Zivilcourage damals – und heute …

<i>[Autoren: Regionaldekan Josef Schönborn (katholisch) und Pfarrer Guido Hepke (evangelisch), beide aus Trier. Anlass ist die Eröffnung einer Ausstellung über Jugendliche im Umfeld der "Weißen Rose" mit dem Titel "Wir wollten das andere". – In Trier ist die Ausstellung nebst umfangreichen Begleitprogramm ein Beitrag zur ÖRK-Dekade Überwindung der Gewalt.
Die Ausstellung findet als Kooperationsprojekt mit der Volkshochschule, staatlicher und kirchlicher Lehrerfortbildung, Theater, Kino und weiteren Kulturschaffenden Einrichtungen statt.
Das Thema des Gottesdienstes orientiert sich an der Ausstellung: Zivilcourage.]</i>

<b>Zivilcourage damals – Die „Weiße Rose“ (Hepke)</b>
"Ich bin nach wie vor der Meinung, das beste getan zu haben, was ich gerade jetzt für mein Volk tun konnte. Ich bereue deshalb meine Handlungsweise nicht." Sophie Scholl hat das gesagt. Als sie von der Gestapo verhört wurde. Ihr Vergehen: Sie hatte … Zusammen mit anderen …
Flugblätter produziert und verteilt. Schriften, in denen das Unrecht der Judenverfolgung, … Das Unrecht von Krieg und Kriegsverbrechen, … Das Unrecht des nationalsozialistischen Staates in so vielen Lebensbereichen konsequent angeprangert wurde: „Mit mathematischer Sicherheit führt Hitler das deutsche Volk in den Abgrund. Beweist durch die Tat, dass ihr anders lebt!“ So die Schlussfolgerung in einem der Texte. Sophie Scholl und ihr Bruder Hans wurden erwischt, beobachtet, denunziert, als sie diese Flugblätter in der Uni verteilten. Noch im Unigebäude wurden sie verhaftet … Nur vier Tage später das vom sog. Volksgerichtshof verhängte Todesurteil vollstreckt. Vor 60 Jahren war das.

Völlig klar: Der Widerstand der Geschwister Scholl war unglaublich konsequent. Und er führte – konsequent – in den Tod hinein. So habe ich das noch im Geschichtsunterricht erfahren und gelernt. So lange ist das noch gar nicht her. Ich habe 1984 Abitur gemacht. Wer Zivilcourage wagte, der riskierte unter Hitler sein Leben … Mehr noch: dessen Leben war bereits so gut wie verwirkt, in dem Moment, in dem er Zivilcourage bewies. So lautet die selbstverständliche Interpretation der Geschichte. Sich ducken, wegschauen, … nichts sehen, nichts hören, nichts tun – das ist dann die logische Alternative – wenn man am Leben bleiben will (und wer will das nicht?) Man sieht doch an den Geschwistern Scholl, wohin das führt …
und wer will schon gerne ein Märtyrer, eine Märtyrerin sein? Die Kraft und den Mut haben nur wenige … Kurz und gut: Die Moral aus der Geschichte, … Oder besser gesagt: die Moral aus dieser Bewertung und Betrachtung von Geschichte, … Die das Mitläufertum im Nachhinein rechtfertigt, legitimiert … Sie lautet: Zivilcourage, das lohnt sich nicht.

Dieser Ausstellung nun, die wir heute eröffnen, … dieser Ausstellung verdanke ich eine völlig neue Erfahrung: Richtig – und das heißt: nicht nur moralisch, sondern auch historisch richtig … ist das glatte Gegenteil: Zivilcourage lohnt sich. Die Ausstellung macht deutlich: Das war selbst unter den Horrorbedingungen der Nazidiktatur so. Zivilcourage, moralische Standfestigkeit, ethische Handlungsentscheidungen … sie führten auch damals keineswegs automatisch in Folter und Ermordung durch das Regime hinein. "Ich habe nie die Fahne der Hitlerjugend gegrüßt" – so Erika Schmid. Ihre Lebensgeschichte wird in der Ausstellung beschrieben. Allen Gleichschaltungsprozessen zum Trotz blieb sie auch weiterhin in der katholischen bündischen Jugend aktiv. Sie bewies Zivilcourage – und sie überlebte. "Völlig abstrus erschien es mir, als Zivilist Widerstand leisten zu wollen und in Uniform auf Befehl umgekehrt zu handeln." So Heinz Brenner. Als er einen verwundeten russischen Soldaten erschießen soll, der mit erhobenen Händen auf ihn zukommt – da verweigert er den Befehl. Auch er bewies Zivilcourage – und überlebte das Terror-Regime.

Zivilcourage war also möglich – selbst unter den Bedingungen der totalitären nationalsozialistischen Diktatur. Das heißt für mich: Zivilcourage muss erst recht möglich sein, … selbstverständlich sein, … in unserer bundesdeutschen Gesellschaft mit ihrer freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Trotzdem … So einfach ist es offensichtlich nicht.

<b>Zivilcourage heute – Wegschauen oder hingehen (Schönborn)</b>
Vieles, was wir täglich aus aller Welt erfahren, lässt uns unbeteiligt. Wir haben Distanz dazu, vielleicht weil alles so nah und zugleich so fern ist. Wir haben uns and das Zuschauen gewöhnt („Fernsehen“) … Und schalten manches Mal auch gern ab. Dabei gibt es so gut wie keine Fragen … Ob spiritueller, wirtschaftlicher, ethischer und kultureller Art, … Die uns letztlich nicht berühren. Die meisten Probleme sind weltweit … Und ereignen sich in unserer kleiner gewordenen Welt zugleich ganz in unserer Nähe. Schauen wir da immer genau hin … Oder machen wir die Augen zu, um eventuelle Unannehmlichkeiten zu vermeiden?

Schon bei einem Verkehrsunfall, den wir beobachtet haben, liegt diese Versuchung nahe. Und doch könnten wir durch unsere Stellungnahme vielleicht zur Klärung beitragen … Und für Recht und Gerechtigkeit eintreten. Da ist oft Zivilcourage gefordert. Die jungen Frauen und Männer im Umfeld der „Weißen Rose“ haben Zivilcourage bewiesen. Manche haben das mit ihrem Leben bezahlt. Zivilcourage setzt Mut voraus … Und die Bereitschaft, etwas zu riskieren. Sie kann gefährlich sein.

So etwa für den Mann, der beobachtet, wie einer Frau eine Handtasche entrissen wird, … Und der so couragiert ist, dass er die Verfolgung aufnimmt … Und dabei Erfolg hat, weil andere ihm zu Hilfe kommen. Oder bei jener Frau und Mutter, die beobachtet, wie zwei Männer sich auf einem Spielplatz einem 10jährigen Mädchen nähern … Und mit ihm den Platz verlassen. Die Frau hat hingeschaut … Und kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier Schlimmes geschehen könnte. Sie nimmt ihr Fahrrad und folgt den Männern. Dabei denkt sie an ihre beiden Töchter, die auch einer solchen Gefahr ausgesetzt sein könnten. Das, was sie sieht, bewegt sie schließlich, die Polizei zu informieren. Und am Ende zeigt sich, dass Schlimmes verhindert werden kann.

Diese Beispiele, die auf konkreten Beispielen beruhen, machen deutlich, … Dass auch heute Zivilcourage gefordert ist … Und dass es sich lohnt: Also nicht wegschauen, sondern genau hinsehen und etwas riskieren! Wenn das nicht geschieht, bleibt mancher auf der Strecke. Nicht die Frage stellen: „Warum ich?“ Eher die Gegenfrage: „Warum ich nicht?“ Wir alle tragen Verantwortung füreinander. Der Andere ist mein Nächster. Ich darf mich ihm nicht entziehen, wenn er mich braucht!

<b>Zivilcourage in der Bibel – Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Hepke)</b>
Das macht auch eine Geschichte deutlich, die Jesus erzählt. Wir haben sie vorhin in der Lesung gehört. Ich meine das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Und ich denke, wir können uns gut hineinversetzen in die verschiedenen Menschen aus dieser Geschichte … Können nachempfinden, was sie fühlen und denken.

Wir kennen – oder ahnen doch zumindest – die Not des Überfallenen … Spüren seine Hilflosigkeit, sein Ausgeliefertsein an Hoffnungslosigkeit und Schmerzen. Wir kennen – oder ahnen zumindest – auch die Gedanken des Leviten und des Priesters … Der Menschen also, die vorbeigehen … Was soll ich schon machen? Wer weiß, am Ende kriege ich den Ärger … Wer weiß, am Ende werde ich verantwortlich gemacht für das, was hier geschah … Und wieso soll ausgerechnet ich etwas machen? Da kann doch auch jemand anders helfen …
Warum eigentlich ich? Am besten also, ich hau ab. Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen … Nur schnell weg. So wie das früher war – in der Nazizeit. Und wie das heute auch noch immer wieder geschieht. Und vielleicht können wir uns aber auch in diesen Samariter hineinfühlen. Spüren, wie er sich als Außenseiter fühlt, … Ein Mensch zweiter Klasse in der damaligen Gesellschaft … Ausgerechnet ich soll ihm helfen? Aber es ist doch niemand anders da … Ich kann den hier doch nicht einfach so im Dreck liegen lassen … (Auch wenn der das vielleicht mit mir machen würde …) Der Samariter begibt sich in die Nähe des Verletzten … Lässt ihn und seine Not an sich herankommen … Lässt sich betreffen und ist betroffen. Hilft, weil Hilfe nötig ist.

Völlig selbstverständlich tut er das eigentlich Selbstverständliche. Und vielleicht spürt er, wie er sich dabei verändert: Eine Kraft erfährt, die er vorher nicht gekannt hat. Und auch eine Freude, eine tiefe Befriedigung: Er ist Mensch geblieben (Mensch geworden), weil er menschlich gehandelt hat. Sich engagieren, auch wenn es gefährlich werden könnte … Ich meine: das ist das Motto auch bei Jesus. Nicht wegschauen, sondern handeln!

<b>Aktion „Wer wegschaut, macht mit“ (Hepke)</b>
Wie das konkret aussehen kann – in unserer Zeit … Das beschreibt diese Karte hier. Polizeibeamte haben Sie entwickelt. Unter dem Motto: „Wer wegschaut, macht mit“. Diese Karte hier beschreibt, was wir konkret tun können. In unserem Alltag. Schauen wir also nicht weg. Machen wir mit.

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