Zorn und Dank

Ich denke, jeder von uns kennt den folgenden Gedanken: es geht einem nicht gut oder man hat einen schweren Schicksalsschlag erlitten. Man kommt ins Grübeln über seine Situation, weiß sich keine Rat, bekommt keine Erklärung. Und dann irgendwann kommt auch Gott ins Spiel. Da ist doch eigentlich einer, der hier helfen müsste, der seine Hand darüber hätte halten müssen. Warum straft mich Gott so, ich habe doch gar nicht getan? Und oft genug ist dies dann auch ein Grund an Gott zu zweifeln.

Ich möchte heute Abend nicht über den Zweifel an Gott sprechen, aber doch ein wenig über den Satz des Jesaja nachdenken, der da sagt: Du warst zornig mit mir, Herr. Unser Gottesbild, das geprägt ist von der Liebe und Güte Gottes hat mit einem solchen Gedanken so seine Probleme. Zorn will da nicht hineinpassen. Liebe, Güte, Gnade auf der einen Seite und Zorn auf der anderen Seite, das möchten wir nicht so gerne wahrhaben. Aber warum eigentlich nicht? Was hält uns davon ab, Gott auch einmal als den Zornigen zu sehen?

Natürlich suchen wir nach einem unbedingten Halt im Leben, nach einem der zu uns steht, gleich was immer wir auch getan haben. Und Gott ist für uns dieser Halt, der Ort unbedingter, bedingungsloser Annahme. Unser Glaube verlässt sich darauf und ich behaupte, das kann er auch. Wir können uns auf diese bedingungslose Annahme verlassen. Aber das heißt nicht, dass der Zorn Gottes etwas ist, das wir einfach beiseite schieben können. Ich denke, wenn wir Gott Liebe und Güte, also positive Zuwendung zu uns Menschen zuschreiben, warum dann nicht auch die andere Seite, den Zorn, den Ärger.

Aus der Lutherübersetzung haben wir gehört: Es wird die Zeit kommen, da wirst du sagen: ich danke dir, Herr, dass du bist zornig gewesen über mich. Da sollen Menschen dankbar sein dafür, dass Gott zornig gewesen ist. Befremdliche Gedanken und Worte. Und doch mag es ja Situationen und Lebensereignisse geben, die – aus späterer Perspektive betrachtet – ganz anders erscheinen als es in der Situation selber gewesen ist.

Schauen wir uns die Geschichte des Volkes Israel an, wie sie uns in der Bibel geschildert wird, so werden viele Ereignisse erzählt, wo der Zorn Gottes sichtbar wird. Es sind Ereignisse, die aufgeschrieben wurden, nachdem sie vorbeigegangen sind. Die Menschen haben sich Gedanken gemacht, was sie erlebt haben, was sie in diesen schwierigen Situationen auch für Veränderungen durchgemacht haben, wie sich das Leben für sie verändert hat. Und so kam es häufiger dazu, dass die negativen Lebenssituationen in Israel auch als Zeichen des Zornes Gottes gewertet wurden, der mit diesem Zorn seinen Willen für die Menschen und vor allem seinen festen Bund mit den Menschen wieder lebendig machen wollte. Der Zorn wurde als ein Teil des Wesens Gottes angesehen. Die menschliche Eigenschaft wurde auch Gott zugeschrieben, der darin auch seine Zuwendung zu den Menschen deutlich machte. Denn – und das ist besonders wichtig, wenn man über diesen Gedanken weiter nachdenkt – denn Gott wurde nicht als ein Despot gesehen, der willkürlich seinen Gefühlen lauf lässt, Macht und Gewalt ausübt, nur weil ihm gerade da nach ist, oder weil er seine Machtinteressen durchsetzen will. Der Zorn Gottes hat seinen Ursprung immer in dem Wunsch, dass die Menschen in Freiheit, in Würde, in gegenseitiger Achtung und Menschlichkeit leben können, also letztlich in der Liebe zu den Menschen, die von den Menschen in ihrem Leben missachtet wurde. Was könnte das für uns bedeuten?

Für mich heißt dies: den Zorn Gottes als Teil des eigenen Glaubens anzunehmen. Ich habe eben schon im Blick auf Israel gesagt, dass es oft im Nachhinein dazu kam, dass die Menschen ihr Lebensschicksal mit dem Zorn Gottes beschrieben haben. Aber dann in der Weise, dass sie gespürt haben, dass das Leben einen Weg genommen hat, der so nicht richtig war. Aus der Veränderung heraus, aus dem heraus, was jetzt an Vertrauen möglich ist, kann ein Mensch sagen, ja ich Gott war wohl zornig auf mich, aber sein Zorn hat sich gewendet, wie es bei Jesaja heißt. Die Liebe zeigt, die Enttäuschung, zeigt den Zorn, lässt den Gedanken an den Zorn zu. Und lässt dann auch den Gedanken zu, dass es gut war, dass Gott zornig gewesen ist, denn er hat mich weitergebracht. Eines jedoch ist mir ganz wichtig dabei: man kann den Gedanken an den Zorn Gottes im Leben niemals auf andere Menschen übertragen. Wie gerne äußern sich religiöse Radikale und auch Sekten so: der Zorn Gottes wird dich treffen oder hat dich getroffen. Aids oder Krebs werden kann als Zorn Gottes gedeutet und der Mensch damit alleingelassen. Dies ist ein unmenschliches Handeln, wie Gott es nicht will. Ich danke dir, das du zornig gewesen bist, das ist allein – und ich betone – das ist allein der Gedanken desjenigen, der das für sich so sagen kann. Es ist eine Glaubensdeutung des eigenen Lebens. Sie kommt zustande aus den eigenen Überlegungen und aus dem Vertrauen, dass dieser Gott nun trägt und hält. Wir können und wir dürfen andere nicht mit dem Zorn Gottes drohen, im Sinne des Jesaja ist es allein Deutung des eigenen Lebens. Kein anderer hat das Recht eine Lebenssituation mit Gottes zornigem Handeln zu verbinden.

Für sich betrachtet, als ganz persönliche Deutung des Glaubens und des Vertrauens zu Gott, ist das möglich und oft ein Ausdruck tiefer Dankbarkeit und einer sehr lebendigen Beziehung zu Gott. Siehe Gott ist mein Heil, ich bin sicher und fürchte mich nicht; denn Gott, der Herr, ist meine Stärke und mein Psalm und ist mein Heil. Nur ein solcher Glaube kann auch dem Zorn Gottes seinen Raum geben, denn nur in diesem Getragensein vermag ich Gott auch die andere Seite der Liebe zuzuschreiben.

[Musik]

Nun habe ich die ganze Zeit vom Zulassen des Gedankes des Zornes Gottes gesprochen. Aber wie steht es denn mit dem Dank an Gott, dem Lobpreis, dem Lobgesang angesichts der Güte Gottes? Zweifel, Schuldzuweisung an Gott, Kritik und Fragen äußern wir oft, aber wie sieht es mit dem Lob und dem Dank aus? Ist das so viel lebendiger? Wenn wir mal ehrlich sind, ist das doch auch nicht so oft – oder denke ich da gerade zu negativ. Nur meine Beobachtung ist, dass wir überhaupt mit Äußerungen des Glaubens, auch den positiven Äußerungen sehr sparsam sind. Warum eigentlich? Ist es so schwer, auch mal öffentlich zu sagen: mir geht es gut und ich bin Gott dankbar für das, was ich erleben darf? Es ist schön und ein Geschenk den Tag zu erleben. Ich darf meiner Arbeit nachgehen, ich habe Gespräche mit anderen Menschen, ich lebe in einer Gegend, wo ich keine Not leiden muss, es sind da Kinder und Familienmitglieder, mit denen ich verbunden bin, ich darf mich einfach geborgen wissen in dieser Welt. Tausende von Dinge gäbe es, wo das Lob Gottes Raum gewinnen könnte. Macht kund unter den Völkern sein Tun, verkündet, wie sein Name so hoch ist! Lobsingt dem Herrn, denn er hat herrlich erwiesen. Solches sei kund allen Landen. So ruft uns Jesaja auf. Und das heißt doch: schaut nicht immer auf das, was ihr befragt, was zu Zweifeln Anlass gibt oder Gott und das Leben in Frage stellt. Schaut auf das, was gelingt, was möglich ist im Leben, was alles da ist, an guten und schönen Dingen des Lebens, mit denen Gott uns beschenkt hat. Es mag sicher nicht alles immer in Ordnung sein im Leben, aber es ist vieles, wofür wir dankbar sein können und was wir uns nur zu kleinen Teilen zuschreiben können. Das Lob laut zu machen, den Dank groß, auch das gehört zum Glauben dazu. Und vielleicht vermögen auch gerade die negativen Erlebnisse des Lebens uns dabei zuhelfen, diese Seiten zu erkennen, sie wahrzunehmen und dann auch groß zu machen. Der Sonntag Kantate will uns dazu ermutigen, will uns dazu auffordern dankbar zu sein und dies auch kundzutun. Darum lasst uns Gott loben und den Dank vor ihm bringen mit unserem Gesang.

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