieber zwei Mal hin!" Das will Jesus von uns. Was heißt das? Jesus wusste, was wir heute auch täglich erleben: Es gibt eine Menge Blindheit in unserer Welt. Nicht umsonst gibt es diese Redensart: Jemand ist blind vor ….

· Menschen können blind vor Vorurteilen sein. Vielleicht haben Sie es im Fernsehen oder in den Zeitungen mitverfolgt, die Hochzeit im norwegischen Königshaus am letzten Wochenende. Die verschiedenen Medien überschlugen sich schon vor dem großen Ereignis. Und immer wieder war das Thema: Darf ein Thronfolger – einer mit einer edlen Abstammung – eine ganz normale Frau heiraten, die sogar noch ein uneheliches Kind besitzt!? Für die konservativen Royalisten ist das eine ungeheuerliche Vorstellung. Wer so blind ist vor Vorurteilen, der macht mir seinem vernebelten Blick Menschen zu Gegenständen und nimmt ihnen damit die Würde.

· Menschen können blind vor Wut oder vor Hass sein. Sie kennen die Berichte oder Bilder. Da hetzen Menschen irgendwo andere Menschen durch die Stadt, oder bringen sie um. Sie schreiben Drohbriefe oder Bekennerschreiben, sie zünden Häuser an, die anderen heilig sind: Moscheen, Synagogen, Kirchen. Sie sind wütend auf andere, nur weil sie aus einer fremden Kultur stammen oder eine andere Religionen haben. Sie hassen andere, nur weil sie sich anders kleiden oder sich die gleiche Stadt zum Wohnen ausgesucht haben. Diese Blindheit gibt es überall auf der Welt, auch bei uns in Deutschland. Sie nimmt nur unterschiedliche Ausmaße an. Einen traurigen Höhepunkt haben wir sicher in den letzten Wochen in Israel miterleben können. Dort haben sich Menschen wirklich blindlings umgebracht haben. Immer gut kaschiert unter dem Deckmantel eines "heiligen Krieges" oder einer "offensiven Verteidigung" oder einer "gezielten Liquidation". Wissen Sie, was für mich das Schlimme daran ist? Nicht unbedingt die Tatsache, dass Menschen sich so benehmen. Nein, schlimm ist für mich, dass ich irgendwann keine Lust mehr habe hinzuschauen! Diese Blindheit treibt mich manchmal dazu wegzuschauen. Ich denke ich mir: Warum soll ich mich darüber aufregen? Warum soll ich mir Gedanken darüber machen? Die politischen Vertreter in Israel wurde doch demokratisch gewählt, also will scheinbar die Mehrheit der Bevölkerung diese unmenschliche Politik aus Gewalt und Vergeltung. Warum soll ich mich dann damit belasten? Ich will diese Bilder nicht mehr ertragen. Diese Bilder von blutenden Menschen oder von zerfetzten Leibern oder dieses verlogene Gerede von einem "Recht auf Vergeltung". Da mache ich lieber meine Augen zu und schütze mich vor diesen Bildern. Aber so hätte die Blindheit gewonnen und damit der Hass und die Gewalt!

· Es gibt noch eine Blindheit, die aus einer gegenteiligen Gefühlslage kommt: Menschen können blind sein vor Liebe. "Ich meine es doch nur gut mit dir", oder "ich will doch nur dein Bestes" sagen diese Menschen, wenn sie sich z.B. wieder einmal in das Leben der erwachsenen Kinder einmischen. Sie warnen dann vor evtl. falschen Freunden, kritisieren an der Berufswahl oder am Ehepartner des Sohnes oder der Tochter herum oder geben wenig hilfreiche Tipps zur Geburt und zur Pflege des ersten Enkels. Diese Liebe kann schlimme Folgen haben. Nicht nur, dass es immer wieder zu Streitereien kommen kann. Eltern können damit sogar die Ehe ihrer Kinder zum Scheitern bringen. Oder sie gehen das Risiko ein, dass die Kinder den Kontakt zu ihnen komplett abbrechen. Eltern sind blind vor Liebe, wenn sie nicht erkennen, dass man Kinder gehen lassen muss. Eltern sind blind vor Liebe, wenn sie ihren Kindern nicht lernen, selbständig zu sein und eigene Entscheidungen zu treffen.

Das waren drei Beispiele, wie Menschen blind sein können.

Unsere Geschichte von der Heilung des blinden Mannes gibt uns einen Tipp, was passieren muss, damit sich etwas verändern kann. In dieser Geschichte wird deutlich, was Jesus von uns will: Zweimal legt Jesus dem Mann die Hände auf, bis er geheilt ist. Es ist nun keinesfalls so, dass diese schrittweise Heilung ein Symbol dafür ist, dass wir Menschen in der Glaubenserkenntnis stufenweise voranschreiten müssen. Vom Glauben und seinem Beitrag zur Heilung steht in unserer Geschichte kein Wort. Die zweimalige Handauflegung ist auch kein Zeichen dafür, dass Jesus vorübergehend unfähig war, die Heilung sofort zu vollziehen, oder dass die Heilung besonders schwierig war. Es geht schlicht und einfach darum, was wir selber auch erleben: Eine Heilung ist meistens ein länger dauerndes Geschehen. Man spricht ja auch vom Heilungsprozess, der fortschreitet. Es geht um diesen Prozess, um dieses Geschehen, symbolisiert durch die beiden Schritte bis zur Heilung. "Schau ganz genau hin, schau richtig hin, schau lieber zwei Mal hin!" Vielleicht kann so ein Prozess, vielleicht können zwei gesegnete Blicke helfen, die Blindheit vor Vorurteilen, vor Hass und vor Liebe zu überwinden? Ein gesegneter Blick ist ein Blick, der wirklich zum Leben hilft.

Ein erster Blick kann helfen, die Blindheit ein kleines Stück zu überwinden, auch wenn manches dann noch unklar bleibt. Mit einem zweiten Blick, kann man das sehen, was wirklich wichtig ist.

Im Fall unseres norwegischen Königspaares waren nach der Hochzeit sogar die schlimmsten Kritiker ruhig. Durch das, was sie gesehen haben, haben sie in einem ersten Schritt gelernt, dass nicht eine adelige Zuchtlinie das Wichtigste ist, sondern die Ausstrahlung und die Sympathie eines Menschen. Beim zweiten Hinschauen haben sie dann hoffentlich auch für ihr weiteres Leben gelernt, dass Menschen immer wichtiger sind, als das eigene Vorurteil.

Im Fall der Eltern, die blind sind vor Liebe ist es ein schwerer Schritt zuerst einmal zu erkennen, dass ihr eigener Lebensinhalt nicht verloren geht, nur weil sie die Kinder gehen lassen. Das beginnt schon mit den ersten Schritten der kleinen Kinder. Ein Ereignis auf das Eltern noch stolz sind. Aber wenn dann die Kinder mit 13 oder 14 Jahren ganz vehement verlangen, selber laufen zu dürfen, dann sind viele Eltern plötzlich nicht mehr so stolz darauf. Ich denke, viele Menschen glauben einfach nicht, dass es zu dieser Zeit mit der Erziehung vorbei ist. Kinder brauchen dann zwar immer noch einen Vater und eine Mutter ganz dringend. Aber eben nicht so, dass die an ihnen herumerziehen, sondern als echtes Gegenüber, an dem sie sich reiben können. Ich denke, in diesem Zeitraum bringt die bisherige Erziehung Früchte. In einem zweiten Schritt können Eltern dann danach schauen, was ihrem Leben vielleicht ganz neue Inhalte geben kann. Und wenn dabei der Wunsch so stark ist, sich um jemanden kümmern zu wollen, dann gibt es so viele Möglichkeiten. Denn es gibt auch ganz viele Menschen, die alleine sind und auf Zuneigung warten.

Zwei Blicke könnten auch helfen, die Blindheit vor Wut und vor Hass zu überwinden. Wie könnten die beiden Blicke z.B. für das Land Israel aussehen? Ich glaube, es wäre schon viel gewonnen, wenn die Menschen dort unten sehen würden, dass das Blut auf den Straßen immer gleich hässlich aussieht, dass die Gesichter der weinenden Mütter immer die gleichen sind und dass die Trümmer der Häuser immer gleich aussehen und die gleiche Mühe brauchen, bis sie wieder aufgebaut sind. Ich glaube, es ist noch utopisch zu glauben, dass die Menschen dort unten schon zu einem zweiten Blick fähig sind. Mit diesem zweiten Blick könnten sie sehen, dass alle Menschen das gleiche Recht auf ein Leben in Freiheit und Frieden haben. Und dass das nur gelingt, wenn man sich gegenseitig respektiert.

Und zum Schluss: Was könnte uns dazu bringen, nicht wegzuschauen? Nicht blind vor Gleichgültigkeit zu werden? Ich weiß es nicht genau. Ich hoffe, dass Gott uns durch seinen guten Geist immer wieder neue Kraft schenkt, wenn wir desinteressiert, gleichgültig oder egoistisch werden. Vielleicht hilft ein Vers von Jesus aus dem Johannesevangelium: "In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden." Oder aus der Bergpredigt: "Liebt eure Feinde und betet für alle, die euch verfolgen. So erweist ihr euch als Kinder eures Vaters im Himmel. Was ist denn schon Besonderes daran, wenn ihr nur zu euresgleichen freundlich seid? Das tun auch die, die Gott nicht kennen!"

Es bleibt eine Aufgabe für Christen, diese Welt unter die Lupe zu nehmen, sie auf den Willen Gottes zum Frieden hinzuweisen, zu beten, dass es mit Gottes Hilfe gelingen kann und etwas dafür zu tun, das andere den gesegneten Blick von Jesus erleben dürfen. Herr, hilf! Herr, lass wohl gelingen.

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