Zum neuen Leben gerufen

Ich erzähle Euch, wie mein Leben neu wurde. Als ich 75 Jahre alt war, begann für Sarah, meine Frau, und mich etwas völlig Neues. Ein Moment hat unser Leben verändert. Wir sind zu neuen Ufern aufgebrochen. – So kann es gehen, wenn Gottes Ruf einen trifft! – Hört, was ich Euch zu erzählen habe.

Eigentlich hatten Sarah und ich unser Leben schon verplant. Eigentlich war alles schon gelaufen. Ein richtig schöner Abschluss sollte es werden. Endlich ein bisschen mehr Ruhe, einen Teil der Arbeit an die Jüngeren abgeben. Ich hatte es mir schon ganz genau ausgerechnet: Dieses eine Erntejahr noch: Den Boden auflockern – dann Sähen und Pflanzen – prüfen, ob die Saat aufgeht – dann das Wachsen begleiten und im Herbst die Ernte einfahren. – Und noch ein letztes Mal die Geburt von Lämmern und Zickleins: zusehen, dass die Muttertiere trächtig werden, dann das Werfen der Jungtiere – die Unsicherheit, welche durchkommen würden – alle schafften es ja nie – und schließlich die Erleichterung, dass auch das gelungen war. Und dann wollten wir uns zur Ruhe setzen, Sarah, meine Frau, und ich. Jetzt müssten die Jüngeren dran.

Was hatten wir nicht alles erlebt in den vielen Jahren unseres Lebens. Wie wir uns kennenlernten: Der Knecht meines Vaters zog aus, um eine passende Frau für mich zu suchen. Das war schon immer so, und es war gut, denn die Sippe musste stark bleiben und immer zusammenhalten. Einer, der aus der Reihe ausscherte, konnte alles gefährden. So zog der Knecht also los und brachte zwei Schwestern mit zurück: die eine – Sarah – sollte ich heiraten, die andere bekam mein Bruder. Wenn ich an die Hochzeit denke! Wie schüchtern wir beide waren – wir kannten uns ja gar nicht! Und dann auch noch unsere Familien um uns herum: mit ihren Erwartungen, ihren Wünschen – manchmal zu gut gemeinten! -, ihren Vorschriften, mit den Anspielungen auf viele Kinder usw.

Ja, Kinder. Die blieben uns versagt. Es wollten keine kommen, obwohl wir alles unternahmen. Sogar den Priester suchten wir auf, aber der konnte uns auch nicht helfen. So fanden wir uns damit ab. Außerdem waren ja sonst noch viele Kinder in unserer Familie da, um die wir uns auch sorgten. Da fiel es uns gar nicht so schwer, dass wir keine eigenen hatten. Mit der Zeit, da gewöhnt man sich ja auch dran. Und außerdem war unser Leben auch so schon turbulent genug. Denn irgendwann packte es meinen Vater, und er wollte fort. Warum? Das weiß ich nicht. Mein Bruder kam nicht mit, der blieb da, aber wir mussten mit: ich, und mein Neffe Lot, und Sarah, meine Frau. Wir verließen unsere Heimatstadt Ur und machten uns auf den Weg, den Strom hinauf. Bis nach Haran kamen wir, da wollte mein Vater dann nicht weiter. So blieben wir da. – Das war nicht leicht, am Anfang. Die Einheimischen war skeptisch und zurückhaltend – sie kannten uns ja nicht. Aber nach und nach, da lernte man sich gegenseitig kennen, wusste die Stärken und Schwächen der anderen zu schätzen und zu tolerieren. So zogen die Jahre ins Land. Aussaat und Ernte, Winter und Sommer kamen und gingen. Irgendwann starb mein Vater – er hatte sich ja schon längst von der Feldarbeit zurückgezogen und ich war der Herr im Haus. Und so langsam, da war es dann auch Zeit, dass Sarah und ich uns endlich zurückzogen. Jetzt sollten die Jüngeren die Verantwortung für das Vieh und die Felder übernehmen. – 75 Jahre! Eigentlich war jetzt alles gelaufen und ich hatte mein Leben verplant.

Und jetzt das! Es ging damit los, dass der Priester zu mir kam. Ich solle dringend zu ihm kommen. Er hätte ein Orakel befragt, und das Ergebnis sei sehr, sehr wichtig für mich. Ich dürfe keine Zeit mehr verlieren. – Hah! Keine Zeit mehr verlieren! Wer durchgemacht hat, was ich erlebt habe, der weiß, was er von solchen Worten zu halten hat. Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Vielleicht hatte ich auch so eine Vorahnung, dass das, was der Priester mir sagen wollte, mein Leben ganz und gar auf den Kopf stellen würde. Jedenfalls ging ich nicht hin. Sollte der doch ruhig noch einmal kommen, wenn er etwas wollte. Er kam aber nicht mehr, und zuerst dachte ich, es wäre alles wieder in Ordnung. Doch dann: Sarah und ich erlebten es am eigenen Leibe – und hätten es doch nicht geglaubt, wenn es nicht uns beiden gleichzeitig passiert wäre.

Das war letzte Nacht. Wir waren beide zeitig zu Bett gegangen. Ich schlief und malte mir meinen wohlverdienten Ruhestand am Ende des Jahres aus. Auf einmal war da – mitten im Schlaf – eine Stimme. Die redete mit mir. Zuerst verstand ich gar nicht, was da los war. Worte drangen an mein Ohr, aber ich konnte keinen Sinn in ihnen erkennen. Erst langsam wurde mir bewusst, dass ich gemeint war. Die Stimme redete zu mir. ?Abraham!?, sagte sie. ?Abraham! Mache dich auf!? Ich wusste nicht, was los war, und erst nach und nach verstand ich auch die übrigen Worte. ?Abraham! Mache dich auf! Geh‘ weg von hier, weg von deiner Sippe. Ich führe dich auf neue Wege. Ich geleite dich in ein fremdes Land, das dir noch unbekannt und neu ist. Du wirst viele Nachkommen haben, und mein Segen und Beistand sollen dich begleiten. Sie werden auf dir ruhen, wenn dein Name überall bekannt sein wird. Du, Abraham, sollst zu einem Segen werden für alle Menschen der Erde.?

Das war es, was die Stimme mir sagte. Selbst wenn ich es gewollt hätte: ich konnte mich der Stimme nicht entziehen. So durchdringend war sie gewesen, so mitreißend, dass ich wie gebannt bis zum Ende zuhören musste. Dann wachte ich auf. Schweißgebadet. War das Wirklichkeit gewesen? Hatte ich die Stimme wirklich gehört? Oder war es Einbildung? Ein Alptraum, eine böse Erinnerung an damals, als mein Vater mit uns die Stadt Ur verließ? Ich war mir nicht mehr sicher, aber dann blickte ich hinüber zu Sarah: sie war wach wie ich, wir beide sahen uns an – und ohne ein Wort miteinander zu wechseln wussten wir, dass wir dasselbe gehört hatten. Sie hatte wie ich diese Stimme gehört. Das konnte keine Einbildung mehr sein! An Schlaf war nicht mehr zu denken. Wir saßen die ganze Nacht auf unseren Lagern und redeten über das, was wir gehört hatten. Über manches mussten wir lachen. Z.B. die Sache mit den Kindern. Das konnten wir nicht glauben. Wir hatten es doch schon so lange probiert, und bisher war uns kein Kind beschert worden. Und jetzt, weit über siebzig, da war das doch wirklich lächerlich! Nein, das war doch zu komisch. Wir könnten Großeltern sein, und sollten jetzt noch eigene Kinder bekommen? Anderes machte uns Angst: Weggehen von hier! Noch einmal aufbrechen? Alles hinter uns lassen? Einen Neuanfang wagen? Und das auf unsere alten Tage? Nein, wir wollten nicht. Das war zu beschwerlich. Einmal schon hatten wir das erlebt, aber damals waren wir noch jung, fast Kinder noch, und das war schon schlimm genug. Und wo sollten wir denn jetzt hin? Man konnte doch nicht einfach so losziehen, ohne ein Ziel vor Augen? Und auch die Sache mit dem Segen gefiel uns nicht. Was meinte die Stimme damit, als sie sagte, dass wir ein Segen werden sollen für alle Menschen dieser Erde? Für alle Menschen? Das war uns zu viel! Und außerdem: Was sollten wir ihnen denn bringen? Wir hatten doch selber nichts außer ein paar Tieren und Getreide?

Nach und nach erinnerten wir uns aber auch an die Erzählungen unserer Eltern und Großeltern. Mein Gott, war das lange her! Wie Märchen erschien uns damals, was sie berichteten: Von Gott und der Welt, von der Schöpfung und dem Paradies. – So redeten und redeten wir bis zum Morgen. Früh standen wir auf und gingen hinaus. Die letzten Sterne waren gerade zu erkennen, am Horizont zog die Sonne herauf. Wir sahen uns um: die vertrauten Wege, die Felder, unser Vieh, die Wohnstätten unserer Verwandten … – Das alles sollten wir zurücklassen? Aufbrechen in eine neue Zukunft? Nur, weil uns eine Stimme aus dem Schlaf gerissen hatte und wir uns an alte Geschichten erinnerten? 75 Jahre! Eigentlich war doch alles schon gelaufen! Wir hatten doch schon alles geplant. Neues war eigentlich nicht mehr zu erwarten – und jetzt das? Alles aufgeben für eine unsichere Zukunft? Waren wir nicht beide zu alt, Sarah und ich?

Aber dann haben wir es getan. Noch am selben Tag haben wir unsere Zelte gepackt und haben uns auf den Weg gemacht. Aufbruch in eine neue Zukunft. – Und die Ängste? – Wir wissen immer noch nicht, das der Morgen bringt – aber das wussten wir, Hand aufs Herz, vorher auch nicht! Wir wissen immer noch nicht, wo es langgeht, aber wir vertrauen der Stimme, die uns gerufen hat. Wir vertrauen den Worten, die so eindringlich zu uns gesprochen haben. Denn wir glauben, dass Gott selbst es war, der uns gerufen hat. Deshalb haben wir keine Angst vor der Unsicherheit des neuen Tages, weil Gott selbst bei uns ist und uns begleitet. Und wir fühlen uns so frei, so leicht. Wir wissen, dass wir den richtigen Weg gewählt haben: im Vertrauen allein auf Gott, der uns leitet und trägt. Er gibt unserem Leben eine neue Richtung, er öffnet uns neue Wege, wo wir selber im Alter von 75 Jahren nur noch die Vergangenheit gesehen haben.

Wenn ich Euch heute die Geschichte meines Lebens erzählt habe, dann nur, um Euch dieses eine mitzuteilen: Dass Gott uns zu einem neuen Leben ruft, und dieses auch verwirklicht – egal, wie festgefahren wir bis dahin waren. Wir müssen nur seine Worte beherzigen.

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