Zu neuem Leben goboren

Ein seltsames Gespräch ist das schon, von dem wir eben im Evangelium gehört haben. Da kommt einer der führenden geistlichen Lehrer Israels zu Jesus, und man hat das Gefühl, sie reden glatt aneinander vorbei.

Immerhin, er macht sich die Mühe, überhaupt den Dialog mit Jesus zu suchen. Und geführt wird das Gespräch nach den Regeln eines rabbinischen Dialogs, Nikodemus nimmt also Jesus sehr ernst und spricht mit ihm von gleich zu gleich. Irgendetwas lässt ihn spüren, dass dieser Mann etwas anderes ist als die Vielzahl von
Wunderheilern und Wanderpredigern, die es damals in Jerusalem und Umgebung gab. Vorgeblich sind es die Zeichen, die Jesus getan hat, die Nikodemus davon überzeugen, dass dieser Mensch einen besonderen Draht zu Gott haben muss. Jesus reißt ihn aus dieser Betrachtungsweise jäh heraus. Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen, antwortet er auf eine Frage, die gar nicht gestellt wurde, auf die nämlich, woher er seine Fähigkeiten beziehe.

Nikodemus nimmt das sehr wörtlich:
Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und
geboren werden?

Wenn wir heute umgangssprachlich sagen "Ich fühle mich wie neugeboren" – was meinen wir eigentlich damit? Vielleicht, dass wir uns besonders erholt und erleichtert fühlen, nach einem Urlaub oder auch, und da
kommen wir dem, was Jesus meint, schon ein Stück näher, dann, wenn eine schwere Belastung von uns abgefallen ist. Kann ein Mensch wirklich neu geboren werden? Ich möchte die Geschichte von Sophia erzählen. Ich habe Sophia im vergangenen Jahr kennengelernt. Sie war damals 16 Jahre alt und ziemlich am Ende. Seit ihrem elften Lebensjahr konsumierte sie Kokain, und nun, als gar nichts mehr zu gehen schien, war sie in die Therapieeinrichtung gekommen, in der ich einmal in der Woche arbeite. An Sophia verblüffte mich, dass sie mir als erstes erzählte: "Ich bin übrigens getauft – und ich habe gehört, du bist neulich ordiniert worden, find ich gut". Na gut, dachte ich, die anderen haben ihr gesagt, was ich sonntags mache, und sie will mich für sich einnehmen. Ich bin nicht weiter darauf eingegangen, sondern habe mir
ihre Geschichte angehört: Vater Alkoholiker, zu spät abstinent geworden und an den Folgen des Alkohols früh verstorben. Das habe sie nie verkraftet, meint Sophia, denn der Vater habe sie sehr geliebt. Zuletzt habe sie bei Pflegeeltern im Harz gelebt, das sei aber auch nichts geworden – und nun wolle sie mit den Drogen Schluss machen, um ihre Lehrstelle als "Coiffeurin" antreten zu können. Nein, nicht einfach Friseur, Coiffeur wolle sie werden, meinte sie extravagant. Sophia erwies sich als exzentrisches Mädchen, das gerne gefiel und nicht immer die Wahrheit sagte. Eine Welt brach für sie zusammen, als sie während der Therapie erfuhr, dass ihr Lehrvertrag aufgelöst worden war. Sie wolle den Chef verklagen, wütete sie
herum, weinte, wollte sich nicht abfinden. Ich dachte: "Das halbe Jahr hier hält die wohl nicht durch."

Bei einem Lektorenseminar lernte ich durch Zufall Sophias Pflegemutter kennen. Sie erzählte mir von Sophias erst kurz zurückliegender Taufe und von ihren eigenen enttäuschten Hoffnungen im Zusammenhang mit dem Mädchen. Natürlich durfte ich weder der Frau etwas über Sophias Entwicklung in der Klinik noch Sophia etwas über meine Begegnung mit der Pflegemutter erzählen. "Eine Ihrer Patientinnen war bei mir im Gottesdienst", meinte der Gemeindepfarrer am Rande eines Konventes zu mir, "sie hat auch um ein Gespräch gebeten". Sophia. Sie hielt die sechs Monate Therapie durch. Und wenige Wochen vor ihrer Entlassung fragte sie mich: "Wie bekomme ich eigentlich ein pfarramtliches Zeugnis?" Ich riet ihr, den Gemeindepfarrer
aufzusuchen oder den, der sie getauft hat. "Aber wozu brauchst du das? Für die Coiffeurlehre?" "Nein, ich habe mich in einer diakonischen Einrichtung für Geistigbehinderte beworben, die würden mich für die Ausbildung zur Ergotherapeutin nehmen. Ich habe mir überlegt, dass ich doch nichts so Oberflächliches machen will. Aber die wollen, dass ich eine kirchliche Bindung nachweise. Nun bin ich zwar getauft, aber
bei allem, was ich durch habe, ob mir da jemand glaubt, dass ich mich verändert habe?" Ich habe ihr Mut gemacht – und auch der Ortspfarrer sah keine Einwände. Ab und an ruft Sophia im Therapiehof an, es geht ihr gut.

Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist. Der Wind, der Geist – Pneuma, im Griechischen das selbe Wort, ich denke, oft unterschätzen wir seine Wirkung.

Die Geschichte mit Sophia ist nun nichts Spektakuläres. Aber für mich hat ihre Veränderung auch
maßgeblich mit ihrer Taufe zu tun. Die Psychotherapeuten und Sozialpädagogen werden das gewiss anders sehen. Aber Jesus sagt: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er
nicht in das Reich Gottes kommen.

Sophia hat gelernt, mit anderen Augen zu sehen. Genau das, was Jesus Nikodemus vermitteln wollte. Von Nikodemus hören wir noch zwei Mal im Johannesevangelium. Einmal im Prozess vor dem Hohen Rat: Spricht zu ihnen Nikodemus, der vormals zu ihm gekommen war und der einer von ihnen war: Richtet denn unser Gesetz einen Menschen, ehe man ihn verhört und erkannt hat, was er tut? Sie antworteten und sprachen zu ihm: Bist du auch ein Galiläer? Forsche und sieh: Aus Galiläa steht kein Prophet auf.

Da macht dieser Mann, der scheinbar nichts begriffen hat, den Mund auf und verlangt, dass die anderen das tun, was er längst getan hat: Jesus zumindest zu verstehen suchen – und nach der Kreuzigung bezahlt er ein fürstliches Begräbnis. Auch das ist nichts Spekatkuläres. Aber der Geist der Wahrheit hat den Pharisäer
offenbar doch ergriffen, er gibt sich nicht mehr zufrieden mit dem bloßen Augenschein, er sieht in anderen
Dimensionen. Und als er Weihrauch und teure Salben für Jesus kauft, da spricht sein Herz. Vielleicht ist ihm die Bedeutung der Worte Jesu erst an dieser Stelle aufgegangen: wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben
haben. Vielleicht hat er spätestens da begriffen, wofür Jesus in die Welt gekommen war und weshalb er sterben musste: Damit er, Nikodemus, und wir alle neu geboren werden können.

Ich möchte noch einmal auf Sophia zurückkommen: Ich hatte mich mit ihr an ihrem letzten Abend in der
Therapieeinrichtung länger unterhalten über das, was sie in ihrem Leben immer gesucht hat. Sie meinte, sie habe immer versucht, einen Menschen, der sich ihr zugewandt hat, ganz und gar festzuhalten und geglaubt, der müsse nun für immer ausschließlich für sie da sein, das sei Liebe. Dafür hatte sie gelogen, Theater
gespielt und letztlich ihre Wut über den Verlust betäubt. Verstanden hatte sie inzwischen, dass Liebe auch Loslassen bedeutet, verlieren und Schmerz empfinden. Und dass wir manchmal nicht in der Lage sind, sofort zu begreifen, warum wir dies und jenes Maß an Leid und Verlust erfahren müssen. Indem Sophia dies aber akzeptierte, war sie plötzlich auch fähig, Liebe zu teilen und Liebe zu geben. Das leuchtete ihr aus dem ungeschminkten Gesicht. Sie sah aus wie neugeboren.

Es gibt einen Roman der Schriftstellerin Luise Rinser, in dem Nikodemus einen Dialog mit Maria Magdalena führt: Darin äußert Nikodemus seine Angst vor der Lehre des Gottessohnes, eine Angst, in der auch Verlust eine Rolle spielt: "Nun, durch Jesus, ist nicht mehr nur Israel das auserwählte Volk, sondern alle
Menschen sind Gottes auserwähltes Volk und der Gott Israels ist kein Stammesgott mehr, sondern der Gott
aller Völker". Dies bedeute schmerzlichen Verlust für ihn, den jüdischen Schriftgelehrten und das ganze
Volk. "Begreifst du, dass wir ihn töten müssen, ehe das eintritt, was wir fürchten?" Dennoch bekennt er, Jesu Jünger zu sein. Und retten könne er Jesus nicht, denn "sollte sein Tod nicht sein, so bedürfte es nicht unseres Ja und unseres Nein. Er und der, den er sein Vater nennt, sind die große Mehrheit, die
diesen Tod beschlossen hat. Wie könnte diese Mehrheit sich spalten, da sie die unspaltbare Einheit ist?"

Der Rabbi Nikodemus steigt hier ein in das Geheimnis der Trinität. Er ermutigt Maria Magdalena: "Sei stark, erweise dich als die, die du bist, und die du ihm bist, den du liebst." Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist. Manchmal wirkt dieser Geist, ohne dass wir viel dazu tun können oder müssen. Egal, wer wir sind, ob ein bisher verbohrter Rabbiner oder ein ganz unbedarfter Suchender, oder wie wir gelebt haben, ob wir uns und anderen etwas vorgespielt und uns und andere belogen haben wie Sophia – wir sind von Gott angenommen und geliebt um Jesu Christi Willen. Er kennt unsere Sehnsüchte und lädt uns ein in seine Geborgenheit. Das Reich Gottes liegt nicht in ferner Zukunft und ist nicht unerreichbar weit weg, sondern ist bereits mitten im Leben wirksam, wenn der Geist uns hilft, unsere Blindheit zu überwinden.
Dass wir die täglichen Wunder, solches Auferstehen und Neugeborenwerden, erleben und wahrnehmen können,
dazu bewahre uns der Friede Gottes, der höher ist als alles Menschlich Denkbare in Christus Jesus.

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