Zusagen oder absagen?

Liebe Gemeinde!

Neulich habe ich eine Einladung bekommen. Sie kam unerwartet, von einer früheren Kollegin an der Uni in Frankfurt. Sie lud dazu ein, im Juli den Abschluss ihrer Promotion zu feiern, und zwar bei ihr zu Hause, da wo sie eigentlich herkommt . Sie ist Tochter eines Winzers in Rheinhessen; also lud sie auf das elterliche Weingut ein. Als ich das Kuvert geöffnet hatte und die Einladung las, da entstand vor mir das Bild einer fröhlichen Runde auf Holzbänken im Hof des Weinguts, eine Mischung aus alten Freunden und neu kennen zu lernenden Menschen. Ich sah die Tische voll mit schlichten, schmackhaften Köstlichkeiten, und überall Flaschen und Gläser voll vom Wein des Hauses, wohlschmeckend, wie er nur an Ort und Stelle schmecken kann.

Liebe Gemeinde, ich weiß natürlich nicht, was für Vorlieben Sie haben, wenn Sie zu einem Fest eingeladen werden – aber sagen Sie ehrlich: da kann man doch gar nicht nein sagen, oder? Wer eine solche Einladung ausschlägt, dem ist doch nicht zu helfen. Und dennoch: Ich muss meiner früheren Kollegin leider absagen. Dieses wunderbare Fest im Hof des Weinguts im Hessischen wird stattfinden, aber ohne mich. Ich bin nämlich am selben Tag schon anderswo eingeladen, zu einem Familienfest, der Hochzeit meines Cousins, mit dem mich nicht sehr viel verbindet, aber ich muss da hin. Auch dort bin ich eingeladen, aber eher weil es sich gehört, weil wir ihn und seine jetzige Braut damals auch zu uns eingeladen hatten. Ja, so ist das.

Mir ist daran wieder bewusst geworden, was für eine Freude eine Einladung auslösen kann, und wie schwierig das mit dem Zusagen und dem Absagen ist. Wer eine Einladung ausschlägt, der braucht zur Absage ja einen triftigen Grund, um den Einladenden nicht zu verletzen. Es gibt Terminkollisionen, die einer Einladung entgegen stehen, Unpässlichkeiten, und manchmal ist der Weg für die Anreise einfach zu weit. Und dann gibt es natürlich auch Einladungen, die man nicht so gern annimmt, und da wird der gute Grund dann zur Ausrede. Vermutlich haben sie’s als Gastgeber auch schon erlebt, dass Absagen kamen und man dann nie wirklich weiß und immer unsicher bleibt: wollte der nicht kommen, oder konnte er wirklich nicht?

Genau so ist das in dem Gleichnis, das wir als Evangelium an diesem 2. Sonntag nach Trinitatis lesen. Da lädt einer ein, voller Vorfreude auf ein volles Haus und viele bekannte und freundschaftlich verbundene Gäste. Es soll ein schönes Fest werden, dieses Abendessen. Doch er bekommt einen Korb nach dem anderen. Seine Einladung „kommt, denn es ist alles bereit!“, sie wird von einem der erwarteten Gäste nach dem anderen abgelehnt. Mit Gründen. Nun, das Fest findet trotzdem statt, ohne sie. An ihrer Stelle genießen am Ende Leute von recht zweifelhaftem Ruf die Großzügigkeit dieses Gastgebers: die Ausgestoßenen der damaligen Gesellschaft, die Mühseligen und Beladenen, die, die sonst nie eine Einladung kriegen.

Es ist gar nicht so schwer, sich eine solche Geschichte heute hier irgendwo im Würmtal vorzustellen. Herr Direktor X und Gattin laden ein zu einer großen Party in ihre Villa, mit exquisitem Partyservice Tanzkapelle und Swimmingpool, versteht sich. Und dann kommt von einem nach dem anderen, von den Freunden und Nachbarn und Geschäftspartnern, die Absage. Tut uns leid. Und ich sehe die festlich gedeckten Tische im Garten der Villa bevölkert von Menschen aus den billigen Stadtvierteln Münchens; ein paar alte Frauen mit schmaler Rente aus den Sozialwohnungsblocks sind ebenso da wie geistig Behinderte und Rollstuhlfahrer; vielleicht ein paar Punks, auch ein paar Mädchen aus dem Schwererziehbarenheim in Gauting, eine Handvoll Junkies aus dem Drogenentzug in Gräfelfing, ein Tumorkranker aus der Urologischen und eine Asylbewerberfamilie. Ich kann mir das vorstellen, und kann es mir auch wieder nicht vorstellen, und merke dabei, dass dieses Gleichnis etwas auf die Spitze treibt.

So oder so ist es jedenfalls nicht schwer, zu durchschauen, wie Jesus dieses Gleichnis gemeint hat: Es geht um Gott, der die Menschen in sein Reich einlädt, und es geht um den Glauben, eben jene Antwort auf Gottes Einladung, die JA sagt, ja, ich komme. Und um den Mangel an Glauben, der dazu führt, dass man anderes für wichtiger ansieht als sich von Gott einladen zu lassen. Deutlich wird auch, dass die, die mitten im Leben stehen, sich oft schwerer mit dem Glauben tun als die, die am Rand stehen und jede Chance auf etwas Licht für ihr Leben ergreifen.

Mich interessieren heute aber besonders diejenigen, die die Einladung ausschlagen. Das kommt daher, dass ich mich frage, wo ich denn in dieser Geschichte bin, und mir schwer tue, meinen Ort zu finden. Mit diesem Gastgeber kann ich mich schwer vergleichen; aber zu denen, die von den Hecken und Zäunen kommen und am Ende tatsächlich die Gäste sind, kann ich auch nicht wirklich zählen. Ich erlebe mich als jemanden, der immer wieder Einladungen ausschlagen muss und dann das Gefühl kriegt: Ob ich nicht etwas verpasst habe? Aber einer von diesen Leuten im Gleichnis, die die Einladung des Gastgebers ausschlagen, möchte ich nun auch nicht sein.

Es lohnt sich, wenn wir uns die Gründe näher anschauen, deretwegen die Eingeladenen im Gleichnis absagen. Wir wissen nicht, ob das, womit sie dem Boten ihre Absage begründen, echte Hinderungsgründe waren, oder nur Ausreden. Aber darauf kommt es auch nicht an. Was wichtiger ist, ist das, worum es in diesen Absagen geht. Was ist es denn, was die Eingeladenen daran hindert, zu dem großen Fest zu kommen? Der erste will sich einen Acker ansehen, den er gerade gekauft hat. Der zweite will einen Blick auf fünf Ochsengespanne werfen, die er unlängst erstanden hat. Der dritte gibt an, er habe gerade eine Frau genommen, und das ist nach antikem Verständnis durchaus nichts so sehr anderes als der Kauf eines Ackers oder einiger Ochsen. Denn es ist wohl kaum unzertrennliche Liebe, die diesen Mann an seine Braut bindet – das ist eine ziemlich moderne Vorstellung vom Heiraten -, sondern es geht darum, dass die Heirat die Besitzverhältnisse verändert; und das muss geregelt werden.

Liebe Gemeinde, wenn ich mir diese Gründe für die Absagen ansehe, dann haben sie sehr viel gemeinsam: Sie alle haben nämlich etwas mit Besitzverhältnissen, Eigentumswechsel und Vermögen zu tun. Nach den Maßstäben der Ökonomen sind all diese Transaktionen Zeichen eines lebendigen Wirtschaftslebens; jede von ihnen bringt Umsatz, steigert das Bruttosozialprodukt. Was dabei allerdings auf der Strecke bleibt, ist das Fest. Diese Menschen können nicht mehr von ihrer Arbeit und der Mehrung ihres materiellen Vorteils lassen; das Fest lässt sich bei ihnen nicht, wie man so sagt, aus dem Kalender herausschneiden. So bleiben sie fern – und verpassen das Entscheidende für ihr Leben.

Mich erinnert das an eine Debatte, die erst vor wenigen Tagen durchs Land ging. Angestoßen hatte sie unser Wirtschaftsminister. Er verlangte die Streichung von gesetzlichen Feiertagen, mit der Begründung, die Deutschen müssten mehr arbeiten, um ihren materiellen Wohlstand erhalten zu können. Das mag betriebs- und volkswirtschaftlich sogar richtig sein. Und wir Christen – denn es geht fast immer um die Streichung von christlichen Feiertagen – , wir Christen tun uns ja schwer zu behaupten, die Bibel verbiete uns, am Pfingstmontag oder an Christi Himmelfahrt zu arbeiten. Das wäre doch etwas übers Ziel hinausgeschossen. Außerdem wissen wir natürlich auch, dass an solchen christlichen Feiertagen nur eine Minderheit der Christen die Gelegenheit nutzt, ihren Glauben festlich auszuüben, mithin sich die Frage stellt, was eigentlich die anderen an solchen Feiertagen machen.

Jedoch: Auch die ökonomische Argumentation hat ihre Probleme. Denn wer nur die Steigerung des materiellen Wohlergehens im Blick hat und sonst keinen anderen Maßstab kennt, der kommt mit seiner Argumentation ja niemals zu einem Ende. Wir erleben das jetzt schon: Kaum ist der Buß-und Bettag als Feiertag abgeschafft, wird schon über den Pfingstmontag diskutiert. Wetten, dass nach der Abschaffung des Pfingstmontags, und nehmen wir gleich den Ostermontag und den 2. Weihnachtsfeiertag und Christi Himmelfahrt und Fronleichnam noch dazu – wetten dass diese Debatte dann trotzdem nicht aufhören würde? Denn wer für sein Leben und unsere Gesellschaft nur den Geld-Wohlstand als Maßstab kennt, der kann nicht ruhen, bevor nicht alle Feiertage weg sind, und dazu auch an den Sonntagen gearbeitet wird, denn das macht uns noch viel konkurrenzfähiger. Irgendein Land, in dem die Gesetzgebung gerade noch weniger Feiertage kennt und noch mehr Sonntagsarbeit zulässt, findet sich immer, anhand dessen man argumentieren kann, wir Deutschen seien hintendran mit dem Fortschritt. Und weil das so ist, lohnt es sich, um jeden Feiertag zu kämpfen – damit in unserer Gesellschaft überhaupt noch andere Verheißungen zu hören sind als die der Glücksvermehrung durch Wachstum und materiellen Wohlstand.

Es gibt Hoffnungszeichen, dass wir Christen damit nicht alleine sind: Seit einigen Jahren ist ja in Deutschland an mehreren kirchlichen Feiertagen, darunter Pfingstmontag und Christi Himmelfahrt, der Aktienhandel zugelassen. Auch unsere bayerische Staatsregierung, die sonst recht gern das christliche Abendland beschwört, hat dieser Aushöhlung des Feiertagsgesetzes zugestimmt. Schließlich hat ja auch die Börse in London geöffnet! Nun hat sich aber gezeigt, dass an diesen Tagen einfach niemand mit Aktien Handel treiben will. Die Umsätze sind fast nicht messbar, und die Aktienhändler sitzen sich an solchen Tagen den Hintern platt, ohne Geschäft gemacht zu haben. Das freut mich und ist ein Zeichen, dass viele Menschen eben doch auch andere Werte kennen als die Vermehrung der Renditen.

Liebe Gemeinde, genau davon handelt ja unser Gleichnis: Von der verhängnisvollen Verstrickung der Eingeladenen in ihre wirtschaftlichen Aktivitäten – Acker, Ochsen, Eheschließung –, so dass sie davon nicht Abstand nehmen können, obwohl es eigentlich jetzt dran wäre, das alles gut sein zu lassen und der Einladung zum Fest zu folgen. Das Gleichnis handelt von der Armseligkeit derer, denen ein Acker oder ein Ochse wichtiger ist als die festliche Gesellschaft anderer Menschen. Es handelt von der Frage nach den Werten, die bei Gott wirklich zählen. Und das Gleichnis antwortet: Wo Besitz und Umsatz auf der Prioritätenliste ganz oben stehen, da scheint die Gefahr ganz besonders groß zu sein, dass man den Schritt in den Glauben verpasst, dass man die Einladung Gottes zu einem Leben in innerer Erfüllung zurückweist und damit letzten Endes eben die falschen Prioritäten hat.

Liebe Gemeinde, es gibt in diesem Gleichnis ein schönes Gegenbild für das unentwegte Kreisen um die Erhöhung von Produktion, Umsatz und Gewinn: Das ist das Fest. Feste feiern wir, weil sie schön sind, nicht weil sie zu irgendetwas nützlich sind. Rein ökonomisch betrachtet ist ein Fest pure Zeitverschwendung; wobei es Leute gibt, die jetzt sagen würden: naja, man muss schon auf Feste gehen, sie lassen sich dazu nutzen, Leute kennen zu lernen, mit denen man später einmal Geschäfte machen kann. Aber wer so auf ein Fest geht, der hat sich selbst ja damit um das Festliche am Fest gebracht, und das ist gerade, dass es sich dem individuellen Streben materiellen Wohlstand verschließt und stattdessen ein Ort ist, an dem wir ganz andere Formen von Wohlstand genießen können. Wer unbeschwert und ohne auf die Uhr zu schauen ein Fest mitfeiern kann, der erlebt nämlich Zeit-Wohlstand und Beziehungs-Wohlstand. Beide sind neben dem materiellen Wohlstand ganz wichtig zum Leben. Viele Menschen in unserer Gesellschaft opfern für ihr materielles Wohlergehen den Zeit-Wohlstand und den Beziehungs-Wohlstand; sie haben keine Zeit für sich selbst und für andere. Auf der anderen Seite haben wir auch Menschen mit viel Zeit, denen es aber an Geld fehlt, und irgendwie scheint das fehlende Geld wiederum den Beziehungs-Wohlstand zu beeinträchtigen, so dass sie nicht wissen, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen. Wir brauchen alle drei: den materiellen Wohlstand, in gewissen Grenzen; den Zeit-Wohlstand und den Beziehungs-Wohlstand.

Sie, liebe Gemeinde, sind heute zum Gottesdienst in die Waldkirche gekommen. Sie wollen das Fest mitfeiern, mit dem wir allsonntäglich den siebten Tag der Schöpfung, Gottes Ruhetag, feiern, und zugleich die Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus bejubeln. Ich hoffe zumindest, Sie sind zum Feiern da! Es gibt ja auch so etwas wie eine Heilsökonomie, die das Mitfeiern des Gottesdienstes verbiegt zu einer kalkulierten Angelegenheit, etwa nach dem Motto: „Ich gehe in die Kirche, damit ich dann auch von Gott etwas kriege.“ So soll es nicht sein. Wir sagen JA, wenn Gott uns einlädt, weil wir voller Freude sind über seine Einladung. Weil wir feiern wollen und dabei einen Vorgeschmack vom Himmelreich bekommen wollen, das Gott uns für diese Erde versprochen hat. Schade, dass es in der Waldkirche nur am 1. Sonntag im Monat Abendmahl gibt. Heute könnten wir es brauchen, um die Einladung Gottes auch fühlbar und schmeckbar zu machen. Aber vielleicht ist das Bild vom Fest, von der lebendigen Gemeinschaft mit Gott und den Menschen, auch als inneres Bild lebendig genug. Ich wünsche Ihnen, dass dieses Gleichnis Ihnen Mut macht, das Wichtige vom weniger Wichtigen in Ihrem Leben zu unterscheiden und den echten Wohlstand für ihr Leben zu suchen, so dass sie innerlich frei sind, die Einladung Gottes anzunehmen.

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