Zeugnis geben

Liebe Gemeinde,

heute, am ersten Sonntag nach Trinitatis ist als Predigtext ein Anfangstück aus einem Evangelium vorgeschlagen, und zwar Anfang im Sinne des Beginns des Evangeliums und Anfang im Sinne: da wird Jesu Wirken offenbar. Es handelt sich um die Taufe Jesu nach dem Johannesevangelium und noch genauer um das Zeugnis, das Johannes der Täufer abgibt, als Jesus zu ihm kommt, um sich taufen zu lassen.

Versuchen sie sich die Situation vorzustellen: Johannes, der Mann im Büßergewand – er trug wohl einen ähnlichen Mantel wie die Propheten aus dem Alten Testament, einen, der nur notdüftig schützte, nicht sonderlich bequem war, eher wohl noch kratzte und schabte. Johannes also, der Mann, der in die Wüste gegangen war, sich von Heuschrecken und wilden Beeren ernährte und der Mann, der aus der Wüste heraus die Menschen zur Umkehr und zur Besinnung auf Gott berief – dieser Mann sieht nun in der Menge der Menschen, die zum ihm kommt, um sich bei ihm die Taufe mit Wasser abzuholen plötzlich einen Mann mit erschreckender Klarheit und Deutlichkeit. Dieser Mensch, den da Johannes sieht muss für den Täufer eine so große Ausstrahlung gehabt haben, dass er mit großer Gewissheit ausruft: dieser ist´s, auf den ich so lange gewartet habe. Und Johannes, obwohl er Jesus noch nie zuvor gesehen hatte, fängt plötzlich an, Zeugnis für Jesus abzulegen und: man höre und staune: Johannes bezeugt: "dieser ist Gottes Sohn".

Hören sie mit mir zusammen den Text, der das Zeugnis Johannis wiedergibt: "Johannes der Täufer sieht, dass Jesus zu ihm kommt, und spricht: Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt! Dieser ist´s von dem ich gesagt habe: nach mir kommt ein Mann, der vor mit gewesen ist, denn er war eher als ich. Und ich kannte ihn nicht. Aber damit er Israel offenbart werde, darum bin ich gekommen, zu taufen mit Wasser. Und Johannes bezeugte und sprach: Ich sah, dass der Geist herabfuhr wie eine Taube vom Himmel und blieb auf ihm. Und ich kannte ihn nicht. Aber der mich sandte, zu taufen mit Wasser, der sprach zu mir: auf wen du siehst den Geist herabfahren und auf ihm bleiben, der ist´s, der mit dem heiligen Geist tauft. Und ich habe es gesehen und bezeugt: dieser ist Gottes Sohn."

Wenn ich mir diese Begebenheit versuche vorzustellen, so finde habe ich doch ein bisschen zwiespältige Gefühle dabei: zum einen denke ich mir: das ist ja großartig! Johannes der Täufer gibt ein wahnsinniges Zeugnis ab, so eines, das man davon fast umgehauen wird: und was darin alles vorkommt: Jesus ist das Lamm Gottes, das der Welt Sünden trägt. Sie wissen, bis wohin sich diese Aussage heute noch gehalten hat: genau: beim Abendmahl singen wir diese Worte und sie allein wären schon bedeutsam genug: da kommt einer, der die Sünden der Welt getragen hat, also nicht nur meine eigenen oder ihre oder unser beider zusammen Sünden, nein, viel mehr: die Sünden der Welt! Was für eine befreiende Aussage. Aber sie verschwindet fast hinter der nächsten, nämlich: dieser Mann war vor mir, denn er war eher als ich! Noch geheimnisvoller als die erste Aussage also: historisch gesehen war wohl Johannes älter als Jesus, also früher geboren und nun heißt es aber hier doch: er war eher – auf was wird hier angespielt? Möglicherweise, dass Jesus als der Christus, als Gottes Sohn schon vor allem war, vor der Erschaffung der Welt, zu Beginn der Zeiten! Aber auch diese erstaunliche Aussage wird sofort wieder in den Schatten gestellt durch den nächsten Ausruf Johannes: dieser Mann wird mit dem Heiligen Geist taufen! Das heißt doch wohl, dass man in der Begegnung mit Jesus Christus den Heiligen Geist erlangen kann, dass man berührt wird von der befreienden Kraft Gottes, berüht im Geist, aber auch berüht am Körper: Energie und Esprit bekommt und aufleuchtet als das Licht der Welt – wie Jesus sagt. Damit bin ich aber auch schon bei meinem zweiten Gefühl: es befremdet mich alles ein wenig: eine euphorische Aussage nach der anderen bekomme ich zu hören: Jesus tilgt alle Sünden, er war schon vor Beginn der Zeit und er vermittelt den Heiligen Geist. Und das alles kann ein Mensch einfach so bezeugen, ein Mensch, der Jesus nicht gekannt hatte, der noch kein Wort mit ihm geredet hat, der der Sache nicht wirklich nachgeforscht hat. Wie wäre das denn bei mir? Ich als normaler Kirchenchrist nach 2000 Jahren Geschichte des Christentum, aufgewachsen in Deutschland mit einer durchschnittlichen Ausbildung? Und da käme plötzlich einer, springt mir vor der Nase herum und schreit: "Ich hab´s gefunden, ich weiß wie´s geht, ich bin erlöst" Nun, da würde ich doch wohl erstmal nachfragen, kritisch die Sache angehen, seine Aussagen auf mögliche Widersprüche abklopfen und mir schlussendlich überlegen, ob der gute Mensch vor mir nicht vielleicht einfach ein wenig neben der Kappe ist.

Was also, liebe Gemeinde, können wir mit diesem Text von Johannes heute noch anfangen? Warum sollen wir uns mit ihm beschäftigen? Die Vorschläge, die man machen kann, sind redlich: wir sagen etwas über die Sünde der Welt und wie Jesus damit umgangen ist – aber das haben wir erst kürzlich zu Weihnachten schon gehört und außerdem redet Johannes nicht wirklich, davon, wie wir erlöst worden sind. Ähnlich verhält es sich mit den beiden anderen Aussagen, mit dem Sein Jesu vor der Zeit und mit dem Heiligen Geist. Ich denke aber, womit wir uns als Christen immer wieder beschäftigen sollten ist das Zeugnis-geben! Und ich meine damit nicht die Zeugnisse, die man so allgemein kennt und akzeptiert: z.B. der Zeuge vor Gericht (z.B. bei einem Verkehrsunfall) oder aber das Zeugnis, dass ich als Lehrer über die Note meinen SchülerInnen geben muss, sondern eben jene Art von Zeugnis, wie sie auch Johannes gibt: dieses Zeugnis ist eine Art Bekenntnis, es ist ein Auskunftgeben über unseren Glauben, über das, was uns wichtig ist, was uns im Innersten bewegt. Und das wichtige an diesen Zeugnissen ist, dass sie nur dann Zeugnisse sind, wenn sie in die Zeit sprechen, in der sie ausgesprochen werden. Denn zum Zeugnis-geben, also zum Auskunft geben gehört, dass derjenige, dem man Auskunft gibt, versteht, worum es geht. Wenn mir jemand am Bahnschalter eine korrekte Auskunft über die Zugverbindung gibt, dies aber in der Kürzelsprache der Eisenbahner tut, dann weiß ich unter Umständen immer noch nicht, wann und wo mein Zug, den ich brauche, denn nun eigentlich abfährt. Und ebenso verhält es sich mit dem Zeugnis: es muss auf die Menschen ausgerichtet sein, die etwas verstehen sollen und die v.a. ja etwas verstehen wollen! Und das, liebe Gemeinde, macht es gleichzeitig so schwierig, Zeugnis zu geben. Denn jeder Mensch ist anders und jede Situation, in die hinein Zeugnis gegeben werden kann, ist eine andere. Da hilft es eben nichts, wenn man mir begegnet und einfach nur – ich sage es so salopp – einen alten Spruch aufsagt: Nein, es muss meine Probleme, Ängste, Sorgen, Freuden, Lichtblicke und meine Fähigkeit zu denken ansprechen. Denken sie an den Mann, den ich vorhin nur kurz umrissen habe: wenn er einfach nur vor mir umherspringt – sicherlich erfüllt mit Freude über seine Erkenntnis – wird es noch lange nicht zu einer Erkenntnis für mich! Freilich, und das will ich doch erwähnen, auch wenn wir hiervon eigentlich nicht handeln, freilich muss auch die richtige Situation für mich getroffen sein – und das ist etwas, was wir nicht in der Hand haben, sondern vertrauen, dass Gott eine solche Situation uns schenken möge, genauso auch, wie wir vertrauen dürfen, dass uns dann zur rechten Zeit auch die rechten Worte gegeben werden. Aber wovon wir hier reden, betrifft eben auch noch die andere Seite: die Situationen, in denen wir gefragt wären, werden uns reichlich geschenkt: wir sind aufgerufen, Stellung zu beziehen, unsere Meinung kundzutun und von dem zu erzählen, was uns zu unserer Meinung kommen lässt. Und das sind eben nicht nur Glaubensdinge, wie man sie oft zu eng versteht: es geht beim Glauben nicht nur darum, ob ich z.B. denke, dass Engel Flügel haben oder nicht, nein, der Glaube ist etwas, das sich einmischt in unsere ganz normalen Lebensbezüge: aus dem Glauben heraus werde ich Stellung nehmen können zu den Dingen, die uns heute beschäftigen: zu den Geldskandalen in der Politik, wo einer dem anderen Falschaussage vorwirft – ich werde Stellung beziehen können zu den Problemen unserer Futtermittelindustrie, dem BSE-Skandal und dem dahinterstehenden Problem der Gewinnorientierung und ich werde Zeugnis abgeben können zu Ausländerfeindlichkeit, Judenhass und ob Gewalt etwa eine Lösung sei. Das, liebe Gemeinde, hat mit Glauben zu tun.

Ich möchte ihnen nun noch eine kleine Geschichte erzählen: sie handelt auch vom Zeugnis-geben und dieses Zeugnis wurde nicht mit der Zunge gegeben, sondern mit der Hand und nicht nur von einem, sondern von vielen: aber hören sie selbst:

Nach dem zweiten Weltkrieg sollte in der Nähe von Krakau eine neue Stadt gebaut werden: Nowa-Huta. Aber es sollte eine Stadt ohne Kirche werden – so wollte es die kommunistische Weltanschauung. Das ließen sich die gläubigen Polen nicht gefallen und sie trafen sich im Freien, um Gottesdienst zu feiern – viele Jahre kämpften sie darum, eine Kirche bauen zu dürfen. Erst spät erhielten sie die Erlaubnis, eine Kirche in Eigenarbeit zu erstellen. Tausend Quadratmeter sollten in Waschbeton entstehen. So kam die Gemeindeleitung auf eine Idee: jeder, der Interesse an der Kirche hat, soll einen Kieselstein mitbringen. Diese Idee wurde zum gewaltigen Zeugnis: Von überall her kamen die Kieselsteine; sie wurden sogar in so vielen Paketen geschickt, dass die Post streikte. Als sich die Geschichte bis Rom herumsprach, schickte der Papst einen Stein aus St. Peter, der zum Grundstein wurde. Auch bis zu den USA drang die Kunde: Sie sandten einen Stein, den die Astronauten vom Mond mitgebracht hatten. Dieser Stein wurde in den Altar eingearbeitet. – So wurde schließlich aus dem kommunistischen Plan ein eindrucksvolles Zeugnis des Glaubens vieler Christen.

Liebe Gemeinde: ich wünsche uns den Mut und die Kraft, ebenfalls Zeugnis geben zu können, wenn wir dazu aufgerufen werden, auf dass wir in die Worte Johannes des Täufers einstimmen können: dieser ist der Sohn Gottes.

drucken