Zeugnis der Liebe Gottes

Die Zusammenarbeit mit Jugendlichen ist manchmal verwunderlich für mich. Auf der einen Seite sehe ich Jugendliche mit höchsten moralischen Ansprüchen. Sie gestalten ein Wochenende mit mir und es kommen ganz erstaunliche Ansprüche dabei heraus, an sich selbst und an andere. Einige Stunden zum Thema Gewalt und schon sind da Ergebnisse, die nicht nur unsere Gemeinde beschämen können. Was da alles vorkommt an Selbsterkenntnis, Schulbekenntnissen und Ansätzen alles neu werden zu lassen.

Gleichzeitig gibt es bei den gleichen Jugendlichen eine große Skepsis gegenüber Regeln. Alles wird hinterfragt, auf seinen Sinn hin abgeklopft. Gerade dann wenn wir im Kirchlichen Unterricht über die 10 Gebote sprechen. Dieses ewige ‚Du sollst‘ geht einem da schon mächtige auf den Wecker. Und überhaupt: Manches ist darin doch wohl weltfremd. Und was soll ich mit Geboten, die nicht von mir sind? Aber heute sind sie Predigttext:

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Die Regeln heute verlaufen ganz anders als der befehlende Ton vorspielen kann: Jeder macht sich sein Gesetz: Beispiel: Taliban – ihnen gilt das Gesetz des Islam, das dem Dekalog ähnlich ist – genauso wie in Nordirland. Und die Geistlichen mischen ganz oben an mit – in beiden Fällen – und in vielen anderen von Kreuzzügen und Hexenverbrennungen und Fremdenhetze. Sie finden genügend Gründe trotzdem zu morden, das Leben Unschuldiger zu vernichten, ihren Zielen unterzuordnen.

Und wenn wir ehrlich sind, kennen wir auch genügend Gründe die Gebote unseren Zielen unterzuordnen, egal ob wir schwarz fahren, Steuern hinterziehen oder unsere Ehe aufs Spiel zu setzen (und das meint nicht nur fremd gehen, sondern jeden Ansatz den Partner in seinen Bedürfnissen nicht zu respektieren). Vom fahrlässigen Umgang mit dem Sonntag oder dem Namen und Bild Gottes ganz zu schweigen.

Wo liegt der eigentliche Grund unserer Moral oder dessen, was wir dafür halten? Warum brauchen Menschen Regeln des Zusammenlebens wie die 10 Gebote? Haben sie überhaupt heute noch einen Wert?

Für mich ist an diesen Geboten der Anfang ganz wichtig: Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. Da redet jemand, der eine Geschichte hat. Bevor er Regeln erlässt, schenkt er Freiheit, stellt sich seinem Volk vor, als der, der nicht duldet, dass Menschen versklavt werden, er nicht ertragen will, dass Unfreiheit das Leben derjenigen bestimmt, die sich zu ihm bekennen. Das ist die Voraussetzung der 10 Gebote, die mir nicht nur hilft, sie anzuerkennen. Ich kann jetzt auch verstehen, warum sie so sind und welchen Wert sie haben. Erst wenn ich die Vollmacht des Gebers dieser Gebote verstehe, der nicht auf einem fernen Thron sitzt und Gesetze erlässt, die andere befolgen müssen. Er ist derjenige, der die Freiheit will. Meine Freiheit. Deshalb wurde sein Sohn Mensch und dafür wurde er ans Kreuz geschlagen, weil die Führer der Menschen, auch die geistlichen Führer diese Freiheit nicht akzeptieren wollten.

Die 10 Gebote sind eine Formel, die Freiheit bewirken soll. Freiheit für alle Menschen. Darum auch die allgemeinen Formulierungen gerade in der zweiten Hälfte. Sie gelten für alle und in allen Situationen. Sie gelten für die Taliban und für die, die jetzt zurückschlagen. Jeder muss sich rechtfertigen und darf auch nicht entfliehen mit der alten Behauptung, mit der Bibel in der Hand lasse sich keine Politik machen. Das Evangelium ist politisch – direkt und unausweichlich. Ich muss mich rechtfertigen, ohne mich aus meiner Verantwortung zu stehlen – in keine Richtung.

Die 10 Gebote fordern mich heraus. Sie sind ein Spiegel, in dem ich sehen kann, wer ich bin. Sie sind ein Maßstab, wie sein könnte. Vor allem aber sind sie eins: Zeugnis der Liebe Gottes, der die Freiheit für die Seinen will und Liebe und Frieden für alle Menschen, der ihnen eine Schöpfung gibt, eine Ordnung und seinen eingeborenen Sohn.

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