Zum Wahltag Gottes Wort

Liebe Gemeinde –

stellen Sie sich vor: Es ist 22.30 Uhr, wir haben seit Stunden gespannt gemeinsam mit Politikerinnen und Politikern vor dem Fernseher gesessen und die Hochrechnungen verfolgt. Heute sind die Parteien nicht jede für sich, sondern alle gemeinsam in einem großen Saal und wir, die Bürgerinnen und Bürger, sind dabei. Nun ist es soweit: Das vorläufige amtliche Endergebnis wird bekannt gegeben. Jubel auf der einen Seite, betretene Mienen auf der anderen Seite. Aber heute wird es keine vorschnellen Wahlanalysen geben, keine Partei wird sich trotz sinkender Wählerstimmen als eigentlicher wahrer Gewinner beschreiben, es wird kein Geprotze und keine Häme geben. Heute, am Ende dieses Wahltages, kommen wir alle zusammen in einer großen Kirche. Gewinner und Verlierer sitzen nebeneinander in den Bänken und wir, die Bürger, einfach mittenmang – nicht einmal die Leibwächter dürfen Waffen tragen. Am Ende dieses Wahltages hören wir Gottes Wort. Wir singen und beten und feiern gemeinsam Gottesdienst.

Liebe Politiker und Politikerinnen, liebe Gäste!
Nun ist er da, der Tag auf den Sie sich lange vorbereitet haben, für den Sie gekämpft und gehofft und gearbeitet haben. Wir kommen hier in der Kirche zusammen, Gewinner und Verlierer dieses Wahlsonntages. Das ist vielleicht gar nicht so leicht für Sie: In den vergangenen Wochen wurden harte Worte gewechselt, es wurde mit schwerem Gerät gekämpft und es wurden bittere Vorwürfe laut – das gehört dazu, das war schon immer so, das muss ein Politiker, eine Politikerin wegstecken können – und nun sitzen Sie nebeneinander in einer Kirche, versammeln sich unter dem einen Wort Gottes und haben selbst keine Minute Redezeit. Wir beginnen die neue Legislaturperiode mit einem gemeinsamen Gottesdienst. Wir von der Kirche feiern immer an wichtigen Punkten unseres Lebens Gottesdienste: Am Anfang steht die Taufe. Wenn der Ernst des Lebens beginnt, laden wir zum Schulanfängergottesdienst und die Konfirmation gestaltet den Übergang in die Welt der Erwachsenen. Trauung, Goldene Hochzeit und ganz zuletzt die Beerdigung – so begleitet die Kirche mit ihrem Wort unser Leben in seinen entscheidenden Wendepunkten. Der Abschluss einer alten und der Beginn einer neuen Legislaturperiode gehört sicher zu den Wendepunkten in Ihrem persönlichen Leben und auch für uns, die Bürgerinnen und Bürger. Ich freue mich, dass Sie hier sind und dass wir an diesem Tag gemeinsam Gottesdienst feiern können und diesen Tag einmal anders ausklingen lassen als all die Jahre davor. Ich lese Ihnen den Predigttext für den heutigen Sonntag, den 17. Sonntag nach Trinitatis. Er steht im Epheserbrief im 4. Kapitel:

[TEXT]

Der Abschnitt aus dem Epheserbrief ist eine kurze Rede, die der Berufung folgt, die an Sinn und Zweck dieser Berufung erinnert und die kurz zusammenfasst, wie das funktionieren kann und soll: Ertragt einer den anderen in Liebe. Achtet auf Einigkeit. Verliert nicht aus den Augen, worum es hier geht: Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe; ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und in allen. So spricht der Epheserbrief zu den frühen Christen am Beginn des 1. Jahrhunderts. Es ist eine Zeit, in der sich Gemeinden und ihre Strukturen zu konsolidieren beginnen, es bilden sich Parteiungen, es kommt zu Auseinandersetzungen darüber, was richtig und was gut ist – Sie können sich vorstellen, dass das eine spannende Periode für die christliche Gemeinde in Ephesus war, spannend und anstrengend. Zur Zeit der Gemeindegründung waren alle noch euphorisch gewesen und zogen an einem Strang, nun, wo der Anfang geschafft war, neigte die junge Gemeinde dazu, sich zu verzetteln, sich an Kleinigkeiten aufzuhängen, auf Nebenschauplätzen Machtkämpfe auszutragen. Denken Sie mal an die Hochwasserkatastrophe unserer jüngsten Vergangenheit: Am Anfang waren sich alle einig, dass schnell und unbürokratisch geholfen werden muss, da begannen kurzzeitig die Grenzen zwischen Regierung und Opposition zu verschwimmen, aber kurze Zeit später warf man sich schon wieder gegenseitig vor, uneinlösbare Versprechungen gegeben zu haben oder dieses Unglück für den Wahlkampf zu missbrauchen. So etwas geschieht eben in menschlichen Gemeinschaften, ich denke, wir müssen damit leben lernen. Der Predigttext will uns aber helfen, es besser und vielleicht eines Tages gut zu machen. Er setzt für seinen Rat und seine Ermahnung Verschiedenes voraus:

Er geht davon aus, dass die Christinnen und Christen Gott lieben und ihn ehren und ihm dienen wollen. Er geht zweitens davon aus, dass Gott Christinnen und Christen in seinen Dienst beruft und sie beauftragt. Drittens setzt er voraus, dass Christinnen und Christen eine Hoffnung, eine Idee, eine Utopie haben. Und viertens setzt er Gottes bewahrendes Handeln an seinen berufenen Dienern, an seiner Gemeinde voraus. Gott ist über allen und in allen. Wir sind nicht allein. Er sagt: Es ist ein Herr, ein Glaube, eine Taufe – besinnt euch auf das, was wichtig ist und was euch eint. Sinn und Zweck Ihrer Berufung und Ihres Auftrages, liebe Politikerinnen und Politiker, ist natürlich ein anderer als der der Berufenen von Ephesus. Und dennoch kann man den Bibeltext frei in Ihre Situation übertragen:

"So ermahne ich euch nun, ich eine Bürgerin dieses Landes, dass ihr der Wahl, die euch ins Amt setzt, würdig regiert, in aller Demut und Sanftmut. Ertragt einer den anderen in Liebe und seid darauf bedacht, dass ihr einig bleibt in der Sache, eurem Land zu dienen mit Frieden und Gerechtigkeit. Ihr dient einem Land und einem Volk, dazu seid ihr alle berufen, gewählt. Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit – dem dient ihr alle. Es ist ein Auftrag, der da ist über allen und durch alle und in allen."

So könnte man diesen Text ins weltliche, in Ihre Situation und in Ihre Aufgabe übertragen. Wenn wir den Gedanken des Epheserbriefes in Ihre Situation bringen, dann bedeutet das: Ihr seid gewählt, ihr seid berufen. Das ist eine große Aufgabe und eine große Verantwortung. Es gilt, sich dieser Berufung würdig zu erweisen. Allerdings sind Sie alle berufen. Sie sind alle gewählt, zukünftige Regierung und zukünftige Opposition – wenn Sie die respektieren, die Sie gewählt haben, werden Sie auch die politischen Gegner respektieren und einander in Liebe zu ertragen lernen. Sie merken, dass auch in der politischen Übertragung von Vorraussetzungen ausgegangen wird:

1. Man muss davon ausgehen, dass Sie Ihr Volk und Ihr Land lieben und ihm dienen wollen.
2. Sie dürfen davon ausgehen, dass Sie als Politiker von Ihrem Volk gewollt sind, wenn auch in unterschiedlicher prozentualer Gewichtung.
3. Auch in der sehr freien Übertragung erwartet man von Ihnen, dass Sie eine Utopie, eine Idee für dieses Land haben und dass Sie bereit sind, sich für diese Idee einzusetzen.
4. In der freien Übertragung tritt an die Stelle Gottes, der über und in allem ist, der Auftrag, der Sie erfüllen möge.

Vielleicht merken Sie an diesem Punkt, wie dünn die Luft ist, die Sie atmen. Wenn Sie nur Ihrem Auftrag dienen und nicht gleichzeitig an etwas glauben dürfen, dass Sie trägt und sie stützt, wenn da niemand ist, der Ihnen zur Seite steht, wenn man Ihnen Böses will, dann liegen unter Umständen 4 harte Jahre vor Ihnen und Sie werden sich bisweilen auf verlorenem Posten fühlen. Die alten Hasen wissen, wie schwer das politische Geschäft ist und wie tief der fallen kann, der ganz oben angekommen ist.

Es gibt also doch entscheidende Unterschiede zwischen Ihrer Situation und der Situation der frühen Christen in Ephesus und das ist auch gut so. Denn Sie, liebe Politiker und Politikerinnen, sind zwar gewählt, aber nicht zwingend von Gott berufen. Wenn Gott Menschen in seinen Dienst ruft, ist das eine existentielle Angelegenheit, die uns ganz und gar betrifft und uns ganz und gar ausfüllt und uns auch existentiell verändert. Der Beruf des Politikers wird viel von Ihnen fordern und er wird sie auch ausfüllen, aber Sie sollten nicht zulassen, dass er Ihre Existenz berührt. Wenn nämlich Ihre Existenz mit Ihrem Beruf steht und fällt, werden Sie ängstlich und korrumpierbar. Sie sind von Beruf Politiker, Ihre Berufung aber ist in Gottes Hand. Der Epheserbrief spricht von Demut, Sanftmut und Geduld – mit diesen Eigenschaften können Sie in Ihrem Beruf nicht viel anfangen. Sie brauchen Durchsetzungsvermögen, man erwartet von Ihnen Profil und beizeiten auch Biss. Dennoch sollten Sie sich Demut, Sanftmut und Geduld bewahren – Sie brauchen diese Eigenschaften in Ihrem privaten Leben ganz dringend und Sie brauchen Sie auch als Korrektiv in Ihrer Arbeit. Denn Ihre Arbeit ist Dienst an Ihrem Volk – niemand kann anderen sinnvoll dienen, der nicht Demut, Sanftmut und Geduld gelernt hat.

Der Epheserbrief spricht von Hoffnung und er meint damit ganz dezidiert die Hoffnung über das Diesseits und über diese Zeit hinaus. So etwas will von Ihnen niemand hören, Sie werden in Ihrer Arbeit zu absoluter Sachlichkeit und Weltlichkeit gezwungen sein. Die Hoffnung des Epheserbriefs möchte Sie aber ermutigen, weiter zu denken – über diese Legislaturperiode hinaus, über unsere Generation hinaus, über Ihre eigene Person hinaus – die christliche Hoffnung weist sogar über diese sichtbare Welt hinaus. Niemand sollte ohne Hoffnung sein und ein Politiker, eine Politikerin schon gar nicht. Nun ja, und ganz zuletzt ist Gott der Vater über allen und in allen. Ich denke, wo wir unseren Glauben an Gott, den Vater, verloren haben, da setzen wir, da setzen sich Dinge an seine Stelle, die diese Bedeutung nicht haben dürfen. Nicht das Geld, nicht die Macht, nicht die Weltwirtschaft und nicht der DGB, nicht das Volk, nicht die Idee – es gibt einfach nichts, was sinnvoll an Gottes Stelle treten kann. Es gibt nichts, was wir erschaffen, das uns Sinn und Auftrag und zugleich Trost und Kraft sein kann. Es gibt nichts, was uns beflügelt und zugleich auffängt, wenn wir fallen. Es gibt nichts, was uns von innen erfüllt und zugleich von außen mit Weisung und Mahnung an uns herantritt. Es gibt nichts, was Gott in seiner unverbrüchlichen Treue und seiner absoluten Liebe zu seinen verlorenen Menschenkindern gleichkommen kann.

Sie alle sind gewählt, liebe Politikerinnen und Politiker. Vor Ihnen liegt harte Arbeit. Sie wollen und werden den Dienst am Deutschen Volk nach bestem Wissen und Gewissen ausüben – dazu helfe Ihnen Gott, glauben Sie mir, der kann das am Besten.

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