Zugleich "dumm" und "klug"?

Liebe Gemeinde,

zwei Sachen vorweg, nur, damit wir besser verstehen können. Töricht ist inzwischen ein altes Wort geworden – zur Übersetzung?: wohl am besten mit dumm, blöd, nicht gescheit genug. Unser Predigtwort redet also von den fünf dummen Jungfrauen und den fünf klugen. Ein zweites noch: was machen diese Frauen da eigentlich? "Jungfrauen" – junge Frauen sind welche, die zur Zeit Jesu noch nicht verheiratet waren. Sie wurden eingesetzt bei den Hochzeitsfeierlichkeiten, um der Braut den Weg zu leuchten vom ihrem Hause bis zum Hause des Bräutigams. Dieser hat vor der Feierlichkeit die Braut also samt den jungen Frauen aus ihrem Elternhaus abzuholen und sie zu sich nach Hause zu führen. Nun passiert also folgendes: alle jungen Frauen mitsamt der Braut warten auf den Bräutigam – dieser aber hat sich mächtig verspätet, so sehr, dass unsere Wartenden einschlafen. Als nun aber endlich der Ersehnte kommt, da stellt sich heraus, dass die Hälfte der Wartenden zwar ein Gefäß mitgebracht hat, um Licht zu machen, aber den Brennstoff, der unabdingbar notwendig ist, völlig vergessen hat. Jetzt sprechen die Dummen zu den Klugen: gebt uns von eurem Brennstoff, so dass wir unsere Aufgabe erfüllen können. Die Klugen aber wissen, dass so nur erreicht würde, dass beide Hälften zu wenig haben. Die Dummen, nun eigentlich ganz schlau, eilen hinaus, um neuen Brennstoff zu besorgen. Als sie aber zum Festhaus kommen, finden sie keinen Einlass mehr, denn sie waren nicht dabei, haben den Festzug – ihre eigentliche Aufgabe – versäumt.

Ein Gleichnis über das Himmelreich, so sagt es Jesus. Sehr passend – finde ich an diesem letzten Sonntag im Kirchenjahr, am Ewigkeitssonntag, auch der "Totensonntag" im Bewusstsein vieler, dass in unserem Predigtwort vom Himmel erzählt wird. Allerdings wird nicht spekuliert, wie es unseren Verstorbenen dort ergehen wird, beschrieben wird nur der Weg zum Himmelreich, der Weg zum Fest. WirWir aber, die wir noch leben, sind die, die diesen Weg zum Fest noch vor sich haben. Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden. Ist das die Klugheit der fünf Frauen? Wie oft haben wir es gehört auf unseren Beerdigungen: lehre uns, an den Tod zu denken, damit wir vorbereitet sind, wenn wir den Weg zum Festsaal des Himmels gehen. Vorbereitet sein, dass klingt so einfach, es klingt so banal, wie es in unserem Predigtwort beschrieben wird. Nimm halt mit, was du brauchst, dann hast du alles, wenn´s soweit ist. Als ob das so einfach wäre. Wer den Tod eines geliebten Menschen erlebt hat, wer vielleicht sogar erlebt hat, dass es in dieser Beziehung zu jenem Menschen ein "zu spät" gab, einen Punkt, an dem man nicht mehr umkehren konnte uund sagen konnte: "du, das wollte ich dir eigentlich noch alles sagen…" – für den müssen solche Worte wie Hohn klingen. Was ist denn, wenn ich zwar wie die dummen Jungfrauen mein Gefäß dabei habe, wenn mir aber der "Brennstoff" ausgegangen ist? Was ist denn, wenn ich selbst ausgebrannt bin, leer und verbraucht, müde vom Leben, enttäuscht und so völlig ohne Freude auf das, was kommen mag? Dann mag ich zwar mein Gefäß dabei haben, mein Wissen, dass ich mich vorbereiten muss, mein Glaubensgerüst, welches mir sagt: Gott ist für mich da, Jesus Christus ist für mich gestorben usw. usf., aber es kann in der Tat sein, dass mir das Gefäß alleine nicht weiterhilft – eben ganz genau so wie bei den fünf dummen Jungfrauen.

Nun geschieht es in unserem Predigtwort, dass die fünf klugen Jungfrauen nichts von ihrem Vorrat abgeben. Das reizt zum Widerspruch – müsste nicht der gute Christ sagen können: von der Fülle kann man immer abgeben, denn Gottes Fülle nimmt kein Ende?! Denken Sie an die Geschichte der Witwe, die Elia besucht: deren Öl und deren Mehl geht nicht zu Ende, gerade weil sie es mit dem Propheten teilt. Wäre das nicht ein besserer Schluss für unser Predigtwort: die fünf klugen gaben den fünf dummen Jungfrauen von ihrem Brennstoff und alle waren glücklich und konnten feiern? Nun aber ist unser Predigtwort gewählt für den Ewigkeitssonntag – im Blick ist unser Weg ins Himmelreich, der Tod steht uns vor Augen. Ich denke, dass die Weigerung der fünf klugen Jungfrauen alleine dazu dient, darauf hinzuweisen, dass einen letzten Weg gibt, der alleine gegangen wird. Ein Weg zwar, der begleitet werden kann und wird, aber der Tod und dieses Sterben wird alleine gehen. Jeder sehe, dass er seine Lampe dazu bereit halte. Nun bleiben aber unsere Fragen offen. Wir haben die Mahnungen gehört, wir sind aufmerksam geworden und wir wissen, dass wir vorbereitet sein sollen. Denn der Tod kommt wie ein Dieb in der Nacht – niemand kennt Stunde und Tag. Aber es bleibt dieser Rest, den wir nicht bestimmen können, dieser Rest, der nicht in unserer Hand liegt: es ist der Brennstoff, den wir für unsere Lampen, für unsere Gefäße brauchen. Ich habe es schon vorhin angedeutet: es gibt sie, die Situationen, in denen wir "ausgebrannt" sind, in denen wir keinen Brennstoff mehr haben. Die Situationen, in denen wir nur noch Gefäße sind. Da ist eine Mahnung, wie die, die wir gehört haben, sinnlos: fülle doch deine Vorräte wieder auf! Ja, wie denn – wie soll ich das aus eigener Kraft schaffen können? Wohl gar nicht, liebe Gemeinde. Wir können es nicht aus eigener Kraft. Diese "Klugheit" lässt sich nicht trainieren! Denn wir treffen auf ein Problem, das unsere Zeit kennzeichnet: wir blicken als Christen auf das Himmelreich, auf die Zeit, in der wir mit Christus vereint sein werden – Gott schauen werden von Angesicht zu Angesicht – in unserem Predigtwort ist es die Zeit des Festes mit dem Bräutigam: die fünf klugen Frauen sind dort und lassen es sich gut gehen. Wir aber, liebe Gemeinde, leben noch diesseits der Tür, die eben für uns verschlossen ist. Wir kommen nicht hinüber, ja wir können nicht mal durch einen Spalt hineinsehen. Unser Wissen, unsere Erkenntnis ist nur Stückwerk, wie es Paulus sagen würde. Und so müssen wir in dieser Welt immer beides sein: wir sind die klugen Jungfrauen, weil wir Gottes Zusage auf sein Reich bereits haben. Das kann man gar nicht stark genug ausdrücken: mit der Taufe, mit dem Glauben, der von Gott geschenkt wurde, durch seine Gnade, durch seine Gerechtigkeit sind wir bereits klug geworden. Wir haben, liebe Gemeinde, nicht nur die Gefäße, die wir selber sind, wir haben auch den Brennstoff in überreicher Fülle. Wir sind also ausgestattet, den Weg zum Himmelreich überhell auszuleuchten. Aber wir bleiben in diesem Leben auch verhaftet: so sind wir auch immer die fünf dummen JungfrauJungfrauen: die also, die sich zwar bereitet haben, die sich ebenfalls freuen auf das große Fest, die aber nicht anders können, als immer wieder loszuziehen, weil ihnen der Brennstoff ausgegangen ist. Vielleicht ist dies aber gerade in unserer Zeit auch eine befreiende Botschaft: wir können es eben nicht trainieren, klug zu sein. Wir können es auch nicht trainieren, immer glücklich zu sein. Wir können schon gar nicht trainieren, immer lebensfroh, immer lebensbejahend, immer positiv denkend und damit – ich sage es so provokativ – auch immer den Tod ausblendend zu leben. Aber, liebe Gemeinde: wir brauchen es auch nicht. Gott-sei-Dank, will ich sagen. Weil wir Christen um unsere Gleichzeitigkeit wissen: unsere Dummheit in diesem Leben und unsere Klugheit im Blick auf das ewige Leben – eben darum sind wir nicht darauf angewiesen, die Vergötzung dieser Welt mitzumachen. Erstaunlich viel Seltsames wird uns ja heutzutage angepriesen, was wir kaufen sollten, wie wir denken sollten, was wir fühlen sollten – alles nur, damit wir hier in dieser Welt harmonisch, ohne Störungen, sorgenfrei leben könnten. Das aber wäre die echte Dummheit, wenn wir diese Welt mit dem Himmelreich verwechseln wollten. Da sind mir doch unsere dummen Jungfrauen aus dem Predigtwort vielfach lieber, als alle klugen Weltmenschen, die doch den Blick auf das andere völlig verloren zu haben scheinen.

So liegt für mich ein Trost in unserem Predigtwort, denn wir sind bereits im Blick auf das Himmelreich die klugen Jungfrauen. Darauf, liebe Gemeinde, dürfen wir uns verlassen, daran dürfen wir gewiss sein, wie es Luther sagen würde. Das ist auch der Trost im Blick auf unsere Verstorbenen dieses Kirchenjahres: auch sie gehören bereits zu den klugen Jungfrauen, denn sie haben das Leben in dieser Welt hinter sich gelassen. Dass wir Lebenden aber noch in dieser Welt sind und deshalb auch immer zu den dummen Jungfrauen gehören, die zwar äußerlich alles bereitet haben, denen aber manchmal der Brennstoff ausgeht – das sollte uns nicht schrecken, denn wir wissen, dass unsere Kraft zum Leben, unser Lebensbrennstoff, nicht aus uns selber kommt, sondern uns geschenkt wird. Uns bleibt all dies, was wir auch in jedem Gottesdienst tun: das Hinwenden zu Gott, unsere Bitte um seine Gnade, unser Vertrauen darauf und das heißt: unser Wissen darum, dass er uns sicher leiten wird.

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