Ziehen hilft nicht – Gott kommt von alleine!

Liebe Gemeinde,

Warten im Advent. Das Warten gehört zu dieser Jahreszeit wie sonst zu kaum einer. Ich habe heute einen Adventskalender dabei (normaler Adventskalender aus Papier mit Türchen). Ein Adventskalender zeigt sehr deutlich, was es mit dem Warten auf sich hat. Sieben Türchen sind heute geöffnet. 17 Türchen sind noch zu. An jedem Tag wird ein Türchen aufgemacht. Mit jedem Türchen wird es ein Türchen weniger und damit kommt man täglich dem Ziel, Weihnachten etwas näher.
Der Zielpunkt ist wichtig. Und es wird in mancher Familie überlegt und gefragt: Wer darf denn das Türchen am 24. Dezember aufmachen. Wer das darf, der hat eine besondere Ehre empfangen. Das letzte und wichtigste Türchen aufzumachen, weil das Warten ein Ende findet. Das ist eine ganz besondere Wertschätzung.

Zu allen Zeiten und an allen Orten der Erde haben Menschen gewartet. Sie haben auf vieles gewartet, nicht nur auf Weihnachten. In der Bibel wird gewartet, auf den Messias zum Beispiel, oder wie in unserem heutigen Predigttext auf- na das bekommen sie selbst heraus, wenn ich Ihnen jetzt die beiden Verse aus dem Jakobusbrief vorlese.

[TEXT]

Liebe Gemeinde, „Das Kommen des Herrn ist nahe“, auf den Herrn Jesus Christus wird also gewartet. Es ist eben Advent. Alle Warten auf das Kommen des Herrn. Die Menschen an die sich der Schreiber des Jakobusbriefes wendet warten auf die Wiederkunft Christi in unsere Welt. Endzeitstimmung hat sich breit gemacht. Jakobus entgegnet deutlich: „Seid geduldig“! Es dauert noch, richtet euch ein, das Kommen des Herrn ist nahe aber jetzt lebt ihr hier und gestaltet doch einfach euer Leben vor Ort entsprechend.

Geduld ist etwas was auch wir immer wieder einmal lernen müssen. Manch einen packt die Ungeduld und er macht es wie ein Bauer dessen Geschichte ich vor einigen Jahren einmal gelesen habe:

Eine Geschichte aus China erzählt nämlich folgendes: Ein Mann hatte seinen kleinen Acker gut vorbereitet, gepflügt und gesät. Er wunderte sich nur nach ein paar Wochen, dass die Saat so langsam aufging. Bei seinem Nachbarn sah er schon kräftigen Wuchs! Von Tag zu Tag wurde seine Geduld geringer. Er konnte vor Sorge nicht mehr schlafen. Schließlich hatte er eine wahnwitzige Idee. Er lief zu seinem Feld und begann die kleinen zarten Halme etwas in die Höhe zu ziehen. Das war natürlich eine mühevolle Arbeit; aber schließlich war er fertig. Und er traf unterwegs seinen Nachbarn und sagte ihm, dass er seinem Korn beim Wachsen geholfen habe. Neugierig geworden, lief dieser zu seinem Feld und sah alles zerstört und verwelkt. – Und noch lange lachte man im Dorf über den Mann, der nicht warten konnte.

Natürlich, werde Sie entgegen: Wer ist schon so dumm und handelt wie dieser Mann? Meine Antwort: Sie sind es und ich bin es, wir alle. Wir tun es täglich! Wir sind unzufrieden mit dem, was wir haben, wir wollen, dass es schneller und besser und intelligenter und einfacher und frömmer zugeht bei uns. Manchmal vergessen wir dabei, dass wir nichts erzwingen können.

Freilich haben auch die recht, die dann sagen: Von Zeit zu Zeit muss einfach etwas gewagt werden und Ungeduld kann auch etwas positives bewirken, kann einen Fortschritt bringen. Und auch da muss ich sagen: So ist es, diejenigen die das einwenden haben recht. Warten und etwas tun schließen sich ja gerade nicht gegenseitig aus.

Jakobus denkt genauso. Seine Absicht ist es ja deutlich zu machen: Im Warten auf Christus soll das Leben gestaltet werden.
Er bringt ein Beispiel: Ein Bauer sät und wartet dann geduldig auf den Regen, damit sich die Frucht entwickeln kann.
Klar- ohne Regen geht es nicht, ändern konnte der Bauer aber auch nichts. Teure Bewässerungsanlagen kann er sich nicht leisten. So tut er das Nötige. Er sät, er pflanzt und schließlich wartet er. Das Nötige und das Wichtige zu tun ist nicht immer so einfach wie bei diesem Bauern. Wir wollen und sollen schon ein wenig nachhelfen. Wenn wir krank sind, wenn wir ungeduldig warten auf einen Termin für eine Operation, wenn wir ungeduldig warten auf die richtige Arznei, die uns hoffentlich dann den gewünschten Therapieerfolg bringt. Wir können nicht einfach so tun als ginge uns das alles nichts an. Wir müssen zusammen arbeiten mit dem Arzt, der Schwester oder dem Pfleger. Einfach nur warten und die Hände in den Schoß legen wäre zu wenig. Jeder weiß, dass die Mitarbeit des Patienten für den Heilungserfolg sehr wichtig ist. Oder in diesen Tagen: Mit den Kindern auf Weihnachten einfach nur zu warten wäre ein bisschen zu wenig. Wir wollen doch die Zeit miteinander gestalten. Wir zünden Lichter an, wir gestalten Abende anders als sonst. Wir besuchen Weihnachtsmärkte und backen Plätzchen. Alles das tun wir um die Wartezeit auszukosten und sie zu gestalten.

Unser Predigttext bringt aber noch einen zusätzlichen Gedanken ein: „Seid geduldig und stärkt eure Herzen“, wird hier gesagt. Sich gegenseitig Mut zu machen meint Jakobus damit. Wir sind doch nicht ganz alleine in dieser Zeit, wir haben doch Menschen um uns herum. Bräuche kommen zurück, die uns diese Gemeinschaft mit anderen Menschen ermöglichen. Mancherorts gibt es einen lebendigen Adventskalender. An jedem Abend lädt eine andere Familie in ihr Haus ein. Man kann dazu komme- ganz spontan- Plätzchen essen gehört dazu – natürlich- aber vor allem auch das gemeinsame Singen von Liedern, das gemeinsame Lesen und Hören von Geschichten, das Gespräch, das miteinander geführt wird. Man merkt dann auch- wir stützen uns gegenseitig. Es ist schön, wenn man sich in den guten Lebensphasen trifft, dann hat man in den Lebenskrisen auch Menschen an die man sich wenden kann.

Liebe Gemeinde, Wartezeiten müssen von uns gefüllt werden. Das Warten alleine genügt nicht. Es füllt uns nicht aus. Es erfüllt uns vielleicht mit Vorfreude oder mit einer gewissen Angst. Wie auch immer, Zeiten des Wartens können wir füllen.

„Das Kommen des Herrn ist nahe.“ Es geht doch darum einen Lebensstil zu entwickeln, der Ausschau hält nach Gott. Es geht darum sich einzustellen darauf, dass Gott in unsere Welt kommt und genau das freudig zu erwarten. Wir können nicht, wie der chinesische Bauer in der Geschichte, Gott ziehen und drängeln damit er kommt. Er kommt ganz einfach. Wir können das Reich Gottes auf Erden nicht herbeiführen. Es kommt ganz einfach auf uns zu. Es bleibt uns nichts übrig als genau das zu akzeptieren, dass Gott auf uns zu kommt. Gott sei Dank ist es so. Damit sind wir frei von der Sorge Leistungen erbringen zu müssen um Gott herbeizuziehen. Und deshalb können wir als Christen freudig nach vorne schauen, können unsere Welt mitgestalten und darauf warten was Gott mit dieser Welt noch vor hat. So eine gespannte Erwartung ist etwas Tolles. Wir werden dadurch ganz automatisch zu hoffenden Menschen, weil wir ganz neu und gut in die Zukunft schauen können. Und wir könnten dabei eine ganz wichtige Erfahrung machen: Gottes Reich ist nichts, das erst noch immer kommen muss. Es ist etwas, was schon begonnen hat. Gott kommt nahe zu uns an Weihnachten, wird ein Mensch. Als Mensch hört er uns, hört uns auch ganz geduldig zu. Kann manches Seufzen in einen fröhlicheren Ton verwandeln, manche Mutlosigkeit in ein Hoffnungslied verwandeln. Manche Lebenseinstellung ändern. Was in unseren Möglichkeiten steht werden wir dann tun, hoffentlich gelassen und zuversichtlich. Unverfügbares und Unabänderliches überlassen wir getrost Gott.

„Seid geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe.“ Ja ganz nahe ist uns Gott schon seit dem ersten Weihnachten in Bethlehem, bringen wir doch die Geduld auf diese Nähe Gottes zu spüren. Für mich ist das genau der Zielpunkt des Advent: Gottes Nähe wieder spüren.

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