Zuspruch und Zumutung

„Ihr Seid das Salz der Erde“, liebe Gemeinde, „und das Licht der Welt!“ Das sagt Jesus zu seinen Jüngern. Das sagt er zu den Menschen, die ihm nahe stehen, die ihm nach-folgen. Durch unsere Taufe stehen wir in der Nachfolge dieser Menschen.

Salz der Erde und Licht der Welt. Das wird uns zugesprochen. Und auch zugemutet. Zugemutet darum, weil mit „Salz der Erde“ und „Licht der Welt“ auch eine Aufgabe verbunden ist . Das nämlich bringt Jesus in seiner üblichen, gewohnt kompromisslosen Art auch gleich zur Sprache.

„Ihr seid das Salz der Erde!“, spricht er uns zu. Aber, denkt daran: Salz, das nicht salzt – das nützt nichts. Salz, das seine Aufgabe verfehlt, das seinen Auftrag nicht erfüllt – das kann man nur noch wegschütten.

Ganz ähnlich aufgebaut ist der zweite Zuspruch – und Anspruch: „Ihr seid das Licht der Welt!“ Aber, ihr wisst genau, dass Licht gesehen werden muss, weil sich sonst seine Leuchtkraft nicht entfalten kann.
Um zu unterstreichen, wie er es meint, liefert Jesus auch gleich zwei Beispiele: „Es kann eine Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein.“ Das leuchtet – wortwörtlich – ein. Besonders nachts. Wie Orientierungspunkte wirken die Lichter einer Stadt oder auch eines Dorfes im Dunkeln. Sein zweites Beispiel nennt einen Scheffel. Das ist ein Gefäß, das etwa neun Liter fasste – also in etwa so, wie einer dieser schwarzen Eimer, die so gerne bei der Gartenarbeit verwendet werden. Ein Licht darunter zu stellen – das macht wirklich keinen Sinn.

Da sind wir also an diesem Sonntagmorgen zusammen – und bekommen ein Lob aus höchstem Munde: „Ihr Seid das Salz der Erde! – und das Licht der Welt!“ Das ist doch schön. Gelobt werden wir doch alle gerne einmal. Nur – und das ist die Zumutung und der Anspruch – damit ist auch eine Aufgabe verknüpft. Denn wenn wir bis zum St. Nimmerleins Tag hier in der Kirche sitzen bleiben würden und ich Ihnen und Euch immer wieder – wie in einer Litanei – zusprechen würde, dass wir „Salz der Erde und Licht der Welt“ sind, dann hätten wir es nicht begriffen. Dann wären wir wie das Salz, das in seiner Verpackung bleibt. Wie das Licht unter dem Garteneimer.

Wir sollen nämlich raus. Wir sollen draußen in der Welt zeigen, dass wir Salzkraft haben und unser Licht scheinen lassen. Religiös formuliert heißt das, dass wir Zeugnis ablegen sollen. Zeugnis sein für den, von dem wir unsere Kraft haben.

„Zumutung und Anspruch“ habe ich es vorhin genannt. Das bedeutet für mich, dass Jesus selber uns Mut zuspricht, dass er uns zutraut, diese Aufgaben auch zu bewältigen.

„Salz der Erde“ und „Licht der Welt“ zu sein – mit Beispielen ist es leichter zu fassen. Wenn sich z. B. die leitenden Kirchenoberen zusammen tun und eine Verlautbarung gegen die Ar-beitslosigkeit herausgeben – dann legen sie ihren Finger auf eine wunde Stelle unserer Gesellschaft. Dann streuen sie Salz in eine offene Wunde – weil sie sich eben nicht damit zufrieden geben, dass nicht mehr dafür getan wird, dass aus Schwarzarbeit ein geregeltes Anstellungsverhältnis wird. Und weil so eine Verlautbarung auch gehört wird, leuchtet das Licht der christlichen Kirchen ein wenig heller in der Welt.

Nach diesem Beispiel von der höheren Ebene nun ein zweites, privates: Bei uns zuhause ist es üblich, dass wir vor den Mahlzeiten gemeinsam beten. Reihum ist einer dran, das Tischgebet zu sprechen, unsere Kinder Wiebke und Jakob, meine Frau und ich. Eine gute Sache, vertraut und liebgewonnen, die einfach dazu gehört. Nun sind wir vor gar nicht langer Zeit in Raisdorf in einer amerikanischen Fast-Food-Kette zum Abendessen gewesen. Diverse Burger und Pommestüten stehen vor uns auf dem Tisch. Ich will gerade mit dem Essen beginnen, als unsere Kinder wie aus einem Munde rufen: „Beten!“ Da wurde mir anders. Und ein Blickkontakt mit meiner Frau zeigte mir, dass ihr ähnlich zumute war. Tja – was tun?! Den Kindern – mal eben schnell – einen Vortrag halten, dass bei McDonalds nicht gebetet wird? Und mit welcher Begründung denn überhaupt? Doch nicht etwa, weil es uns unangenehm ist … Erneuter Blickkontakt mit meiner Frau. Und dann – unsere gemeinsame Frage: „Wer ist denn dran?“ Und dann betete Wiebke. Ohne eine Spur von Scheu oder Verlegenheit – für sie war es selbstver-ständlich. Und der Satz Jesu „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder …“ bekam für mich eine ganz neue Bedeutung!

Tischgebete, Gute-Nacht-Gebete – eine Möglichkeit von vielen, unseren Glauben weiterzugeben und nach außen zu tragen.

Und es gibt noch mehr Situationen, in denen wir Jesu Anspruch und Zuspruch an uns, „Salz der Erde“ und „Licht der Welt“ zu sein, sichtbar und hörbar machen können.

Warum nicht eine Kinderbibel anschaffen und daraus vor dem Schlafengehen vorlesen?
Salz der Erde und Licht der Welt.

Warum nicht ein wenig mehr darauf drängen, dass Jugendliche sich konfirmieren lassen? Salz der Erde und Licht der Welt.

Warum ausweichend antworten, wenn wir gefragt werden: „Woran glaubst du eigentlich?“ oder „Warum bist du eigentlich noch nicht ausgetreten?“ Salz der Erde und Licht der Welt.

Warum nicht an der Schule als Eltern mehr darauf drängen, dass der Religionsunterricht nicht dauernd ausfällt? Salz der Erde und Licht der Welt.

Warum nicht bei einem Krankenbesuch fragen: „Möchtest du, dass wir gemeinsam das Vaterunser beten?“ Salz der Erde und Licht der Welt.

Sie merken beim Zuhören – das liegt mir am Herzen. Als Christinnen und Christen haben wir nicht nur Platz in dieser Welt. Sondern auch Aufgaben.
Jesus mutet uns das zu. Er selbst macht uns Mut, Salz der Erde und Licht der Welt zu sein.

drucken